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Muckefuck und Paech-Brot


Stadtteil: Moabit
Bereich: Neu-Moabit, Beusselkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Birkenstraße
Datum: 3. Dezember 2018
Bericht Nr.: 639

"Schinken nützt nichts, Wurst und Ei, fehlt das Paech-Brot dir dabei". Als es die Paech-Brotfabrik im Moabiter Stephankiez noch gab, konnte man flotte Werbesprüche in der Straßenbahn und U-Bahn lesen. Auch so anzügliche wie: "Haste im Verkehr mal Frust, mit Paech-Brot kriegste wieder Lust". Die Brotfabrik auf dem Dreieck zwischen Birken- und Stephanstraße hörte 1992 auf zu produzieren, die Gebäude wurden 2004 abgerissen. Ein Schornstein blieb noch vier Jahre (als Mahnmal?) stehen, dann musste auch er dem "Moa-Bogen" weichen. Ein kärgliches Shoppingcenter und ein Hotel sind dort untergebracht, Nähe zum Regierungsviertel inklusive, wirbt das Hotel.

Erst eine Viehweide, dann das Militär und schließlich die Industrie
In Neu-Moabit sind wir heute zwischen Birkenstraße und Turmstraße unterwegs. Hier erstreckte sich die “Große Stadtheide” oder “Kämmereiheide”, die als Viehweide genutzt wurde, die "Hütungsberechtigungen" wurden erst 1818 abgelöst. Diese Ländereien waren zunächst im städtischen, später kurfürstlichen Besitz, wodurch eine ausgedehnte militärische Bebauung möglich wurde. Der Soldatenkönig siedelte Hugenotten entlang der Straße Alt-Moabit an. Ihre Seidenraupenzucht scheiterte wie überall in der Stadt am Klima. In seinem Gartenlokal soll ein Hugenotte Mocca faux (französisch für falscher Kaffee) angeboten haben, woraus der Begriff Muckefuck entstand.

Auf dem heutigen Gebiet des Hauptbahnhofs wurden ab 1717 Pulverfabriken gebaut. Wegen der Explosionsgefahr hielten die Pulvermagazine weiten Abstand voneinander. Die zerstörerische Explosion des Pulverturms neben dem Spandauer Tor (1) bestätigte, dass die Vorsicht nicht übertrieben war. Vom Pulvermühlengelände zum Schießplatz in der Jungfernheide führte seit 1823 die Birkenstraße, eine der ältesten Straßen Moabits (1818 war der alte Heerweg nach Spandau als Turmstraße benannt worden). In den 1830er Jahren verlegte das Militär die Pulverfabriken nach Haselhorst (2).

Der Standort an der Spree war günstig für Industriebetriebe. Nach 1840 errichtete Borsig an der Stromstraße (3) ein Eisen- und Walzwerk auf einem weiträumigen Gelände, auf dem auch seine Villa mit umgebendem Park Platz fand. Im Bereich der Huttenstraße (4) richtete nach 1880 Ludwig Löwe seine Maschinen- und Waffenfabrik ein, AEG folgte mit einer Turbinenfabrik und einem Glühlampenwerk.

Das Kraftwerk Moabit sorgte für die Stromversorgung der Industrie und der Haushalte. Abspannwerke, die den Strom verteilten und auf die benötigte Voltzahl transformierten, wurden nach 1900 im Auftrag der Bewag von Franz Schwechten erbaut. Eine große Serie von Abspannwerken errichtete in den 1920er Jahren Hans Heinrich Müller, der Hausarchitekt der Bewag. In mehreren Fällen ergänzte er auch die Werke von Schwechten mit neuer Technologie.

In der Wilhelmshavener Straße verbarg Schwechten in seinem Bau die großen Transformatoren der Maschinenhalle hinter einer prächtigen Stuckfassade. Nur ein Blitzbündel als Fassadenschmuck weist auf die Bestimmung des Baus hin. Das Hofgebäude, das Hans Heinrich Müller 1925 zur Erweiterung des Umformwerks in den Hof stellte, ist von der Straße aus nicht zu sehen. Es ist in dem für Müller typischen Backsteinstil gehalten.

Wohnungen für die Industriearbeiter wurden im Beusselkiez gebaut. Das Miethaus Birkenstraße 55 ist charakteristisch für die Lage und Aufteilung der Wohnungen. Sie werden nach außen gespiegelt, lassen sich an der Fassade ablesen. In der zweiten bis vierten Etage sind große Dreizimmerwohnungen für Offiziere, Handwerker und Beamte untergebracht. Diese Wohnungen haben Balkons, die Fassade ist mit reliefartigen Elementen verziert und mit Gesimsbändern gegliedert. Arbeiter lebten in der fünften und sechsten Etage in Einzimmerwohnungen. Dort gibt es nur Fensterumrandungen, im Übrigen ist die Fassade flächig und schmucklos.


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Zwei Schulen
Auf unserem Rundgang sehen wir zwei Schulen, die von im Amt aufeinander folgenden Stadtbauräten in grundverschiedener Ästhetik entworfen worden sind. Hermann Blankenstein, der bis 1896 mehr als 120 Schulen in Berlin gebaut hat, ist mit seinen gelb-roten Backsteinbauten heute ein Hingucker beim Flanieren in der Stadt. Damals wurde Blankenstein kritisiert für das "bescheidene und still zurückhaltende Dasein" seiner Bauten. Die Gebäude wurden in der Großstadt wahrgenommen und ihr Erscheinungsbild kritisch begleitet: Uniformiert seien sie, starr im Stil, kleinmütig im Anspruch, dieselben Formen gingen von einem Bau zum andern über. Blankenstein muss sich sehr darüber geärgert haben, bei einem seiner letzten Schulbauten in der Siemensstraße belebte er die Backsteinarchitektur durch Rundbogenfriese und ein Säulenportal. Natürlich durfte der Berliner Bär als Wappentier nicht fehlen, der an allen Bauten Blankensteins oben an der Fassade als Markenzeichen angebracht ist.

Sein Nachfolger im Amt, Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, wählte für den Schulbau in der Waldenserstraße eine symmetrisch durchfensterte helle Putzfassade, die durch vertikale Sandsteinbänder rhythmisch gegliedert ist. Das mächtige neobarocke Portal der Schule zeigt zwei Bären, die liebevoll einen Knaben und ein Mädchen unterrichten. Ein weiterer Bär findet sich über allem auf einem Wappen, diesen Einfall hat Hoffmann von Blankenstein übernommen.

Bedeutsame Wohnbauten
Gotik und Jugendstil passen nicht zusammen? Moabit beweist das Gegenteil. Von der Gründerzeit bis zum Ersten Weltkrieg wurde in der Architektur gern "neo" gebaut - mit Rückgriffen auf historische Kulturepochen als Neo-Gotik, Neo-Barock, Neo-Renaissance usw. Dabei wurde im Historismus das stilistische Formenvokabular jener früheren Periode verwendet, abgewandelt, neu kombiniert. Verschieden Stile konnten so gleichzeitig in einem Bau verbunden werden.

Der Jugendstil als aktuelle Strömung und gleichzeitig die von der Gotik des Mittelalters abgeleitete Neo-Gotik sind an mehreren denkmalgeschützten Bauten in Moabit zu finden. So überlagern an der Fassade eines Hauses in der Wilhelmshavener Straße Jugendstilelemente wie Mohnpflanzen, Blütenblätter und Frauenköpfe die zaghaften gotischen Anklänge wie ein Spitzbogenportal. In der Wiclefstraße ist es ein Wohnhaus, in dessen "Stuckfassade im malerisch verklärten Gotikstil der Jahrhundertwende Elemente des floralen Jugendstils einflossen".

Waldstraße
Die Waldstraße ist ein Außenseiter bei den Straßenbenennungen: Die Straße führt ihren Namen, obwohl sie ihn nicht durch Verwaltungshandeln verliehen oder bestätigt bekommen hat. Sie ist unstatthaft, ungesetzlich, illegitim. Und das seit fast 200 Jahren, in einem preußisch geprägten Staat, unglaublich!

Die Waldstraße war eine bessere Wohngegend, wie schon die breite Mittelpromenade vermuten lässt. Eine Gruppe von drei Miethäusern zeigt an den Fassaden die Abkehr von Stuck und Historismus. Die Fassade ist als glatte Putzfläche ausgeführt, die Erker sind oben eingefasst mit einem Dach im Landhausstil. Dahinter ist im Hof ein quer gelagertes Stallgebäude erhalten, in dem 34 Pferde und 14 Milchkühe untergebracht waren. Der Bauherr betrieb ein Fuhrgeschäft mit Milchhandlung.


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Milchwirtschaft
Das Stallgebäude verweist auf die Milchwirtschaft in Hinterhofställen, die nicht nur in Moabit Konjunktur hatte. Auch aus Friedrichshain sind solche Kuhhaltungen bekannt, und in Kreuzberg soll in manchem Kiez fast in jeder Straße mindestens ein Hinterhof-Kuhstall vorhanden gewesen sein (5). Es war also nicht nur Carl Bolle, der professionell an der Dahme ein eigenes Mustergut mit allgemeiner Meierei und Kindermilchmeierei (6) betrieb und von Alt-Moabit aus mit mehr als hundert Pferdewagen frische Milch in der Stadt auslieferte.

Früher wurde die im Umland in landwirtschaftlichen Betrieben produzierte Milch per Bahn nach Berlin gebracht und hier verkauft. Frische, in Berlin produzierte Milch löste diese "Bahnmilch" ab. Hygienische Standards wurden entwickelt. Wegen der hohen Säuglingssterblichkeit hat das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Kinderkrankenhaus in Charlottenburg (7) die Säuglingsernährung erforscht. Das Krankenhaus produzierte Kuhmilch im eigenen Stall und untersuchte die Aufbewahrung und Verarbeitung.

Um Hygiene ging es auch im "Moabiter Milchkrieg": Milchproben zur Untersuchung auf Tuberkelbakterien hatte Bolle angeblich nicht aus frischer, sondern aus abgekochter Milch eingereicht. Den jahrelangen Rechtsstreit verlor Bolle, der Magistrat zog Konsequenzen und führte eine staatliche Kontrolle ein. Lydia Rabinowitsch, die Mitarbeiterin des Robert-Koch-Instituts, die diese Verfahren betrieben hatte, wurde später von Kaiser Wilhelm II. als erste Frau in Berlin zur Professorin ernannt.

Nicht nur in der Waldstraße, auch in der Waldenserstraße verweist ein Haus auf eine Milchproduktion. Motive auf der Fassade zeigen die Köpfe von Kühen und Pferden, weiterhin Milchflaschen, Milchmädchen mit Korb und Milchjungen mit Glocke. Dieses Haus "Schweizer Hof" wurde für die gleichnamige Meierei und Milchkuranstalt erbaut, die sich im Innenhof bis zur Emdener Straße erstreckte. In dem Wohnhaus befanden sich ein Ladengeschäft der Molkerei, eine Kantine und Wohnungen für die Mitarbeiter.


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Jugendverkehrsschule
Rückwärts gerichtete Entscheidungen statt vorwärts gerichteten Einfallsreichtums: Die Jugendverkehrsschule in der Bremer Straße sollte geschlossen werden, weil immer weniger Grundschulen das Angebot nutzten. Das große Grundstück wollte der Bezirk als Bauland zur Verfügung stellen. Bürger protestierten, das Bezirksparlament fasste einen rettenden Beschluss. Daraufhin war das Bezirksamt zu der Erkenntnis gelangt, "das Konzept zur Mobilitätserziehung entsprechend fortzuschreiben" und einen "außerschulischen Lernort" zu schaffen - die Jugendverkehrsschule lebt weiter.

Moabiter Kreativität
Auch das gibt es in Moabit: Eine Bar, in deren Name der Schwarzmarkt der Prohibitionszeit wieder auflebt. Betrieben von einem Architektursoziologen, der sowieso immer erst nach Mitternacht ins Bett geht. Tagsüber arbeitet er an seiner Doktorarbeit, betätigt sich in Forschungsgremien und Bürgerinitiativen. Moabit ist immer noch ein unterschätzter Bezirk, in dem kreative Geister zu Hause sind.

Ein weiteres Beispiel: Ein Schauspieler, der sich Freddy Leck nennt (abgeleitet von Fleck, F.Leck), betreibt einen Waschsalon mit einem Wohnzimmer als Salon. Wenn man ohne schlechtes Gewissen in den Salon kommen möchte, obwohl man eine funktionierende Waschmaschine zu Hause hat, hilft er gern, sie in einen nicht betriebsfähigen Zustand zu versetzen. Inzwischen hat Freddy Leck in Tokyo einen weiteren Waschsalon eröffnet, die Japaner sind begeistert.



Wir haben das Flanieren bei einem Griechen in der Jagowstraße beendet. Das Lokal - Taverne - schlicht, das Essen wohlschmeckend, die als kleine Gerichte angekündigten Speisen mehr als erklecklich, wir sind sehr zufrieden.

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(1) Pulverturm explodiert: Abgerissen, aufgegraben, zugeschüttet, umgesetzt
(2) Pulverfabrik Haselhorst: Spandauer Kuriositäten
(3) Borsig an der Stromstraße: Die drei Villen der Borsig-Dynastie
(4) Industrieviertel Huttenstraße: Kathedrale der Arbeit, Tempel der Produktion
(5) Kuhstall im Hinterhof: Herr Leutnant ich bin ein Mädchen
(6) Bolle an der Dahme: Weltpolitik im Wirtshaus
(7) Kaiserin-Auguste-Viktoria-Kinderkrankenhaus:Säuglingspalast mit Kuhstall
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Unsere Route:
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An den Fassaden sollt ihr sie erkennen