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Die drei Villen der Borsig-Dynastie


Stadtteil: Moabit
Bereich: Westfälisches Viertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Elberfelder Straße
Datum: 7. Juli 2014
Bericht Nr.: 469

Drei Villen hat die Borsig-Dynastie in Berlin gebaut, davon steht nur noch eine, die Borsig-Villa auf Reiherwerder in Tegel. Firmen-Patriarch August Borsig, Sohn Albert Borsig und Enkel Ernst Borsig führten nacheinander das Maschinenbau-Unternehmen, das mit dem Bau von Lokomotiven und Dampfmaschinen die Industrialisierung wesentlich vorangetrieben hat (1). Und jeder baute eine Villa in Berlin, manchmal schon deshalb, weil das Haus seines Vorfahren nicht mehr zur Verfügung stand. (Damit es nicht zu verwirrend wird, finden Sie eine Chronologie der Lebensdaten und der Villendaten am Schluss des Textes.)

Fangen wir mit dem noch vorhandenen Bau an: Eine Anmutung von Schloss Sanssouci hatte sich der "Enkel" Ernst Borsig für seinen Landsitz vorgestellt, der 1913 auf Reiherwerder in Tegel als letzte Borsig-Villa fertig gestellt wurde. 24 Jahre lang gehörte seiner Familie das Anwesen, 20 Jahre davon hat Ernst Borsig bis zu seinem Tod erlebt. Allerdings zog er sich in den letzten zwei Jahren auf das Landgut Borsig in Groß-Behnitz zurück, nachdem er die Borsig-Werke wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten abgeben musste. Heute wird die Villa Borsig in Tegel vom Auswärtigen Amt genutzt.

Groß-Behnitz hatte der "Sohn" Albert Borsig 1866 gekauft und zum agrarischen Musterbetrieb mit modernster Technologie ausgebaut. Als Wohnsitz ließ er sich 1877 ein Palais an der Ecke Wilhelmstraße/Voßstraße errichten, das er aber nie bezogen hat, weil er kurz nach Fertigstellung des Baus gestorben ist. Sein Palais aber hat Weltgeschichte geschrieben, als prominenter Eckbau wurde es von Albert Speer in Hitlers Neue Reichskanzlei eingebunden (2). Den Zweiten Weltkrieg hatte das Eckgebäude trotz Bombentreffern überlebt, es wurde dann wie der Rest der Reichskanzlei als Erinnerungsort an die Nazis geschliffen.

"So wie Sie, mein lieber Borsig, möchte ich auch mal wohnen", soll König Wilhelm IV. gesagt haben, als er in der Villa des Patriarchen August Borsig zu Gast war. Die erste Borsig-Villa aus unserer Unternehmerdynastie stand seit 1849 mitten im Firmengelände in Moabit, sie war von einem weitläufigen Park umgeben, auch Gewächshäuser gehörten dazu. Peter Joseph Lenné hatte den Park mit vielen seltenen Pflanzen angelegt, an zwei Tagen in der Woche wurde das Gelände für Besucher geöffnet. August Borsig hat seine Mitgliedschaft im "Verein zur Beförderung der Gartenwirtschaft in den Königlich Preußischen Staaten" offensichtlich als Verpflichtung angesehen, persönlich für dieses Ziel zu investieren und dabei gleichzeitig seinen Status mit einem herrschaftlichen Anwesen herausgestellt. Seine Fürsorge für die Mitarbeiter - beispielsweise durch Einrichtung einer Krankenkasse, einer Sterbekasse und einer Sparkasse - und sein Mäzenatentum brachten ihm hohes Ansehen ein, und so folgten auch die Arbeiter befreundeter und konkurrierender Betriebe und der 85-jährige Alexander von Humboldt beim Leichenzug seinem Sarg. In seiner Moabiter Villa hatte Borsig nur fünf Jahre leben können, er starb bereits mit 50 Jahren.

Als das Firmengelände im "Feuerland" an der Chausseestraße in Mitte zu klein wurde, hatte Borsig sich nach einem zusätzlichen Standort umgesehen, den er an der Stromstraße in Moabit fand. Damit begann seine "Randwanderung" der Industrie (3), die schließlich in Borsigwalde (4) endete, wohin nach und nach alle Fabriken verlegt wurden. Im Westfälischen Viertel in Moabit - in dem wir heute flanieren - gibt es kaum noch eine Erinnerung an die Borsigschen Zeiten, dabei dehnte sich das Borsigsche Fabrikgelände damals nördlich der Spree links und rechts der Stromstraße aus. An der Kirchstraße übernahm Borsig eine bestehende Maschinenbauanstalt, an der Elberfelder Straße baute er selbst ein Eisenwerk und dazwischen seine Villa.

Die Villa Borsig in Moabit stand nur etwas mehr als 60 Jahre, dann wurde das Firmengelände verkauft, die Industriebauten und die Villa wurden beseitigt, der Wohnungsbau hielt Einzug in diesem Teil von Moabit. Die „Neu-Bellevue-Aktiengesellschaft“ - eine von Borsig gegründete Terraingesellschaft (5) - parzellierte das Gelände des ehemaligen Eisenwerks und sorgte auch für die Abholzung der Bäume im Borsigschen Villenpark und den Abriss aller Bauten. Die rücksichtslos am Profit orientierte Verwertung des Geländes durch Borsig selbst könnte darauf hindeuten, dass für den Ausbau des neuen Standortes in Tegel dringend Finanzmittel benötigt wurden. Nur ein kleiner Teil des ehemaligen Villenparks blieb als Grünfläche innerhalb der umgebenden Blockrandbebauung erhalten. Dieser "Essener Park" zwischen Stromstraße, Alt-Moabit und Essener Straße ist heute nicht einmal öffentlich zugänglich.

Die Terraingesellschaft legte neue Straßen an und benannte sie nach Städten im Rheinland und in Westfalen, deshalb wird dieser Teil Moabits (Rheinisch-)Westfälisches Viertel genannt. Eine eiserne Fußgängerbrücke - an Ketten aufgehängt - verband in Verlängerung der Dortmunder Straße über die Spree hinweg das neue Quartier mit dem S-Bahnhof Bellevue. Die Brücke gibt es nicht mehr, sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, und auch das Lokal "Zum alten Borsigsteg" an der Ecke Bundesratufer führt nur noch den Namen. bewirtet aber keine Gäste mehr. Buchstäblich untergegangen war vorher auch die Borsigmühle, ein hundert Meter langer mehrstöckiger Bau, der hier entlang der Spree auf dem Fabrikgelände stand. Die Mühle gehörte Borsig, war aber an die "Berliner Dampfmühlen-Aktien-Gesellschaft" verpachtet. Im Januar 1898 brach ein Großfeuer aus, die Frontseite des Mühlengebäudes mit den Getreideaufzügen und mehrere tausend Zentnern Roggen stürzten in die Spree. Zu diesem Zeitpunkt lief bereits die Verlegung der Borsigschen Fabriken nach Tegel. Die Kriminalpolizei ermittelte wegen Brandstiftung, fand dafür aber keine Anhaltspunkte.

Ab 1905/1906 wurden die von der Terraingesellschaft verkauften Grundstücke bebaut. Es entstanden Häuser mit abwechslungsreichen Fassaden und komfortablen Wohnungen, oft von Maurermeistern entworfen und gebaut, die aufgrund ihrer Ausbildung an Baugewerkschulen über ähnliche Fähigkeiten wie Architekten verfügten (6). Selbst der Erbbauverein Moabit beauftragte für seine Wohnanlage an der Elberfelder Straße 11-13 einen Maurermeister mit der Grundrissplanung und Bauausführung. An der Bochumer Straße 8 baute der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (7) auf einem sehr tiefen Grundstück drei Schulen hintereinander, ein Gymnasium und zwei Gemeindeschulen. Die Straßenfassade des Gymnasiums ist mit Wandpfeilern gegliedert, zwischen denen Reliefs mit antiken Darstellungen darauf hinweisen, dass es in diesem Haus um Bildung geht. Die Reliefs stammen von Ignatius Taschner, der auch 10 Figuren am Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain (8) entworfen hat. Auch die Fortuna-Figur, die das Stadthaus in Mitte krönt (9), ist ein Werk von Taschner. Er war Universalkünstler, Bildhauer, Illustrator, Designer. Ungewöhnlich ist das Relief über der Einfahrt zur Bochumer Straße 8c - ein Kopf, aus dessen geöffnetem Mund ein weiterer Kopf hervorschaut. Das so zu deuten, die Frau sei das Sprachrohr des Mannes, wäre zu kurz gegriffen. Eine Mundgeburt, eine Schöpfungsdarstellung? Götter wurden in manchen Mythologien aus dem Mund geboren, Athene dagegen war eine Kopfgeburt: Aus dem gespaltenen Schädel des Zeus entstieg Athene, erwachsen und in voller Rüstung, und sein Kopf schloss sich wieder.

An der Levetzowstraße Ecke Jagowstraße stand eine der größten Synagogen Berlins. Von den Nazis wurde sie als Sammellager für die Deportation von Juden missbraucht. Heute erinnert ein Mahnmal an die Deportationszüge, die vom Güterbahnhof Putlitzstraße in die Vernichtungslager fuhren. Die Synagoge wurde im Krieg nur wenig beschädigt, trotzdem hat man sie 1956 abgerissen, weil keine jüdische Gemeinde mehr vorhanden war oder weil die übrig gebliebenen Gemeindemitglieder sich den Unterhalt nicht leisten konnten. Auch bei der jüdischen Synagoge in der Münchener Straße am Bayerischen Platz ist man zeitgleich so verfahren (10).

Alte Stadtpläne nennen das Gebiet südlich der Levetzowstraße bis in den Bogen der Spree hinein die "Judenwiese". Wahrscheinlich geht der Name auf die Wulff’sche Bleiche zurück. Wulff stand als "Schutzjude" gegen Zahlung von Abgaben unter dem Schutz des Landesfürsten und hat hier eine Reinigungsanstalt an der Spree betrieben. Die Wiese war sumpfiges Überschwemmungsland, das noch in den 1920er Jahren weithin unbebaut war. Hier errichtete die gemeinnützige Steglitzer Baugesellschaft in der Agricolastraße Häuserzeilen, die quer zum Blockrand durch das Straßenkarree bis zur Tile-Wardenberg-Straße verlaufen. Hinter den schlichten Fassaden der Häuserkuben verbirgt sich eine gut durchdachte Bautechnik: Die Stahlskelettbauten sind mit leichten, wärmeisolierenden Steinen ausgefacht, die die Häuser auf dem schlechten Untergrund leichter machen als herkömmliche Bauten.

Moabit, das sei der am meisten unterschätzte Stadtteil Berlins, und das Westfälische Viertel sei das Prenzlberg von Moabit, kann man manchmal lesen. Der Sozialstrukturatlas der Stadtentwicklungsbehörde bestätigt, dass die Quartiere nördlich und südlich der Straße Alt Moabit extrem unterschiedlich sind. Das nördliche Quartier hat auf der vierstufigen Skala den niedrigsten Sozialstatus und eine negative Dynamik, das Westfälische Viertel den zweitbesten Sozialstatus und eine positive Dynamik. Die Elberfelder Straße im Westfälischen Viertel ist die Meile der Galerien, Lokale und besonderen Geschäfte- Hier bäckt ein Meisterbäcker, beim "Kinderkochspaß" werden Kochkurse für Kinder angeboten, beim "Trommler" gibt es Spielzeug, aber natürlich findet man auch Lotto, Friseur und Kosmetik. Die Elberfelder ist verkehrsberuhigt und als besonderes Schmankerl darf sie auf den Straßenschildern ihren Namen in Großbuchstaben schreiben, so wie es früher einmal war.

Ein solches Umfeld lädt zum Bleiben ein. An der Ecke Dortmunder Straße lassen wir uns im Nola nieder, hier gibt es Cross-Culture-Food - ein Mix aus asiatischen, südamerikanischen und europäischen Speisen. Da schmecken mir die Tapas beim abschließenden Flaniermahl, und trotz großen Andrangs werden wir schnell und zuvorkommend bedient.

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Die Borsigs und ihre Villen:
Patriarch August Borsig, (1804-1854)
>> 1849 Villa Borsig, Moabit, 1911 abgerissen
Sohn Albert Borsig (1829–1878)
>> 1866 Landgut Borsig in Groß-Behnitz
>> 1877 Palais Borsig, Wilhelmstraße/Voßstraße, später Teil der Reichskanzlei, abgerissen
Enkel Ernst Borsig (1869-1933)
>> 1913 Borsig-Villa Reiherwerder, heutige Nutzung durch Auswärtiges Amt

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(1) Borsig, Industrialisierung: Borsig
(2) Palais Borsig, Neue Reichskanzlei: Wilhelmstraße
(3) Randwanderung der Industrie: Randwanderung der Berliner Industrie
(4) Borsigwalde: Besteigung der Borsigwalder Alpen
(5) Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(6) Baugewerkschulen: Doppel-Dorf überwindet zweifelhaften Ruf
(7) Stadtbaurat Ludwig Hoffmann: Hoffmann, Ludwig
(8) Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain: In Friedrichshain wurde nicht nur gebraut
(9) Stadthaus in Mitte: Bären im Alten Stadthaus
(10) Abriss der jüdischen Synagoge in der Münchener Straße: Erziehen mit Geduld und Arbeit

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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