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Gondelfahrt nach Moabit


Stadtteil: Moabit
Bereich: Spree
Stadtplanaufruf: Berlin, Holsteiner Ufer
Datum: 4. August 2014
Bericht Nr: 473

Zu den Sonntagsvergnügen des einfachen Volkes - der Fabrikarbeiter, Soldaten, Hausmädchen, Köchinnen - gehörte zwischen 1800 und 1900 die Gondelfahrt auf der Spree nach Moabit. Galionsfiguren wie geschnitzte Drachen, Schlangen oder Köpfe von Mohren oder Türken zierten die Spitzen der Boote. Man darf man sich keine zierlichen venezianischen Gondeln vorstellen, sondern vielmehr überdachte Ausflugsboote für 20, 30 oder 40 Personen. Ein mitfahrender Leierkastenmann oder Musiker spielte Gassenhauer und Volkslieder, und das ganze Boot stimmte ein und brachte sich mit Gesang in Stimmung. Drüben in Moabit gab es mehr als ein Dutzend Wirtshäuser und Tanzetablissements, dort oder auf dem Rasen ging das Vergnügen weiter. Man fuhr sozusagen von Lokal zu Lokal, denn die Boote legten am Spreeufer zwischen Haus der Kulturen der Welt und Bundeskanzleramt ab. Dort "In den Zelten" hatte Friedrich der Große anfangs einen saisonalen Ausschank genehmigt, der in Zelten nur außerhalb der Wintermonate aufgebaut werden durfte. Als die Gondeln nach Moabit hier abfuhren, waren längst feste Bauten mit ganzjähriger Bewirtschaftung daraus geworden. Manche Lokale veranstalteten "Wasserkorsos" mit Blasmusik und Männerquartett. Bei schönem Wetter haben am Tag mehr als tausend Vergnügungssüchtige die Fahrt übers Wasser angetreten. Der Fußweg nach Moabit war auch nicht zu empfehlen, auf den unbefestigten Straßen konnte man bis zum Knöchel im märkischen Sand einsinken.

Es erinnert an die venezianische Atmosphäre, die Alfred Kerr einst am Landwehrkanal nahe dem Zoo beobachtet hat, auch wenn das Publikum dort etwas gehobener war: Ein "Canale grande, auf dessen Oberfläche Berliner Stullenpapier und Zigarrenstummel schwimmen. Dicke, schwere sonntägliche Spießbürger mit geröteten Weißbiergesichtern und aufgedonnerten schweren Gattinnen stapfen über die Brücken und durch den reichlichen Sand, und holde Stimmen rufen" 'Aujust, sieh dir vor!' " (1).

Nur die Moabiter Brücke führte ab 1820 zwischen Moabit und Berlin über die Spree, allerdings war Moabit damals noch keine Insel. Die beiden Kanäle, die in die Spree münden und mit ihr Moabit vom umliegenden Stadtgebiet trennen, waren noch nicht gebaut: mit dem Bau des Spandauer Schiffahrtkanals wurde 1848 begonnen, mit dem Charlottenburger Verbindungskanal erst 1872. Es war der Hofzahnarzt Pierre Baillif, der eine Brückenbau-Aktiengesellschaft gründete, um eine Holzbrücke auf Pfählen (Jochbrücke) zu errichten. Ein Zahnarzt als Brückenbauer, das ist schon sehr ungewöhnlich, schließlich überbrücken Zahnärzte sonst nur fehlende Zähne. Baillif war ein Hansdampf in allen Gassen, auch als Mechanikus hatte er Erfolg. Er entwarf Prothesen, die mit Hilfe der noch vorhandenen Muskelkräfte bewegt werden konnten, besser als bei Götz von Berlichingen, der die Handprothese noch mit der gesunden Hand in Stellung bringen und einrasten musste. Als Zahnarzt veröffentlichte Baillif eine zweisprachige (deutsch-französische) "Anleitung zur Pflege und Erhaltung der Zähne", als Hygiene gerade erst in der Medizin als Thema entdeckt wurde.

Die beiden zur Moabiter Brücke führenden Straßen - Bartningallee und Kirchstraße - führten früher den Namen "Brückenallee" bzw. "Brückenstraße". Gut 70 Jahre war die Holzbrücke in Betrieb und ist mehrfach umgebaut worden, dann ersetzte man sie durch die heutige Steinbrücke. "Bärenbrücke" wurde sie genannt, weil vier naturgetreue Bärenskulpturen von unterschiedlichen Künstlern sie schmückten. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bronzebären als kriegswichtiges Material eingeschmolzen und 1981 durch naive flache Bärenneuschöpfungen ersetzt.

Die touristischen Sightseeing-Tours auf dem Wasser führen meist bis zur Lutherbrücke am Schloss Bellevue. Dort wenden die Ausflugsdampfer und schippern nach Mitte zurück. Als Flaneure begleiten wir die Spree einen längeren Weg zu Fuß von der Lessingbrücke (Stromstraße) bis zur Moltkebrücke am Bundeskanzleramt, wir machen sozusagen einen "Brückentag" (2).

Auch die Lessingbrücke war zunächst eine hölzerne Jochbrücke, dann wurde sie durch einen steinernen Neubau mit drei Bögen über der Spree und zwei Bögen über den Uferwegen ersetzt, eine Bauweise, wie sie bei den Steinbrücken in diesem Bereich der Spree typisch ist. Otto Lessing (3), der Urgroßneffe des Dichters Gotthold Ephraim Lessing, schuf die Bronzereliefs mit Szenen aus Lessings Stücken „Miss Sara Sampson“, „Emilia Galotti“, „Nathan der Weise“ und „Minna von Barnhelm“. In die Sandsteinbrüstungen fügte Otto Lessing figürliche Darstellungen ein. Nach Kriegsbeschädigung wurde die Verbindung zwischen den stehen gebliebenen Pfeilern durch Stahlbögen mit einer Stützweite von 52 Metern hergestellt, eine zeitgemäße Verbindung von denkmalgeschütztem Altbau und moderner Ergänzung.

Das im Krieg stark zerstörte Hansaviertel ist im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1957 komplett abgeräumt und mit Bauten von internationalen Architekten neu aufgebaut worden (4). Nur zwischen Spree und S-Bahn blieben alte Gebäude stehen. So ist am Holsteiner Ufer zwischen Lessingbrücke und Moabiter Brücke eine geschlossene Häuserreihe des alten Hansaviertels erhalten geblieben. Drei Doppelhäuser mit ausgiebigem Fassadenschmuck ziehen den Blick auf sich, wenn man vom Gelände der früheren "Meierei Bolle" über die Spree schaut.

Mehrere Architekten haben sich durch die Bögen der Spree inspirieren lassen. Hier im "Bolleblock" ist es das "Spreebogen"-Gebäude, das sich zur Spree hin öffnet. Derzeit wird es noch zur Hälfte vom Innenministerium genutzt, der "Pizzakönig" Freiberger hatte es zum stolzen Preis an den Bund vermietet (5). Von Freibergers Stiftung wurde die "Straße der Erinnerung" am Spreeufer geschaffen, eine Galerie von „positiven Helden“. Hier stehen etwas beliebig die Bronzebüste des Hitler-Attentäters Georg Elser (6) neben der von Thomas Mann oder Ludwig Erhards Büste neben der von Käthe Kollwitz. Nach zehn Köpfen folgt dann noch ein Mann, der eine Mauer durchbricht, Freibergers Version von "Wir sind das Volk".

Die Meierei Bolle fuhr von hier im Spreebogen die Milch aus (7). Von der Meierei ist ein langgestreckter Bau mit Laderampe erhalten. Nebenan arbeitete die Schüttmühle, später Kampffmeyer-Mühle. Auf dem Mühlengelände an der Spree steht von der alten Substanz nur noch der Ladeturm, an dem mit Saugrohren das Getreide aus den Kähnen in die Mühle transportiert wurde. Nach dem Abriss der Mühlengebäude entstanden hier Neubauten, in die auch die Bergmannschen Wäscherei einbezogen wurde, ein fünfstöckiges, Fabrikgebäude mit hell glasierten Fliesen, großformatigen Fenstern und klarer Fassadengliederung.

Die Moabiter Brücke stellt die Verbindung zwischen Holsteiner Ufer und Helgoländer Ufer her. Vom Helgoländer Ufer wiederum kommt man am S-Bahnhof Bellevue als Fußgänger über den Gerickesteg zum Bellevue-Ufer. Der Gerickesteg als Metallkonstruktion kommt bei seinem kühnem Schwung über die Spree ohne Brückenpfeiler aus, Design und Funktion sind hier harmonisch vereint. Bruno Möhring und Friedrich Krause haben die Brücke entworfen, eine erfolgreiche Teamarbeit wie beispielsweise auch bei der Swinemünder Brücke (8). Granitpfeiler fassen den Brückenzugang ein. Sie waren mit Masken und Jugendstillaternen geschmückt, die Masken gingen verloren, die kunstvollen Laternen wurden nach Kriegsbeschädigung durch schlichtere Lampen ersetzt.

Zwischen Spree und dem Park des Schlosses Bellevue kommt man auf dem Uferweg zur Lutherbrücke am Schloss Bellevue. Wieder sehen wir eine Steinbrücke mit drei flachen Kreissegmenten als Durchfahrten. Hier gab es keine hölzerne Vorgängerin, die erste Brücke ist direkt aus Stein errichtet worden. Die Brückengeländer sind nobel gestaltet mit gusseisernen Laternen und mit Obelisken, auf denen goldene Sternen thronen. Das Brückengeländer wird immer wieder von steinernen Pfeilern unterbrochen, auf denen Kugeln aufgesetzt sind, Symbole der Vollkommenheit.

Nordöstlich der Brücke hat das Moabiter Werder im Laufe der Jahrhunderte mehrfach radikal sein Gesicht geändert. Zunächst hatte es der Große Kurfürst vorübergehend seinem Jagdgebiet - dem Tiergarten - angegliedert. Dann entstanden hier 1717 Pulverfabriken und -magazine. Hundert Jahre später gab es auf den "Pulverwiesen" eine Flussbadeanstalt, die Pulverproduktion wurde nach Spandau verlegt (9). Eine Schiffswerft siedelte sich an der Spree an, die Werftstraße erinnert seit 1862 daran. In den 1890er Jahren wurde die Spree kanalisiert, das Flussbett begradigt und verbreitert, die Fahrrinne vertieft. Neue Uferbefestigungen für den Warenumschlag vom Boot aufs Gelände wurden angelegt. Vom Hamburger Bahnhof an der Invalidenstraße bis zum Moabiter Werder erstreckte sich bald eine Bahnanlage für den Güterverkehr, der Hamburg-Lehrter-Güterbahnhof. Und dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kam das Ende für das Güterverkehrs-Eisenbahngelände, genau wie am Gleisdreieck (10) und am Schöneberger Südgelände (11).

Nur noch das Verwaltungs- und Lagergebäude an der Paulstraße 20 c ist erhalten von der größten Güterabfertigungsanlage der Eisenbahn in Berlin. Der "Lastenträger" - eine Steinfigur von Felix Kupsch- ziert das Kopfgebäude an der Paulstraße, Kupsch hatte auch die Figuren und das Pagodenportal an der expressionistischen Kreuzkirche in Wilmersdorf entworfen (12). Der Lastenträger passte auch zur ersten Nachkriegsnutzung, hier am Moabiter Werder zog die Spedition Harry W. Hamacher ein. Nach der Wende bekam das Gebiet wieder ein völlig neues Gesicht. Aus dem Speditionsgebäude wurde eine Schule, die Eisenbahngleise wurden entfernt. Und wieder haben sich Architekten durch die Bögen der Spree inspirieren lassen, auf der freigewordenen Fläche entstand die "Bundesschlange", ein mäanderndes Gebäude, dessen 500 Meter Länge durch die wellenförmige Bewegung kaschiert wird. Es wurde kein "Langer Jammer", sondern eine "Serpentine". Die Erwartung, dass Bundesbeamte die Wohnungen schräg gegenüber dem Bundeskanzleramt schätzen würden, erfüllte sich allerdings nicht.

Die Moltkebrücke ist die östlichste Spreebrücke von Moabit, sie verbindet das Regierungsviertel mit dem Hauptbahnhof. Auch hier gab es erst eine Holzbrücke, dann gefolgt von einer schmiedeeisernen Bogenbrücke und schließlich von einer Steinbrücke mit drei Kreisbögen über der Spree und zwei weiteren über den Uferwegen. Wie bei der Lutherbrücke und der Moabiter Brücke lag auch bei der Moltkebrücke die künstlerische Ausgestaltung in den Händen des Berliner Baurats Otto Stahn. Er war um 1890 "der" Berliner Brückenbaumeister, auch die Weidendammer Brücke und die Oberbaumbrücke hat er entworfen. Die Skulpturen auf der Moltkebrücke stammen von unterschiedlichen Bildhauern. Eine Eule verweist auf die Weisheit des Feldherrn Moltke, ein preußischer Adler auf Moltkes Sieg über die Franzosen 1870–1871. Es finden sich Porträtköpfe von Blücher, Caesar und Athene und Figuren von Kindern als römische Soldaten. Beim Nachdenken, wie sich diese Allegorien auf Moltke beziehen, kann man lange an der Brücke verweilen.

Zurück zur Moabiter Brücke, nehmen wir dort unser Flaniermahl ein. Ein lieblos aufgeschichteter Salat, in Essig und Öl schwimmend, kann mich nicht begeistern, aber der Blick auf die Spree und die Bärenbrücke schließt unseren Brückentag wohlgemut ab.
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(1) "Venezianische Atmosphäre" am Landwehrkanal: Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin
(2) Einen "Brückentag" an der Fischerinsel/Museumsinsel finden Sie hier: Brückentag
(3) Von Otto Lessing stammte auch der Rolandbrunnen auf dem Kemperplatz: Rettungsgasse zum Sieg
(4) Hansaviertel: Gestern war sie die Stadt von morgen
(5) Das Innenministerium im "Spreebogen"-Gebäude: Universum Landesausstellungspark
(6) Hitler-Attentäter Georg Elser: Aufstieg und Fall (in) der Wilhelmstraße
(7) Meierei Bolle: Eis in Scheiben und in Blöcken
(8) Swinemünder Brücke: Stettiner Bahn in Ost und West
(8a) Bruno Möhring: Möhring, Bruno
(8b) Friedrich Krause: Krause, Friedrich
(9) Pulverfabriken in Spandau: Freiheit für die Auswanderer
(10) Gleisdreieck: Gleisdreieck
(11) Schöneberger Südgelände: Südgelände
(12) Kreuzkirche in Wilmersdorf: Militärkommando und Mediengarten

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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