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Herr Leutnant ich bin ein Mädchen


Stadtteil: Kreuzberg
Bereich: Viktoriapark
Stadtplanaufruf: Berlin, Kreuzbergstraße
Datum: 24. August 2015
Bericht Nr.: 519

„Herr Leutnant, ich bin ein Mädchen“, soll ein sterbender Soldat im Oktober 1813 bei den Befreiungskriegen gegen Napoleon seinem Vorgesetzten zugeraunt haben, nachdem er beim Voranstürmen mit der Trommel eines verwundeten Kameraden selbst getroffen wurde. Die Episode ist frei erfunden, die Person der Soldatin und ihr Tod aber nicht. Um Eleonore Prochaska, die Preußische "Jeanne d’Arc" rankt sich manche Legende, so auch diese Anekdote der "Lützower Trommlerin" aus dem Bataillon des Lützowschen Freikorps. "Ihre Person wurde immer wieder neu interpretiert und erfuhr im Laufe der Zeit mehrere Vereinnahmungen aus verschiedenen politischen Richtungen. Prochaska wurde nach und nach eine Symbolfigur für Patrioten, Nationalisten, Kriegsbefürworter, Kommunisten und Feministinnen". Sogar Ludwig van Beethoven hat in seiner 12.Sonate der Eleonore Prochaska einen "Trauermarsch zum Tod einer Heldin" gewidmet.

Eleonore Prochaska stammte aus einer Soldatenfamilie. Unter dem Namen "August Renz" hatte sie sich als Infanterist bei den Lützowern eingeschmuggelt. Ihr Leutnant urteilte über ihn/sie: " Seine Sprache war nicht besonders fein, so dass niemand in ihm ein Mädchen vermuten konnte." Wegen ihrer hohen Stimme wurde sie von den Kameraden verspottet, mit ihren soldatischen Funktionen als Schneider und Koch konnte sie sich aber tarnen und Anerkennung gewinnen. Beides geht aus ihrer "Feldpost" hervor, den wenigen Briefen, die sie an ihren Bruder geschrieben hat, bevor sie schwer verwundet wurde und schließlich an ihren Verletzungen starb.



Bei der Versorgung durch den Feldscher (Militärarzt, Wundarzt) oder vielleicht erst nach ihrem Tod wurde offenbar, dass sie eine Frau ist. Mit patriotischer Begeisterung hatte sie den königlichen Aufruf zur Bildung von Freiwilligenkorps befolgt, eine "vaterländische Weiblichkeit" gezeigt wie die mutigen männlichen Kämpfer. Dabei hat sie eine Diskussion über die Geschlechterrollen ausgelöst, weil das ein Eingriff in die männliche Domäne war.

"Mannsbegier" oder Patriotismus? Der Dichter Friedrich Rückert warnte zukünftige Ehemänner vor Undercover-Soldatinnen jener Zeit und unterstellte damit, dass sie Ehefrauen werden wollten:

.....Dieser Unteroffizier / Focht mit rechter Mannsbegier /
.....Wer ihn frei'n will, glaubet mir / Hat erfochten Wunden viel.

Denn es gab noch mehr "Heldenjungfrauen", von denen manche sogar auch nach ihrer Entdeckung in der Truppe bleiben durfte. Aber nur Eleonore Prochaska hatte ihr Blut fürs Vaterland gegeben und wurde deshalb zum Mythos. Die19jährige Mecklenburger Bauerntochter Friederike Krüger, die sich im April 1813 als vorgeblicher Mann einem Infanterieregiment anschloss, wurde sogar nach ihrer Entdeckung zum Unteroffizier befördert, am Ende ihrer Militärlaufbahn wurde ihr das Eiserne Kreuz verliehen.

Diese preußische Kriegsauszeichnung war während der Befreiungskriege eingeführt worden. Karl Friedrich Schinkel hatte das schwarze gusseiserne Kreuz entworfen, das mit silbernem Rand eingefasst ist. Bewusst wurde auf wertvolles Material verzichtet, stattdessen wurde dazu aufgerufen, Goldschmuck zur Finanzierung der Befreiungskriege zu spenden ("Gold gab ich für Eisen").



Als Schinkel den Auftrag bekam, ein Nationaldenkmal zum Gedenken an die siegreichen Befreiungskriege zu schaffen, setzte der das Eiserne Kreuz auf die Spitze des himmelwärts strebenden gusseisernen Monuments, das von Skulpturen mehrerer Künstler ergänzt wird. In der Völkerschlacht bei Leipzig hatten die verbündeten Truppen im Oktober 1813 Napoleon die entscheidende Niederlage zugefügt. Sie setzten dann noch nach, kamen im März 1814 bis nach Paris und zwangen ihn dort zur Abdankung. Als er noch einmal aus der Verbannung auf Elba zurückkam, bereiteten sie ihm 1815 sein "Waterloo", wodurch er endgültig die Macht abgeben musste. Diese Begegnungen und alle anderen Schlachten der Befreiungskriege sind an dem Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg durch Genien dargestellt, Figuren mit Rüstung, Schild oder Lorbeerkranz, deren Gesichter von Militärs und Politikern entliehen sind.

Gibt es in dieser Reihe der Genien eine Freiheitsstatue? Ein goldener Strahlenkranz um den Kopf des Genius, der die Völkerschlacht bei Leipzig verkörpert, führt zu diesem Vergleich mit der Liberty in New York, dem Freiheitssymbol der Auswanderer, die das gelobte Land Amerika vor Augen hatten. Aber der Strahlenkranz als Symbol stammt aus der Antike, der etruskische Gott Helios wurde mit Strahlenkranz abgebildet und römische Münzen zeigen die Kaiser mit diesem Strahlen rund um den Kopf. Und als "Freiheits"statue hätte man es am Kreuzberg nicht bezeichnen dürfen, denn dem preußischen König klang das Wort zu revolutionär, deshalb wurden aus den "Freiheitskriegen" per Sprachregelung die "Befreiungskriege".

Das Denkmal steht auf dem ehemaligen "Weinberg von Götze", denn rund 200 Jahre lang wuchsen am Tempelhofer Berg - wie der Kreuzberg vorher hieß - Rebstöcke, wurde Wein geerntet und gekeltert. Die Weinqualität war mit der heutigen nicht vergleichbar, mancher wurde als "Fahnenwein" verspottet: Der war so sauer, "goss man ein Achtel Wein auf die Fahne, zog sich das ganze Regiment zusammen". 1740 war es mit dem Weinanbau vorbei, doch hier wie in anderen Lagen von Berlin wird im kleinen Umfang wieder Wein angebaut, auch wenn er nicht verkauft werden darf, weil die Stadt keine zugelassene Weinbauregion ist.

Am Kreuzberg wird der "Kreuz-Neroberger" angebaut. Die Weinreben wachsen am Südhang unterhalb des Denkmals im Viktoria-Quartier, das aus dem Umbau der ehemaligen Schultheiss-Brauerei zu Wohnungen entstanden ist. Wir haben beobachtet, dass eine Anwohnerin ungeniert ihre Tochter dort rote Trauben pflücken ließ, "aber nimm nicht die grünen, sonst kriegst du Bauchweh". Das Areal um die Backsteinbauten der Brauerei ist seit unserem letzten Besuch stark verdichtet worden, Wohnblocks mit Berliner Traufhöhe sind entstanden, die den Charakter der Brauereihöfe kaum mehr erfahren lassen. Lediglich die alten Beschriftungen und zwei als Metallskulpturen verbliebene ehemalige Dachkonstruktionen erzählen etwas von der vergangenen Brauereigeschichte.

Vor einer Sintflut retten sollte der Kreuzberg den Kurfürsten Joachim I. und seinen Hofstaat, als der Hofastrologe 1524 eine solche Katastrophe vorhersagte. Wie wir wissen, musste der Berg mit seinen 66 Metern über dem Nullpunkt die Probe nicht bestehen, die Sintflut blieb aus, der Tross kehrte zum Schloss zurück. Wegen seiner Höhenlage eignete sich der Kreuzberg auch für strategische militärische Zwecke. Im dreißigjährigen Krieg waren es die Schweden, die ihre Kanonen hier herauf schafften und Berlin bedrohten, im Siebenjährigen Krieg beschossen die Russen vor hier aus Berlin. In friedlichen Zeiten weideten hier Kühe, die in der "Milchkuranstalt Viktoriapark" gemolken wurden. In der Kreuzbergstraße Höhe Möckernstraße sind die baulichen Anlagen erhalten geblieben. Die zweistöckigen Kuhställe fassten 250 Tiere, außerdem gab es eine Meierei, eine Trinkhalle und einen Pferdestall. Es war die Zeit, als Kuhmilch auch als Säuglingsnahrung mit hohen Hygienestandards in Kinderkrankenhäusern verabreicht wurde.

Das Denkmal auf dem Kreuzberg wurde schnell zu einem Ausflugsziel der Berliner, da ließ auch ein Biergarten nicht lange auf sich warten. Am Südhang öffnete der "Tivoli"-Biergarten, später entstand hier die Brauerei "Tivoli", die von Schultheiß geschluckt wurde, das heutige Viktoria-Quartier wurde zum ausgedehnten Braugelände.

Der öffentliche Bereich auf der Nordseite wurde zum Viktoriapark umgestaltet, durch den ein Wasserfall Richtung Großbeerenstraße über mehrere Kaskaden 45 Meter tief fällt. In dem kleinen See am Fuß des Wasserfalls hat ein Fischer eine Nixe gefangen. Noch hat er sie nicht in der Gewalt, aber ihr fischiger Unterkörper ist von dem Netz umschlungen, das er mit seinen Händen packt. Diese Skulptur "Ein seltener Fang" wurde von einer Bildgießerei in Friedrichshagen gegossen.



Im Stadtplan sieht die Aufzeichnung unserer Tour ziemlich wirr aus. So ein Spaziergang um den Kreuzberg herum, auf ihn hinauf und wieder hinab macht hungrig. In der "Osteria Uno" finden wir einen idealen Platz im Sommergarten direkt am Berghang. Hier werden wir zuverlässig mit phantasievoller Küche belohnt.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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