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Berliner Nullpunkte


Stadtteil: Kreuzberg, Mitte
Bereich: Hallesches Tor, Zietenplatz, Voßstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Markgrafenstraße
Datum: 12. Oktober 2009

Im Berliner Stadtschloss wirkte seit 1519 am Hof des streng katholischen Kurfürsten Joachim I. der Astronom, Astrologe und Mathematiker Johann Carion. Er wusste seinen Landesherrn für die Astronomie zu begeistern, und so gab es zu dieser Zeit im Schloss die erste Berliner Sternwarte. Auf dem Gebiet der Astrologie tat sich Carion hauptsächlich als Prophet von Katastrophenszenarien hervor. Seine bekannteste astrologische Vorhersage betraf das Jahr 1524, für das er eine Sintflut, die große Teile der Erde zerstören sollte, vorhersagte. An dem angesagten Tag hatte man am Hof alles Wichtige in Truhen und Kisten verstaut, und als schwarze Wolken am Himmel aufzogen, verließ der Tross das Schloss, um auf dem Kreuzberg Zuflucht zu suchen (zur Information: Der Berliner Stadtkern liegt 36 Meter über dem Meeresspiegel, der Kreuzberg 66 Meter, hier "oben" wollte man die Sintflut aussitzen). Die Sintflut blieb aus, die Sonne schien wieder, der Tross kehrte zurück ins Schloss.

In der Dorotheenstadt wurde 1706 eine Sternwarte ("astronomisches Observatorium") gebaut und von der Akademie der Wissenschaften betrieben (2). Alexander von Humboldt setzte sich 1825 bei Friedrich Wilhelm III. erfolgreich dafür ein, dass Berlin die denkbar beste Sternwarte erhalten sollte mit der Auflage, an zwei Abenden in der Woche „dem öffentlichen Publikum zur Belehrung und Anregung zu dienen“. Dieses war die Geburtsstunde der von Schinkel errichteten Sternwarte am Halleschen Tor (1), die bis 1915 arbeitete. Hier wurde der achte Planet des Sonnensystems, Neptun entdeckt. Die Sternwarte bekam dann einen Nachfolgebau in Potsdam, als es am Halleschen Tor zu eng wurde.

An der Schinkelschen Sternwarte befand sich ein "Nullpunkt", das für die Landvermessung wichtige Preußische Normalnull (NN), das 37 Meter über dem Meeresspiegel lag (3). In der DDR und im Ostblock insgesamt verwendete man später für die Höhenmessung das Höhennormal (HN), Die deutsche Wiedervereinigung der Höhennetze und ihre europäische Vereinheitlichung hat zu dem neuen Bezugspunkt Normalhöhennull (NHN) geführt, der - vielleicht von vielen unbemerkt - auf aktuellen Karten angegeben wird.

Den alten Nullpunkt gibt es also nicht mehr, die Sternwarte auch nicht, und überhaupt ist Berlin nicht am Nullpunkt, sondern "arm aber sexy", und das liegt gefühlt weit oberhalb von null. Ein Investor, der auf dem Grundstück der ehemaligen Sternwarte an der Markgrafenstraße ein "Metrohaus" errichtet, nutzt geschickt den historischen Bezugspunkt für sein Marketing. Die Gerüste am Haus werden bald fallen, auf meinen Fotos sind sie noch zu sehen.

In der Besselstraße hat der Architekt John Hejduk im Rahmen der IBA (Bauausstellung 1984/87) zwei Wohnhäuser mit nach innen geklappten "Anti-Satteldächern" und einem Atelierturm mit 14 Etagen realisiert. In der Markgrafenstraße stehen zwei weitere architektonisch bemerkenswerte Gebäude: Das Haus der Presse, das bewusst die Vertikale missachtet (bei Fotos weiß man ja nie, ob stürzende Linien durch die Kamerahaltung, durch Bildbearbeitung oder durch die Architektur bedingt sind). Und das Erweiterungsgebäude der GSW-Zentrale an der Kochstraße (jetzt Rudi-Dutschke-Straße) mit Flachbau, Pillbox, Büroturm und Hochhausscheibe, am Fuße des Hochhauses jongliert eine gelb-grüne übergroße 'Pillendose' auf dem 110 Meter langen Riegel entlang der Straße.

Architekturkritiker haben ebenso wie Musikkritiker eine eigene abgehobene künstliche Sprache, die ich zugleich beeindruckend und überheblich finde. Aus der Beschreibung des Projekts im Architekturforum: "Der Entwurf bemüht sich, bestehende Stadtfragmente in einem dreidimensionalen Gebilde zusammenzufügen, um das Gebäude in seinen Kontext zu integrieren... Es absorbiert die Objekthaftigkeit des Punkthochhauses und registriert die Konfrontation von Hochhäusern über die Mauer hinweg. In dieser Kombination von Raum- und Gebäudeformen unterschiedlicher Generationen ist die neue Hochhausscheibe der Gebäudeteil, der mit der Gegenwart und der Zukunft assoziiert wird." Es heißt dort weiter, der barocke Stadtgrundriss sei ebenso Maßstab gewesen wie die Berliner Traufhöhe. zu der schwebenden Pillendose finde ich diese Assoziationen nicht unbedingt nahe liegend.

Bevor ich den geodätischen Nullpunkt Berlins besucht habe, bin ich bei meinem heutigen Rundgang zum politischen Nullpunkt Deutschlands gelaufen, dort wo das Deutsche Reich in Hitlers Staatskanzlei untergegangen ist (4). Die Voßstraße ist heute ein Plattenbaugebiet, nur ein Haus vom Ende des 19.Jahrhunderts hat die Bombardierung überlebt und wird heute zum "Voßpalais" hochstilisiert. Ein Architekt hatte den roten Sandsteinbau mit zwei antikisierenden Plastiken in den Fassadennischen für sich selbst erbaut. Gegenüber in der Voßstraße stand später die monumentale Neue Reichskanzlei, deren Reste die sowjetische Besatzungsmacht gleich nach dem Krieg abtragen ließ. Um die Ecke in der Wilhelmstraße stand das „Palais Radziwill“, in dem Bismarck das Reichskanzleramt einrichtete und das ebenfalls nach Kriegende beseitigt wurde.

Der Wilhelmplatz als Erweiterung der Wilhelmstraße ist ebenfalls nicht mehr vorhanden, nur der angrenzende Zietenplatz an der Mohrenstraße wurde wieder hergestellt. Zieten war Chef des Leibhusarenregiments Friedrich II. er machte aus der Kavallerie eine schnelle, bewegliche Angriffstruppe. Bekannt ist der „Zietenritt“: Während des Zweiten Schlesischen Krieges ritt Zieten mit seinem gesamten Regiment unerkannt quer durch die österreichischen Stellungen. Und weiter: „Zieten aus dem Busch“ ist eine andere von ihm entwickelte Überraschungstaktik. Die Standbilder von sechs preußischen Generälen sind jetzt am Platz zu sehen, vier davon gerade erst vor einem Monat aufgestellt (von Winterfeldt, von Schwerin, von Keith, von Seydlitz), der "alte Dessauer" (Leopold der Erste Fürst von Anhalt und Dessau) und natürlich von Zieten standen schon dort.

Da ich schon nachmittags losgelaufen bin, schaffe ich es noch zu meinem Lieblings-Italiener-Schnellrestaurant am Neuen Tor und stärke mich mit einem Thunfischsteak, bevor er die Lampen ausschaltet.

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(1) Die Sternwarte war ab 1832 Ausgangspunkt der Preußischen optischen Telegrafenlinie nach Koblenz: Dorf ohne Bauernhöfe
(2) Mehr über die Sternwarte in der Dorotheenstraße: Wieso ist die Bananenflanke krumm
(3) Mehr über die Festlegung des Nullpunkts und über Landvermessung: Heim für Kolonisten und für Ausgebombte
(4) Mehr über die Wilhelmstraße und den Wilhelmplatz: Aufstieg und Fall (in) der Wilhelmstraße


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