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Von Zeitung zu Zeitung




Stadtbezirk: Kreuzberg
Bereich: Zeitungsviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Kochstraße
Datum: 16. November 2009

Von Zeitung zu Zeitung

In der Gegend um die Kochstraße wird das alte Zeitungsviertel neu belebt. Axel Caesar Springer hatte 1961 in Frontstadtzeiten bewusst sein Zeitungshaus an die Grenze zu Ost-Berlin gebaut, um Durchhaltewillen zu demonstrieren. Der Teil der Kochstraße, an dem die Zeitungen des Springerkonzerns (Welt, BZ, Berliner Morgenpost, Bild-Zeitung) entstehen, heißt heute Rudi-Dutschke-Straße - eine symbolische Wiedergutmachung für den Studentenführer der siebziger Jahre, der gegen die Meinungsmacht des Zeitungskonzerns gekämpft hat und auf den ein Attentat verübt wurde, das man auch auf die durch die Springer-Presse angeheizte Stimmung zurückführte.

Die Tageszeitung taz zog 1989 in Sichtweite des Springerhochhauses in die Kochstraße. Jetzt hat auch der Tagesspiegel 2009 seinen angestammten Platz in der Potsdamer Straße verlassen und ist zum Askanischen Platz gezogen. Schon wenn man die U-Bahntreppe des Anhalter Bahnhofs heraufkommt, liegt das vom Tagesspiegel bezogene Verlagshaus direkt vor einem. Für die Potsdamer Straße ist dies ein schwerer Verlust, sie ist jetzt noch weniger attraktiv als vorher.

Sex sells - sexuelle Andeutungen und Inhalte helfen, Produkte zu verkaufen, auch wenn denen dieses Thema eigentlich fremd ist (Beispiel: Autowerbung mit Bikini-Girls). Bei der Bild-Zeitung gehört das zum täglichen Marketing. Um das zu karikieren, hatte die taz einen Kampf mit der Bild-Zeitung angefangen, dessen Mittel selbst pubertär sind. Über den Chef der Bild-Zeitung hatte die taz berichtet, dass er sich einer Penisverlängerung unterzogen habe. Gegen diese Berichte wehrte Diekmann sich gerichtlich mit einer Unterlassungsverfügung. Jetzt ist diese Auseinandersetzung in eine neue Phase eingetreten. Am taz-Haus gibt es seit Anfang der Woche ein Kunstwerk von Peter Lenk, dessen Schöpfungen in Konstanz und vor der Berliner Investitionsbank ich vor kurzem ausführlich gewürdigt habe (Gegen die Wand gesetzt).

Peter Lenk hatte im letzten Jahr für Aufsehen gesorgt, als sein bisher deftigstes Werk "Gruppensexrelief" am Rathaus Bodman-Ludwigshafen eröffnet wurde. Nackt sieht man da Angela Merkel, Gerhard Schröder, Hans Eichel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle in heiterer Stimmung: "Die haben Spaß am Koalieren, Konsumieren und Kopulieren", sagt der Künstler über die nackten Figuren, die gegenseitig die Geschlechtsteile berühren oder umfassen. Wenn die taz Peter Lenk jetzt den Auftrag für ein Relief über den Kampf mit der Bild-Zeitung gegeben hat, durfte man auch hier deutliche Darstellungen erwarten. Als "Therapie für die sexuellen Obsessionen der Bild-Zeitung" lässt Lenk aus dem Schritt einer nackten männlichen Figur dessen Penis 16 Meter hoch auf der Wand über mehrere Stockwerke empor ragen. Das Gesicht zeigt Diekmann, den Bild-Zeitungs-Chef. Weitere kleine Reliefs kommentierten Schlagzeilen der Bild-Zeitung, z.B. über Viagra, über ein Gerichtsurteil zur Verwendung des Begriffs „Pimmel“, über eine Entmannung eines Menschen durch einen Dackel.

Dieses Kunstwerk ist vom Springerhaus deutlich zu sehen, es ist an der Seitenwand, nicht an der Straßenfront des taz-Hauses angebracht. Damit ist es etwas aus dem Blick der Öffentlichkeit, die in Teilen wie einzelne taz-Mitarbeiter auch für das Pubertäre dieser ganzen Auseinandersetzung und des Reliefs wenig Verständnis hat.

Auf dem Weg zwischen den Verlagshäusern kommen wir an mehreren interessanten Bauten vorbei: Am Haus der Ideal-Versicherung in der Kochstraße, das bei Dunkelheit seine Fenster farbig leuchtend einfasst. Am Wanderer-Haus, das der Auto-, Schreibmaschinen- und Fahrradfirma seinen Namen verdankt. Es liegt in der Rudi-Dutschke-Straße, trägt aber auf der Fassade als immerwährenden Protest gegen die Umbenennung den riesigen Schriftzug „Kochstr.60“. Früher befand sich hier die Pianofabrik Schwechten, aus deren Familie stammte der Architekt Franz Schwechten, der u.a. den Anhalter Bahnhof, die Gedächtniskirche und den Grunewaldturm gebaut hat.

Für unser abschließendes Essen laufen wir bis zur Mauerstraße zu einem Italiener, der hinter einer Baustelle nur von wenigen Gästen entdeckt wird.


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