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Gegen die Wand gesetzt


Stadtteil: Charlottenburg, Schöneberg
Bereich: Bundesallee, Tauentzienstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Regensbuger Straße
Datum: 2. November 2009

In der Hafeneinfahrt in Konstanz am Bodensee steht auf dem Pegelturm eine weithin sichtbare weibliche Figur, die Imperia. In den Händen trägt sie zwei kleine, nackte Figuren mit krummem Rücken: Kaiser Sigismund und Papst Martin V. Der Künstler Peter Lenk erinnert damit an das Konzil von Konstanz (ab 1414), das die Zeit von Papst und Gegenpapst und Gegen-Gegenpapst beenden und die Einheit der Kirche wieder herstellen sollte. Die Teilnehmer des Konzils kümmerten sich nicht nur um Kirchenfragen, sondern nahmen auch gern die Dienste der angereisten Liebesdienerinnen in Anspruch. Es war also ein Ringen um Lust und Frieden, dem Lenk ein ironisches Denkmal gesetzt hat, und man kann sich vorstellen, welche Bedenken die kirchlichen und staatlichen Würdenträger mit dieser Skulptur hatten und haben. Ein weiteres Werk von ihm, der Konstanzer Laubebrunnen, karikiert mit grotesken Figuren andere Verirrungen der Gesellschaft wie den Autowahn, die Eitelkeit, die Sexbesessenheit. Da sitzen sie im oder am Wasser mit ihren dicken Fettrollen und unförmig gewordenen Körpern, glotzen nackte Frauen an und speien Fontänen aus ihren Mündern.

Wenn eine Bank in Berlin eine Skulptur von Peter Lenk bestellt, dann ist sie entweder ahnungslos, sehr tolerant oder etwas masochistisch. Und wenn anschließend auch seine Tochter eine deftige Skulptur liefert, wo doch schon ein zerbeulter Höllenhund die Besucher nur ins Gebäude herein, aber nicht herausläßt? Aber der Reihe nach.

Zuerst hielt ich das für einen Bankeinbruch: drei Personen balancieren auf einer Leiter an der Fassade der Investitionsbank in der Bundesallee. Aber bei dieser Bank ist nichts zu holen, sie ist ein Spezialfinanzierer und keine Geschäftsbank. Dann war das also kein Banküberfall, sondern eine ironische Darstellung des Versuchs, die Karriereleiter hinaufzusteigen und dabei gleichzeitig die Konkurrenten wegzutreten oder ihnen heimzuleuchten, geschaffen von Peter Lenk. Die erste Version dieser Skulptur auf einem Firmengelände in Konstanz hatte schon Jahre zuvor Wirbel ausgelöst, nun protestierte der Bank-Personalrat in Berlin.

Vor der Tür des Bankhauses stand zu diesem Zeitpunkt bereits der "Cerberus" von Ewerdt Hilgemann. Der Zerberus ist in der griechischen Mythologie ein mehrköpfiger schlangenschwänziger Höllenhund, ein Wächter vor der Tür zum Hades, dem Totenreich, die man nur in einer Richtung passieren darf, man kommt hinein, aber nicht wieder heraus. Ein Höllenhund schützt die Bank, drinnen ist ein Totenreich? Man kann sich seinen Teil dazu denken, denn ähnliche Werke von Hilgemann trugen eher Namen wie „Implosion“. Sein "Cerberus" hat die Form eines Kubus, der implodiert ist. Man könnte zur Zeit der Finanzkrise auch an "gegen die Wand gesetzt" bei diesem verbogenen Teil denken, und keine dieser Assoziationen bringt der Bank ein positives Image.

Da kam es vielleicht nicht mehr drauf an, eine weitere Skulptur bei der Tochter Miriam Lenk in Auftrag zu geben, die für drastische Darstellungen bekannt ist. Sie hat eine überlebensgroße nackte Frau geschaffen, die einfach nur dasteht und ihre unförmige Masse von Schenkel- und Bauchfett ungeniert in die Gegend hält: „Yolanda”. Zum Oeuvre von Miriam Lenk gehören noch mehr Frauen dieses Kalibers, eine heißt Mepris - Verachtung. Schamhaft hat die Bank „Yolanda” in der Seitenstraße hinter einen Busch gestellt und zeigt auf der Homepage nur ein Foto der Dame vom Kopf bis zum Busen mit dem Hinweis, man könne sie "auf der Ostseite" des Gebäudes finden..

Das Bankgebäude selbst gehört zur Nachkriegsmoderne. Es riegelt die hier einmündende Regensbuger Straße bis auf einen Fußgängerpfad rigoros von der Bundesallee ab und setzt sich damit entsprechend dem Aufbruchs-Zeitgeist der frühen Nachkriegsjahre über bestehende Wege- und Straßenführungen hinweg. Auf unserem Weg vom Wittenbergplatz zum Viktoria-Luise-Platz waren wir schon auf den Rest eines anderen Bauwerks dieser Nachkriegsepoche gestoßen: Von der Marburger Straße zum Europa-Center gab es eine Fußgängerbrücke, von der heute nur noch ein Teil der Zugangstreppe steht, flankiert von dem "Schlemmer-Pylon", einem Gebäude, das einem Autobus ähnelt, drinnen ein Schnellimbiss, wohl mehr eine Boulettenmanufaktur, an einer meterlangen Theke. Auch auf diesem Weg stoßen wir wieder, sogar zwei Mal, auf den in schöner Schreibschrift seit Jahrzehnten unverändert gebliebenen Schriftzug des Leiser-Schuhhauses.

Über die Rankestraße kommen wir zur Bundesallee. Schräg gegenüber steht das ehemalige Joachimthalsche Gymnasium, das heute die Musikhochschule der UdK beherbergt. Weiter geht es über den Viktoria-Luise-Platz zur Motzstraße, wo wir den Abend mit einem griechischen Essen abschließen, das besser sein könnte.

Vor 5 Jahren, am 1. November 2004 waren wir ebenfalls vom Wittenbergplatz zum Viktoria-Luise-Platz gelaufen, unsere Route ging damals über die Budapester Straße. Berichtet hatte ich, dass Fabrizio am Viktoria-Luise-Platz landestypische Spezialitäten kocht und dass die Bedienung Charme und Witz hat. Aber schon damals war sein Lokal leer, inzwischen ist es verschwunden. Vorher waren wir vom KaDeWe bis zum Zoo geschlendert, hatten das Elefantentor und die Gedächtniskirche umrundet. Bei "Gipsnicht" in der Budapester Straße fanden wir damals ein interessantes Schaufenster mit zwei blauen Gipsherren.

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Aktualisierung im Dezember 2012
Im November 2012 hat der jetzige Bankchef die "Karriereleiter" von Peter Lenk abmontieren lassen, sie wurde auf einem Schrottplatz in Neukölln abgestellt. Es könnte sein, dass der Künstler wegen der „entwürdigende Präsentation“ der Arbeit klagt.


Damen mit ungeschützter Hutnadel
Alles muss raus