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Damen mit ungeschützter Hutnadel




Stadtbezirk: Wilmersdorf
Bereich: U3 - Wilmersdorf-Dahlemer-Untergrundbahn
Stadtplanaufruf: Berlin, Hohenzollernplatz
Datum: 3. April 2006

Damen mit ungeschützter Hutnadel

Damen mit ungeschützter Hutnadel waren in der 1902 in Betrieb genommenen Berliner U-Bahn unerwünscht. Heute gibt es höchstens Damen mit ungeschütztem Mundwerk. Mich sprach eine ältere Dame beim Fotografieren auf dem Bahnsteig an (wenn ich realistisch bin, war sie in meinem Alter) und fragte mich, was ich denn da um Gottes Willen fotografiere. Die schönen Mosaike über den Lampen hatte sie noch nicht gesehen. Vielleicht wollte sie auch nur in Kontakt kommen, aber die Vorstellung von piekenden Hutnadeln ließ mich schnell weitergehen.

Ich war also heute allein unterwegs. Angesichts des oderirdischen Regens ging ich 4 bis 8 Meter in den Untergrund und fuhr zwischen den vom Architekten Wilhelm Leitgebel gestalteten Bahnhöfen herum, die 1913 eröffnet wurden und die der drohend nahenden Reichshauptstadt Berlin die Prächtigkeit Wilmersdorfs unmissverständlich deutlich machen sollten. Im nächsten Jahrzehnt war dann auch Groß-Berlin angesagt, dafür hat Wilmersdorf hier rechtzeitig seine eigene Kraft demonstriert.

Alle von mir besuchten U-Bahnhöfe tragen geografische Namen, Frauennamen kommen auf der U-Bahn Berlins sowieso selten vor, abgesehen von Kaiserinnen und Jungfern. Ich stieg am Bahnhof Breitenbachplatz in die Tiefe. Der Platz ist durch die Schnellstraße, die ihn zerschneidet, für immer gezeichnet, aber im Untergrund erwarten mich dorische Säulen und Medaillons mit Tier- und Pflanzenmotiven. Seinen Namen hat dieser Bahnhof von dem preußischen Eisenbahnminister, der schon zu Lebzeiten so geehrt wurde.

Auf dem Weg in die Innenstadt ist der nächste Bahnhof am Rüdesheimer Platz, wegen der Fresken mit Insektendarstellungen auch "Wanzenbahnhof" genannt. Faune und Satyrn, Weinlaub und Trauben verweisen auf die Weinregion, nach der der Bahnhof benannt ist. Hier wie in anderen Bahnhöfen finden sich in den Wandvertiefungen teilweise Bilder von zeitgenössischen Malern. Dieser Bahnhof ist wie alle anderen auf meinem heutigen Wege rund 110 m lang.

Der U-Bahnhof Heidelberger Platz liegt als einziger doppelt so tief (8 m), weil er die Ringbahn unterqueren muss. Sein Kreuzgewölbe ruht auf Granitpfeilern, die runde Vorhalle am südlichen Ausgang wirkt wie ein unterirdischer Dom, dessen "Flüsterakustik" dem Architekten Leitgebel wohl eine zusätzliche gestalterische Herausforderung war. Kunstschmiede- und Mosaikarbeiten zeigen auch hier die Wohlhabenheit der Wilmersdorfer.

Der Bahnhof Fehrbelliner Platz liegt in einer starken Krümmung unterhalb des Verwaltungszentrums (Innensenator, BfA -> jetzt Deutsche Rentenversicherung Bund). Gestaltet mit Kassettendecken und keramikverkleideten Pfeilern, mit schmiedeeisernen Gittertoren an den Ausgängen. Unterhalb der Stationsnamen befinden sich Reliefs mit Pferdebahnen und Dampfstraßenbahnmotiven. In diesem Bahnhof, dessen äußeres Bahnhofsgebäude aus Nachkriegsbeton wie eine am falschen Platz aufgestellte Ölbohrinsel aussieht, hat Hitchcock seinen Film "Der zerrissene Vorhang" gedreht (und ihn mit künstlerischer Freiheit nach Ostberlin verlegt).

Zielbahnhof meiner heutigen Reise ist der Hohenzollernplatz. Hochherrschaftlich gestaltet, preußische Adler überall, bildliche Zitate der Ausblicke, die die Hohenzollern auf ihren Schlössern haben, zieren die Wandvertiefungen. Selbst der Grundstein von 1909 wurde wieder ausgebuddelt. In Betrieb gegangen ist der Bahnhof wie alle anderen auf meiner heutigen Route dann 1913, die Hohenzollern als deutsches Kaisergeschlecht haben also noch fünf Jahre Freude daran haben können, bevor die Demokratie der deutschen Monarchie endgültig den Abschiedskuss verpasste.

Da die U-Bahn auf dieser Strecke keine Kantine anbietet, fahre ich vom Breitenbachplatz nach Hause zurück und kaue an einer Tiefkühlpizza herum.


Glockenspiel auf dem Shoppingcenter
Gegen die Wand gesetzt