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Virtuelle Seidenstraße


Stadtteil: Moabit
Bereich: Stephankiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Stephanplatz
Datum: 11. März 2013

Über die Seidenstraße wurden früher Seide, Gewürze und andere Waren von China bis zum Mittelmeer transportiert. In Xian (China), dem Ausgrabungsort der Terrakotta-Armee, wurden die Karawanen zusammengestellt für die Reise nach Westen Richtung Syrien, zur Verschiffung der Waren in den Mittelmeerraum. Sechs bis acht Jahre dauerte es, bis die Karawane wieder nach Xian zurückkam. 36 Herrschaftsgebiete in Asien mussten durchquert werden, die Zölle verteuerten die Waren von Land zu Land, Karawanenräuber machten das Reisen unsicher. Es blieb nicht beim Warenaustausch, genauso wurden Religionen, Sitten und Gebräuche, Wissen, Kultur, aber auch Krankheiten auf diesem Weg verbreitet. Es war der Beginn einer Globalisierung, heute sind fast alle Statten in einem Netzwerk von gegenseitiger Unterstützung, Abhängigkeit und Konkurrenz miteinander verzahnt.

Der entbehrungsreiche Landweg wurde nicht mehr gebraucht, als China und Europa auf dem Seeweg miteinander verbunden waren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion verläuft die Landroute heute durch mehrere mittelasiatische Einzelstaaten, die in Demokratisierungsansätzen stecken und oft nicht sehr kooperativ mit ihren Nachbarn umgehen. Aber die touristische Bedeutung der alten Seidenstraße bringt sie zusammen, Usbekistan beispielsweise will ein Fernstraßennetz von knapp 3.000 Kilometern verwirklichen und sein Nachbar Tadschikistan knapp 2.000 Kilometer. Die Seidenstraße als transasiatischer Highway in der touristischen rush-hour - das kann einen grausen, ist aber wohl nicht aufzuhalten, weil jedes Land an der Tourismus-Entwicklung teilhaben will. Einen Mittelweg, der sanften Tourismus ermöglicht, sieht man dort offensichtlich nicht. Dabei gibt es auf der Welt durchaus Lösungen, beispielsweise Verkehr zu lenken, Zeitfenster einzurichten und Besucherzahlen zu begrenzen, um Kunstwerke zu schonen.

In Berlin liegen diese beiden Staaten der Seidenstraße nicht weit voneinander entfernt. Die Perleberger Straße verbindet als imaginäre Seidenstraße die Botschaften von Usbekistan (am östlichen Ende) und Tadschikistan (am westlichen Ende). Usbekistan hat im Kasernenviertel an der Rückseite der Kruppstraße (1) in einem ehemaligen Offizierskasino seine Botschaft eingerichtet. Der Bau aus gelben und roten Ziegeln mit Rundbogenfenstern ist baulich eher einer italienischen Villa als einer Kaserne verwandt. Hier waren Offiziere und keine Mannschafsgrade zu Gast, im Speisesaal saß oftmals Kaiser Wilhelm II. mit den Gardeoffizieren zu Tisch. In der Nachkriegszeit bat in diesen Räumen das "Ballhaus Tiergarten" das zivile Publikum zum Tanz, bis nach langem Leerstand Usbekistan ein Auge auf das am Rande von Moabit liegende Gebäude warf.

Von der Straße aus kann man in dem nicht zugänglichen ehemaligen Offiziersgarten einen Adler auf einer Säule erkennen. Es handelt sich um eine Erinnerungssäule für Offiziere, die im Deutsch-Französischen Krieg gefallen sind. Die 1880 festlich enthüllte Sandsteinsäule, die auf dem Schaft die Orte der einzelnen Schlachten nennt, wird von einem preußischen Adler bekrönt.

Tadschikistan residiert in einem Bau auf der spitzen Ecke zur Lübecker Straße. Der Backsteinbau mit breiter geschlossener Hauptfront hat auf beiden Seiten vertikale Mauervorsprünge, hinter denen die Fenster zurückgesetzt sind. Das Erdgeschoss ist wie ein Sockel unter das Gebäude geschoben, darüber kragen die oberen zwei Stockwerke hinaus. Damit ist der Bau nur gut halb so hoch wie die ortstypische Bebauung. Mit der Anordnung der Ziegel im Märkischen Mauerverband wird zurückhaltend an unsere Bautradition angeknüpft, ansonsten steht der Bau beziehungslos zur umgebenden Bebauung und ohne Bezug zum Blockrand. Eine stilisierte Krone auf der Hauptfassade mit sieben halbkreisförmig angeordneten Sternen ist aus der tadschikischen Flagge entlehnt, spontan war ich - Verzeihung - an die Kaffeemarke Jacobs Krönung erinnert. Tatsächlich enthält der Landesname den Begriff "Krone", die Sterne könnten Bevölkerungsgruppen repräsentieren. In einem Flaggenlexikon kann man lesen, die sieben Sterne stünden "für den Heiligen Geist und die sechs Schutzgeister der Rinder, des Feuers, des Metalls, der Erde, des Wassers und der Pflanzen", aber das gehört wohl in das Reich der Fabel. Die Desinformation im Internet erreicht manchmal die Qualität professioneller Falschmeldungen, die von Geheimdiensten verbreitet werden.

Zurück zu dem merkwürdigen Bau, der so gar nicht in das Bild einer Botschaft passt. Tadschikistan hat ihn 2006 von der Neuapostolischen Kirche gekauft, er wurde ursprünglich als Gotteshaus errichtet und nach Vereinigung der Berliner neuapostolischen Gemeinden nicht mehr gebraucht. Also die Nachnutzung einer Kirche als Botschaftsgebäude! Da hat das Nachbarland Usbekistan ein bedeutend besseres Händchen gehabt beim Kauf des historischen Offizierskasinos, das architektonisch nicht so abweisend wirkt wie die Kirche.

Wir sind heute vom Westhafen aus in den Stephankiez gekommen, das Stadtquartier zwischen Quitzowstraße und Perleberger Straße ist unser Ziel. Mit dem Hobrecht-Plan von 1862 (2) war die Grundlage für die Bebauung geschaffen worden, kurz danach in der Gründerzeit ab 1870 entstand hier ein Wohnquartier für Arbeiter. Neben privaten Grundstückseigentümern baute hier die Terraingesellschaft "Am kleinen Tiergarten" Wohnungen mit besserem Niveau als rein profitorientierte Mietskasernen. In den Vorderhäusern entstanden herrschaftliche Wohnungen, vielfach für die Offiziere des Kasernenviertels an der Kruppstraße. Das Eckhaus Birkenstraße/Havelberger Straße/Perleberger Straße mit einer Fassade aus roten und gelben Backsteinen wurde von der Terraingesellschaft errichtet, ist aber untypisch für die ganz überwiegend mit Stuckfassaden ausgestatteten Bauten in diesem Kiez. Es wurde 30 Jahre vor der Evangelischen Heilig-Geist-Kirche erbaut, deren Kirchenraum klein wirkt gegenüber dem mächtigen, 78 Meter hohen Kirchturm - himmelsstrebende Backsteingotik in moderner Gestalt.

Auch Hermann Blankenstein - der Berliner Stadtbaurat (3) - hat 1892 mit einem Schulgebäude am Stephanplatz ein von der Gotik inspiriertes Gebäude geschaffen. Waren seine früheren Schulen nüchterne Bauten aus gelben und roten Backsteinen, so zeigt dieses Spätwerk aus roten Ziegeln zinnengeschmückte Giebel, Friese über den Fensterbögen, farbige Terrakotten und grün lasierte Ziegel. Natürlich darf das Wappen mit dem Berliner Bären nicht fehlen, sonst wäre es kein echter Blankenstein-Bau. Am östlichen Ende der Stephanstraße hatte Blankenstein fünf Jahre vorher eine Gemeindeschule aus gelben und roten Klinkern in klassizistischen Stil gebaut.

Viele Stuckbauten hier im Kiez sind mit außergewöhnlich üppigen Darstellungen geschmückt. Ein Löwenkopf reicht nicht aus, darüber muss es noch eine Muschel sein, die von gebündeltem Grünzeug umgeben ist. Aus einiger Entfernung sieht das aus wie ein Hirschgeweih. Auch die typischen klassizistischen Köpfe sind von Ranken umgeben. Über den Stuckfiguren schwingen sich Bögen wie ein Baldachin. An der Stephanstraße wetteifern die Häuser mit besonderen Balkonformen. Jeweils in der dritten Etage ein durchgehender rechteckiger Balkon, drei Fensterachsen breit, in der Etage darunter zwei oder sogar drei einzelne halbrunde Balkons. Wie albern sieht dagegen ein entstucktes Nebenhaus aus, bei dem sechs vergitterte Fußbadewannen an der Fassade hängen.

Im "Lebenstraum"-Haus an der Perleberger Ecke Lübecker Straße wird generationsübergreifendes Wohnen verwirklicht. Auch Selbsthilfegruppen haben hier eine Anlaufstelle, und es gibt eine Beratungsstelle für Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. In einer Zeit, in der bezahlbare Wohnungen immer knapper werden und die Vereinzelung der Menschen zunimmt, ist so eine Initiative ein Lichtblick. Die Selbstbaugenossenschaft unterstützt solche selbstverwalteten Bauprojekte, die aber wegen des notwendigen enormen Engagements aller Beteiligten viel Durchhaltevermögen erfordern.

An der Turmstraße gönnen wir uns noch einen Milchkaffee, bevor wir in die U-Bahn steigen.

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(1) Kasernenviertel an der Kruppstraße: Haben Sie gedient?
(2) James Hobrecht: Hobrecht, James
(3) Hermann Blankenstein: Blankenstein, Hermann Stadtbaurat

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Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag: Virtuelle Seidenstraße (11.3.2013)


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... Es folgen zwei Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Kampf des Löwen gegen die Schlange
Welt im Kleinen, Architektur im Großen