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Der echte Film über ein falsches Leben


Stadtteil: Moabit
Bereich: Beusselkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Bremer Straße
Datum: 5. September 2016
Bericht Nr.: 558

Auf dem Bahngelände an der Beusselstraße steht ein Haus auf einem Haus: unten ein schmales dreistöckiges Gebäude aus gelbem Backstein, auf dem ein halbhohes Fachwerkhaus mit größerer Grundfläche abgestellt ist. Fachlich richtig wäre es natürlich, von einem "Unterbau mit auskragendem Fachwerkgeschoss und ziegelgedecktem Dach" zu sprechen. Es ist das "Mwt", Moabit West Turmstellwerk, also ein Stellwerk, das die Signale freigab und gleichzeitig die Dampflokomotiven mit Wasser versorgte, denn im Fachwerkgeschoss ist ein Wassertank untergebracht. An das Stellwerk grenzte ein halbrunder Lokomotivschuppen an, der nicht mehr vorhanden ist.

Güterbahnhof Moabit
Das Haus mit dem Fachwerkaufsatz ist eines der wenigen Relikte, die vom Güterbahnhof Moabit übrig geblieben sind. Der Güterbahnhof - kurz vor 1900 gebaut - war ein Motor der Industrie- und Gewerbeansiedlung, zusammen mit dem Westhafen, der nördlich an das Bahngelände angrenzt. Der Westhafen war fast zeitgleich geplant worden, ging aber erst nach dem Ersten Weltkrieg in Betrieb. Im Huttenkiez westlich der Beusselstraße arbeiteten große Industriebetriebe, der Ortsteil war um 1900 das größte innerstädtische Industriegebiet Berlins. Östlich der Beusselstraße entstand ein Wohngebiet, der Beusselkiez, in dem wir heute flanieren.


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Wir laufen durch ein Wohnquartier, das verkehrsberuhigt ist und mit Grünflächen erstaunlich gut versorgt. Eine Umgehungsstraße am Nordrand des Quartiers - die Erna-Samuel-Straße - erschließt die Gewerbeflächen an der Siemensstraße, über die früher der Verkehr in das Viertel hereinkam. Auf einem Teil des ehemaligen Güterbahnhofs hat ein Großmarkt seine Verkaufshalle errichtet. Über seinem Parkplatz faltet sich ein Dach wie eine Großplastik auf. Zwischen dieser Gewerbefläche und weiteren Industriebetrieben am anderen Ende des ehemaligen Bahnhofsgeländes hat ein öffentlicher Park eine Nische gefunden, die dem Bürger vorbehalten ist.

Moabiter Stadtgarten (Bürgerpark)
Es ist eine kleine Oase, ein ungewöhnlicher Park, der tatsächlich mit den Bürgern zusammen entwickelt wurde, wo Bürgerbeteiligung als aktives Gestalten und nicht nur formales Anhören praktiziert wurde. Die Fläche ist nicht einfach abgeräumt worden, sondern nimmt Themen der früheren Nutzung als Eisenbahngelände auf. Von der Bebauung des Güterbahnhofs blieb ein Güterschuppen stehen, der für Kunst, Kultur und Ausstellungen genutzt werden kann. Eine große Freifläche steht Bürgergruppen für das Urban Gardening zur Verfügung. Hier können sie gemeinsam Grünzeug heranziehen, "Bauerngarten", "Natürlich essen" oder "Bayern" nennen sich beispielsweise die Ziele des gemeinsamen Anbaus.

Eisenbahnschienen hat man zu Aufhängungen für Schaukeln oder einfach als Kunstobjekte zu Halbkreisen gebogen. Gummireifen wurden zu Sesseln oder Spielgeräten wie beispielsweise einem Motorrad. Spielplätze haben Themen aus der Eisenbahnzeit wie "Koffer-Kisten". Sitzplätze und Liegewiesen mit Obstbäumen laden ein, auch wenn hinter einer langen halbhohen roten Mauer Straßenverkehr und Güterzüge entfernt zu hören sind. Für einen Moment vergessen wir, dass wir zum Flanieren hergekommen sind, setzen uns und genießen einfach die Harmonie um uns herum. Hier gibt es keine Graffiti und keinen Vandalismus, weil alle spüren, dass das "ihr" Garten ist.


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Unionplatz, Unionpark
Vom Stadtgarten kommt man über den Unionplatz in den Unionpark, einen gestalteten Grüngürtel im Innenbereich zwischen Wiclefstraße und Unionstraße. Auf abgeräumten Trümmergrundstücken hatte sich hier ein ruhiger Innenhof gebildet, der inzwischen zu einem Park ausgebaut wurde. Ein Skaterplatz und Spielplätze, aber auch Ruhezonen sind hier entstanden. Aus der Blockrandbebauung sind in der Unionstraße und der Bremer Straße jeweils zwei Häuser weggebombt worden, in der Wiclefstraße ein Haus. Durch die dadurch entstandenen Lücken kann man heute den Park betreten.

Die schönste Straße Deutschlands
An der Ecke Wiclefstraße und Emdener Straße liegt eine weitere Grünanlage mit Fußballplatz, die bis zur Waldenserstraße heran reicht. „Die schönste Straße Deutschlands“ , diesen Preis bekam die Emdener Straße vor drei Jahren vom Deutschen Städtetag zugesprochen. Geehrt wurde hier in erster Linie das nachbarschaftliche Engagement, weniger die Ästhetik, vor allem auch der Kampf gegen das "Moabiter Drogendreieck". Anwohner hatten sich zusammengeschlossen, den Müll weggeräumt, Baumscheiben bepflanzt, Stromkästen bemalt. Durch ihre Initiative wurde die vormals verwahrloste Straße wieder auf Vordermann gebracht, das Wohnumfeld verbessert.

Wohnviertel der Fabrikarbeiter
Die Mietskasernen in den Arbeitervierteln hatten eine soziale Schichtung der Wohnungen je nach Etage und Lage im Vorderhaus oder in den Hofgebäuden. Hinter der Stuckfassade des Vorderhauses wohnten die "Bessergestellten", der Hauseigentümer, kleine Unternehmer, Beamte und Angestellte, wobei die "Beletage" (das Hochparterre) die beste Größe, Raumhöhe und Ausstattung hatte. Zu den oberen Etagen hin wurden die Räume niedriger, die Ausstattungen einfacher. Die Hofgebäude waren die eigentlichen Mietskasernen, hier wohnte das Proletariat in meist überbelegten Wohnungen, in denen zusätzlich "Schlafburschen“ ein Bett für wenige Stunden nutzten.

Der Beusselkiez war ein Wohnquartier der Fabrikarbeiter. Den krassen Gegensatz von verzierten Stuckfassaden und elenden Wohnverhältnissen gab es beispielsweise bei einer Miethausgruppe in der Wittstocker Straße, die heute Denkmalschutz genießt. Die Häuser wurden bis auf eins von Maurermeistern errichtet, die an Baugewerkschulen für die Tätigkeit als Architekt fortgebildet worden waren. Die Bodenspekulation war so angeheizt, dass die Maurermeister ihre Häuser teilweise noch in der Bauzeit weiter verkauften. Die meisten Gebäude enthielten hier auch im Vorderhaus nur Einzimmerwohnungen. Eine Untersuchung der Wohnbedingungen durch die AOK in den 1910er Jahren zeigte für die Wittstocker Straße 5, dass sich dort eine Familie mit acht Kindern im Hinterhaus eine Stube teilen musste.

Aber es gab auch einzelne Beispiele von Reformarchitektur. In der Sickingenstraße 7-8 errichtete Alfred Messel für eine Baugenossenschaft eine Wohnanlage, deren Gebäude einen großzügigen, begrünten Wohnhof umschließen. Es entstand ein städtisches Mietshaus mit hellen, gesunden und dennoch billigen Wohnungen. Den Bewohnern standen Gemeinschaftseinrichtungen wie Badezimmer, Duschen und Waschküchen zur Verfügung, aber auch eine Bibliothek. Für die Kinder gab es einen Spielplatz auf dem Hof. Läden im Erdgeschoss deckten den täglichen Bedarf.

Im Kontrast zu den historisierenden Bauten seiner Zeit schuf Messel ein Mietwohngebäude im Landhausstil. Die Straßenfronten der beiden Häuser sind spiegelbildlich aufeinander bezogen und enthalten Laubengänge und Balkone, von denen manche über die gesamte Gebäudebreite reichen. Hinter den beiden Säulenportalen öffnet sich überraschend eine zweigeschossige Eingangshalle. Erst im oberen Galeriegeschoss beginnt dort die Treppe, die die Wohnetagen erschließt. Franz Messel errichtete nach dem Doppelhaus in der Sickingenstraße weitere genossenschaftliche Wohnanlagen, beispielsweise die Weisbachsiedlung in Friedrichshain.


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Der falsche Prinz
In Berlin haben schon skurrile Adlige gelebt - echte und falsche. Man denke nur an den Schausteller vom Plänterwald, der ein paar Wochen lang König von Albanien war oder an den österreichischen Prinzen, der das bürgerliche Leben dem höfischen vorzog und in Berlin in einen Hinterhof zog. In der Rostocker Straße in Moabit eröffnete Harry Domela 1929 die Domela-Lichtspiele, ein Kino mit 150 Plätzen, in dem bis zur Schließung nach drei Monaten der echte Film über sein falsches Leben gespielt wurde: "Der falsche Prinz". Domela war staatenlos, als Deutscher im russischen Kurland geboren. Wie das ist ohne Pass, das hat Bertold Brecht in den "Flüchtlingsgesprächen" karikiert: "Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird".

Über Stationen als Kindersoldat, Trebegänger in Berlin, Hausierer kommt Domela nach Heidelberg, wo - wie er weiß - im Korps Saxo-Borussia überwiegend kurländische Adlige Mitglied sind, und mit dem Kurland kennt er sich aus, da ist er geboren. Bei der Burschenschaft führt er sich als Prinz von Lieven ein, lässt es aber auch zu, dass man das als Pseudonym ansieht, ihn in Wirklichkeit für den Enkel des letzten Kaisers, Prinz Wilhelm hält. Als Durchlaucht wird er in Erfurt, Gotha und Weimar bei den Adligen weiter gereicht, wird zur Jagd eingeladen. Als Zeitungen über ihn berichten, fällt der Schwindel auf, er wird verhaftet. Doch kaum einer will gegen ihn aussagen, dazu ist es den Adligen zu peinlich, und so kommt er mit einer geringen Gefängnisstrafe davon

Der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch berichtet über ihn, Thomas Mann nimmt Domelas Geschichte als Anstoß zu seinem Buch "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Im Gefängnis schreibt Domela seine Geschichte auf . Sein Buch wird schnell über 100.000 Mal verkauft und dann mit ihm in der Hauptrolle verfilmt und in seinem Kino gezeigt. Doch mit der Schließung des Kinos ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Domela kämpft im Spanischen Bürgerkrieg mit den Republikanern, gelangt statt nach Mexiko oder Kuba, wo er hin wollte, nach Venezuela. Dort arbeitet er zuletzt als Kunsterzieher. Zeitlebens ward er von den Komplikationen verfolgt, die sich aus seinem illegalen Status ergaben.


Das Flaniermahl ruft, und so streben wir an der Arminius-Markthalle und dem Stall der Pferdestraßenbahn vorbei in Richtung Turmstraße. Die Füße haben sich eine Pause verdient, und so nehmen wir mit einem Italiener für unser Flaniermahl vorlieb, der weder draußen (laute Straße) noch drinnen (düsterer Raum) wirklich unseren Wünschen entspricht. Doch Essen und Wein schmecken, und so sind wir genügsam, wenn nicht alle unsere Ansprüche erfüllt werden.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Häuser als Punkte und als Scheiben
Ein Amerikaner in Berlin