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Brücken, die auf Reisen gehen


Stadtteil: Mitte
Bereich: Friedrichstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Schiffbauerdamm
Datum: 19. Dezember 2016
Bericht Nr: 573

Die Römer haben im spanischen Alcántara eine Steinbrücke erbaut, die seit fast 2.000 Jahren ihren Dienst tut. So alt werden unsere Brücken nicht. Irgendwann werden sie zu klein, sind zu wenig attraktiv oder baufällig und werden durch einen Neubau ersetzt. In Berlin war man schon immer schnell dabei, abzureißen und neu zu bauen. Aber was macht man mit der alten Brücke, wenn sie noch gebrauchsfähig ist? Wir wissen, dass in Berlin Häuser versetzt werden und Flüsse umgeleitet, aber werden auch Brücken verschoben?

Die Weidendamme Brücke
Die Brücke über die Spree an der Friedrichstraße ist eine Berliner Institution. Theodor Fontane hat sich 1845 über der Spree verlobt. Heute hängt man love-locks (Liebesschlösser) an den Reichsadler, um sich ewige Liebe zu schwören. Die Schlösser beseitigt das Bezirksamt regelmäßig, die Liebe hält hoffentlich etwas länger. Erich Kästners Kinderstars "Pünktchen und Anton" verkauften auf der Brücke Streichhölzer und Schnürsenkel, heute sitzen dort Bettler mit Pappbechern. Wolf Biermann ließ sich vor dem "Ikarus aus Eisenguß" fotografieren, hielt ihn allerdings für ein preußisches Symbol und nicht für das Hoheitszeichen des Deutschen Reiches. Christa Wolf erzählt in "Leibhaftig" von einem unwirklichen traumähnlichen Zusammentreffen auf der Brücke mit einem Paar, in dessen Blick Fluchtgedanken liegen.

Es gibt nicht "die" Weidendammer Brücke, denn sie ist mehrfach neu gebaut worden, und eine ist sogar auf Reisen gegangen. Die erste Brücke führte 1690 als Klappbrücke über die Spree. Die Produkte der Ziegelei an der parallel zum Wasser verlaufenden Ziegelstraße wurden über den Fluss transportiert. Es folgte 1825 eine gusseiserne Bogenbrücke, auf der Fontane sein Heiratsversprechen mit einem Kuss besiegelte. Diese Brücke hatte getrennte Fahrbahnen für Fuhrwerke und Fußgänger. Später kam für die Pferdebahn/Straßenbahn ein hölzernes Brückengerüst über die Spree hinzu.

Zunehmender Straßen- und Schiffsverkehr führte 1897 zu einem Brückenneubau, der - verziert mit Reichsadler und Kaiserkrone - auch den Repräsentationsbedürfnissen der Kaiserzeit Rechnung trug. Die Kaiserkrone war eine Fiktion, denn Wilhelm I. wurde nicht gekrönt, sondern nur proklamiert. Diese Bogenträgerbrücke ist bis heute in Betrieb. Namhafte Kunsthandwerker statteten die Brüstungen und Masten mit schmiedeeisernen Dekorationen aus. Dazu gehören auch Indianerköpfe, die offensichtlich auf die Kolonialzeit verweisen.


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Mit dem Bau der heutigen U-Bahnlinie U6 im Bereich des Bahnhofs Friedrichstraße wurde kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs begonnen. Dafür musste die Spree unterquert werden, die Weidendammer Brücke war im Weg. So wurde sie kurzerhand zerlegt und danach in überarbeiteter Form auf neuen Widerlagern aufgesetzt. Beim Tunnelbau gab es ein Problem mit einem "Nassen Dreieck" - dem Spreedreieck -, der Boden gab nach. Um tragfähigen Grund zu erreichen, musste der Tunnel in großer Tiefe auf Pfeilern abgestützt werden. Wegen der Spreeunterquerung liegt der U-Bahnhof Friedrichstraße in 6,60 Meter Tiefe, die Treppe führt über ein Zwischengeschoss mit Vorhalle.

Die Weidendammer Brücke geht zweimal auf Reisen
Doch wo blieb die alte gusseiserne Brücke, die zwar zu klein, aber immer noch gebrauchsfähig war? Sie führte jetzt bei Oderberg über den Finowkanal. Eine durch Holzhandel reich gewordene Gemeinde kaufte die demontierten Teile der alten Weidendammer Brücke und baute sie so wieder auf, dass ihre Bürger hierüber auf die Oderwiesen gelangen konnten. 15 Jahre später warf das Wasser- und Schiffahrtsamt - damals Kanalverwaltung Eberswalde - einen begehrlichen Blick auf die etwas unterbeschäftigte Brücke.

Die Kanalverwaltung konnte die Brücke in Eberwalde gebrauchen, um einen Treidelweg über ein privates Fabrikgelände hinweg fortzusetzen. Manchmal wurde sie Teufelsbrücke genannt, von Menschenhand konnten diese im Wasser stehenden Bögen nicht geschaffen sein. Mehrmals gestutzt und zweimal umgezogen, wurde die alte Brücke irgendwann zum Treideln nicht mehr gebraucht. Aufmerksame Bürger konnten verhindern, dass das Wasserstrassenamt sie verschrottet, jetzt ist sie ein Industriedenkmal.

Noch eine reisende Brücke: Fußgängerbrücke zum Europa-Center
Kurzer Blick auf eine andere wandernde Brücke, die allerdings in Berlin blieb: Als das Europa-Center 1965 eingeweiht wurde, führten dorthin zwei Fußgängerbrücken, eine über die Tauentzienstraße und eine über die Budapester Straße. Beide gibt es heute nicht mehr. Die Fußgängerbrücke über die Tauentzienstraße wurde nach 15 Jahren abgebaut und umgesetzt. Man sagt, sie hätte den Blick auf die Gedächtniskirche behindert. Die 77 Meter lange Fußgängerbrücke führt seitdem in der Nähe von West-Staaken am ehemaligen DDR-Grenzkontrollpunkt über die Heerstraße. Sockel und Treppe der Brücke in der Marburger Straße blieben zunächst stehen. Hier eröffnete ein Imbiss, der sich "Schlemmer-Pylon" nannte - ein Imbiss unterm Brückenrest.

Bahnbrücke und Schlütersteg
Nicht nur die Weidendammer Brücke ist heute unser Flanierziel. In Sichtweite schlagen hier weitere Brücken einen Bogen über die Spree. Die Bahnbrücke am Bahnhof Friedrichstraße bringt auch Fußgänger ans andere Ufer. Über dem Reichstagsufer kann man vom Bahnhof aus in die Fußgängerebene heruntergehen, von der Straße gibt es einen Aufstieg.

Das war nicht immer so, erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Überquerung für die Fußgänger eingebaut. Eingriffe in das Brückenbauwerk kann man auch an den Bögen erkennen: Die äußeren Bögen stammen noch aus der Bauzeit - sie sind genietet, während die inneren Bögen nach der Wende ersetzt wurden - sie sind geschweißt.


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Im Jahre 1886 wurde an der Dorotheenstraße eine Markthalle eröffnet, deren Reste heute in den Baukomplex des Bundespresseamts integriert sind. Um den Bewohnern der gegenüberliegenden Spreeseite in der Friedrich-Wilhelm-Stadt einen direkten Zugang zu ermöglichen, baute man 1890 eine Fußgängerbrücke - den Schlütersteg - vom Schiffbauerdamm zur Neustädtischen Kirchstraße. Der Steg überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht. Er wurde nicht wieder aufgebaut, stattdessen hat man die Verbindung über die Spree in die Bahnbrücke integriert.

Marschallbrücke, noch eine Brückenwanderung
In prominenter Lage am ARD-Hauptstadtstudio, am "Band des Bundes" und in Sichtweite des Reichstags führt die Marschallbrücke von der Wilhelmstraße zur Luisenstraße über die Spree. Auch diese Brücke gab es in mehreren Versionen, und auch hier wanderte ein Bauteil zu neuen Zielen. Zuerst gab es eine hölzerne Laufbrücke, dann eine vom Bankier Ephraim gesponsorte "Judenbrücke", schließlich 1820 die Marschallbrücke, die nach Feldmarschall Blücher benannt ist und damit an die Befreiungskriege mit dem Sieg über Frankreich erinnert. Schinkel hatte mit seinem Entwurf der Marschallbrücke keine Gnade gefunden, sie war dem König zu aufwendig und damit zu teuer.

Die im Krieg beschädigte Brücke hat man nach der Wende aus alten gusseisernen Bögen und neuen Stahlträgern zu einem Brückenbauwerk nach heutigen Ansprüchen umgebaut und dabei Teile wie Geländer früherem Aussehen "nachempfunden". Bauteile der alten Brücke - die Bogenträger - wanderten zum Landwehrkanal und sind dort für die Fußgängerbrücke zum Technikmuseum verwendet worden.


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Ebertbrücke
Auch die ursprüngliche Ebertbrücke musste einmal dem Bahnbau weichen. Zwischen Friedrichstraße und Museumsinsel überquert sie die Spree, heute als unscheinbares Provisorium aus Teilen abgebauter Stahlhochstraßen. Die erste Brücke war die hölzerne "Aktienbrücke", für die Maut erhoben wurde. Ein Rechnungsrat Ebert hatte hierzu die „Brückenbau-Actiengesellschaft“ gegründet, nach ihm ist bis heute diese Spreeüberquerung benannt. Um 1900 wurde die Brücke - inzwischen in städtischer Hand - durch ein Bauwerk aus Granit und Schmiedeeisen ersetzt. Als 1934 der Nord-Süd-Tunnel der S-Bahn zwischen Oranienburger Straße und Friedrichstraße erbaut wurde, querte er - wie sollte es anders sein - genau unter der Brücke die Spree. Die Brücke musste weichen und wurde später als eine einfache Stahlträgerbrücke neu gebaut, unter der der Tunnel berührungsfrei verlief.

Als die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Brücke im Wasser lag, kam die Rote Armee ohne Kenntnis der Örtlichkeiten auf die Idee, die Reste zu sprengen. Dabei beschädigte sie die Tunneldecke der Bahn, der Nord-Süd-Tunnel lief voll Wasser. Die DDR nutze den peinlichen Fehler zur Propaganda, verlegte die Sprengung verbal zum Landwehrkanal und beschuldigte die SS.

Mit einem Blick auf die Baustellen in Freibergers "Forum Museumsinsel" und das endlich wieder sichtbare, schmuck herausgeputzte Postfuhramt endet dieser Rundgang.

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Weitere Spreebrücken auf anderen Rundgängen:
> Alle Brücken rund um die Spreeinsel/Fischerinsel/Musumsinsel:
Brückentag
> Brückenschlag nach Moabit:
Gondelfahrt nach Moabit
> Bahnhof Friedrichstraße:
Berlins gefühlte Mitte

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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