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Die Spuren sind verweht


Stadtteil: Mitte
Bereich: Scheunenviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Neue Schönhauser Straße
Datum: 8. Dezember 2014
Bericht Nr: 489

Ein Strom von Flüchtlingen aus Osteuropa erreichte Berlin in der Kaiserzeit und danach während der Weimarer Republik. Über den 1891 eingerichteten Auswandererbahnhof in Spandau (1) wurden die Migranten mit der Eisenbahn zu den Auswandererhallen in Hamburg oder zum Auswandererhaus in Bremerhaven weiter geleitet, um von dort aus mit dem Schiff in die Neue Welt zu fahren. Es waren zu Anfang vor allem mittellose, so genannte Ostjuden aus Russland, Polen, Rumänien, der Ukraine, die vor Verfolgung und Pogromen geflüchtet waren. Wenn sie auf dem Weg nach Amerika in Berlin strandeten, wurde das Scheunenviertel ihre neue Heimat. Die Flüchtlinge aus dem russischen Mittelstand und der Oberschicht, die ihr Land wegen der Oktoberrevolution verließen, konzentrierten sich in Charlottenburg. Sie bauten hier ein "kleines Russland" auf, eigenständig mit kulturellen Veranstaltungen und Restaurants bis hin zu Friseuren, Kindergärten und Gymnasien, man nannte es bald "Charlottengrad" (1a).

Das Rosenthaler Tor in der Stadtmauer (2) war der einzige Zugang nach Berlin, den Juden benutzen durften. Vor dem Tor gab es eine "Juden-Herberge", in der abgewiesene oder noch nicht vorgelassene Juden übernachten konnten. Wer keinen Fürsprecher oder keine Anstellung in der Stadt nachweisen konnte, wurde nicht eingelassen. Vom Rosenthaler Tor führt die Alte Schönhauser Straße unmittelbar ins Scheunenviertel. Wegen der Brandgefahr hatte man 1672 Scheunen aus dem Stadtgebiet hierher verbannt (3). Schon bald entstanden hier auch Wohnhäuser, die verarmten Ostjuden als Zufluchtsort dienten, das Quartier wurde so zum Armenviertel und Hinterhof von Berlin. Ein ostjüdisches ,,Schtetl" war entstanden, ein Ort jüdischen Zusammenhalts und innigster Frömmigkeit trotz Enge und Armut.

Die Bewohner mit Bart, Schläfenlocken und Kaftan und die Betstuben, Lesehallen und koscheren Geschäften prägten das Bild des Viertels. Frömmigkeit und Tradition standen in starkem Kontrast zu den Kaschemmen, zu Prostitution und Kriminalität, die sich hier ebenfalls ausgebreitet hatten. Die unscheinbare Steinstraße wurde 1809 öffentlich zum Standort für Bordelle bestimmt. Mit wenigen festgelegten Gassen wollte man die Prostitution aus anderen Straßen verbannen. Noch heute befindet sich ein Bordell dort neben einem Partykeller, erkennbar an den Klingelschildern Marc Chagall, Vincent van Gogh, Pablo Picasso - wahrscheinlich glauben die Damen, dass sie mit dem Pinsel genauso virtuos umgehen können wie die berühmten Maler.

In den Straßen des Scheunenviertels herrschte ein wuseliges, marktähnliches Treiben. Händler und Hausierer versuchten so, ihren kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen. Wer eine Beschäftigung hatte, arbeitete vielleicht bei Zigarettenfabriken wie Muratti, Garbaty, Manoli, Mahala-Problem oder Josetti (4). Jüdische Einrichtungen im Kiez versuchten, in der Not zu helfen, sie boten Bildung und Ausbildung an, förderten die jüdische Kultur. Für die liberalen Juden, die im Berliner Bürgertum angekommen sind, waren die wallenden Bärte, schwarzen Kaftane und die jiddische Sprache fast genauso fremd wie für die übrigen Berliner. Schon in der Oranienburger Straße rund um die Neue Synagoge (5) waren konservative Ostjuden fremde Wesen. In der antisemitischen Propaganda wurde die Fremdheit ausgenutzt. Im November 1923 veranstalteten aufgehetzte Erwerbslose ein Pogrom im Scheunenviertel, wo sie randalierten, Anwohner und Passanten verprügelten sowie Geschäfte und Wohnungen plünderten, während die Polizei weitgehend tatenlos zusah. Später verunglimpften die Nazis das Scheunenviertel als "jüdische Verbrecherzentrum".

Von dem jüdischen Scheunenviertel ist nichts geblieben. Die jüdische Kultur wurde in der Nazizeit ausgelöscht. Kurz vor der "Reichskristallnacht" wurden im Oktober 1938 mehr als zehntausend polnische Juden nach Polen zurückgebracht, andere Juden wurden in Konzentrationslager deportiert und umgebracht. Die DDR interessierte sich für verfolgte Kommunisten, Antifaschisten und Widerstandskämpfer, die Juden waren ihr ziemlich egal. Mit der nach dem Krieg noch vorhandenen Substanz ging die DDR beliebig um, wie anderswo wurden auch hier im Einzelfall funktionsfähige Altbauten abgerissen, um Plattenbauten dafür hinzustellen. "Was der Krieg verschonte, überlebt im Sozialismus nicht", steht zur Wendezeit an einem heruntergekommenen Altbau in der Mulackstraße 37. Das Bild hat es sogar bis in die Sammlung der New Yorker MoMA geschafft. Es ist paradox, aber dieses Haus steht heute herausgeputzt an seinem Platz, dabei war es bereits "entmietet" und mit Bohrlöchern für die Sprengung versehen. Es war eine Bürgerinitiative, die den Abriss im Scheunenviertel stoppen konnte, stattdessen wurde der Kiez ein Sanierungsgebiet.

Die Rückerstraße, die in die Mulackstraße einmündet, hieß ursprünglich Wüste Gasse, weil sie nicht genutzt wurde, "wüst lag". Der Garnisonfriedhof (6) erstreckte sich früher bis zur Rückerstraße, davon ist nur der Teil westlich der Gormannstraße erhalten geblieben. An der Ecke Mulackstraße hatte die Berliner Schlächterinnung ihr Gewerkehaus, genannt "Ochsenhaus". Danach wurde es zur "Mulackei", einem "Siechenhaus menschlichen Elends". Obdachlose, Bettler, Prostituierte, kleine Hehler wurden hierher ins Arbeitshaus gebracht. Später wurden Wohnungen an arme Leute vermietet. In dem Eckgebäude mit drei großen Hinterhäusern befand sich auch eine Schmiede.

Die Mulackstraße war eng und überbevölkert, der Name "Mulackritze" einer Eckkneipe wurde bald das Synonym für die ganze Straße. In der Mulackritze verkehrte Adolf Leib, der Vorsitzende des Ringvereins "Geselligkeits-Club Immertreu". Leib hatte Fritz Lang bei seinem Film "M - eine Stadt sucht einen Mörder" beraten, in dem ein Ringverein der Polizei bei der Suche nach einem Kindermörder hilft. Ansonsten hielten Ringvereine der Polizei gegenüber den Mund und beschäftigten sich mit Überfällen, Prostitution, dem Verschieben von Waren und Alkohol.

Die Mulackritze war schon in der Kaiserzeit ein Treffpunkt von Transvestiten und Homosexuellen, und das änderte sich bis zum Abriss des Hauses 1963 nicht, nachdem man dem Lokal genau wegen dieser hier verkehrenden Gäste die Schankkonzession entzogen hatte. Charlotte von Mahlsdorf hat die originale Inneneinrichtung aus dem Jahre 1890 mit Tresen und Büffet retten können, beides befindet sich jetzt im Gründerzeit-Museum in Mahlsdorf (7). Heute ist die Mulackstraße eine ruhige Wohn- und Geschäftsstraße, die für ihre Designergeschäfte bekannt ist.

Vom Sophien-Gymnasium ist in der Weinmeisterstraße das Rektorengebäude erhalten geblieben, ein klassizistischer Bau mit einem langen Fries unter dem Dachsims und Reliefs auf beiden Seiten der Durchfahrt. Die originalen Tonreliefs waren an Schinkels Bauakademie angebracht - es lohnt sich, in die Einfahrt hineinzugehen. Das seit fast 150 Jahren eng mit der Bildung von Kindern und Jugendlichen verbundene Haus kümmert sich weiterhin um die "kulturelle Bildung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene", nachdem der Verkauf an einen Investor verhindert werden konnte.

Die Bötzows kennen wir als Bierbrauer, ihre Brauerei an der Prenzlauer Allee war Berlins größte Privatbrauerei (8). Weniger bekannt sind sie als Großgrundbesitzer, von der Linienstraße über die Schönhauser Allee bis zur Prenzlauer Allee haben sie im Verlauf der Generationen immer mehr Ländereien hinzu erworben. Dem Haus Alte Schönhauser Straße 23-24 sieht man es nicht an, dass hier einmal ein Gut der Bötzows bestand mit einer Brennerei und später auch einer Brauerei. 1877 hat Bötzow eine Hofwohnung unentgeltlich zwei Ärztinnen zur Verfügung gestellt, um eine Poliklinik für Minderbemittelte zu betreiben.

Der Gutshof hat 32 Meter Straßenfront und war bebaut mit einem Doppelwohnhaus, Seitengebäuden, Quergebäude und zwei Scheunen. Die Breite des Grundstücks ist ungewöhnlich, sonst gab es im Scheunenviertel überwiegend schmale Grundstücke. In der Stadt unerwünschte Aktivitäten wollte man damit vor die Stadtmauer verlagern, so ähnlich wie man es bei den Scheunen gemacht hatte. Viehställe, Häuser und Gärten sollten die Bürger hier anlegen, um die Viehhaltung in der Stadt abzuschaffen. Bei der späteren Neubebauung wurden diese schmalen Grundstücke meist zusammengelegt.

Der Knick von der Alten Schönhauser zur Neuen Schönhauser Straße vollzieht den Winkel der "Dragoner-Bastion" der Berliner Festung nach, die Münzstraße und Neue Schönhauser verlaufen direkt vor der Bastion. Bei einem früheren Rundgang hatte ich über den Festungsbau berichtet und auch darüber, wie man versucht hat, "Arbeiter vom Alkoholgenuß abzuhalten und ihnen als Ersatz Kaffee und Thee für wenig Geld zu liefern" (9). Das "Volks-, Kaffee- und Speisehaus" in der Neuen Schönhauser hatte man hierfür errichtet, Architekt war Alfred Messel (10). Ein weiterer Messel-Bau zu diesem Zweck entstand an der Chausseestraße in Mitte (11). Das Haus Neue Schönhauser Straße 8 hat eine Besonderheit. Nein, nicht die Stores von Liebeskind und Lagerfeld, sondern die Mädchenköpfe an der Fassade. Um 1790 erbaut, stammt das Haus aus einer Zeit, als es noch keine Hausnummern gab. Um unverwechselbar zu sein, schmückten Hausbesitzer ihre Häuser einer goldenen Kugel, einem Adler, oder eben Mädchenköpfen. Erst 1799 wurden in Berlin die Häuser straßenweise nummeriert.

Im Bayerischen Viertel - der ehemaligen "Jüdische Schweiz" - ist mit den "Orten des Erinnerns" ein auch international beachteter Gedenkort geschaffen worden. Schilder an den Laternenmasten vermitteln anschaulich, wie Juden ausgegrenzt und entrechtet wurden durch Anordnungen und Verbote, die das jüdische Leben jeden Tag einschränkten (12). Im Scheunenviertel ist das Vergessen allgegenwärtig, nur ganz vereinzelt gibt es Hinweise auf jüdisches Leben hier im Kiez. Es gibt die "Berliner Gedenktafeln" für verdiente Persönlichkeiten, die Stolpersteine und vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz eine ausführliche Gedenktafel über die Geschichte des Scheunenviertels. An einzelnen Häusern finden sich privat initiierte Gedenktexte, manche sind wieder verschwunden. Ein Beispiel: An der Alten Schönhauser 9-10 gab es bis zur Neubebauung eine Gedenktafel für die Jüdische Kindervolksküche, die Zustimmung des Hausbesitzers zur Wiederanbringung fehlt. In dem Kiez, der einmal der Zufluchtsort osteuropäischer Juden in Berlin war, gibt es keine systematische Erinnerungskultur. Die Spuren sind verweht, nach außen kaum noch sichtbar und mit dem Abriss des Auswandererbahnhofs in Spandau ist ein weiterer Ankerpunkt verschwunden, der zu dieser Geschichte gehörte.

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(1) Den Auswandererbahnhof in Spandau hat man verfallen lassen, 2012 wurde er abgerissen: Freiheit für die Auswanderer
(1a) Mehr über Charlottengrad: Deutsch-russische Verbundenheit
(2) Mehr zu den Berliner Stadtmauern: Stadtmauer
(3) Mehr zum Scheunenviertel: Scheunenviertel
(4) Zigarettenfabriken in Berlin: Zigarettenfabriken
(5) Synagoge an der Oranienburger Straße: Vor und hinter der Synagoge
(6) Garnisonfriedhof: Unglücklicher Fall eines Steines
(7) Gründerzeitmuseum Mahlsdorf: Hier geht die Post ab
(8) Die Bötzow-Brauerei: Es gibt kein Bier in der Brauerei
(9) Volks-, Kaffee- und Speisehaus: Kaffee statt Alkohol - da kommen keine Gäste
(10) Der Architekt Alfred Messel: Messel, Alfred
(11) Volks-, Kaffee- und Speisehaus in der Chausseestraße Hosenbandorden auf dem Hinterhof
(12) Gedenkort Bayerischer Platz: Erziehen mit Geduld und Arbeit

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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