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Hier geht die Post ab


Stadtteil: Hellersdorf
Bereich: Mahlsdorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Wilhelmsmühlenweg
Datum: 14. April 2014
Bericht Nr.: 458

In Alt-Mahlsdorf steht ein runder Stein am Wegesrand, den man leicht übersehen kann, wenn man nicht weiß, dass es sich um einen Meilenstein - amtlich eine Postmeilensäule - handelt. Wie sparsam doch die Preußen sein konnten, wenn sie alle 2 Meilen (ungefähr alle 15 km) einen nur 85 cm hohen Stein auf einen Sockel stellten und die Anzahl "Meilen bis Berlin" einmeißeln ließen. Wir haben schon Obelisken und römische Säulen in Berlin als Meilensteine westlich und südlich von Alt-Berlin gesehen (1), es scheint so, dass Richtung Osten die schlichtere Variante üblicher war (2).

Hier entlang fuhren also die Postkutschen nach Küstrin und Frankfurt an der Oder. Auch auf dem Weg nach St.Petersburg wird man an diesem Stein vorbeigekommen sein. Im Post-Handbuch für Berlin von 1840 kann man nachlesen, "an welchen Tagen und zu welcher Stunde die Post von Berlin abgeht". Gerade erst hatten sich 1833 die Kleinstaaten zum Deutschen Zollverein zusammen geschlossen, das Deutsche Reich war noch nicht gegründet, aber ein engmaschiges Netz von Post(kutschen)linien verband Berlin mit "sämtlichen preußischen Städten und den bedeutendsten ausländischen Orten" in ganz Europa. Man konnte beispielsweise täglich morgens um halb sieben und abends um acht nach Frankfurt/Oder starten und war nach achteinhalb Stunden am Ziel. Nach Rom und nach St.Petersburg dauerte die Fahrt 10 Tage. Für Großbritannien und Irland hatte das Kursbuch Empfehlungen, die eher in den Baedecker gepasst hätten: "Will man schnell reisen, so nimmt man eine Post-Chaise mit 4 Pferden und gibt dem Postillon ein gutes Trinkgeld".

Und dann gibt es in diesem amtlichen preußischen Kursbuch erstaunliche Passagen, in denen man den Eindruck bekommt, dass hier auch sprichwörtlich die Post abgeht: Das Trinkgeld für den Postillon wird amtlich festgelegt und auch das Schmiergeld. Unsere Befürchtung, hier sei Korruption im Spiel, ist aber gottlob zu sehr von unserer heutigen Begrifflichkeit her gedacht, denn das Schmiergeld wird danach differenziert, ob mit Fett geschmiert wird oder mit Teer. Die Achsen mussten an jeder Poststation gewartet werden, Schmiergeld war hier also im gegenständlichen Sinn gemeint. Die Orte für Frühstück, Mittagessen und Abendessen waren für jede Linie amtlich festgelegt, der Postillon bekam sein Trinkgeld pro Station, damit er ein Getränk kaufen konnte. Dass der Postillon "mit der vorschriftsmäßigen Montur gekleidet und mit der Post-Trompete versehen sein muss" und auf dem Bock nicht rauchen darf - auch nicht wenn die Passagiere es erlauben würden -, war preußisch korrekt. Dass die Wege "entweder chaussirt oder unchaussirt sind", versteht sich von selbst, denn gerade erst um 1800 wurde die erste preußische Chaussee gepflastert (3).

Unser heutiger Spaziergang ist ein Mahlsdorf-Update. Die an Kaulsdorf angrenzende Streusiedlung Mahlsdorf - ein Werk von Bruno Taut - hatten wir besucht, als der "Berliner Balkon" - die Kante des Berliner Urstromtals - unser Ziel war (4). Später waren wir in "Mahlsdorf an der Ostbahn" und haben den nördlichen Teil des Dorfes erkundet (5). Zum historischen Zentrum des Dorfes und dem Gutshof Mahlsdorf sind wir heute unterwegs. Der Dorfanger befand sich an der Hönower Straße bis zum Schnittpunkt mit Alt-Mahlsdorf. Beim autogerechten Ausbau der Fernstraße Berlin-Frankfurt wurde der alte Dorfkern teilweise zerstört. An die erhalten gebliebene Schmiede in Alt-Mahlsdorf wurden brutal ein Wintergarten und ein Büroflügel angedockt.

Viel gibt es also nicht zu erkunden, und ein böiger Wind klappt mehrfach unsere Regenschirme nach außen und überschüttet uns mit Wasser und Graupelkörnern, bevor die Sonne wieder unschuldig hinter den Wolken hervorschaut. Es ist mal richtig April, wir sollten uns über das zum Kalender passende Wetter freuen, nach früheren Schneewehen und Hitzewellen zur falschen Zeit. Aber die Freude ist größer, wenn man dem unwirtlichen Wetter aus dem Fenster heraus zuschaut. Im Juni 1961 behinderten vergleichbar schlechte Wetterbedingungen die Ernte bei der Mahlsdorfer LPG "Berliner Osten". Die Genossenschaftsbauern wurden bei der Heuernte und beim Rübenverziehen zurückgeworfen, wie das Neue Deutschland damals berichtete.

Die alte Dorfkirche von Mahlsdorf gibt sich bei unserem Besuch nur schemenhaft hinter einem blühenden Baum zu erkennen. Der mittelalterliche Bau aus Feldsteinen ist das älteste Gebäude des Dorfes (1250). Zweimal wurden die Bronzeglocken der Kirche für kriegerische Zwecke eingeschmolzen, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Zu DDR-Zeiten wurden sie durch Stahlglocken ersetzt. Eine 300 Jahre alte Linde mit einem Stammumfang von viereinhalb Metern vor der Kirche wird liebevoll abgestützt. Ihrer Standfestigkeit vertraut man nicht mehr und hat sie deshalb eingezäunt.

"Hier ruht in Gott mein herzensguter Mann, der Eigentümer ..." steht auf einem Grabstein auf dem Kirchhof. Was es doch früher für Berufe gab - Eigentümer. Da klingt "Rittergutsbesitzer und Amtsvorsteher" auf einem anderen Gedenkstein schon sehr viel konkreter, denn hier ruht Hermann Schrobsdorff, der 1880 das Gut erwarb und den Park anlegen ließ. Die Stadt Lichtenberg kaufte 39 Jahre später das Gut zurück, um es als Siedlungsland für Heimkehrer und Geschädigte des Ersten Weltkriegs zu nutzen. In dem Gutshaus befindet sich heute das Gründerzeitmuseum, Charlotte von Mahlsdorf (Lothar Berfelde) hatte das Gebäude gerettet und hier ihre (seine) Sammlung als Grundstock eingebracht. Die bemerkenswerte Biografie eines Transvestiten führte auch nach ihrem (seinem) Tod noch zu Kontroversen, als die Inschrift auf der Gedenktafel vor den Schloss - "Ich bin meine eigene Frau – Charlotte von Mahlsdorf" - auf Betreiben ihrer (seiner) Angehörigen entfernt werden musste.

Nach diesem Rundgang in Mahlsdorf geht für uns die Post ab Richtung Berlin. Am Hackeschen Markt in dem von uns immer wieder geschätzten Brauereilokal Lemke vergessen wir das unfreundliche Wetter bei dörflichem Bauernfrühstück und Bier.

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(1) Meilensteine in Berlin: Meilenstein, Meilensäule, Stundensäule, Postsäule
(2) Rundmeilenstein an der Pablo-Picasso-Straße: Übererfülltes Soll und preußische Misswirtschaft
(3) Erste preußische Chaussee: Die erste preußische Chaussee
(4) Streusiedlung Mahlsdorf: An der Kante
(5) Nördliches Mahlsdorf: Haltestelle an der Preußischen Ostbahn

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Unsere Route
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Haltestelle an der Preußischen Ostbahn
Wie alt ist Berlin