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Haltestelle an der Preußischen Ostbahn


Stadtteil: Marzahn
Bereich: Mahlsdorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Donizettistraße
Datum: 12. August 2013
Text-Nr.: 430

Wie konnte ein wachsendes Dorf wie Mahlsdorf es erreichen, dass die Bahn hier eine Haltestelle einrichtet? Vor dieser Frage standen viele Gemeinden in der Zeit der industriellen Revolution, als Berlin enorm wuchs und überall neue Siedlungen und Wohngebiete entstanden. Wenn eine Terraingesellschaft eine Kolonie, Siedlung oder ein Villenviertel entwickelte, war es selbstverständlich, dass sie die nötige Infrastruktur selbst bezahlte (1). Zur notwendigen Erschließung gehörte in der Zeit vor der Motorisierung ein Bahnhof, sonst konnte man keine Bewohner für stadtferne Standorte gewinnen.

Aber wie kam Mahlsdorf zu einem eigenen Bahnhof? Seit 1867 fuhr vom alten Ostbahnhof (2) die Preußische Ostbahn Richtung Königsberg, deren Gleise zunächst ohne Halt durch Mahlsdorf gingen. Mit dieser preußischen Staatsbahn wurden die Ostgebiete und die Städte Danzig, Königsberg, Bromberg, Thorn erschlossen, die Trasse führte bis an die russische Grenze. Sie diente nicht nur der Erschließung der Ostprovinzen, sondern bekam auch strategische Bedeutung, als der Nutzen von Bahnen für Militärtransporte erkannt worden war (3). Nachdem Hoppegarten mit seiner Trabrennbahn bereits 1868 an die Bahn angeschlossen wurde, hatte Mahlsdorf zweimal versucht, einen eigenen Bahnhof zu bekommen. Die Königliche Eisenbahnverwaltung in Bromberg lehnte das Gesuch ab, erst beim fortschrittlichen preußischen Eisenbahnminister Karl von Thielen hatten die Mahlsdorfer Erfolg. Allerdings mussten sie sich heftig an den Kosten beteiligen, mehr als 12.000 Mark waren aufzubringen, das Grundstück bereitzustellen und Wohnraum für zwei Beamte zu schaffen.

Es war immerhin eine Staatsbahn, die die Mahlsdorfer zur Kasse bat. Auch heute ist es üblich, dass Gemeinden einen Anteil an Bau- und Modernisierungskosten bezahlen (müssen), damit sich bei der Bahn etwas bewegt. Wer bezahlt eigentlich die Bahn und ihren Betrieb? Bahnanlagen wie Gleise und Bahnhöfe gehören der Bahn AG, (und die ist nach dem aufgeschobenen Börsengang weiterhin Bundeseigentum). Also muss die Bahn die Unterhaltungskosten der Bahnhöfe bezahlen. Wenn die eingeplanten Finanzmittel für Sanierungen nicht ausreichen, wird zeitlich gestreckt, es bildet sich eine Warteschlange. Gemeinden, die eigene Mittel zur Sanierung beitragen, kommen schneller dran. Für die Gestaltung des Bahnhofsumfeldes muss die Gemeinde sowieso selbst aufkommen.

Bei den Zugverbindungen organisiert die Bahn AG die Fernstrecken in eigener Regie, die Regionalverbindungen müssen bei ihr bestellt und bezahlt werden. Die Länder und Gemeinden können selbst entscheiden, welche Züge fahren sollen, das dafür nötige Geld bekommen sie vom Bund. Letztlich zahlt also der Bund für den Regionalverkehr, und das meiste Geld kommt wieder bei der Bahn an, die ihm gehört. Erfüllt die Bahn ihren Vertrag nicht vollständig, dann bekommt sie weniger Geld - so ist das inzwischen regelmäßig bei der Berliner S-Bahn. Das eingesparte Geld darf aber auch nur für den Regionalverkehr ausgegeben werden, davon profitiert die BVG.

Zurück zum Mahlsdorfer Bahnhof, der 1895 eingeweiht wurde. Stolz nannte die Gemeinde sich nun "Mahlsdorf an der Ostbahn", sie hatte jetzt eine "Bahnhofstraße". Als in den 1920er Jahren die S-Bahn elektrifiziert wurde, endete das Netz in Kaulsdorf, hier musste man für eine Station in den Dampfzug nach Mahlsdorf umsteigen. Erst 1930 fuhr die elektrische S-Bahn bis Mahlsdorf. Inzwischen hatte man dort die Bahntrasse auf eine Brücke verlegt, damit sie nicht den Straßenverkehr an einer Bahnschranke queren musste. Im September 1941 wurde dieser Niveauunterschied einer S-Bahn zum Verhängnis. Der Leerzug überfuhr einen Prellbock und stürzte auf die Straße.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs nutzte das sowjetische Militär die Ostbahn für den Nachschub. Stalin kam zur Potsdamer Konferenz der Siegermächte mit der Bahn auf dieser Strecke bis zum Bahnhof Friedrichstraße nach Berlin (4). Danach wurden auf der Ostbahn ein Teil der in Ostdeutschland als Reparationsleistung demontierten Anlagen in die Sowjetunion gebracht. Zum Schluss hat man auch einen Teil der Gleise als Wiedergutmachung abmontiert. Die DDR-Reichsbahn hat später die Strecke bis Strausberg-Nord sukzessive elektrifiziert und den Bahnhof Mahlsdorf gediegen modernisiert.

Der Bahnhof liegt nördlich des historischen Dorfzentrums, das durch die Straße Alt-Mahlsdorf markiert wird. Als Bundesstraße mit starkem Durchgangsverkehr nach Frankfurt/Oder ist sie hier nicht mehr als ehemalige Dorfstraße erkennbar. Die heutige Ausdehnung des Ortes geht in Nord-Süd-Richtung und reicht von der Köpenicker Bezirksgrenze im Süden (5) bis nach Hönow im Norden. Wir haben uns heute für die nördliche Hälfte entschieden (6) und stoßen als erstes an der Florastraße auf einen Hochsicherheitstrakt, der mit einem doppelten Sicherheitszaun mit Stacheldrahtkrone umgeben ist. Hier befindet sich eines von zwei Rechenzentren der Bahn-Tochter DB Systel, sie steuern alles, was bei der Bahn mit Serverunterstützung läuft. Information, Kommunikation, Mobilität, Logistik, Unternehmensabläufe, Betrieb, Optimierung, Sprach-, Daten- und Funknetze. DB Systel sagt von sich: "Was wir tun, ist innovativ, spannend, dynamisch und zukunftsorientiert". Wir müssen schmunzeln: Wie einfach der Datenklau im Internet ist, haben uns gerade die Geheimdienste NSA und BND vorgeführt, wer wollte da heute noch über Sicherheitszäune steigen? Aber das ist natürlich zu kurz gedacht, die Server müssen ja einwandfrei laufen, damit man die Daten klauen kann - pardon, damit die Bahn funktioniert.

Zwischen der Florastraße und der Lemkestraße erstrecken sich mehrere Straßenquadrate mit eingezäunten Brachflächen, mehrere von uns angesprochene Anwohner haben dazu keine Erklärung. Erst eine "Ureinwohnerin" weiß es zu deuten: Das Gelände gehört der Kreuzkirche, hier waren bis zur Wende Gartenbaubetriebe angesiedelt. Mahlsdorf und Gärtnereien, das waren zwei, die zusammen gehörten. Straßennamen wie Florastraße, Goldregenstraße, Schlehdorn, Rosenhag, Lupinenfeld, Wildrosengehölz, Wacholderheide lassen einen Zusammenhang mit den Gartenbaubetrieben vermuten. 1932 gab es in Mahlsdorf 47 Gärtnereien, angebaut wurden Obst, Gemüse, Beeren und - Rosen, seit 1909 wurde hier jährlich das "Rosenfest" begangen. Auch einen Kakteenzüchter gab es. Die erste große Obst- und Gartenbauausstellung des Ostens fand 1921 in Mahlow statt. In der DDR-Zeit wurden die Gärtnereien von der LPG Hellersdorf/Mahlsdorf betrieben, sie setzte sich beispielsweise1988 als Jahres-Planziel, "105 Tonnen Champignons, 366 Tonnen Freilandgemüse und Zierpflanzen für 1,4 Millionen Mark" zu produzieren. Nach der Wende scheint keine Baumschule und kein Gartenbaubetrieb übrig geblieben zu sein, deren Flächen sind zu attraktiven Bauplätzen geworden.

In der Florastraße findet man heute ein Geschäft, das in einem dörflichen Umfeld eher selten anzutreffen ist: einen Sexshop in einem Gartenhäuschen. "Röschens Intim-Vitrine" hat es bereits in die Nachrichtenspalten des Berliner Kuriers und der Hamburger Morgenpost geschafft. Als wir vorbeikommen, werden auf der Werbetafel gerade Kondom-Lichterketten für die Gartenparty angeboten.

Zwei Seen liegen an unserem Weg. Der eingezäunte Rohrpfuhl zwischen Florastraße und Hönower Straße wurde 1994 zum "geschützte Landschaftsbestandteil" erklärt und eingezäunt. Dadurch ist dieser Lebensraum für Wasservögel gesichert und Fledermäuse können hier ungefährdet auf Insektenjagd gehen. Am Wernersee, den wir an der Hönower Straße links liegen lassen, wurde aber Lebensraum für Menschen durch Unachtsamkeit und Untätigkeit vernichtet. Es ist eines der ältesten Berliner Freibäder, 1905 zwei Jahre vor dem Strandbad Wannsee eröffnet. Im Rahmen des "Nationalen Aufbauwerks" der DDR wurde 1959 das Freibad instand gesetzt. Seit der Wende liegt es brach und kann wohl nicht wieder aktiviert werden. Bis 2006 hatte das Bad Bestandsschutz für eine Modernisierung, jetzt scheinen die Lage mitten im Wohngebiet, das erwartete Verkehrsaufkommen der Badegäste und der Grundwasserschutz einer neuen Betriebsgenehmigung im Wege zu stehen.

Ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt steht an der Donizettistraße und der Straße "An der Schule" ein Teil der alten Gemeindebauten. Die Gemeindeschule als lang gestreckter neugotischer Bau und die Freiwillige Feuerwehr sind hier zu finden, außerdem mehrere Villen aus der Zeit kurz nach 1900. Viel weiter nördlich an der Albrecht-Dürer-Straße findet man die Kreuzkirche aus den 1930er Jahren und den Friedhof an der Lemkestraße. Wie schön, dass hier ein Bus fährt, dann müssen wir die Ausdehnung des Ortsteils Mahlow-Nord nicht auch noch auf dem Rückweg zu Fuß erlaufen.

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(1) Mehr über Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(2) Der alte Ostbahnhof, dort wo heute das Verlagsgebäude des "Neue Deutschlands" steht: Umsteigebahnhof
(3) Militäreisenbahnen: Bei der Ballonfahrt ohnmächtig geworden
(4) Stalin im Bahnhof Friedrichstraße: Berlins gefühlte Mitte
(5) Köpenick grenzt im Süden an Mahlsdorf: Köpenicker Stadtwappen in Aktion
(6) Das südliche Mahlsdorf haben wir hier erkundet: Hier geht die Post ab

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Unsere Route
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Christlicher Garten (geplant)
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