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Wie alt ist Berlin


Stadtteil: Marzahn
Bereich: Biesdorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Alt-Biesdorf
Datum: 23. Juni 2014
Bericht Nr.: 467

Sind die Hunnen schuld daran, dass Berlin nicht schon das tausendste Stadtjubiläum feiern konnte? Als die Hunnen um das Jahr 375 das Gebiet der Germanen von Osten her überfielen, flohen die angegriffenen Stämme Richtung Westen und Süden, die Völkerwanderung begann. In die von ihnen verlassenen Gebiete wanderten nach und nach slawische Siedler ein, die später im Zuge der Ostkolonisation ab dem Jahr 1000 durch deutsche Siedler wieder verdrängt wurden (1). Dieses Ringen verschiedener Völkerschaften um ein und dasselbe Gebiet hat verhindert, dass durchgehend besiedelte Orte entstehen konnten.

Eine andere Frage ist, ob die Besiedlung mit einzelnen, verstreut liegenden Höfen eine Stadtentwicklung überhaupt möglich gemacht hätte. Lassen wir also die nicht ernst gemeinte Frage der Verantwortung der Hunnen beiseite und schauen uns an, warum die Doppelstadt Berlin/Cölln im Jahre 1987 als Doppelstadt West-/Ost-Berlin ihr 750. Stadtjubiläum gefeiert hat. Inzwischen sind die Doppelstädte früherer Zeiten Geschichte, es gibt eine einheitliche Stadt, die (noch) das Jahr 1237 als offizielles Geburtsjahr nennt, jenes Jahr, in dem die beiden Markgrafen und der Bischof von Brandenburg einen Vertrag über die "neuen Länder" schlossen. Der spätere Berliner Propst Simeon hatte hier als Zeuge aus Cölln mit unterschrieben.

Die Jahreszahl 1237 ist nur eine Hilfsgröße, denn Cölln - der Doppelort mit Berlin - hat ja bei der Unterschrift bereits bestanden. Archäologen haben mehrere Möglichkeiten gefunden, Jahreszahlen ohne die "erste urkundliche Erwähnung" zu bestimmen. Sie untersuchen dazu die verwendeten Baustoffe auf deren Veränderung im Laufe der Jahre. Das älteste Verfahren greift auf die Tatsache zurück, dass die Jahresringe von Bäumen in unterschiedlichen Jahren unterschiedlich wachsen, abhängig von den Temperaturen und Niederschlägen. Diese "Dendrochronologie" versagt beim Recycling von Bauhölzern, weil die Jahre des Baumfällens und der Wiederverwendung dann unterschiedlich sind. Eine weitere Methode ist die Mörteldatierung, die die Lichteinwirkung auf den Quarz im Mörtel misst. Noch einem anderen Ansatz sind britische Wissenschaftler auf der Spur. Sie arbeiten daran, die Ausdehnung von Ziegelsteinen aufgrund der Luftfeuchtigkeit über die Jahre messen und auswerten zu können.

Am Berliner Schlossplatz haben die Archäologen Reste eines Hauses gefunden, dessen Bauholz aufgrund der Jahresringe auf das Jahr 1183 datiert werden konnte. Unsere Senatsbaudirektorin Regula Lüscher kommentierte den Fund in ihrer unnachahmlich zurückhaltenden Art: "Das nun ermittelte Datum ist für die Erforschung der frühen Besiedlung Berlins von herausragender Bedeutung". Stimmt, und wahrscheinlich muss man darüber nachdenken, ob man die Tausendjahresfeier Berlins für das Jahr 2183 oder 2237 plant, aber das ist ja noch ein bisschen hin.

Archäologen (1a) haben in Berlin mehr als zweihundert vor- und frühgeschichtliche Fundplätze ausgegraben. Die Fundstücke wie Feuersteine, Keile, Werkzeuge, aber auch Brunnen, wanderten ins Museum, die Fundstellen wurden dokumentiert und meist wieder zur Bebauung freigegeben. In Biesdorf - dem Ziel unseres heutigen Stadtspaziergangs - gibt es einen Ausgrabungsort auf einer Wiese im Habichtshorst, der als Bodendenkmal eingetragen ist. Reste der Ausgrabung sind natürlich nicht mehr zu sehen, eine markierte Fläche ist vom Trockengras überwuchert. Hier siedelten Menschen nicht nur in der Steinzeit und der Bronzezeit, auch Germanen lebten hier, das hier ausgestellte Eisenmodell eines germanischen Hofes weist darauf hin. Nebenan in Kaulsdorf fanden die Archäologen eine slawische Siedlung aus der Zeit vor der Ostkolonisation. Das Spreetal war offensichtlich ein beliebtes Siedlungsgebiet in verschiedenen Epochen.

Habichtshorst
Habichtshorst ist eins der fünf städtebaulichen Entwicklungsgebiete, die nach der Wende den erwarteten Zustrom von Einwohnern nach Berlin auffangen sollten, die Wasserstadt Berlin (2) und die Rummelsburger Bucht (3) gehörten ebenfalls dazu. Doch nachdem sich damals die Zuwanderung in Grenzen hielt, verabschiedete sich der Senat von dieser teuren Fehlplanung. In Biesdorf-Süd sind aufgrund dieser Planung am Habichtshorst Einfamilienhäuser und Mehrfamilienhäuser entstanden, darunter ein mediterran wirkendes Bauensemble an den Straßen, die nach Schmetterlingen benannt sind. Dass es so viele Falter gibt! Apollofalterallee, Augenfalterstraße, Aurorafalterweg, Dukatenfalterweg, Eisfalterweg, Feuerfalterstraße, Heidefalterweg, Kleiner-Heufalter-Weg, bereits die erste Hälfte des Alphabets zeigt mir, wie wenig ich über Schmetterlinge weiß. Vielleicht hätte ich Dukatenfalter in einem anderen Kontext für einen Beruf gehalten (Menschen, die Dukaten falten).

Biesdorfer Höhe
Von den Trockenwiesen Süd-Biesdorfs gelangt man nach Norden auf die Biesdorfer Höhe jenseits der Bundesstraße. Von dem Berg sind 45 Meter "echt", also durch die Eiszeit entstanden. Der Rest ist ein Trümmerberg aus Schutt des Zweiten Weltkriegs (4). Auch Teile des Berliner Stadtschlosses sollen hier gelandet sein, aber Vorsicht, dieses Thema reizt auch schnell zur Legendenbildung. Der weite Blick über die Stadt wird uns vom üppigen Grün der Bäume verwehrt, nur einzelne Ausblicke sind möglich. Auch die Bänke laden nicht zum Verweilen ein, sie sind ungepflegt und durch Vandalismus gezeichnet. Die Kraxeltour auf dem Wuhlewanderweg lohnt sich nur, wenn man nicht mit allzu großen Erwartungen hier heraufsteigt.

Gemeindefriedhof
Der Gemeindefriedhof Biesdorf grenzt an die Biesdorfer Höhe und den Schlosspark an. Werner von Siemens als Schlossherr hatte das Gelände der Gemeinde zur Verfügung gestellt. Auf dem Friedhof sind einige wenige Erbbegräbnisse zu finden, unter anderem von Obst- und Gemüsebauern, die Biesdorf zum „Werder des Ostens“ gemacht haben. Der Beginn des Ersten Weltkriegs ist in diesen Tagen hundert Jahre her, da fallen uns besonders die Schicksale der Soldaten ins Auge. "Wo ist Dein Grab?" fragen sich die Hinterbliebenen eines Vermissten auf einem Grabstein und trösten sich: "Gingst Du als Held zu Deinen Vätern ein".

Auf dem Grabstein eines Milchpächters gibt der Glauben den Angehörigen Zuversicht:
"Scheiden, ach, zerreißt das Herz / Bitter ist der Trennung Schmerz
Aber wonnereich und schön / Ist ein frohes Wiedersehn"

Schlosspark
Der Schlosspark Biesdorf wurde stilvoll wiederhergestellt, aber die Dorfaue ist als Stadtgrün nicht mehr zu retten. Sie ist nur noch ein Mittelstreifen der Bundesstraße Richtung Frankfurt/Oder, auf der sich in beiden Richtungen eine fast endlose Fahrzeugkolonne entlang schiebt. Nur noch manche alten Dorfhäuser sind bewohnt. Ausgerechnet ein Verein "Baudenkmäler Berlin e.V." will sein 1850 erbautes Wohnhaus Alt-Biesdorf 29 durch einen Neubau ersetzen, wie kommen Name und Aktion dort in Einklang? Immerhin handelt es sich um die Landarbeiterkaserne, in der die Familien von acht Landarbeitern des Guts untergebracht waren. Eine Querstraße der ehemaligen Dorfstraße ist nach Tychy benannt, einem polnischen Partnerort im früheren Schlesien. Byronweg, Clayallee, Yorckstraße, Ystader Straße, es gibt viele Straßen mit einem "Y" in Berlin, aber gleich zweimal "Y" in einem Wort, das gibt es nur noch einmal bei der Weydemeyerstraße in Mitte.

Dass der Industrielle Werner von Siemens eine Zeit lang Eigentümer des Schlosses Biesdorf war und hier eine Straßenbahn-Versuchsstrecke und eine Luftschiffhalle unterhielt, hatte ich bereits im November 2007 nach unserem ersten Stadtrundgang in Biesdorf geschrieben (5). Interessant ist, wie es zum Kauf des Anwesens kam. Siemens übernahm es von seinem Schulfreund Günther von Bültzingslöwen, um ihm damit aus einer Notlage zu helfen. Bültzingslöwen - ein Thüringer Adliger - hatte sich mit 19 Jahren im heutigen Indonesien („Niederländisch-Indien“) niedergelassen. Dort war er zum "Zuckerbaron" aufgestiegen, hatte mit dem Anbau und Handel von Zuckerrohr und mit der Zuckerproduktion ein beträchtliches Vermögen angehäuft. Doch wie gewonnen so zerronnen - die Industrialisierung brachte weltweit die Zuckerindustrie ins Strudeln. Das "weiße Gold" Zucker, ein begehrter Luxusartikel, konnte durch den Einsatz von Dampfmaschinen im Produktionsprozess plötzlich in großen Mengen hergestellt werden, der Antrieb der Maschinen wurde automatisiert. Handelsbeschränkungen und Steuern konnten die globale Krise nicht aufhalten, durch den Preisverfall wurde Zucker ein Gegenstand des täglichen Bedarfs. Bültzingslöwen kam nach Deutschland zurück und musste nach kurzer Zeit Schloss Biesdorf wieder zu Geld machen.

Das Schloss Biesdorf ist eigentlich eine Turmvilla, an deren Bau der Architekt Martin Gropius (6) mitgewirkt hat. Seit 1927 war es im Besitz der Stadt Berlin, zurzeit wird es von einer Ost-West-Stiftung genutzt. Uns fehlt ein Restaurant im Schloss, um den Rundgang mit einem Flaniermahl zu beenden. Am Ostkreuz in der Sonntagstraße finden wir eine diesem Zweck angemessene Gaststätte.

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(1) Mehr über die Ostkolonisation: Ostkolonisation
(1a) Mehr über Ausgrabungen in Berlin: Ausgrabungen, Archäologie
(2) Wasserstadt Havel: Wasserstadt mit beschränkter Haftung
(3) Rummelsburger Bucht: Kein kulturelles Herz
(4) Berliner Trümmerberge: Trümmerberge
(5) Ein früherer Besuch in Biesdorf: Ein untypisches Berliner Dorf
(6) Martin Gropius: Gropius, Martin



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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