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Stammbahn nach Düppel


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Düppel
Stadtplanaufruf: Berlin, Benschallee
Datum: 6. August 2012

Für unseren Besuch in Düppel hätten wir gern die S-Bahn genommen, doch die ist auf dieser Strecke schon vor 32 Jahren eingestellt worden. Dabei handelt es sich um eine historische Trasse, die erste preußische Fernbahn fuhr hier 1838 als "Stammbahn" zwischen Potsdam und Berlin, Potsdamer Bahnhof. Zunächst war die Strecke eingleisig, bald zweigleisig, nach 10 Jahren wurde sie bis Madgeburg verlängert. 1874 wurde die Wannseebahn in Betrieb genommen, die hinter dem Bahnhof Zehlendorf von der Stammbahn abzweigt und sich in Potsdam wieder mit ihr vereint. Bereits ab 1933 fuhr die Wannseebahn mit Stromantrieb, Düppel musste auf die Elektrifizierung bis 1948 warten, nachdem erst 1933 dort ein Haltepunkt eingerichtet worden war. Bahnhof Düppel war nach dem Krieg die Endstation, denn die Russen hatten die Gleise zwischen Griebnitzsee und Düppel als Reparationsleistungen abgebaut. Befahrbar war die weitere Strecke ohnehin nicht, denn deutsche Soldaten hatten 1945 die Brücke über den Teltowkanal gesprengt.

Neben unmittelbaren Anliegern nutzten auch die Bewohner von Schlachtensee-Süd den Bahnhof Düppel. Bis zum Mauerbau versorgte die Düppeler S-Bahn auch Kleinmachnow, das direkt angrenzt, aber zu Brandenburg gehört. Der Mauerbau 1961 schnitt Kleinmachnow ab, noch bis 1973 wurde aber der unerreichbare Ort im Stationsnamen "Düppel-Kleinmachnow" weiter geführt. Nach dem Mauerbau boykottierten die West-Berliner die von der DDR-Reichsbahn betriebene S-Bahn. Es war ein Nachkriegskuriosum, dass die Eisenbahn-Betriebsrechte in ganz Berlin aufgrund alliierter Vereinbarung (Viermächtestatut) bei der Sowjetischen Militäradministration und damit der DDR lagen. Obwohl damit keine Hoheitsrechte verbunden waren, wurde die S-Bahn in West-Berlin fast wie ein exterritoriales Gebiet behandelt, hin und wieder gab es Rangeleien mit DDR-Transportpolizisten, die die Züge begleiteten und die Anlagen sicherten. Im Herbst 1959 duldeten die Westalliierten sogar, dass auf Westberliner S-Bahnhöfen kurzzeitig die DDR-Flagge mit Hammer und Zirkel gehisst wurde. In ein so fragiles Netz, das den lebenswichtigen Interzonenverkehr belasten könnte, wollte man nicht eingreifen. Doch nach dem Mauerbau trockneten die West-Berliner den DDR-Brückenkopf aus, indem sie die S-Bahn mieden und sie so in den wirtschaftlichen Ruin trieben. Wer in dieser Zeit S-Bahn fuhr, wurde im Westen als "Kommunist" beschimpft.

Mit einem zusätzlichen Bahnhof - eher einem Haltepunkt - auf der Düppeler Strecke versuchte die Reichsbahn 1972, mehr Fahrgäste zu gewinnen. Die Amerikaner stoppten den Neubau von "Zehlendorf-Süd" zunächst ganz kühl, weil sie keine Planungsunterlagen bekommen hatten. Aber auch nach der Fertigstellung ging das DDR-Kalkül nicht auf. Die Tatsache, dass die DDR in West-Berlin nach dem Mauerbau einen neuen Bahnhof gebaut hatte, änderte nichts am S-Bahnboykott. 1980 wurde dann der S-Bahnbetrieb nach Düppel eingestellt.

Die Düppeler Strecke wurde nach der Wende - trotz gegenteiliger Versprechen der Bahn - nicht wieder eröffnet, bei der Neuplanung des Fernverkehrsnetzes sind aber Vorkehrungen getroffen worden, um die Stammbahn als Regionalbahn wieder in Betrieb nehmen zu können. Zwei Bürgerinitiativen verfolgen entgegengesetzte Ziele mit der Düppeler Stammbahnstrecke. "Die Bürgerinitiative Stammbahn wirbt für den Wiederaufbau der Berlin-Potsdamer Stammbahn als Regionalbahnstrecke" sagt die eine, andererseits will die "Schutzgemeinschaft Stammbahn" die Trasse der Natur überlassen ("renaturieren").

Tatsächlich hat sich die Natur die Trasse zwischen den Bahnhöfen Zehlendorf und Düppel weitgehend erobert. Es ist ein Bild wie vor 30 Jahren auf dem Eisenbahn-Südgelände (1), als man noch durch den Zaun kriechen musste, um das romantische Ringen der Natur mit den Hinterlassenschaften der Eisenbahntechnik zu bewundern. Teilweise von einem Wanderweg begleitet, teilweise im Wald verschwunden, mal umzäunt, mal zugänglich. Bäume wachsen zwischen den noch vorhandenen Gleisen. Ein verrostetes Bahnhofsschild, eine Serie von Peitschenlampen, ein Hektometerstein (Kilometerstein mit zwei übereinanderstehenden Zahlen, die obere zeigt die vollen Kilometer, die untere die fortlaufenden 100 Meter). An einer Stelle sind die Schrauben aus der Gleisbefestigung herausgedreht. Die Bahnsteige sind noch erkennbar, das Bahnhofsgebäude Zehlendorf-Süd steht noch. Ein Kleingärtner hat mit zwei Bahnschwellen den Zugang zu seiner Parzelle markiert. Signalleitungen in einem angeknickten Rohr neben den Gleisen, hoffentlich sind sie nicht mehr in Betrieb, sonst fällt wieder einmal die halbe S-Bahn aus.

Direkt neben dem Bahngelände liegt das Museumsdorf Düppel. Hier wurde ab 1965 ein vollständiges Dorf aus der Zeit der Ostkolonisation mit 14 Gehöften und befestigter Toranlage ausgegraben, ein sensationeller archäologischer Fund, der um 1200 datiert wird. Das Gelände war nie überbaut worden, deshalb blieben die Reste der ursprünglichen Bebauung im Boden vollständig erhalten. Einige Gehöfte mit Blockhäusern, Schmiede, Backhaus, Getreidespeicher und Teerschwelen (Teerkocher im Doppeltopfverfahren) hat man rekonstruiert. Mittelalterliche Tierhaltung, Kräuternutzung, Getreideanbau können hier studiert werden, es ist keine alternative Lebensform, sondern eine historischen Annäherung, die hier versucht wird.

Das Düppeler Feld mit dem Krummen Fenn grenzt direkt an das Museumsdorf an. Das Fenn ist in der letzte Eiszeit vor 12.000 Jahren entstanden. 1978 hat die US-Militäradministration auf dem Düppeler Feld südlich des Königsweges 250 Wohnungen für amerikanische Armee-Angehörige errichtet. Energische Proteste der Zehlendorfer Bürger blieben weitgehend ungehört, weil nach unangreifbarem Besatzungsrecht gebaut wurde. Allerdings unterblieb die geplante Verlängerung der Lindenthaler Allee nach Kleinmachnow "solange die Anbindung an das Umland fehlt". Heute ist das Umland angebunden, aber verlängern wird man die Allee wohl nicht mehr.

Dann kommt die FU-Tierklinik ins Blickfeld, die auf dem ehemaligen Pferdegestüt eines preußischen Prinzen eingerichtet wurde. Ihm verdankt Düppel seinen Namen: Wegen der siegreichen Schlacht bei den Düppeler Schanzen - er hatte das preußische Korps befehligt - durfte er sein Rittergut kraft königlicher Gnade Düppel nennen. Sein Gut erstreckte sich bis Dreilinden (zu DDR-Zeiten Grenzübergang (2), er wohnte in dem gleichnamigen Jagdschloss (heute nicht mehr vorhanden).

An der Potsdamer Chaussee Ecke Lissabonallee existierte von 1946 bis 1948 das "Düppel-Center". Das war kein Einkaufsparadies, wie der Name heute nahe legen könnte, sondern ein Flüchtlingslager für "displaces persons". Dort waren überwiegend jüdische Überlebende des Holocaust untergebracht, die nach Israel auswandern wollten und nichtdeutsche Wehrmachtsangehörige sowie Zwangsarbeiter, die in ihre Heimat zurückgebracht werden sollten. Im Camp bildete sich eine Selbstverwaltung ("Lagerkomitee"), es gab eine DP-Polizei, eine Feuerwehr, ein Lagergericht, ein Kulturamt mit Bibliothek, eine Volkshochschule, ein Theater, einen Sportverein. Hochzeiten und Geburten dokumentierten den Lebenswillen der Insassen. Wegen der Versorgungsengpässe durch die Blockade 1948 wurden sie per Flugzeug nach Westdeutschland evakuiert. Später waren in dem Camp DDR-Flüchtlinge untergebracht. Von dem Lager sind keine Spuren mehr erhalten. Für Zwangsarbeiter wurde im Parkfriedhof Marzahn (3) eine Gedenkstätte errichtet.

Düppel war als „Vorwerk Neu-Zehlendorf“ von einem reichen Reeder gegründet worden. Er war "Salzschiffahrtsdirektor", hatte sein Geld mit dem Salz-Transport von Madgeburg nach Berlin verdient. Madgeburg gehört heute zum "Salzlandkreis", Salzbergwerke und Gradierwerke mit Salinen prägen den Kreis und seine Geschichte, in Salzstöcken kann man Gesundheit tanken. Am Salzufer in Berlin befand sich ab 1847 das Königliche Salzmagazin, wo der begehrte Stoff gelagert wurde. Das Salzmonopol gibt es bereits seit dem Mittelalter, erst 1867 wurde es abgeschafft. Welche wirtschaftliche Bedeutung Salz hatte, kann man an dem Bauwerk ermessen, das der französische Architekt Ledoux für Ludwig XVI. in Chaux errichtet hat - eine Ikone der Industriearchitektur, die heute mit den umliegenden Bauten zum Weltkulturerbe gehört.

Bevor der preußische Prinz den Besitz übernahm, war für kurze Zeit eine Schnapsdestille hier tätig. Joseph Aloys Gilka hatte "eine vorteilhafte Ehe geschlossen", also reich geheiratet und damit genug Geld, um eine Destillations-, Rum- und Spritfabrik zu gründen. "Gilka Kümmel" gibt es heute noch, er wird von Underberg produziert. bottlestore.de schwärmt: "Gilka Kümmel, welch eine wunderbare Spirituose. Der Gilka Kaiser Kümmel ist einfach nur lecker. Richtig schön eiskalt aus dem Eisfach schmeckt der Gilka immer. Vor dem Essen ein Gilka, damit die Säfte fließen. Nach dem Essen ein Gilka um die Verdauung in Schwung zu bringen. Ob der Gilka Kümmel Schnaps da wirklich hilft ist uns bei dem herrlichen Kümmel Aroma dann auch egal. Da vertragen wir dann auch gerne noch einen 2ten kurzen Gilka."

Einen Gilka Kümmel haben wir zum Abschluss nicht zur Brust genommen, aber in der Lindenthaler Allee beim Italiener gespeist. Die Pfifferlinge waren knapp, da hat der Koch sie strecken müssen, um sie auf mehrere Pizza zu streuen. Das konnten wir auch ohne einen Kümmellikör verdauen.

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(1) Eisenbahn-Südgelände: Ein Park am Gleisdreieck
(2) Grenzübergang Dreilinden: Merkwürdige Grenzverläufe
(3) Parkfriedhof Marzahn: Die Hand zum Schwur erhoben

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Die Stammbahn am Bahnhof Zehlendorf(-Mitte): Heilstätten ohne Zukunft


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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