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Heilstätten ohne Zukunft


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Gartenstadt Zehlendorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Machnower Straße
Datum: 22. Oktober 2012

Gartenstadt Zehlendorf nennt sich ein Quartier am Bahnhof Zehlendorf, das ab 1913 bebaut wurde, also in der letzten Phase des Kaiserreiches. Es war Berlins erste Gartenstadt, und man merkt, hier übte die Stadt noch. Genau genommen war es nicht Berlin, sondern die selbstständige Stadt Zehlendorf, die mit anderen zusammen erst 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet wurde. Die Gartenstadt liegt südlich der Bahntrasse, auf der die Stammbahn - die erste preußische Eisenbahn - seit 1828 von Zehlendorf nach Potsdam fuhr (--> 1).

Von den Ideen des Engländers Ebenezer Howard - auf den die Gartenstadtbewegung zurückgeht - ist in Zehlendorf so wenig verwirklicht worden, dass man fast nur über "Garten" und über die Eigentumsfrage eine Verbindung herstellen kann. Kein Privateigentum am Grund und Boden hieß die Devise nach den Auswüchsen der Bodenspekulation, das Gelände gehört der Gemeinschaft, und das wurde durch den Beamten-Wohnungsverein als Bauherrn realisiert.

Gartenstadt, das sollte ein abgeschlossenes Wohnviertel sein, die bessere Welt jenseits der Großstadt, von Landwirtschaft umgeben, durch ein Tor geschützt - fast eine "gated community", wie man einen geschlossenen Wohnkomplex (mit Zugangsbeschränkungen) heute nennt. Die Mietskasernen der Arbeiterviertel waren das Negativbild, von dem man sich absetzen wollte. Gemeinschaftsbauten sollten dazu gehören - Marktplatz, Kirche, Schule, Läden, Gasthof. Schaut man mit Google Maps auf den Ort Brieske/Senftenberg in der Lausitz, dann bekommt man eine Idee, was Gartenstadt sein kann: Die Häuser gruppieren sich auf einem kreisförmigen Siedlungsgrundriss, in dessen Zentrum sich ein rechteckiger Marktplatz befindet, der von Schule, Kirche, Friedhof, Gasthaus und Geschäftshäusern umgeben ist. Die Gartenstadt Staaken (--> 2) kommt dem schon näher, sie ist wie eine märkische Kleinstadt mit nicht-rechtwinkligen Straßenverläufen angelegt, aber auch nicht autark, wie Howard sich das vorstellte, sondern ein Ortsteil von Spandau.

In Zehlendorf gibt es nichts davon, keinen Dorfcharakter, keine Gemeinschaftseinrichtungen, keinen eigener Siedlungsgrundriss, keine Abgrenzung zur Stadt. In vier Bauabschnitten wurde bis 1930 gebaut, weit in die Weimarer Zeit hinein. Mebes und Emmerich (--> 3) entwarfen die Gartenstadt, es entstanden Mehrfamilienhäuser und Einfamilienhäuser, alle mit kleinem Gartenanteil. Drei Bauabschnitte wurden auf den Grundstücken des Beamten-Wohnungsvereins gebaut. Auf einem angrenzenden, gepachteten Grundstück errichteten Mebes und Emmerich für eine andere Wohnungsbaugesellschaft weitere Häuser der Siedlung. Als diese Bauten 2007 nach Ablauf der Pachtzeit an die Bundesrepublik zurückfielen, kaufte sie der Beamten-Wohnungs-Verein und hat damit erstmals die gesamte Gartenstadt in seiner Regie.

Die Bauten haben je nach Bauphase unterschiedliche Gesichter, der unterschiedliche Erhaltungszustand verstärkt den Eindruck der Inhomogenität. Zusätzlich fehlt die Klammer einer abgegrenzten Siedlung, als Flaneur bewegt man sich in einem mehr oder weniger beliebigen Quartier.

Nördlich der Gartenstadt verläuft eine Bahntrasse. Die Gleise der ehemaligen Stammbahn sind größtenteils erhalten, von der Berlepschstraße aus kann man den parkartigen Bereich mit dem Gleisbett betreten. Erst kurz vor dem Bahnhof Zehlendorf hören die Gleise auf, weil sie 1984 dem Ausbau der Güterstrecke nach Wannsee im Wege waren. Auch die Stammbahn und die "Bankierszüge" haben sich gekreuzt, bis sie 1912 durch ein Brückenbauwerk voneinander getrennt wurden. Die Widerlager dieser Brücke sind noch vorhanden, hier haben sich Graffitti-Gestalter ausgetobt. Die Bankierszüge fuhren vom Bahnhof Zehlendorf nach Wannsee ohne Zwischenstopp, so konnten die wohlhabenden Bewohner der Kolonie Wannsee ("Bankiers") ihr Zuhause schnell erreichen (--> 4). Nachdem wir im August in Düppel und Zehlendorf-Süd an der alten Stammbahn unterwegs waren (--> 1), sind wir heute der Trasse weiter Richtung Zehlendorf(-Mitte) gefolgt, auch sie ist von der Natur weitgehend zurückerobert worden.

Der Bereich zwischen Machnower Straße und Teltower Damm wurde durch mehrere Krankenhäuser geprägt. Das kurz vor 1900 am Gimpelsteig errichtete "Erziehungsheim für sittlich verwahrloste Kinder" änderte 1927 seine Funktion, es wurde zum Bezirkskrankenhaus Zehlendorf. Für diesen Zweck hat man es um mehrere Institutsgebäude ergänzt (Infektionsgebäude, Pathologie, Stall für die Versuchstiere). Heute ist aus der Klinik das Klinikum Emil von Behring geworden, ein Schwerpunktkrankenhaus, das zum Helios-Gesundheitskonzern gehört.

Der Psychiater Heinrich Laehr eröffnete 1855 am Teltower Damm auf ehemaligen Schönower Ländereien den "Schweizerhof", eine Anstalt zur Heilung und Pflege Gemütskranker, der er 1886 eine Abteilung für Nervenkranke angliederte. Mit dem "Haus Schönow" wurde 13 Jahre später eine Heilstätte für minderbemittelte Nervenkranke eingerichtet. Laehr war ein Pionier, er sorgte für die Humanisierung der Anstaltspsychiatrie; Strafe, Aderlass und Einsperren lehnte er ab. Er publizierte viele wissenschaftliche Aufsätze, war Chefredakteur einer psychiatrischen Zeitschrift und Gemeindevertreter in Zehlendorf. Aus den Parkanlagen, die zu seinen Heilstätten gehörten, sind drei Parks entstanden: der Schönower Park, der Schweizerhof-Park und der Heinrich-Laehr-Park. Im Schönower Park findet sich Laehrs letzte Ruhestätte, ein Erbbegräbnis auf einem Privatfriedhof, "Schwermütige Frauen" lagern auf seinem Grabmonument.

Die Heilstätten und die ausgedehnten Grundstücke übernahm später die öffentliche Hand, bei ihr war und ist das Vermächtnis leider nicht in guten Händen. Nur noch ein historisches Haus des "Schweizerhofs" existiert, einbezogen in den Neubau der John-F.-Kennedy-Schule, alle anderen Gebäude wurden abgerissen. Das Schweizerhof-Gelände wurde bebaut mit Senioren-Wohnhäusern, einem Seniorenheim, der Kirchlichen Hochschule, einer Kindertagesstätte, einer Kirchengemeinde und drei Schulen. Inzwischen kämpft die Bürgerinitiative "Rettet den Schweizerhofpark" dafür, dass das Land nicht auch noch Grundstücke an Investoren abgibt, die dort Reihenhäuser errichten wollen.

Die Gebäude des "Hauses Schönow" blieben erhalten, aus dem Krankenhaus wurde inzwischen ein Pflegeheim der Diakonie. Als Angehöriger einer pflegebedürftigen früheren Bewohnerin hatte ich den Eindruck, dort herrscht Pflegenotstand. Wenn ich etwas Positives zu diesem Haus sagen soll, fällt mir nur eins ein: sie haben einen Streichelzoo.

Zurück zum Bahnhof Zehlendorf. An den Einmündungen Berlepschstraße/Machnower Straße/Teltower Damm stehen interessante Baudenkmale, an denen man nicht achtlos vorbeigehen sollte. Das Eckgebäude am Teltower Damm war einmal eine Postwechselstation, auf dem Hof des Grundstücks wurden in der Postkutschenzeit die Pferde versorgt. An dem Miethaus Berlepsch- Ecke Machnower Straße kann man studieren, wie eine phantasievolle Ecklösung aussehen kann (leider gibt es zu viele Bauten in Berlin - alt wie neu -, bei denen den Architekten zum Thema Ecke gar nichts eingefallen ist). Ein Rundturm mit einem Drei-Viertel-Kreis als Grundriss betont die eigentlich spitze Gebäudeecke, der Dachhelm ist nicht mehr vorhanden.

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(1) Stammbahn nach Potsdam: Stammbahn nach Düppel und Stammbahn
(2) Gartenstadt Staaken: Granaten und Kleinstadtidyll
(3) Der Architekt Paul Mebes: Mebes, Paul
(4a) Bankierszüge: Schwarzes Korps und "Weiße Juden"
(4b) Villenkolonie Wannsee: Villen am Stolper Loch


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