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Merkwürdige Grenzverläufe


Stadtbezirk: Zehlendorf
Bereich: Steinstücken, Kohlhasenbrück
Stadtplanaufruf: Berlin, Neue Kreisstraße
Datum: 2. August 2010

Wer schon einmal auf dem Flughafen Basel gelandet ist, hat eine Ahnung davon, was "Exklave" bedeutet, denn dieser Schweizer Flughafen ist von französischem Gebiet umgeben. Eine Verständigung zwischen beiden Staaten machte das möglich. Wie kann es dazu kommen, dass in fremdem Staatsgebiet eine Insel des eigenen Staates liegt? Meist reichen die Gründe weit in frühere Jahrhunderte zurück, aber manchmal sind es auch kuriose Situationen unserer Zeit. So wurde die Suite 212 im Londoner Claridges Hotel 1945 vorübergehend zum Staatsgebiet Jugoslawiens, damit der jugoslawische Thronfolger trotz des Exils in seiner Heimat geboren werden konnte. Sir Winston Churchill hatte das möglich gemacht. Ähnlich war es bei der niederländischen Prinzessin Margriet, sie sollte 1943 auf niederländischem Boden geboren werden, deshalb wurde die Geburtsabteilung des Ottawa Civic Hospital in Kanada vorübergehend zu niederländischem Staatsgebiet erklärt. Auch die UdSSR hatte für kurze Zeit eine Exklave in der DDR. Als ein russischer Düsenjäger bei Oranienburg einen DDR-Sendemast umgenietet hatte, baute die Sowjetunion als Schadensersatz einen neuen. Da aber die Arbeitsschutzbedingungen in der DDR sehr viel strenger waren als in der Sowjetunion, erklärte man kurzerhand die Baustelle zur russischen Exklave und konnte so sorglos mit dem lascheren Arbeitsschutz ans bauen gehen.

Weniger lasch ging es zwischen West-Berlin und der DDR beim Ringen um die Exklave Steinstücken zu. Seit 1787 gehörte Steinstücken durch Kauf zum Dorf Stolpe, war aber räumlich mit ihm nicht verbunden. Stolpe war 1920 mit Wannsee Teil Berlins geworden, und Steinstücken lag als territoriale Insel in Brandenburg. Es gab insgesamt zehn Exklaven Berlins, aber nur diese eine war ständig bewohnt. Mit der deutschen Teilung wurde das brisant, als die DDR versuchte, die Verhältnisse zu ihren Gunsten zu ändern. 1951 wurden die 200 Einwohner durch den Einmarsch der Volkspolizei der DDR überrascht, aber die klare Reaktion der USA führte nach vier Tagen zum Abzug der Besatzer. 1952 wurde West-Berlin zur DDR hin abgegrenzt, West-Berliner konnten sich nur noch innerhalb Berlins frei bewegen, die DDR blieb ihnen verschlossen. Der Zugang zu Steinstücken wurde von der Volkspolizei kontrolliert, nur dort polizeilich angemeldete Einwohner wurden durchgelassen. So musste auch der Monteur, der das Gasgerät beim Steinstückener Gastwirt warten wollte, einen Nebenwohnsitz in Steinstücken begründen, genau wie alle anderen Lieferanten und Gäste.

Keine ungebetenen Besucher, keine Kriminalität, alle halten zusammen, Steinstücken eine Idylle? Irgendwie schon, aber die Abhängigkeit von Wasser- und Stromlieferungen aus der DDR und der psychische Druck der höchstens mehrere hundert Meter entfernten Grenze waren spürbar. Mit dem Mauerbau 1961 eskalierte es weiter, aber wieder hielten die USA ihre schützende Hand über der Exklave. Der Stadtkommandant Lucius D. Clay flog mit dem Hubschrauber nach Steinstücken, ein Landeplatz wurde dort gebaut (auf dem heute ein Kinderspielplatz und ein Denkmal aus zwei Rotorblättern zu finden ist), drei amerikanische Soldaten dort stationiert. Mit dem Hubschrauber wurden auch die Flüchtlinge aus der DDR ausgeflogen, mehr als 20 Grenzpolizisten sollen kurz nach dem Mauerbau dorthin geflohen sein.

12,67 Hektar war Steinstücken groß, weitere 2,3 Hektar kamen als Zugangsweg zu Berlin hinzu, als 1971 ein Gebietsaustausch mit der DDR die Lage entscheidend verbesserte. Das Viermächteabkommen von 1971 hatte es möglich gemacht. Dadurch kam eine zusätzliche Kuriosität nach Steinstücken: ein Raum, der bis 4 Meter Höhe zur DDR und darüber zu Berlin gehörte. Es war nämlich noch komplizierter in Steinstücken, ein Bahngelände zerschnitt die Exklave, und das gehörte wiederum der DDR, die es auch nicht einen Meter weit hergeben wollte. So musste die Straßenbrücke über der Eisenbahn eine Sonderregelung bekommen, und die sieht so aus: die Schienen und der Luftraum darüber bis zur Brücke gehören zur DDR, die Brücke und der Luftraum darüber zu Berlin.

Mit dem neuen Zugang fielen die West-Berliner Ausflügler in Scharen nach Steinstücken ein, mit der Idylle war es vorbei, aber der Gastwirt hatte zu tun. Nach der Wiedervereinigung ist eine durchgehende Nord-Süd- Straßenverbindung nach Babelsberg durch den Ort geschaffen worden, aber alle anderen Straßen innerhalb der Exklave sind Sackgassen. Man fühlt sich eingezingelt, überall Sackgassenschilder, mein Mitflaneur zeigte erste Anzeichen leichten Unwohlseins. Das einzig außergewöhnliche, das es hier sonst zu sehen gibt, sind die Versickerungsstreifen für Regenwasser auf der Mitte der Straßen, denn eine Regenwasserkanalisation hat Steinstücken nicht.

Unser heutiger Spaziergang fordert uns einiges ab, auch mit beherztem Schritt ist es weit bis Albrechts Teerofen und zurück nach Kohlhasenbrück, ein Fahrrad wäre als Fortbewegungsmittel angemessener. Aber das Ziel lohnt den Einsatz, hier gibt es noch Reste eines DDR-Grenzkontrollpunktes, der 1969 aufgegeben wurde. Auch diese Geschichte hat mit merkwürdigen Grenzverläufen zu tun. Kohlhasenbrück ragt hier wie eine Zunge parallel zum Teltowkanal weit nach Brandenburg hinein und überdeckte damit die Transitautobahn zwischen West- Berlin und Westdeutschland. Die Folge war eine absurde Abfolge von Zuständigkeiten. Wer auf der Avus aus Berlin herausfuhr, kam durch DDR-Gebiet bis zur DDR-Grenzkontrolle auf der alten Teltowkanal-Brücke. Die Markierungen (z.B. "PKW") sind heute noch zu erkennen. Südlich der Brücke lag die Zunge von Albrechts Teerofen, man kam also wieder nach West-Berlin. Hier gab es eine West-Berliner und alliierte Kontrollstelle und eine (westliche) Raststätte Dreilinden, deren bauliche Reste ebenfalls noch stehen. Danach fuhr man wieder in die DDR ein, die man erst wieder verließ, wenn man westdeutsches Gebiet erreichte. Durch den Neubau eines Autobahn-Schlenkers bereinigte die DDR 1969 den unklaren und schwer zu sichernden Transitverlauf, jetzt verlief die Autobahn östlich der Zunge nur auf DDR-Gebiet. In der Satellitenansicht von Google-Maps ist der Verlauf der alten Strecke und der Brücke sehr schön zu sehen, wenn man "Albrechts Teerofen" eingibt. Das stillgelegte Autobahnstück war für Filmaufnahmen begehrt, bis es als Ersatz für anderweitige Versiegelung des Bodens der Natur zurückgegeben wurde.

Für den Rückweg müssen wir uns motivieren, die Füße sind müde, aber die Aussicht auf ein Essen lockt. Wo die Neue Kreisstraße den Teltowkanal kreuzt, finden wir im Garten des Loretta-Lokals einen Platz mit freundlichem Blick auf das Wasser und können uns erholen und stärken. Ist es ein Wunder nach soviel Grenzerfahrungen, dass mein Mitflaneur zum Abschluss die Bedienung fragt, wo denn hier der Bus "nach Berlin" abfährt?


Park des Vergnügens mit Havelblick
Sie kleidet den Reichen - Sie naehret den Armen