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Dorf am See, auf Dauer geteilt


Stadtteil: Spandau
Bereich: Kladow
Stadtplanaufruf: Berlin, Ritterfelddamm
Datum: 14. August 2017
Bericht Nr.: 596

___In diesem Haus mit seinen blanken Scheiben,
___Den Fliederbüschen und dem Silbermond,
___Dem See, darauf die kleinen Boote treiben –
___Hier hab ich achtzehn Frühlinge gewohnt
___Ich denke oft an Kladow im April

Mascha Kaléko, polnisch-deutsch-jüdische Dichterin, hat in ihrer Berliner Zeit jahrelang am Groß-Glienicker See Auszeiten genommen. Auch nach ihrer Vertreibung durch die Nazis erinnerte sie sich in ihrem Exil in New York gern an ihre Kladower Zeit, dieses Gedicht erschien dort als "Souvenir a Kladow".

Wahrscheinlich war es das Haus von Freunden, in dem Mascha Kaléko wohnte, als ihr Herz ein Stück auf diesem "Erdenfleck" zurückblieb. Irgendwo zwischen dem Groß-Glienicker See und dem Kladower Ritterfelddamm, der die Geschichte dieses Ortes aufnimmt. Der Straßenname verweist auf das Rittergut Groß Glienicke, dessen Gutshof an der Nordspitze des Sees liegt.

Die Gutsherren von Groß Glienicke
Zwei bekannte Namen tauchen auf, wenn man sich nach den Gutsbesitzern umschaut. Die Familie von Ribbeck besaß das Gut ab 1572 und lebte dort mehr als 200 Jahre. Es ist nicht der westhavelländische "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand" (Theodor Fontane), der sich hier niederließ, sondern Georg von Ribbeck, der erste aus der osthavelländischen Linie der Ribbecks. Er war Kurbrandenburgischer Amtshauptmann in Spandau, heißt es. Theodor Fontane fand die sterblichen Überreste der beiden Hans Georg von Ribbecks - Georgs Sohn und Enkel - in der Dorfkirche von Groß Glienicke, in der Gruft, wohlerhalten, "der Sargdeckel ließ sich ohne Mühe aufheben". Für jeden der beiden gibt es ein Epitaph (mit Relief geschmückte Grabplatte) an der Kirchenwand, schließlich haben die Ribbecks die Kirche neu bauen lassen.

Bemerkenswert ist der Zugang an der Nordseite der Kirche, der als "Brautpforte" diente. Von dem Relief eines Engels in die Kirche gelockt, sieht der Bräutigam im Innern der Pforte das Relief einer Hexe, doch ist es jetzt zur Umkehr zu spät.

Auf dem Friedhof findet man ein Erbbegräbnis im neogotischen Stil, fast ein Mausoleum, das auf eine weitere bekannte Gutsbesitzerfamilie hinweist. Hier wurde die Mutter Otto von Wollanks beigesetzt, des letzten Gutsherrn von Groß Glienicke. Die Wollanks waren eine Berliner Grundbesitzerfamilie mit Ländereien in Wedding und Pankow. Ihre Villa stand "auf dem Weinberg vor dem Rosenthaler Thor“ (Weinbergsweg). Otto von Wollank gehörte zur 7.Generation der Familie. Er ruhte sich nicht auf dem ererbten Familievermögen aus, sondern schuf nach dem Erwerb des Ritterguts Groß Glienicke dort ein landwirtschaftliches Mustergut mit vorzeigbaren Sozialeinrichtungen. Auf dem Gutsgelände findet man heute noch den "Erntekindergarten", in dem die Kinder der Landarbeiterinnen betreut wurden.

Der Gutsbezirk erstreckte sich an beiden Seiten des Sees. Auf der Potsdamer Seite lag das Dorf mit Kirche und Schule. Ein ehemaliges märkisches Bauernhaus dient heute als Pfarrhaus, Landhäuser und Villen haben die bäuerliche Nutzung verdrängt. Die Spandauer Seite ließ Otto von Wollank in finanzieller Bedrängnis 1929 durch seine Terraingesellschaft "Wochenend West Grundstücks-AG" parzellieren und - etwas hochgestochen - als "Luxusbad Cladow-Glienicke“ vermarkten. Zusätzlich zu den Grundstücken konnten "Seeparzellen" erworben werden, die den privaten Zugang zum See ermöglichten. Im Laufe der Jahre entstand aus den Wochenendhäusern eine Villenkolonie.

Otto von Wollank wurde Opfer eines Autounfalls auf dem Kurfürstendamm, als er - gerade von einem Schlaganfall genesend - von Groß Glienicke aus mit Ehefrau und Krankenschwester eine Ausfahrt nach Berlin unternahm. Dabei wurde sein Fahrzeug völlig zertrümmert, die Insassen überlebten nur kurze Zeit. Das riesige Vermögen der Wollanks hatte schon Otto von Wollanks Onkel 1895 in eine Familienstiftung eingebracht. Hieraus sollen bis heute nur ehelichen männlichen Nachkommen begünstigt werden, Frauen sind von der Erbschaft ausgeschlossen. Weitere Voraussetzung ist die deutschen Nationalität und natürlich der Name "Wollank".

Das Gut Groß Glienicke
Die Gutanlage bestand seit 1850 aus einem Herrenhaus, Gewächshäusern, Scheunen, Arbeiter-Unterkünften, einer Dampfbrennerei, einer Mühle, einer Ziegelei mit Ringofen und dem erwähnten Kindergarten. Umgeben waren die Bauten von einem Landschaftspark mit einem See in der Mitte. Das Gut kann man an beiden Enden der Gutsstraße durch das Potsdamer Tor und das Spandauer Tor betreten, die Pflasterung ist noch von 1868. Der Park entwickelt sich in der Gegenwart zu einem Dschungel, den See kann man nur von Ferne sehen. Die meisten Bauten sind verschwunden. Das Herrenhaus ist 1945 abgebrannt, später wurde für den DDR-Grenzstreifen vieles abgeräumt.

Im baumbestandenen Gutspark haben sich die Wollanks eine Grabanlage geschaffen, die von einer halbrunden Kolonnade umgeben ist. Dem Jenseits nähert man sich mit dem dort eingemeißelten Spruch: "Den Ort, wo unsere Lieben sind, kennen wir nicht. Den, wo sie nicht mehr sind, kennen wir". Viel Trost können diese Worte nicht vermitteln, keinen Himmel als Sehnsuchtsort. In der Nähe steht eine Feldstein-Ruine mit Turm und Brunnen, die von vornherein als Staffagebau errichtet wurde.


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Eine Grenze mitten durch Groß Glienicke
Als die Besatzungsmächte nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Spandau einen Gebietsaustausch vornahmen, wurden Teile von Groß-Glienicke und von Staaken zwischen der britischen und der sowjetischen Zone verschoben, eine folgenreiche Veränderung der Einflusssphären. Was war der Grund? Jede der vier Besatzungsmächte sollte einen Flughafen im eigenen Sektor bekommen. Mit Tempelhof für die Amerikaner, Tegel für die Franzosen und Schönefeld für die Sowjets war das kein Problem, nur die Zufahrtstraße zum britischen Flughafen Gatow ("Seeburger Zipfel") und ein geplantes Erweiterungsgebiet lagen zum Teil in der sowjetischen Besatzungszone. Da andererseits die Sowjets an Staaken wegen des dortigen Flughafens interessiert waren, nahmen Briten und Sowjets einen Gebietsaustausch vor.

Groß Glienicke und Staaken wurden geteilt, der Seeburger Zipfel Spandau zugeschlagen. Teile von Groß Glienicke wurden in den politischen Westen verschoben. Für die Staakener war es dramatischer, sie gehörten plötzlich zum Osten. Nach der Wende wurde Staaken wieder zu Berlin eingemeindet, nur Groß Glienicke bleibt auf Dauer geteilt. Der westliche Teil gehört zu Potsdam in Brandenburg, der östliche zu Berlin-Spandau.

Geografische und politische Himmelsrichtung fielen während der Teilung Berlins sowieso auseinander, Berlin war "die einzige Stadt auf der Welt, wo in allen Richtungen Osten ist" (Grips-Theater, "Linie 1"). Groß Glienicke erstreckt sich zu beiden Seiten des gleichnamigen Sees, die Mitte des Sees - eine Nord-Süd-Linie - wurde zur neuen Grenze. Dadurch war damals plötzlich das Ostufer Westen und das Westufer blieb Osten. Die Grenze verlief mitten durch den Gutshof an der Spitze des Sees, der beide Seiten miteinander verband.

Das Grenzregiment
Die DDR kappte auf ihrer Seite des Sees den Seezugang und legte 1961 einen Todesstreifen an mit einer Mauer als Vorfeldsicherung, später folgte ein Streckmetallzaun. Baden im See war für DDR-Bürger nicht mehr möglich, sie konnten den See nicht einmal mehr sehen. Der heute von Erholungssuchenden frequentierte asphaltierte Uferweg ist der ehemalige Postenweg der Grenzer. Außerdem wurde ein bunkerartiger Unterstand eingerichtet. Das Grenzregiment war nördlich des Sees stationiert in einer Kaserne mit Panzerhalle ("Waldsiedlung").

Am Südufer des Sees gab es früher eine Ziegelei, sie hinterließ den Karpfenteich am Braumannweg. Dort errichtete die DDR einen hohen Wachturm, mit dem man den Flughafen Gatow beobachten konnte. Mehr Freude hatten die Grenzer aber an dem Blick auf die beiden Inselchen, die als DDR-Territorium mitten im Groß Glienicker See lagen.


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Nicht nur Halbstarke kamen zum Randalieren dort hin, auch Liebespaare ließen von Spandauer Seite kommend die Grenzbojen im See unbeachtet und vergnügten sich auf der Insel. Da es auf diesem See keine Patrouillenboote gab, konnten die Grenzer bei den "Grenzverletzungen" nur zusehen, sie in einer Strichliste festhalten und täglich nach oben melden. Auch Beschimpfungen wie "Russenbüttel" mussten sich die Volkspolizisten von West-Berliner Seite anhören.

Groß Glienicke bleibt geteilt

Anders als in Staaken wurde in Groß Glienicke die Grenzverschiebung nach der Wende nicht rückgängig gemacht. Gemeinsam haben aber Potsdam und Berlin einen Mauergedenkort eingerichtet, einige Segmente der Betonmauer und viele Felder des Streckmetallzauns sind an der Gutsstraße erhalten geblieben. Zur Ergänzung wurden originale Betonpfosten von anderen Standorten hierher gebracht und aufgestellt. Der Grenzverlauf ist mit der üblichen Doppelreihe von Granitsteinen markiert, die im Boden eingelassen sind. Wir sind heute am 14.August unterwegs, gestern wurden am Jahrestag des Mauerbaus hier Blumen und Kränze niedergelegt.

Beide Ortsteile in Potsdam und in Berlin heißen „Groß Glienicke“, einmal mit Bindestrich und einmal ohne, aber davon nimmt kaum jemand Notiz. Auf beiden Seiten des Sees bestimmen Landhäuser und Villen das Bild. Aber sie liegen in unterschiedlichen Bundesländern und werden von unterschiedlichen Administrationen verwaltet. Doch es gibt ein Miteinander: Gemeinsam feierte man auch 750 Jahre Kladow mit Sommerfesten auf der Badewiese Seepromenade (Potsdam) und im ehemaligen Freibad Kladow (Berlin). Problematisch ist eine andere Gemeinsamkeit: Die Anlieger auf beiden Seiten des Sees kämpfen um ihren Seezugang, ein Ringen um Eigentumsrechte auf der einen und Gemeinwohl auf der anderen Seite ist entbrannt. Hecken wurden gepflanzt, Schilder aufgestellt, der Postenweg unterbrochen, Enteignungsverfahren eingeleitet, Gelder angeboten, aber der Streit gärt weiter.

Schilfdachkapelle
Unser letztes Ziel rund um den See ist die Schilfdachkapelle, die nahe dem Ritterfelddamm an der Waldallee im Grundstücksinnern nach Ideenskizzen eines Bühnenbildners gebaut wurde. West-Berlin brauchte eine eigene Kirche am See, als die Dorfkirche "drüben" unerreichbar wurde. In einem umgebauten Hühnerstall wie bisher sollten die Gottesdienste nicht länger abgehalten werden. Sechs Jahre nach Kriegsende waren Baustoffe Mangelware und Geld fehlte, die Arbeiten mussten in Eigenregie ausgeführt werden. Ein Internationales Jugendlager half beim Bau, aus der Ruine des Herrenhauses und aus West-Berliner Ruinen wurden Bausteine herangeschafft.


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Für unser Flaniermahl bleiben wir auf der Berliner Seite. An der Sacrower Landstraße sitzen wir im Innenhof einer Trattoria und freuen uns über gut abgeschmeckte Speisen und freundliche Bedienung. Den Heimweg treten wir mit meinem Auto an, das uns schon bei der Umrundung des Sees half, die unterschiedlichen Ziele in angemessener Zeit miteinander zu verbinden. Die Autofahrt ist unsere zweite persönliche Grenzüberschreitung des heutigen Tages, abgesehen von der politischen Grenze. Sonst sind wir seit vielen Jahren nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß unterwegs. Und grundsätzlich beschränken wir uns überdies bewusst auf das Berliner Stadtgebiet, nur an der Glienicker Brücke (witzige, aber ungeplante Duplizität) waren wir schon einmal bis Babelsberg gekommen.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Fliegende Pferde
Brieftauben mit feurigen Augen und stolzer Haltung