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Fliegende Pferde


Stadtteil: Spandau
Bereich: Staaken
Stadtplanaufruf: Berlin, Reimerweg
Datum: 20. März 2017
Bericht Nr: 582

Unser gefiederter Freund, der Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe), nistet am liebsten in den Fugen von Steinhaufen, die wir für ihn aufgeschichtet haben, denn eigentlich lebt er im Gebirge. Der putzige Vogel mit dem schwarzen Pürzel fliegt bis nach Afrika, um dort zu überwintern und das mit gleicher Geschwindigkeit wie ein Auto im Stadtverkehr.

Diesen Vogel gibt es wirklich, im Gegensatz zur Steinlaus von Loriot, an die Sie diese Einleitung vielleicht erinnert. Loriot hatte damit die Fernsehsendung von Zoodirektor Grzimek auf die Schippe genommen hatte. Die Steinlaus könne Häuser so anknabbern, dass sie einstürzten, konnte man von Loriot erfahren. "Unser" Steinschmätzer macht das natürlich nicht, er gehört zur Kategorie der Fliegenschnäpper, die nur Insekten jagen, aber nicht Beton und Ziegelsteine. Im Flachland sind Steinschmätzer äußerst selten, aber auf dem Hahneberg in Spandau brüten diese Vögel in extra hierfür angelegten Steinhaufen.

Hahneberg
Der Hahneberg ist mit 87 Metern für Berliner Verhältnisse ein richtiger Berg. Hier gab es früher eine Kiesgrube, dann wurden Bodenaushub und Bauschutt abgeladen und aufgeschüttet. Das war in den 1960er und 1970er Jahren. Der Hahneberg ist also kein Trümmerberg aus dem Schutt kriegszerstörter Gebäude wie der Teufelsberg, sondern eine landschaftlich gestaltete ehemalige Schuttdeponie.


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Nebenan gibt es eine natürliche Erhebung, die 20 Meter niedriger ist, den (alten) Hahneberg, in den eine Festung versenkt wurde. Es war der letzte Festungsbau Deutschlands, der 1903 als militärische Anlage wieder aufgegeben wurde.

Vom neuen Hahneberg hat man eine weite Sicht über das Umland und in die Stadt. Der Berg erhebt sich 87 Meter über Normalhöhennull, aber nur 45 Meter über das umgebende Niveau. Aus dieser Höhe kann man bei klarer Sicht 25 km weit schauen. Der Teufelsberg liegt in Luftlinie 8 km entfernt, der Funkturm 10 km, der Schäferberg 13 km, der Fernsehturm 18 km - die Stadt liegt uns zu Füßen.

Sternwarte
Der neue Hahneberg wurde zu einem Naherholungsgebiet am äußersten Stadtrand. Eine 500 Meter lange Rodelbahn sorgt für den Winterspaß, falls Schnee liegt. Eine von Amateuren errichtete und betriebene Sternwarte bietet bei freier Sicht die Beobachtung von Himmelskörpern an. Die Sternwarte hat nur einen Durchmesser von knapp 3 Metern, aber sie ist beileibe kein Spielzeug. Hier arbeitet das leistungsfähigste Spiegelteleskop Berlins mit einer Brennweite von 9 Metern. Seine optischen Qualitäten werden als weltweit einzigartig beschrieben: Die Planeten werden ohne Lichtkreuze (Spikes) abgebildet und die Lichtenergie (Strehl) ist für diese Teleskopgröße einmalig.


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Amalienhof
Am Fuß des Hahnebergs liegt das Gut Amalienhof. Es ist kein Rittergut, sondern entstand erst, als die Rittergüter aufgelöst wurden. Seit 1807 waren die Bauern keine Leibeigenen der Gutsherren mehr, als die "Erbunterthänigkeit" in Preußen aufgehoben wurde. 1821 folgte die "Separation" mit der Privatisierung der Flächen, im Flurordnungsverfahren wurde die Zersplitterung von Ländereien beseitigt.

Die Gemeinde Spandau verpachtete die Flächen, auf denen 1836 der Gutshof "Klitzings Vorwerk" angelegt wurde. Ein späterer Gutsherr nannte das Anwesen nach seiner verstorbenen Frau "Amalienhof". Zu diesem Zeitpunkt war das Pachtverhältnis mit dem Magistrat Spandau bereits aufgelöst. Das Gut bestand aus Wohnhaus, Brennereigebäude, Pferde- Schaf- und Schweineställen und Scheunen. Außerdem gehörten dazu Äcker, Holzungen, Wiesen und Garten. Die Eigentümer wechselten, ein Park wurde angelegt, ein Erholungsheim und ein Altersheim betrieben. Die Lufthansa lagerte Maschinen und Flugzeugräder in den Scheunen, eine Dampfbäckerei nahm den Betrieb auf, ein Landschulheim wurde eingerichtet.

Ein ehemaliger Wella-Manager (Haarpflege und Styling) suchte 2007 in Berlin eine Schule für seine Tochter und kaufte gleich die ganze Bildungsstätte Amalienhof mitsamt Grundstück. Damit rettete er eine inzwischen hier betriebene bilinguale Privatschule vor der Insolvenz. In zweisprachigem Namens-Kauderwelsch nannte er sie "International School Villa Amalienhof GmbH". Die zweisprachige Schule unterrichtet Kinder bis zum Abitur, auch eine Kita gehört dazu. Die Anknüpfung an das britische Bildungssystem behielt er bei. Die Schüler müssen fließend Englisch sprechen, der Unterricht wird in Englisch abgehalten, Prüfungsarbeiten werden von der Uni Oxford korrigiert. Für den Unterricht im ländlichen Ambiente buchstäblich am Ende der Stadt müssen die Eltern pro Schuljahr zwischen 3.500 und 13.000 Euro bezahlen.

Weinberg
Straßennamen wie Weinmeisterhornweg, Weinbergshöhe, Weingartenweg, Küfersteig, Winzerweg oder Rebenweg verweisen darauf, dass hier Wein angebaut wurde. Das Weinmeister"horn" ist die Landspitze, die in Spandau in die Scharfe Lanke hereinragt. Im 16. Jahrhundert gab es an den Südhängen Berlins 70 Weinberge. Um 1700 wurden 60.000 Liter Landwein produziert, die die Berliner jährlich tranken. Es gab mehrere Gründe, warum um 1740 der Weinbau zum Erliegen kam. Darüber und über die anderen Weinbaugebiete Berlins steht mehr in meinem Beitrag Zu Pferde durch die Havel. Auch nach Personen, die mit dem Weinbau zu tun hatten, sind hier Straßen benannt, beispielsweise nach dem Winzer Fahremund. Ob die Rodensteinstraße den richtigen Namenspaten gefunden hat? "Der Ritter von Rodenstein soll als großer Zecher seine Dörfer vertrunken und den Winzern die Weinkeller leergesoffen haben", allerdings nicht hier, sondern im Odenwald.

Bohrkernlager
Wie kann man die Vergangenheit für die Zukunft bewahren, der Nachwelt etwas hinterlassen, das man für schützenswert hält? Steintafeln der Ägypter haben bis heute überdauert, aber können spätere Generationen noch mit unseren digitalen Hinterlassenschaften etwas anfangen? Es gibt Erinnerungslandschaften wie Gedenkstätten und Mahnmale. Museen bewahren Objekte und Dokumente nicht nur der Alltagskultur. Die UNESCO schützt Welterbe - Kulturgut und Naturphänomene -, um Zeitzeugen ehemaliger Hochkulturen und einmaliger Naturlandschaften vor Untergang und Zerstörung zu bewahren. In einem bundesweiten Verzeichnis wird immaterielles Kulturerbe gesichert wie beispielsweise Brotkultur und Hebammenwesen, Palmsonntagsprozession und hessischer Kratzputz, Skatspielen und Poetry-Slam, Genossenschaftsidee und Karneval.

In Berlin-Spandau gibt es eine geologische Sammlung, in der Gesteine, Minerale und Fossilien aufbewahrt werden, die durch Bohrungen gewonnen wurden. 2012 wurde das "Nationale Bohrkernlager für kontinentale Forschungsbohrungen aus Festgesteinen" eingeweiht. Der Kernbohrer fördert einen zylindrischen Körper zutage, den Bohrkern. Auf diese Weise gewinnt man Einblick in die Zusammensetzung der erbohrten Schichten. Das können Tiefenbohrungen sein, beispielsweise um Rohstoffe zu erkunden oder die Tragfähigkeit eines Geländes zu bestimmen. Oder es sind Prüfverfahren an Gebäuden. Die Deutsche Rohstoffagentur der geowissenschaftlichen Bundesagentur sitzt in der Wilhelmstraße 25-30 auf einem ehemaligen Kasernengelände. Die Sammlungsstücke haben Ausmaße von ganz klein (Mineral, nur einige Milligramm schwer) bis hin zu Objekten mit Tonnenwichten. Die Lagerfläche reicht aus, um Bohrkerne - aneinander gereiht - in einer Länge bis 60 km unterzubringen.

Train-Bataillon-Kaserne
Beim preußischen Militär gab es "fliegende Pferde-Depots". Dort wurden keine geflügelten Pferde aus der griechischen Mythologie für Kriegszwecke eingesetzt, sondern es waren mobile Einheiten im Gegensatz zu den "stehenden Pferde-Depots". Das "fliegen" bezog sich also auf die Depots, nicht auf die Pferde. Mit den im Krieg mitgeführten Depots wurden Verluste ("abgehende Pferde") bei den berittenen Einheiten ersetzt. Zuständig hierfür waren "Train-Bataillone".



Im Felde waren diese Einheiten für das gesamte Transportwesen verantwortlich. Sie führten nicht nur die Pferde-Depots mit sich, sondern auch die Kriegskasse und sorgten für Proviant, Munition, Gerätschaften, Feldpost, Krankenträger, Lazarette, Pferdewärter und - ganz preußisch - für die Akten und Buchführung. Die einfachen Soldaten dieser Einheiten waren vorwiegend abkommandierte Handwerker.

Das Brandenburgische Train Bataillon Nr.3 hatte seine Kasernen, die in den 1880er Jahren errichtet wurden, an der Spandauer Wilhelmstraße. Das benachbarte Garnisonsgefängnis wurde von den Alliierten als Kriegsverbrechergefängnis genutzt. Nach dem Tod des letzten Insassen Rudolf Hess wurde es abgerissen, um keinen Pilgerort für Neonazis zu hinterlassen. Die Train-Kasernen wurden bis zur Wende von den britischen Alliierten als "Smuts Barracks" weitergeführt. Heute verwahrt die geowissenschaftliche Bundesagentur dort ihre Schätze und ein Teil der Gebäude ist an Gewerbebetriebe vermietet.


Am Abend nach dem Stadtrundgang treffen wir uns in der Wartburgstraße in einem Lokal, das Essen und Trinken auf italienisch in seinem Namen führt. An der Decke hängen mehrere fünfarmige Deckenleuchter, bei zweien ist jeweils eine Lampe ausgefallen. Kein gutes Zeichen, vielleicht ist das Lokal deshalb so schlecht besucht. Wenigstens waren Essen und Getränke nicht unterbelichtet.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Das umgedrehte Denkmal