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Das umgedrehte Denkmal


Stadtteil: Spandau
Bereich: West-Staaken
Stadtplanaufruf: Berlin, Nennhauser Damm
Datum: 29. August 2016
Bericht Nr: 557

Gibt es eine "Nachnutzung" von Denkmalen? Unser heutiger Stadtspaziergang in Staaken legt das nahe, doch bleiben wir erst noch einmal kurz in der Mitte Berlins. Die Neue Wache Unter den Linden ist ein prominentes Beispiel dafür, wie ein Gedenkort unter mehrfach wechselnder Herrschaft seine Botschaft ändern kann, indem er im übertragenen Sinne "umgedreht" wird. Das von Schinkel nach dem Ende der Befreiungskriege gegen Napoleon 1816 geschaffene Siegesdenkmal wurde in späteren Jahren zum Opferdenkmal. Vom Sieg zum Opfer, aber welche Leidtragenden wurden hier geehrt? Ab 1930 waren es die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, ab 1933 wurde dieses Gedenken durch die Verherrlichung des Soldatentods ersetzt. In der DDR-Zeit war der preußische Militarismus nicht mehr willkommen, jetzt wurde der Gedenkort zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus. Trotzdem marschierte die Nationale Volksarmee im preußischen Stechschritt zur Wachablösung vor der Neuen Wache auf. Die Bundesrepublik gestaltete den Gedenkort nach der Wende neu, jetzt werden alle Opfer der Kriegs- und Gewaltherrschaft geehrt.

Die Bedeutung des Bauwerks ist mehrfach aufgeladen worden. Schon in der DDR-Zeit hat man die Neue Wache zum Staatsdenkmal mit DDR-Emblem hochstilisiert, eine Ewige Flamme und Gräber des Unbekannten Soldaten und des Unbekannten Widerstandskämpfers wurden eingebracht. Auch heute ist die Neue Wache wieder ein Staatsdenkmal, sie wurde zur Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik erklärt. Um die einseitige Ausrichtung der DDR auf das Antifaschistische aufzuheben, hat man den Gedenkort 'allen' Opfern gewidmet und die symbolischen Gräber um Gefäße mit Erde von europäischen Schlachtfeldern und aus Konzentrationslagern ergänzt.

Nach diesem Ausflug in die "Nachnutzungs"-Geschichte eines prominenten Bauwerks wende ich mich unserem Spaziergang im Dorf Staaken zu. Dass ein Denkmal buchstäblich umgedreht wurde, um ihm einen neuen Sinn zu geben, kann man vor der Dorfkirche in Staaken sehen. Die Staakener hatten 1901 dem Königreich Preußen zum 200. Jubiläum einen Gedenkstein ("Königstein") gewidmet. Der zwei Meter hohe Obelisk aus Sandstein war mit einer goldenen Krone verziert und mit einer Inschrift versehen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Stein von den Sowjets halbiert, auf den Kopf gestellt und mit einem Sowjetstern mit Kranz und Schleife gekrönt. Inschriften in deutsch und kyrillisch verweisen auf die Befreiung Staakens durch die siegreiche Rote Armee. Wann diese "Umwidmung" geschah, ist nicht überliefert, wahrscheinlich war es 1951 oder später, da erst ab diesem Zeitpunkt das Dorf Staaken zur Sowjetischen Besatzungszone gehörte. Nach der Wende ist der Stein beschädigt worden, der Sowjetstern wurde geköpft. Die CDU Spandau verlangte daraufhin, den preußischen Kaiserstein wiederherzustellen, aber so einfach bekommen wir das Kaiserreich nicht zurück - der Sowjetstern ist wieder drauf auf dem Stein.

Als die Briten das Dorf Staaken und Umgebung ("West-Staaken") aufgaben und es der Sowjetischen Besatzungszone zuordneten, war das ein Schock für die Menschen, die plötzlich in ein anderes politisches System verschoben wurden. Was war der Grund? Jede der vier Besatzungsmächte sollte einen Flughafen im eigenen Sektor bekommen. Mit Tempelhof für die Amerikaner, Tegel für die Franzosen und Schönefeld für die Sowjets war das kein Problem, nur die Zufahrtstraße zum britischen Flughafen Gatow ("Seeburger Zipfel") und ein geplantes Erweiterungsgebiet lagen zum Teil in der sowjetischen Besatzungszone. Da andererseits die Sowjets am Flughafen Staaken interessiert waren, nahmen beide einen Gebietsaustausch vor. Groß Glienicke und Staaken wurden geteilt, der Seeburger Zipfel Spandau zugeschlagen. Strategische Interessen gingen vor, Menschen im Besatzungsgebiet zählten weniger. Teile von Groß Glienicke wurden in den politischen Westen verschoben, für die Staakener war es dramatischer, sie gehörten plötzlich zum Osten.

Die Enttäuschung darüber, von einer westlichen Besatzungsmacht verschoben worden zu sein, wirkt bis heute nach. Viele Staakener verließen ihre Heimat und zogen nach West-Berlin. Ein schwarzes Kreuz vor der Dorfkirche hält die Erinnerung wach "1951 geteilt - 1990 vereint". In der Dorfkirche ruft ein Wandgemälde "Versöhnte Einheit" dazu auf, den Schmerz zu überwinden. Im Kirchgarten haben zwei Stifterinnen aus "West-Staaken im Osten" und aus "Ost-Staaken im Westen" gemeinsam einen "Baum der Versöhnung" gepflanzt.


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Dorfkirche Staaken
Die Staakener Dorfkirche hat in zwei Systemen politisch Unterdrückten Schutz und Hilfe gegeben. In der Nazizeit war es ein Pfarrer, der der Bekennenden Kirche angehörte. Mit kritischen Predigten und der Taufe und Trauung von Juden widersetzte er sich dem herrschenden Ungeist. In der Wendezeit im Herbst 1989 bekam die Dorfkirche eine ähnliche Bedeutung wie die Gethsemanekirche in Ost-Berlin. Die Stasi beobachtete mit großer Besorgnis die Aktionen des Pfarrers, der dem DDR-kritischen "Staakener Kreis" Zuflucht bot.

Der Kirchenbau stand im Grenzgebiet, neben dem Kirchturm befand sich ein Wachturm der Grenztruppen. In dieser Lage war das Gotteshaus akut abrissgefährdet, stattdessen nahm der DDR-Denkmalschutz es noch 1986 unter seine Fittiche, obwohl kein Besucher hierher kommen konnte. Drei mittelalterliche Holzskulpturen aus der Dorfkirche waren bereits 1896 an das Märkische Museum abgegeben worden. Dazu gehörte eine Madonna auf der Mondsichel, mit deren symbolischer Bedeutung als "apokalyptisches Weib" wir uns bereits im Zusammenhang mit dem Waldfriedhof Oberschöneweide beschäftigt hatten.

Friedhof Staaken
Bestattungen wurden bis 1874 auf dem Kirchhof direkt an der Dorfkirche vorgenommen, danach auf dem damals neu geschaffenen Friedhof Staaken am Buschower Weg. Eine Feierhalle bekam dieser Friedhof erst 36 Jahre später, ein eigenes Totenglöckchen erst nach weiteren 106 Jahren. Für die Bestattungsfeiern reichte es lange Zeit aus, dass die Glocke der 500 Meter entfernten Dorfkirche geläutet wurde. Irgendwann war durch die zunehmende Bebauung und den Verkehrslärm der Heerstraße die Kirchenglocke nicht mehr auf dem Friedhof zu hören, ein eigenes Geläut für den Friedhof wurde auf einem hölzernen Turmgestell aufgebaut.


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Angelegt wurde der Staakener Friedhof als Allequartierfriedhof. Damit bezeichnet man eine rasterförmige Anlage, innerhalb derer Alleen und Wege unterschiedliche Breite haben. An den Alleen und Hauptwegen liegen die 'besseren Leute', innerhalb der Rasterfelder die einfacheren Bürger, eine Klassengesellschaft ganz wie im Leben. Monumentale Erbbegräbnisse wird man auf diesem Friedhof vermissen, allerdings glauben wir das wahrscheinlich längste Grab Berlins hier entdeckt zu haben. Die Familie des Ackerbürgers Carl Damm ruht in einem Grabfeld, dessen Einfassung 20 Meter lang ist. Auf dieser Breite könnte man 16 Einzelgräber unterbringen, für ein Grabfeld (kein Mausoleum, kein Erbbegräbnis) eine ungewöhnliche Ausdehnung. Weiterhin fällt auf, dass es auf diesem Friedhof aus der Zeit nach der Wende eine Anzahl russischer Gräber gibt. Sie haben eine besondere Ästhetik, weil sie meist ein Bild des Toten in den Grabstein integrieren. Das haben wir bereits auf dem Russischen Friedhof in Tegel gesehen.

Fort Hahneberg
Auf dem Friedhof Staaken durfte 1874 keine Feierhalle gebaut werden, weil sie im Schussfeld des Forts Hahneberg gestanden hätte ("Festungsrayon"). Spandau war eine Festungsstadt. Vor einer Verteidigungsanlage durften keine massiven Bauten errichtet werden, damit beim Herannahen des Feindes das Schussfeld freigemacht werden konnte. Die Stadt Spandau hatte 1872 beschlossen, am Buschower Weg - gegenüber dem Friedhof - das Fort Hahneberg zu errichten. Es wurde der letzte Festungsbau Deutschlands, denn den um 1890 aufkommenden Brisanzgranaten (Sprenggranaten) konnten Festungsanlagen nicht widerstehen, sie wurden damit sinnlos. 1903 wurden die Spandauer Festungen als militärische Anlagen aufgegeben. 1910 konnte der Friedhof dann endlich seine Feierhalle bauen. Das Fort Hahneberg war aus Mauerwerk in den Berg hinein gebaut worden, nach dem Zweiten Weltkrieg diente es als Steinbruch, die Ziegel wurden für den Wiederaufbau gebraucht.

Im Fort Hahneberg haben - genau wie in der Zitadelle - Fledermäuse Quartier bezogen. Man kann hier auf geführte Entdeckungstouren gehen, um ihre Quartiere zu erkunden. Auch an der Dorfschule in der Hauptstraße sind Nistkästen für Fledermäuse angebracht, Spandau scheint den Fledermäusen eine gute Heimat zu sein.

Der Bullengraben
Von der Havel bis nach Staaken führt ein Wassergraben durch das Spandauer Urstromtal, der Bullengraben. Die "Bullen" waren wahrscheinlich "Ballen" von Heu aus der früher hier betriebenen Weidewirtschaft. Wie schön, dass die Bahn nach der Wende die ICE-Strecke nach Hannover ausgebaut hat. Das war nicht nur für die Fahrgäste ein Vorteil, auch der Bullengraben profitierte davon, weil die Bahn als Ausgleichsmaßnahme für Eingriffe in der Natur hier einen Grünzug angelegt hat, der auf 7 km Länge vorbeiführt an renaturierten Gewässern und Feuchtgebieten. Für die hervorragend geplante öffentliche Grün- und Parkanlage erhielt sie den Gustav-Meyer-Preis, der nach Berlins erstem Städtischem Gartenbaudirektor benannt ist.

Bei unserem Abstecher zum Grünzug waren wir unter uns, wir sind wir nicht dem "Freyen Clan der Bruderschaft vom Bullengraben" begegnet. Diese Söldner, Mägde, Bauern, Ritter, Bogenschützen sind auch ungefährlich, denn sie wollen Mittelalter-Geschichte mit einem Augenzwinkern vermitteln. Auf Geschichte aus unserer Generation sind wir aber gestoßen, denn mehrere Markierungen verweisen auf den Mauerverlauf und den Berliner Mauerweg. Die Grenzlinie, die 1951 gezogen worden war, um West-Staaken der sowjetischen Hoheit zu unterstellen, kreuzt vom Nennhauser Damm kommend den Bullengraben und verläuft durch die Bergstraße direkt zum Grenzkontrollpunkt an der Heerstraße. Heute liegt die Berliner Stadtgrenze auch an der Heerstraße ein ganzes Stück weiter westlich, weil West-Staaken wieder zu Berlin gehört.

Meilenstein
Wenn ein Meilenstein wandert, dann muss das schon eine besondere Bewandtnis haben. So ist es auch mit dem Meilenstein, der am Nennhauser Damm "III Meilen bis Berlin" anzeigt, bekrönt von einem preußischen Adler. Erstmalig aufgestellt wurde der Stein 1832 an der "Neuen Hamburger Chaussee" im benachbarten Dallgow zu einer Zeit, als man Straßenentfernungen noch in Meilen gemessen hat (1 Meile = 7.53248 km). Im Jahr 1875 wurde das metrische System eingeführt, jetzt setzte man die Ganzmeilensteine in Abständen von 10 km um, änderte aber nichts an der Entfernungsangabe.


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Dadurch rückte diese Stein um 2,6 km näher an Berlin auf die Position "20 km" und bekam einen Standort an der Königstraße, so hieß der Nennhauser Damm damals. Die Heerstraße, an die der Meilenstein heute gehören würde, ist erst nach 1900 gebaut worden. Ganz original ist der Meilenstein nicht mehr, weil er nach im Zweiten Weltkrieg einen Bombenschaden davontrug.

Die Dorfgaststätte von Staaken hat am Montag Ruhetag, deshalb fahren wir zum Theodor-Heuss-Platz, um ein Lokal für unser abschließendes Flaniermahl zu suchen. In der Reichsstraße im „Adelino“ werden italienische Gerichte angeboten zu Preisen, die niedriger sind als wir hier erwarten. Aber die Qualität ist gut und die Bedienung aufmerksam, und so beenden wir das heutige Flanieren sehr zufrieden.

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Spaziergänge in umliegenden Kiezen:
> Gartenstadt Staaken: Granaten und Kleinstadtidyll
> Heerstraße: Mata Hari auf dem Flugfeld
> Falkenhagener Feld: Im Landeanflug

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Kleingärtner auf der Hallig
Fliegende Pferde