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Aus Bauernhöfen werden Fabriken


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Alt Reinickendorf bis Wilhelmsruh
Stadtplanaufruf: Berlin, Freiheitsweg
Datum: 2. Januar 2017
Bericht Nr: 574

Auf der Grünfläche südlich des Bahnhofs Alt-Reinickendorf markieren Straßenbäume den früheren diagonalen Verlauf der Roedernallee, die durch das Dorf führte, bevor sie in die Nord-Süd-Richtung gedreht wurde. Am Rand der Grünanlage steht seit 1918 die Skulptur "Der sterbende Adler“ von Ludwig Vordermeyer. Auf dem Kriegerdenkmal in Eberwalde steht ein weiterer Abguss des Adlers, ein sitzender Adler gedenkt der Gefallenen des Ersten Weltkriegs auf dem städtischen Friedhof Wilmersdorf. Außerdem hat Vordermeyer unter anderem einen Kolossalen Elch, einen Erbosten Elch und einen Schreitenden Elch, einen Hahn und einen Raben geschaffen sowie das Grabdenkmal Aschinger auf dem Luisenfriedhof.

Kriegsgräber auf Wanderschaft
Der Sterbende Adler in Reinickendorf stellt die Verbindung her zu dem Kriegsgräberfriedhof, der - durch einen Zaun getrennt - direkt an den Bahnhofsplatz angrenzt und vom Freiheitsweg aus erschlossen wird. Auf dem ursprünglich als Erweiterung für den Dorfkirchhof eingerichteten Friedhof wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs gefallene oder verstorbene Soldaten und Zivilpersonen beigesetzt, überwiegend Ausländer: Amerikaner, Belgier, Esten, Franzosen, Holländer, Italiener, Polen, Russen, Spanier und Tschechen.

Als andere Friedhöfe anfingen, die Kriegstoten nach Herkunft zu sich zu holen - beispielsweise Franzosen und Belgier auf den Friedhof Heiligensee, Italiener auf den Waldfriedhof Zehlendorf - leerte sich das Gräberfeld. Reinickendorf sah nicht tatenlos zu, folgte seinerseits diesem Beispiel in umgekehrter Richtung und holte sich 2.178 Gräber von insgesamt 8 Reinickendorfer Friedhöfen. Von der Gesamtzahl der 2.249 heute vorhandenen Grabstellen sind also 96 Prozent durch Umbettung belegt worden.

Dabei wurde offensichtlich "mit der heißen Nadel genäht". Es sind Kriegsgräber aus beiden Weltkriegen hier vertreten, mit der Zuordnung nahm man es nicht aber so genau. So wurde beispielsweise der Grabstein von Isidor Prinzl, der bereits 1917 gestorben ist, dem Zweiten Weltkrieg zugeordnet ("1939-1945"). Die Umbettung ließ sich Deutschland etwas kosten, aus Bundesmitteln wurden neue Särge spendiert. Die Angehörigen wurden nicht gefragt, aber informiert.


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Der Name Freiheitsweg geht übrigens nicht auf revolutionäre Bestrebungen zurück, vielmehr trug ein Luch (sumpfige Wiese) den Namen „Freiheit“. Als das Luch urbar gemacht werden sollte, um eine Koppel anzulegen, kam es zum Streit zwischen einem Meiereibesitzer und einem Papiermüller.

Verschwundene Denkmale
Interessant ist beim Weg durch die Stadt nicht nur das, was man sieht, sondern auch, was man nicht mehr sieht, weil es aus dem einen oder anderen Grunde verschwunden ist. Wenn solche Anlagen noch in der Denkmaldatenbank verzeichnet sind, ist das schon befremdlich. In Pankow haben wir bei einem früheren Rundgang vergeblich einen Vogelherd - eine Fanganlage für Singvögel - gesucht, er war unbemerkt unter einem Neubauquartier verschwunden. Auf dem Reinickendorfer Dorfanger sind es gleich zwei historische Anlagen, die es nur noch in der Denkmaldatenbank gibt.

Bedürfnisanstalt
Die um 1900 errichtete Bedürfnisanstalt sucht man auf dem Dorfanger vergeblich. Dort stand ein "siebenständiger Bautyp, dessen schlanke, gusseiserne Säulen eine geschweifte Dachhaube mit verglaster Laterne tragen". Es brauchte damals einige Zeit, bis öffentliche Bedürfnisanstalten sich durchsetzten. Ein Anwohner beschwerte sich beispielsweise: "Derjenige, der die Anordnung zu diesem Bau vor meinem Haus gibt, ist ein Schuft. Beim Magistrat sind lauter Lumpen und Esel". Zu Anfang waren diese Häuschen als Pissoirs nur für Männer vorgesehen. Für Frauen galt es nicht als schicklich, in der Öffentlichkeit stehende Anlagen zu benutzen.

In Berlin hat die Stadtreinigung vor 1995 einige Pissoirs abgebaut und teilweise eingelagert, sie sind wohl nur als Ersatzteile zu verwenden. In den Jahren danach übernahm die Wall AG die Restaurierung einiger Anlagen. So wurde die Bedürfnisanstalt von Alt-Reinickendorf abgebaut, restauriert und so verändert, dass auch Frauen die Toiletten nutzen können. Allerdings schien am Fellbacher Platz in Berlin-Hermsdorf ein größerer Bedarf zu bestehen, denn dort wurde die Bedürfnisanstalt anschließend aufgebaut. Seitdem müssen Reinickendorfer auf diese Commodität (Bequemlichkeit) verzichten, oder - um es mit dem Berliner auszudrücken - sie sind Neese.

Transformatorensäule
Auf dem Reinickendorfer Dorfanger stand auch Berlins wohl letzte Transformatorensäule. Eine solche Säule war das letzte Glied in der Kette der Stromversorgung vom Kraftwerk zum Endverbraucher. Der aus dem Kraftwerk mit 30.000 Volt gelieferte Strom wurde in einem Umspannwerk auf 6.000 Volt transformiert. Netzstationen und Transformatorensäulen hatten dann die Aufgabe, durch nach einer weiteren Umformung den Haushaltsstrom von 220 Volt an die Verbraucher zu leiten.

Als Umspannwerk hatte die Bewag ein damals noch "Schalthaus" genanntes Gebäude an der Straße Alt-Reinickendorf errichtet. Es wandelte den vom Kraftwerk Moabit bezogenen Strom um und leitete ihn an die Transformatorensäule weiter. Die ersten "Einheits-Transformatorensäulen“ hatte man 1905 in Anlehnung an die Litfaßsäulen in der Stadt aufgestellt, später übernahmen Netzstationen ihre Aufgabe. Wo die Reinickendorfer Trafosäule geblieben ist, ist nicht bekannt. Sie entsprach nicht mehr dem Stand der Technik, als technisches Denkmal hätte sie aber auf dem Dorfanger verbleiben können.

Luisenhofsiedlung, Siedlung Hinter der Dorfaue
Der historische Kern von Reinickendorf hat sich bei der Entwicklung vom ländlichen Dorf zum städtischen Ortsteil nördlich und südlich der Dorfaue unterschiedlich entwickelt. Im Süden zur Lindauer Allee hin wurde es eine Kleinstadt mit mehrgeschossigen Wohnhäusern. Nach Norden bis zur Kremmener Bahn (Flottenstraße) siedelten sich Industriebetriebe an, und zwei Siedlungen mit Kleinwohnungen wurden dort gebaut.

Die große Hofanlage des Lehnschulzen (Dorfvorstehers) wurde in 80 Parzellen aufgeteilt, um die Luisenhofsiedlung zu errichten. Ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges erbaut, sollten die mit Nutzgärten versehenen Kleinhäuser die Wohnungsnot lindern helfen. Türen und Fenster als genormte Bauelemente halfen, die Baukosten niedrig zu halten. Der Eingang zur Siedlung an der Dorfaue ist durch zwei Giebelhäuser hervorgehoben, die als Torbauten fungieren. Bauherr war eine gemeinnützige Terraingesellschaft, eine Ausnahme unter den sonst profitstrebigen Immobilienentwicklern.

Zeitgleich errichtete nebenan die Gemeinde Reinickendorf auf einer ehemaligen Hofanlage die Siedlung "Hinter der Dorfaue". Hier wurden auf 30 Parzellen Reihenhäuser und Doppelwohnhäuser gebaut. Die Gemeinde wollte die Häuser an Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene vergeben, forderte aber eine Anzahlung, die diese Minderbemittelten nicht leisten konnten. Offensichtlich war die Gemeinde profitstrebiger als die Terraingesellschaft nebenan In die Kleinstadt-Siedlung zogen dann überwiegend Mittelstandsbürger ein.

Industrieansiedlung
An die Wohnsiedlungen im Westen angrenzend baute die Schraubenfabrik A. Schwartzkopff 1899 den ersten Fabrikhof an der Reinickendorfer Dorfaue. Die Ziegelarchitektur mit Zierfassungen und Gesimsbändern ist heute noch ein Hingucker. Auch das Kopfsteinpflaster, das zu den von der Straße zurückgesetzten Bauten führt, stammt aus der Gründungszeit. Das Kesselhaus im Hof zeigt noch die Andeutung eines Schornsteins, der seine ursprüngliche Höhe eingebüßt hat.


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Auch die Maschinenfabrik Prometheus wurde auf einem ehemaligen Bauerngut errichtet. Sie hat überwiegend Zahnräder hergestellt. Ein im Selbstverlag herausgegebenes Praxishandbuch erläuterte die Verwendung: "Geschnittene Zahnräder. Ihre Anwendung und Berechnung". Der Hallenkomplex reicht bis zum Freiheitsweg. Das Verwaltungsgebäude an der Dorfaue steht als Gebäuderiegel vorn an der Baufluchtlinie und lehnt sich weder an die Fabrikbauten noch an die dörfliche Bebauung an, ein Fremdkörper aus den 1930er Jahren.

Nach Zimmermannsart
Das zweigeschossige Haus Alt-Reinickendorf 54 fällt durch seine "Dachhäuschenreihe und ihr Gebälk nach Zimmermannsart" auf. Der Fassadenstuck wurde irgendwann abgeschlagen, aber die ungewöhnlichen Dachgauben und der geschwungene Giebel zeigen etwas von der ursprünglichen Schönheit des heute morbide wirkenden Baus. Von der Straße aus bleibt das Schlachthaus auf dem Hof verborgen. Ein Schlachter hatte 1890 zusammen mit dem Wohngebäude ein Schlacht- und Stallhaus als Wirtschaftsgebäude errichten lassen.

Wir verlassen den Dorfkern nach Norden. Die Bahnbrücke der Kremmener Bahn, auf der heute die S-Bahn von Teltow nach Hennigsdorf fährt, wirkt etwas rostig, wird aber als technisches Denkmal weiter benutzt. Es ist eine Blechträgerbrücke mit schmiedeeisernen Stabgeländern, die auf Pendelstützen ruht, um Bewegungen abzufangen.

Industriequartier Kopenhagener Straße
Mit einem Abstecher zur Flottenstraße berühren wir kurz einen früheren Spaziergang, um uns dann den Industriebetrieben in der Kopenhagener Straße zuzuwenden. Zwischen der Kremmener Bahn und der Nordbahn flankieren Fabrikgelände die Kopenhagener Straße auf beiden Seiten. Die Argus-Motoren-Gesellschaft auf der Westseite der Kopenhagener baute ab 1908 Flugmotoren in Serie und wurde damit ein wichtiger Rüstungsbetrieb. Die Maschinenfabrik C.L.P. Fleck Söhne auf der Ostseite stellte Sägen und Holzbearbeitungsmaschinen her, aber auch Maschinen zur Bearbeitung von Granit, Sandstein und Schiefer. Über beide Industriebetriebe hatte ich bereits im Zusammenhang mit der Flottenstraße berichtet.

In Richtung Nordbahn wird eine Renaissancevilla mit geschweiften Ziergiebeln und hellen Putzfassungen sichtbar. Diese Villa wurde nicht als Wohnhaus gebaut, sondern als Direktionsgebäude einer Eisengießerei. Ein Pförtnerhaus neben dem Eingang sichert den Zugang zum Fabrikgelände. Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Carl Schoening GmbH hatte um 1900 ihren Betrieb von der Weddinger Uferstraße hierher verlegt und Eisengießereihalle, Maschinenhaus, Gusslager und Schleiferei errichtet, dazu das repräsentative villenartige Eingangsgebäude.


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Für die A. Dinse-Maschinenbau AG entwarf der Industriearchitekt Bruno Buch die der Eisengießerei in der Kopenhagener Straße gegenüber stehenden Gebäude einer Hebezeuge- und Wagenfabrik. Die Fabrikhallen sind durch Lisenen (pfeilerartige Mauerstreifen) und sägezahnartigen Dachaufbauten in Serie gegliedert. Dekorative Elemente fehlen fast völlig, die Bauaufgabe spiegelt sich nach außen. Für die Stromversorgung des Industriequartiers sorgte das Umspannwerk nördlich der Bahnbrücke.

Straßenbahnen fahren über die Sektorengrenze
Jenseits des Bahnhofs Wilhelmsruh verlief die Sektorengrenze zwischen Pankow und Reinickendorf quer über die Kopenhagener Straße. Hier überquerten zwei Straßenbahnlinien die Sektorengrenze, solange das BVG-Netz noch nicht zwischen Ost und West aufgeteilt war. Die Bahnen fuhren durch, aber das Fahrpersonal wurde an der Sektorengrenze ausgetauscht. Die Fahrgäste blieben sitzen, als Fahrer und Schaffner ausstiegen und die Bahn an Fahrer und Schaffner der anderen Seite übergaben. Auch die Fahrscheine blieben gültig, die mit 30 Ostpfennig bezahlte Fahrt war aber wegen des Wechselkurses billiger als das mit 30 Westpfennig erworbene Billet, auch wenn der Nominalbetrag gleich war. West-Berliner machten sich das Gefälle zu Nutze, indem sie über die Sektorengrenze liefen und für die Fahrt nach West-Berlin zum Osttarif eincheckten. Das geschah aus bitterer Not, „Geiz ist geil“ wurde erst in unserer Zeit erfunden.

Alles änderte sich, als 1953 die Linien an der Sektorengrenze unterbrochen wurden, weil jede Seite ihre eigenen Fahrzeuge einsetzte. Fahrgäste mussten aus der Straßenbahn vor der Sektorengrenze aussteigen und zu Fuß über die offene Grenze laufen, wo die Weiterfahrt im anderen System mit neuer Bezahlung fortgesetzt werden konnte. Mit den getrennten Systemen Ost/West war für den Mauerbau 1961 alles vorbereitet, nur an eine Weiterfahrt auf der anderen Seite war dann nicht mehr zu denken. Später stellte West-Berlin seine Straßenbahnlinien vollständig ein, nur nach und nach werden nach der Wende Linien aus dem ehemaligen Ost-Berlin wieder in den ehemaligen Westen verlängert.

Über das Flaniermahl ist wenig zu berichten. Wenn der Laden leer ist, die Ober lustlos herumstehen und der Drink aufs Haus nach dem Bezahlen ausbleibt, dann ist entweder die letzte Stunde dieses Lokals gekommen oder es dient als Geldwaschanlage. Wir wollten diesem Restaurant in Mitte noch einmal eine Chance geben, das war's dann, aber vielleicht gibt es irgendwann einen Inhaberwechsel, dann würden wir es erneut probieren.

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