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Patentiertes Feenhaar


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Frohnau
Stadtplanaufruf: Berlin, Welfenallee
Datum: 27. Februar 2017
Bericht Nr: 579

Wer in diesem Haus ein Bild aufhängen will, der braucht nicht Hammer und Nagel, sondern eine Bohrmaschine mit Metallbohrer. In der Frohnauer Alemannenstraße 16 steht ein "All-Kupfer-Haus", dessen Fassade und Dach vollständig aus Kupfer bestehen, innen ist es mit "Wohnmetall" verkleidet, Platten aus geprägtem Stahlblech. Dazwischen befindet sich ein Holzrahmen mit Dämmung aus Aluminium-Asbestpappe. Elektroinstallationen, Sanitäranlagen und Zentralheizung befinden sich bereits in den Bauelementen, auch Einbauschränke und eine komplette Küche sind integriert. Man muss es mögen, dass die Tapeten bereits als Relief in Nilgrün, Pastellblau oder Korallenrot auf dem Stahlblech aufgetragen sind.

Kupferhäuser
Insgesamt wurden in Deutschland zwischen 50 und 100 Kupferhäuser errichtet. Davon sind 20 Häuser erhalten, allein acht in Berlin, in Frohnau zwei in der Alemannenstraße und in der Joststraße. Niedriges Eigengewicht, mit einer LKW-Ladung geliefert und innerhalb von 24 Stunden montiert, beständig gegen Feuer und Korrosion, gute Wärmeisolierung - das sind einige der Vorteile der Kupferhäuser.


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Den befürchteten Hitzestau im Haus gab es nicht, aber an der architektonischen Umsetzung haperte es etwas. Als Fertighäuser mit komplettem Innenausbau waren sie in den 1930er Jahren auf der Höhe der Zeit, nur in der konservativen äußeren Gestaltung waren sie 30 Jahre zurück.

In Eberswalde-Finow stehen in der Altendorfer Straße acht Kupferhäuser nebeneinander. Es sind Musterhäuser, die von den Mitarbeitern des hier ansässigen Messingwerks Hirsch auf Wetterbeständigkeit und Wohnkomfort getestet wurden. Ab 1931 hat das Werk sechs Haustypen angeboten mit Namen wie Kupfer-Castell, Maienmorgen oder Lebenssonne. Im gleichen Jahr errangen die Häuser bereits eine Auszeichnung bei der Weltausstellung (Kolonialausstellung) in Paris. Walter Gropius wurde beauftragt, die Häuser zu überarbeiten und weiter zu entwickeln. Zusammen mit dem Berliner Stadtbaurat Martin Wagner initiierte Gropius 1932 die Berliner Sommerschau "Sonne, Luft und Haus für alle", eine Bauausstellung, auf der vorgefertigte Häuser gezeigt wurden. Im Wettbewerb "Das wachsende Haus" ging es um preiswerte Bauten, die man erweitern, verbessern und komfortabler gestalten konnte. Gropius zeigte ein "wachsendes Kupferhaus in der ästhetischen Sprache der Moderne".

Die Hirsch Kupfer- und Messingwerke stellten wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten Ende 1932 die Produktion der Kupferhäuser ein. Eine neu gegründete Deutsche Kupferhausgesellschaft setzte die Produktion fort, verzichtete auf "Experimente" und arbeitete nicht mehr mit Gropius zusammen. Ausgerechnet die antijüdische Politik der Nazis eröffnete diesem Unternehmen einen neuen Markt. Ab Mitte 1933 konnten "auswanderungswillige“ Juden Teile ihrer Ersparnisse in Form von Warenexporten ins britische Mandatsgebiet Palästina mitnehmen. Im "Palästina-Katalog" bot die Kupferhausgesellschaft zweigeschossige Haustypen an, die - in 34 Paketen verpackt - als Umzugsgut transportiert werden konnten. Ende 1933 waren 14 dieser Häuser in Tel Aviv und Haifa bezugsfertig. In Deutschland durfte Kupfer als kriegswichtiges Material bald nicht mehr verbaut werden, bestehende Kupferhäuser mussten gemeldet werden, blieben aber wohl weitgehend verschont.

Gartenstadt Frohnau
Die Gartenstadt Frohnau wurde von der Terraingesellschaft "Berliner Terrain-Centrale“ des Industriellen Guido Henckel von Donnersmarck gegründet. Unter dem Namen dieser Adelsfamilie ist in Berlin heute noch eine von ihm ins Leben gerufene Stiftung tätig, die Menschen mit Einschränkungen hilft.

Villen und Landhäuser beherrschen das Bild von Frohnau, es gibt aber auch mehrere Siedlungen innerhalb der Gartenstadt. Auf unserem Weg liegen die Siedlung Frohnau am Maximiliankorso und die Siedlung Barbarossahöhe des Architekten Paul Poser an der Welfenallee. Poser arbeitete für die Terraingesellschaft, viele Villen am Ort hat er entworfen. Der Platz vor der Siedlung Barbarossahöhe wurde nach ihm benannt, sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Frohnau, es ist erstaunlicherweise kein Ehrengrab der Stadt Berlin.


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Wie zwei Schmetterlingsflügel sind der östliche und der westliche Teil des Ortes an die nach Oranienburg führende Nordbahnstrecke angebunden. Viele Straßen verlaufen in Bögen, keine Straße verbindet Frohnau mit dem Umland. Beim Rundgang fallen uns die Gaslaternen auf, Frohnau ist das "weltweit das größte zusammenhängende durch Gaslicht beleuchtete Areal". Die Frohnauer kämpfen für ihre Gasbeleuchtung, genauso wie sie sich 1920 heftig der Einvernahme durch die neue Metropole Groß-Berlin widersetzt haben - damals erfolglos.

Friedhof Frohnau
In Frohnau liegt nicht nur der städtische Friedhof Frohnau, sondern auch der des angrenzenden Ortsteils Hermsdorf. Der Gartenarchitekt Ludwig Lesser hat beide Begräbnisstätten als Parkfriedhöfe gestaltet, von ihm stammt auch das Gesamtkonzept für die Gartenstadt Frohnau, das dann von den Architekten Joseph Brix und Felix Genzmer städtebaulich umgesetzt wurde. Der Landschaft folgend, ist der Friedhof Frohnau von Böschungen, Terrassen und Mauern durchzogen.


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Auf der Turmspitze der Friedhofskapelle steht ein Hahn anstelle eines Kreuzes. Wahrscheinlich ist er beweglich und zeigt die Windrichtung an. Die Bedeutung geht jedoch tiefer, der Hahn erinnert daran, dass Petrus seinen Messias Jesus in der Nacht vor der Kreuzigung dreimal verleugnet hat. So steht es im Matthäus-Evangelium, Kapitel 26. Jesus sprach zu Petrus: "Wahrlich ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen".

Feenhaar aus Frohnau

Wie stellt man Feenhaar her? Gemeint ist nicht das natürliche feine Haupthaar, sondern der von Glasbläsern hergestellte Glasfaden. Anfangs war es eine dekorative Spielerei (Christbaumschmuck), heute werden Bündel von Glasfäden zu Glasfasern verbunden in der Informationstechnologie eingesetzt. Paul Bornkessel, der mit seiner Familie in der Frohnauer Welfenallee 32 lebte, bekam 1931 das Patent auf das "Verfahren zum Herstellen von Glasfaeden, insbesondere Feenhaar". Schon zwei Jahre vorher ließ er ein Verfahren patentieren, mit dem man mehrfarbiger Verzierungen auf Glas herstellen kann. Andere Patente folgten, so verbesserte er Brenner für die Glasbläserei, die dann als "Bornkessel-Brenner" vertrieben wurden. Seine "Bornkessel Brenner und Glasmaschinen GmbH" produzierte in der Adalbertstraße und hatte Niederlassungen in der Chausseestraße und der Stresemannstraße.

In seinem Geburtsort Mellenbach in Thüringen - in dem der Bürgermeister gleichzeitig Standesbeamter war und "die Kirche zum Dorf gehörte" - gab es Glasbläser und eine Glasindustrie, hier hatte Bornkessel mit seinen Entwicklungen begonnen. Das Unternehmen Bornkessel-Brenner produzierte hier weiter und wurde zu DDR-Zeiten in den ortsansässigen VEB Messtechnik integriert. Nach der Wende läuft die Produktion weiter als Power-Messtechnik Mellenbach.

Nach unserem Stadtrundgang am Nachmittag fahren wir abends für unser Flaniermahl nicht noch einmal an den nördlichen Stadtrand. In der griechischen Taverne Ousia am Bayerischen Platz erleben wir fast Unglaubliches für einen Montagabend. Große Räume, bis zum letzten Platz gefüllt, nur mit Voranmeldung, Lautstärke fast wie in einer Düsseldorfer Altstadtkneipe. Dafür ist das Essen perfekt, eine Vielfalt an kleinen Gerichten, es ist wohl einer der besten Griechen in Berlin.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Aus Bauernhöfen werden Fabriken