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Experimentierfeld der Stadtplanung


Stadtteil: Wedding
Bereich: Brunnenviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Graunstraße
Datum: 27. Juni 2017
Bericht Nr.: 591

Im Brunnenviertel waren wir heute 5,5 Kilometer zu Fuß unterwegs, dabei haben wir 9 Schulgebäude vorgefunden. Alle 600 Meter eine Schule, ist dies die "Straße der Schulen" analog zur "Straße der Stiftungen", die wir ebenfalls im Wedding entdeckt haben? In Berlin gibt es 7 amtlich benannte "Schulstraßen", davon eine in Wedding, die liegt 2 Kilometer nordwestlich von hier am Nauener Platz, doch eigentlich gehörte sie ins Brunnenviertel

Allein im Verlauf der Putbusser Straße hat der Berliner Baustadtrat Hermann Blankenstein zwei Gemeinde-Doopelschulen erbaut und eine weitere in der Strelitzer Straße. Diese Schulen tragen die Nummern 132. und 142. Gemeindeschule, 167 & 175. und 207 & 210. Die Nummerierung ist kein Hinweis darauf, dass Blankenstein sich beim Schulbau verzählt hat, sondern dass ursprünglich getrennt liegende Schulen einen gemeinsamen Neubau an neuem Standort bekamen. Die Doppelschulen werden heute einheitlich von jeweils einer Schule genutzt.

Ernst-Reuter-Schule
Eines der Schulgebäude wird heute als Schulpraktisches Seminar genutzt, drei Grundschulen und eine Integrierte Sekundarschule in anderen Gebäuden liegen an unserem Weg, Die Ernst-Reuter-Schule (Sekundarschule) an der Stralsunder Straße wird als "Weddings Problem-Schule Nummer eins" (B.Z.) und als "Rütlis Erben in Gesundbrunnen" (Tagesspiegel) beschrieben. 140 Lehrer gestalten hier den Schulalltag für 1.000 Schüler. Zehn Strafverfahren wegen Körperverletzung gab es im letzten Jahr gegen Schüler und eine gegen einen Lehrer. Manche Lehrer haben Angst, vor allem wenn sie auf Großfamilien treffen. Eine Stiftung hat die Kosten für einen Berater der Schulleitung gesponsort, das Ergebnis ist noch offen.

An dem halbrunden Schulvorbau aus den 1950er Jahren, der sich mit großen Fensterflächen nach außen öffnet, bröckelt sichtbar der Putz. Den anderen Schulgebäuden an der Stralsunder Straße können wir keine Aufmerksamkeit schenken, weil zwei wartende Väter sich durch unser Fotografieren provoziert fühlen. Auch wenn sie uns keine Schläge androhen, sondern "nur" bei weiteren Fotos die Polizei holen wollen, entschließen wir uns zur Deeskalation. Schon Franz Hessel fürchtete "misstrauische Blicke", weil man ihn vielleicht für einen Taschendieb hielt. Hier wurden wir offensichtlich mit der "Lügenpresse" in Verbindung gebracht.


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Das Schulgrundstück umfasst die Hälfte des Straßenkarrees, es wird nur noch teilweise genutzt. An der Strelitzer Straße findet man hinter hohem Unkraut an der Turnhalle bemühte Darstellungen von Sportszenen, rührend anzusehen angesichts heutiger Wandmalereien. An der Bernauer Straße hat die Ernst-Reuter-Schule einen Schulbau aus den 1980er Jahren als leere Hülle hinterlassen. Die Fensterelemente mit dickwulstigen, abgerundeten Umrandungen des früher für Mensa und Klassenräume genutzen Baus erlauben einen Blick in eine Vergangenheit, als man die Zukunft mit futuristischen Bauten beschwor.

Diesterweg-Gymnasium
Und noch ein verlassenes Schulgelände liegt an unserem Weg. Zwischen Puttbusser und Swinemünder Straße unterrichtete das Diesterweg-Gymnasium, heute gehört das Gebäude in die Kategorie verlassenen Orte - schöne Morbidität für die Linse des Fotografen, aber als Schule für diese Welt verloren. "STE-WEG-GYMNASIUM" blieb als Restbeschriftung hängen. Knallgelb hat das Gebäude früher geleuchtet, grüne Säulen und Treppenhäuser setzten dazu einen Kontrapunkt.


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Von der Swinemünder zur Putbusser Straße führt eine "Schulstraße" durch das Gebäude aus den 1970er Jahren, die abgerundeten Wandelemente haben "soft-edges", die rahmenlose Fenster schließen plan mit der Fassade ab. Vor dem im Innern verbauten Asbest ist die Schule 2011 geflohen, sie hat in einem Altbau im Bezirk eine neue Heimat gefunden.

Alle Phasen der Stadtentwicklung im Brunnenviertel

Das Brunnenviertel zwischen Bernauer Straße und Ringbahn war bis zum Zweiten Weltkrieg baulich durch Mietskasernen geprägt, die - während der Industriellen Revolution errichtet - zu Elendsquartieren der Arbeiter wurden. Ab 1963 hatte die Stadt dann hier mit einem Stadterneuerungsprogramm das größte Sanierungsvorhaben der Bundesrepublik in Gang gesetzt, das großflächig mit dem Abriss der Altbauten und Neubebauung verbunden war. 17.000 Wohnungen Wohnungen fielen diesem Kahlschlag zum Opfer. In aufgelockerter Bauweise wurden Neubauten errichtet, viele Bewohner mussten ihre vertraute Gegend verlassen. Die Swinemünder Straße wurde auf Höhe des Vinetaplatzes zur Fußgängerzone. Zwischen Acker- und Gartenstraße entstand die Ernst-Reuter-Siedlung als erstes "Demonstrativbauvorhaben" West-Berlins.

Bei der Sanierung ging es nicht nur um Baumaßnahmen, auch die Sozialstruktur kam in den Fokus. Im sanierten Gebiet sollte eine Bevölkerung sesshaft gemacht werden, "deren soziologische Struktur dem Durchschnitt Berlins angenähert war". Der "Rote Wedding" mit der aufmüpfigen Arbeiterschaft sollte sich hier nicht wieder festsetzen. Mit Reisebussen wurden die Menschen ins gerade erbauten Märkische Viertel gefahren und ihnen die schöne, neue Wohnwelt in Musterwohnungen vorgeführt.

Spätere Stadtentwicklungsmodelle wie die Altbaumodernisierung, die Kritischen Rekonstruktion und das Förderprogramm „Soziale Stadt" haben dazu geführt, dass das Brunnenviertel zum Ort kontinuierlicher Stadterneuerung geworden ist. Bauliche Zeugnisse aus allen Phasen blieben erhalten: die Mietskasernen aus den 1890er Jahren in der Graunstraße, die Gründerzeitbauten an der Ramler- Ecke PutbusserStraße, die Schulen des Stadtbaurats Hermann Blankenstein von vor 1900, die Wohnanlage des Vaterländischen Bauvereins an der Hussitenstraße von 1903, der von Franz Ahrens Ende der 1920er Jahre gebauter Autobusbetriebshof mit einer stützenfreien Halle von 63 Metern an der Usedomer Straße, die Neubauten des Stadterneuerungsprogramms, die futuristischen Schulbauten aus den 1970er und 1980er Jahren.

Mietskasernen-Disneyland
Ein Baublock in der Weddinger Graunstraße wird von der Denkmaldatenbank vorgestellt als exemplarisches Zeugnis der "verdichteten Mietshausbebauung im ausgehenden 19. Jahrhundert", also klar gesagt der Berliner Mietskasernen. An diesen Häusern lasse sich ablesen, wie die Gebäude mit aufwendig gestaltete Straßenfassaden und den erbärmlichen Wohnverhältnissen im Innern damals ausgesehen hätten. Glücklicherweise ist diese Beschreibung nicht nur irreführend, sondern schlicht falsch. Denkmal hin oder her, wer möchte heute noch so wohnen: Beengt in viel zu kleinen Räumen, Außentoilette auf der halben Treppe oder im Hof statt Badezimmer in der Wohnung, ein Zuhause in Seiten- und Quergebäuden, die kaum Luft und Sonne durchlassen?

Das Einzige, das hier noch "echt" ist, ist die Einhaltung der Baufluchtlinie, liebe Denkmaltexter, aber Blockrandbebauung kann man in der Innenstadt an fast jeder Straße finden.

Schon bei den Fassaden stimmt (vielleicht) nur noch der Stuck, alle Häuser wurden einheitlich rot und gelb gestrichen, statt vorhandener Balkongitter wurden gleichförmige rote gelochte Blechbalkons unterschiedslos an alle Häuser angehängt, schöner, neuer Wedding! Alle Hintergebäude hat die Baugesellschaft abreißen lassen. Die Wohnwertverbesserungen waren notwendig (großzügige Grundrisse, Küchen und Bäder, Zentralheizung, Müllplätze und Spielgeräte), aber warum wurde aus den Fassaden ein Einheitsbrei gemacht, der ins Disneyland gehört?


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Und mit Hinterhäusern ist man anderswo in der Stadt geschickter umgegangen, hat einen Kahlschlag vermieden und in einzelnen Bauten preiswerte Wohnungen oder Gemeinschaftseinrichtungen geschaffen.

St.Afra-Stift

In der Niederwallstraße in Mitte haben die Grauen Schwestern seit 1890 ein Hospital betrieben. Der vollständige Name des katholischen Frauenordens heißt "Schwestern von der heiligen Elisabeth", das "grau" bezieht sich auf ihre Ordenstracht. Im Brunnenviertel findet sich ein weiteres Zeugnis ihrer Tätigkeit. Mitten in dem Mietskasernen-Häuserblock an der Graunstraße weist eine neugotische Fassade mit Erker und Backsteingiebel auf eine Kirche im rückwärtigen Hofgebäude hin, eine Figurennische in der Fassade ist leer. Die Grauen Schwestern betreuten in diesem kurz vor 1900 erbauten Stiftsgebäude straffällig gewordene Mädchen, Waisenkinder und gefährdete Jugendliche.

Archäologen am Stettiner Bahnhof
Der Nordbahnhof wurde auf dem Gelände des abgerissenen Stettiner Bahnhofs errichtet. Dafür wurde nur ein kleiner Teil des ehemaligen Bahnhofsgeländes gebraucht. Dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, alte Keller und Fundamente auszugraben, hat schon beim alten Rathaus in Mitte zu überraschenden Funden geführt. An der Bernauer Straße Ecke Gartenstraße buddeln jetzt die Archäologen und haben schon eine Drehscheibe für Eisenbahnen ausgegraben. Auch Kellergewölbe kommen ans Tageslicht, wie man im Vorbeigehen - und Stehenbleiben - sehen kann.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Straße der Stiftungen