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Inseln in Berlins alter Mitte


Stadtteil: Mitte
Bereich: Spreeinsel
Stadtplanaufruf: Berlin, Scharrenstraße
Datum: 18. Januar 2016
Bericht Nr: 534

Auf der Spreeinsel wurde ein Bauensemble als "Traditionsinsel" saniert, dabei hat man manche Fassaden "frei rekonstruiert" (Zitat aus der amtlichen Denkmaldatenbank) und das Innere vollständig umgebaut. Traditionsinsel, was ist das? Es sind wohl alte Bauten irgendwo zwischen Denkmalschutz und Disneyland. Ich kann es auch netter sagen, man will in "ortstypischer Bauweise an die Geschichte erinnern". Authentisch ist das nicht, es sind keine Originale oder nur Teile davon oder sie stehen nicht am historischen Ort.

Manchmal ist der im Wiederaufbau dokumentierte Überlebenswille wichtiger als das Authentische oder Originale, wenn wie in Danzig oder Breslau Innenstädte nach fast völliger Zerstörung wieder aufgebaut wurden. Bei Danzig ging es um Symbole nationaler Identität nach den Zerstörungen durch beide Nachbarn, Deutsche und Russen. Bei Breslau waren es erstaunlicherweise die aus ihren eigenen Ostgebieten durch die Russen vertriebenen Polen, die die alte deutsche Innenstadt neu erstehen ließen. Etwas anderes ist es, wenn "Sehnsuchtsbilder des Vergangenen" wie in Hannover dazu führen, dass man nach dem Krieg einzelne übrig gebliebene historische Bauten in die Lücken eines anderen Quartiers umsetzt und damit gefakte Traditionsinseln erschafft. Vergessen wird dabei, dass es beim Denkmalschutz nicht um gefälliges Aussehen geht, sondern um den historischen Wert. Sonst würden viele Bauten der Nachkriegsmoderne, die auf geschmackliche Ablehnung stoßen, längst nicht mehr stehen.

Auch die DDR hat einen historischen Bau in eine Baulücke umgesetzt. Als man das Ermelerhaus von der Breiten Straße zum Märkischen Ufer versetzte, war das Ziel allerdings nicht, eine Traditionsinsel zu schaffen. Vielmehr musste der historische Bau der Verbreiterung der Breiten Straße weichen. Anders war es mit dem Nikolaiviertel, das die DDR zum 750.Stadtjubiläum unter Verzicht auf Authentizität neu geschaffen hat. Dabei wurde auch das in den 1930er Jahren abgerissene Ephraim-Palais nach 50 Jahren in der Nähe des ursprünglichen Standorts wieder aufgebaut. Der Architekt hatte - wie er selbst sagte - mehr den Stadtraum als die historischen Gebäude im Blick, so entstand ein "Berliner Disneyland".

Aber wie viel Originales konnte überhaupt den Bombenkrieg überdauern? Wenn man die Ruinenstümpfe bei Kriegsende auf Bildern sieht, beginnt man zu zweifeln. Und tatsächlich, die Palais in Mitte sind fast ausschließlich Nachbauten unter Verwendung von Teilen der Ruinen, im Innern oft von vornherein auf eine neue Nutzung ausgerichtet. Auch manche anderen historisch anmutenden Bauten sind nur „vereinfacht wiederhergestellt“.

Man braucht nicht weit zu gehen, um auch in der Nachwendezeit Bauten zu finden, die Abwesendes, nicht mehr verfügbares, als Simulation - oder soll man sagen Attrappe? - neu entstehen lassen. Schinkels Bauakademie ist ein Beispiel dafür, das Stadtschloss mit drei dem historischen Bild nachgebildeten Fassaden ein anderes.


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Berlins "Alte Mitte" soll nach Senatsvorgaben im Dialog mit den Bürgern neu geplant werden (1), gemeint ist das Gebiet zwischen Fernsehturm und Schloss. Eine noch ältere alte Mitte liegt auf der Spreeinsel rund um den Petriplatz, doch die ist schon soweit bebaut und verplant, dass es hier nichts mehr zu besprechen gibt. Zwischen dem alten Fischerkiez im Süden (Fischerinsel) und dem Museumsgelände im Norden (Museumsinsel) befand sich im mittleren Bereich der Spreeinsel zwischen Gertraudenstraße und Scharrenstraße das Zentrum der Berliner Zwillingsstadt Cölln mit dem Rathaus und der Petrikirche. Immerhin soll wenigstens ein Archäologisches (Besucher-)Zentrum am Petriplatz für das alte Cöllner Zentrum werben. Nebenan stehen die Gebäude der eingangs erwähnten Traditionsinsel, die an die Friedrichsgracht angrenzt.

Unser heutiger Stadtspaziergang führt uns vom Hackeschen Markt, am Schlossrohbau vorbei in die alte Mitte Cöllns und weiter zum Hausvogteiplatz. Am Spreeufer Höhe Burgstraße sitzen vier nackte Jugendliche auf einer Mauer. Angesichts der eisigen Kälte heute lässt uns das frösteln, aber gottlob sind es Bronzeplastiken von Wilfried Fitzenreiter. Weitere seiner hüllenlosen Figuren (Spielende, Liebespaar, Badenixe, Grazie, Reiter) finden sich an anderen Orten, aber auch Büsten von Max Reinhardt und Karl May sowie DDR-Gedenkmünzen hat er geschaffen.

In der Brüderstraße rahmen zwei Bürgerhäuser aus den Jahren 1670/1688 das Bürogebäude der Berlinischen Feuer-Versicherungs-Anstalt ein. Dem Versicherungsgebäude hatten 1905 zwei alte Bürgerhäuser weichen müssen, sie waren durch die Entwicklung zum Geschäftsviertel verdrängt worden. Das rechts vom Versicherungsgebäude stehende Galgenhaus trägt seinen Namen seit einem schaurigen Fehlurteil von 1735. Wegen der überhand nehmenden Diebstähle in Haushalten hatte der Soldatenkönig eine mittelalterlich anmutende Strafe eingeführt: Jeder Dieb sollte durch einen direkt vor dem Tatort aufzurichtenden Galgen zu Tode kommen. Vor dem Wohnhaus eines Ministers wurde so ein Hausmädchen gehängt, das angeblich einen - heute sprichwörtlichen - silbernen Löffel gestohlen hatte. Der Exekution wohnte eine große Menschenmenge bei. Als später eine im Haus gehaltene Ziege als "Dieb" ausgemacht wurde, drängten sich lange Zeit so viele Menschen vor dem Haus, dass der Minister auszog. Das inzwischen unverkäufliche Gebäude wurde ihm schließlich von der Stadt abgekauft.

Dass Maurermeister früher nach entsprechender Weiterbildung Aufgaben als Architekten übernommen haben, hatte ich schon öfter unter dem Stichwort Baugewerkschulen berichtet. Die Kombination Maurermeister und Musikprofessor aber ist sehr ungewöhnlich. Gemeint ist Carl Friedrich Zelter, der das Bürgerhaus links vom Versicherungsgebäude für seinen Freund, den Verleger Friedrich Nicolai, umgebaut hatte. Zelter war mit der Maurerei dem Beruf seines Vaters gefolgt, hatte sich daneben autodidaktisch in der Musik weitergebildet, leitete danach die Sing-Akademie und wurde zum Professor der Königlichen Akademie der Künste berufen. Es war wohl seiner Herkunft als Maurer geschuldet, dass sein Freund Goethe ihn anfangs als sehr derb und roh empfand, ihn dann aber tatsächlich als zart kennen lernte. Goethe hielt Zelter für genial, er verdankte ihm die Vertonung zahlreicher seiner Gedichte.

Die Brüderstraße ist nach den Dominikanern benannt, deren Kloster am nördlichen Ende der Straße auf dem Schloßplatz stand. Bei Ausgrabungen ab 2008 wurden dann auch neben dem ehemaligen Schloss Reste des Klosters und Begräbnisstellen gefunden. An der Brüderstraße Ecke Scharrenstraße ist ein Flügel des Kaufhauses von Rudolph Hertzog stehen geblieben. Die restliche Fassade war nach Beseitigung von Kriegsschäden und Teilabriss in der DDR-Zeit "vereinfacht wieder hergestellt" worden (hier ist wieder unsere Frage nach dem "Authentischen"). Hertzog hatte sich von der Breiten Straße her ausgedehnt und nach dem Abriss des Cöllner Rathauses 1900 auch einen Teil des Rathausgrundstücks mit bebaut.

Auf ehemals Hertzogschem Gelände hatte die DDR ihr Bauministerium errichtet. Als nach der Wende das Ministeriumsgebäude abgerissen ("zurückgebaut") wurde, entstand eine riesige Brachfläche an der Breiten Straße Ecke Scharrenstraße. Die Archäologen wurden hier bei Grabungen fündig, sogar ein alter Tresor des Kaufhauses wurde ausgebuddelt, er war aber leer.

Ein Wandbild des DDR-Künstlers Walter Womacka im Stil des sozialistischen Realismus ("Der Mensch, das Maß aller Dinge") ist von der Ministeriumswand zur Sperlingsgasse umgezogen, die ehemals städtische Wohnungsbaugesellschaft hat es gerettet. Weitere Werke Womackas sind am Haus des Lehrers am Alexanderplatz und im ehemaligen Staatsratsgebäude zu sehen.


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Hertzog hatte das erste Berliner Kaufhausimperium geschaffen, auch das erste private Automobil wurde mit dem Kennzeichen "IA-1" auf die Hertzogs zu gelassen. Da kam auch Kaiser Wilhelm II. nicht gegen an, der dieses Kennzeichen - natürlich! - an seinem Privatauto haben wollte. Vor Gericht verlor er gegen Hertzog, und um nicht mit "IA-2" herumzufahren, verzichtete er ganz auf ein Autoschild.

Die Ausgrabungsstelle am Petriplatz ruht heute bei der Kälte. Hier hat man Überreste von fünf verschiedenen Kirchenbauten gefunden, es gibt also nicht 'die' Petrikirche. Das für drei Religionen als Einheitsbau geplante "House of One" ist bisher nur mit einem Bauschild vertreten. Das Gebäude soll als Kirche, Synagoge und Moschee nutzbar sein. Christen, Juden und Muslime können dann hier ihre Gottesdienste feiern und miteinander und mit den (meist ungläubigen) Berlinern in Dialog treten. Baulich bleibt aber Distanz gewahrt, drei getrennte Gottesdiensträume sind um einen zentralen Raum der Begegnung gruppiert. Sehen wir es als kleinen Hoffnungsschimmer in der durch religiöse Fanatiker aufgewühlten Welt.

Auch nach der Überquerung des Spreekanals über die Gertraudenbrücke sind wir weiterhin innerhalb der Berliner Festung, die bis zur Niederwallstraße und der ehemaligen Bastion Hausvogteiplatz reichte. Berlin hat sechs Jägerstraßen und zwei Jägerstiege, die meist auf frühere Wald- und Jagdreviere verweisen. Die Jägerstraße in Mitte ist dagegen nach einem Amtsgebäude benannt, dem Standort des Kurfürstlichen Jägerhofes. Das ursprüngliche Haus von 1604 musste später einem Neubau für den Oberjägermeister weichen. Doch auch dieses Gebäude gibt es nicht mehr, die Königliche Hauptbank (preußische Notenbank) ersetzte es nach jahrelanger Nutzung durch einen weiteren Neubau an dieser Stelle. Im Dritten Reich wurde schließlich für den Erweiterungsbau der Reichsbank das historische Quartier im Umfeld abgeräumt und ausgelöscht.

In einem ehemaligen Stallgebäude des Jägerhofes wurde 1750 das königliche Hofgericht - genannt Hausvogtei - mitsamt Gefängnis einquartiert. Die Berliner spotteten: "Wer die Wahrheit weiß und saget sie frei, der kommt in Berlin in die Hausvogtei". Auch die Hausvogtei musste der Reichsbank weichen. Ende des 19.Jahrhunderts siedelten sich Konfektionsbetriebe am Hausvogteiplatz an, er wurde zum Berliner Modezentrum. Die überwiegend jüdischen Konfektionäre wurden in der Nazizeit verfolgt, vertrieben, deportiert, der Konfektionsstandort war so praktisch ausgelöscht. Heute erinnert ein Denkzeichen am U-Bahnausgang an die Geschichte des Platzes.

Erwähnt werden müssen noch die Grauen Schwestern, die in der Niederwallstraße seit 1890 ein Hospital betrieben. Der vollständige Name des katholischen Frauenordens heißt "Schwestern von der heiligen Elisabeth", das "grau" bezieht sich auf ihre Ordenstracht. Das Hospizgebäude orientiert sich an gotischen Formen, die Fassade ist ungewöhnlicherweise mit weißen Klinkern verblendet. Heute nutzt das Erzbischöfliche Ordinariat den Bau, in der ehemaligen Kapelle mit bunten Glasfenstern hat sie ihre Zentralregistratur eingerichtet, wie profan.

Im „Haus zur Berolina“, einem der wenigen historischen Gebäude am Hausvogteiplatz, versuchen wir zur Teatime mit einem Cappuccino etwas Wärme nach dem eisigen Rundgang zurückzugewinnen. Abends kehren wir dann nach Mitte zurück und besuchen einen Spanier in die Neuen Grünstraße, der uns mit Tapas die Wahl der Menge und Geschmacksrichtung unseres Flaniermahls überlässt.

Auf der Rückfahrt sind wir fast allein in einem U-Bahn-Waggon. Nur ein Clown-Praktikant ist noch anwesend, der mit der Aufgabe in der Stadt unterwegs ist, Fröhlichkeit auszustrahlen. Auf meinem Foto ist ihm das noch nicht gelungen, aber aller Anfang ist schwer, und Fröhlichkeit ist ganz besonders schwer, ist es doch nicht die vorherrschende Grundstimmung in Berlin.


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(1) "Ergebnisoffen" soll der Dialog sein. Welch ein unsinniger Begriff, der oft und nicht nur hier verwendet wird. Wenn das Ergebnis schon vorher feststeht, ist der Dialog überflüssig. Oder will man damit zugeben, dass man früher nicht demokratisch vorgegangen ist?

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Brandenburger Tor fährt durch die Nacht
Ach wie herrlich ist das Brot