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Beim Schulbau verzählt?


Stadtteil: Kreuzberg
Bereich: Graefekiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Südstern
Datum: 1. Dezember 2014
Bericht Nr: 488

In Kreuzbergs Graefekiez wurden zwischen 1876 und 1892 von der Stadtgemeinde Berlin drei Schulgebäude gebaut, in die sechs Gemeindeschulen einzogen. Es waren "Doppelschulen" mit einer merkwürdigen Nummerierung: In der Dieffenbachstraße 60 als Doppelschule die 83. und 93.Gemeindeschule, in der Böckhstraße als Doppelschule die 163. und 192. Gemeindeschule, in der Graefestraße ebenfalls als Doppelschule die 114. und 176.Gemeindeschule. Später wurden in dem Schulgebäude Graefestraße noch die 144. und 184. Gemeindeschule gegründet. Um 1900 wurden etwa 2700 Schüler/innen in dem Schulkomplex Graefestraße unterrichtet. Wofür braucht ein kleiner Kiez so viele Gemeindeschulen? Was sind Doppelschulen? Warum sind die Schulen nicht fortlaufend nummeriert, hat man sich hier verzählt?

In Preußen wurde 1717 die allgemeine Schulpflicht eingeführt, ab 1872 war die Volksschule die staatliche Regelschule, getrennt nach Knaben und Mädchen. Während der industriellen Revolution war die ausufernde Grundstücksspekulation nicht nur für die Elendsquartiere der Arbeiter verantwortlich, sie machte natürlich auch vor den für die Stadt benötigten Grundstücken nicht Halt. Ein Teil der Schulen war in gemieteten Wohngebäuden untergebracht, für die im Einzelfall um 60 Prozent überhöhte Mieten gezahlt werden mussten, man sprach regelrecht von einer "Mietschulmisere". Für eigene Schulbauten mussten daher städtische Grundstücke möglichst verdichtet bebaut werden.

Der Berliner Stadtbaurat Hermann Blankenstein hat einen Bautypus der Gemeindeschule entwickelt und in vielen Schulbauten umgesetzt. Die Fassaden aus roten und meist auch gelben Backsteinen erhielten ein Dekor aus farbig glasierten Ziegeln, Terrakotten und Gesimsen aus Formsteinen. Oben an der Fassade prangt bei fast allen Bauten (nicht nur seinen Schulen) ein Wappen mit dem Berliner Bären als Erkennungszeichen, dass hier Hermann Blankenstein gebaut hat. Sein Nachfolger, der Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, führte ab 1896 die Serie der Schulbauten fort. Noch heute sind als Baudenkmale mehr als 70 Schulgebäude (fast ausschließlich Doppelschulen) erhalten, die von den Baumeistern der zentralen Stadtgemeinde Berlin errichtet wurden. Sie werden ganz überwiegend auch heute noch als Schulen genutzt. Die Berliner Stadtgemeinde erstreckte sich damals bis hinein nach Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Wedding, Gesundbrunnen, Tiergarten, Moabit. Die reichen Gemeinden und späteren Städte Charlottenburg und Wilmersdorf gehörten nicht dazu, sie hatten ihre eigenen Baumeister und bauten ihre Schulen selbst. Auch die umliegenden Dörfer und Gemeinden wie Mariendorf, Treptow, Köpenick, Lichtenberg, Pankow, Tegel, Reinickendorf, Spandau errichteten eigene Vorortschulen, die sich aber deutlich von den städtischen Schulen abhoben. Insgesamt gab es in der Stadtgemeinde Berlin ohne Umlandgemeinden mehr als 310 Gemeindeschulen, heute hat die zu Groß-Berlin erweiterte Stadt 362 Grundschulen.

Ein Schulkomplex mit den Doppelschulen bestand jeweils aus getrennten Gebäuden für Knaben und Mädchen. Die Bauten waren um einen gemeinsamen Schulhof angeordnet, zum Teil gab es zusätzlich Lehrer- oder Rektorenhäuser und Turnhallen. In den Neubauten wurden neue Knaben- und Mädchenschulen eingerichtet oder die bestehenden Schulen untergebracht, die aus gemieteten oder sonst unzureichenden Räumen umziehen mussten. Die Schulnummern an einem Schulkomplex waren kaum einmal fortlaufend, Jungs- und Mädchenschulen wurden getrennt nummeriert, sie führten beim Umzug die alte Bezeichnung fort oder bauten auf unterschiedlichen Nummernkreisen auf. So zogen die 114.Mädchenschule und die 176.Knabenschule an der Graefestraße aus ihren früheren Standorten zusammen. Da zu wenige städtische Grundstücke für Schulbauten zur Verfügung standen, mussten die Kinder nach einem Umzug der Schule weite Wege in Kauf nehmen. Als die 114.Mädchenschule von der Wassertorstraße umzog, mussten Landwehrkanal und Luisenstädtischer Kanal überquert werden, um nach mehr als zweieinhalb Kilometern das neue Schulgebäude in der Graefestraße zu erreichen.

Am Rande des Graefekiezes liegt der Zickenplatz, der nur im Volksmund so genannt wird, tatsächlich aber Hohenstaufenplatz heißt. Die Bronzeskulptur von zwei kämpfenden Ziegenböcken auf dem Rasen könnte zu der Meinung verleiten, dass die umgangssprachliche Bezeichnung von ihnen abgeleitet ist. Die Skulptur wurde 1967 aufgestellt, der Name ist aber tatsächlich sehr viel älter, er verweist auf frühere Zeiten, als hier auf den Wiesen vor dem Kottbusser Tor noch Ziegen weideten.

Wie viel Vertrauen mag man zu einer Familienberatungsstelle haben, die sich "Basta" nennt? Wir haben Bundeskanzler Schröder vor Augen, der mit diesem Wort jegliche Diskussion abschnitt, und bekommen es vom Duden bestätigt: "Ausdruck, mit dem jemand kundtut, dass er über etwas nicht mehr weiter zu sprechen wünscht; Schluss damit!, genug jetzt!" Auf Französisch, Italienisch, Polnisch, Schwedisch oder Spanisch, immer heißt es "basta" und bedeutet basta. Basta heißt auch ein Unkrautvernichtungsmittel der Chemiefirma Bayer. "Beratung für Alleinerziehende, Stieffamilien und andere Familienformen" will die ebenso benannte Beratungsstelle anbieten, aber hoffentlich basta-frei.

Auf dem parkartigen Mittelstreifen der Grimmstraße an der Urbanstraße (1) plätschert zu passender Jahreszeit der Wrangelbrunnen. Er ist mit Allegorien der preußischen Hauptflüsse Weichsel, Rhein, Oder, Elbe geschmückt. Von demselben Bildhauer stammt die "Grazie mit Pegasus" auf dem Dach des Alten Museums in Mitte. Eingeweiht wurde der Wrangelbrunnen auf dem Kemperplatz, doch als unser letzter Kaiser im Tiergarten die Siegesallee anlegte - alle 50 Meter ein Herrscherdenkmal, von den Berlinern "Puppenallee" genannt (2) - da stand der Brunnen dem dort geplanten Rolanddenkmal im Weg und musste nach Kreuzberg umziehen.

Auf unserem heutigen Spaziergang vom Südstern zum U-Bahnhof Schönleinstraße (3) sind wir mehrfach auf die "Kreuzberger Mischung" getroffen, jene Nutzungsvielfalt in Altbauten mit Wohnungen im Vorderhaus und Kleingewerbe in die Hinterhoflandschaft. Mehrere Höfe sind hintereinander geschachtelt, teilweise ist noch die Spurführung für Pferdefuhrwerke in den Boden eingelassen. Abweiser an den Hauskanten verhindern, dass die Kanten von Fahrzeugen "mitgenommen" werden. In den Hofgebäuden arbeiten Werkstätten, Tanzschulen, Ateliers, Absteigen, Computerfirmen, Architekten, Designer. Den Höfen am Südstern, Zickenhöfen, dem Gewerbehof Dieffenbachstraße 33 sind wir ins Innerste gefolgt. An Lokalen ist im Graefekiez kein Mangel, hier konnten wir uns für unser abschließendes Flaniermahl niederlassen.

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(1) Ein früherer Spaziergang zur Urbanstraße: Heute letzter Tag
(2) Siegesallee: Rettungsgasse zum Sieg
(3) Ein früherer Spaziergang zum Südstern: Die vier Leben eines Gasometers

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Wie kommt der Kaiser aufs Pferd
Zwei Berliner Senate stürzen über ihre Baupolitik