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Die vier Leben eines Gasometers


Stadtteil: Kreuzberg
Bereich: Südstern
Stadtplanaufruf: Berlin, Fichtestraße
Datum: 24. Januar 2005

Unser heutiges Ziel ist der Südstern in Kreuzberg (1). In einer Seitenstraße - der Fichtestraße - gibt es ein Bauwerk mit mindestens vier Leben:

"Den 1874-76 errichteten Gasbehälter nutzte die Städtische-Gasbehälter-Anstalt zur Versorgung der Straßenlaternen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er stillgelegt. 1941 wurde innerhalb des alten Gasometers eine Bunkeranlage für 6.500 Personen eingebaut, heute die größte noch erhaltene Anlage Berlins. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente sie als Gefängnis, Flüchtlingslager, Obdachlosenasyl und zur Einlagerung der Senatsreserven. Pläne für eine Umnutzung konnten aufgrund der enormen Baukosten bis heute noch nicht realisiert werden" (Denkmaldatenbank).

Zu den Begriffen in diesem Zitat gibt es so viele Assoziationen, dass man sie erstmal auf sich wirken lassen muss. "Städtische-Gasbehälter-Anstalt" - Gaswerke sorgten für die Straßenbeleuchtung. "Gefängnis, Flüchtlingslager, Obdachlosenasyl " - diese Begriffe verbinden die Unterbringung der von in der Gesellschaft ungeliebten, ja ausgegrenzten Personen, und was liegt näher, als sie hinter den dicken Mauern eines Bunkers wegzuschließen?

Und "Senatsreserve" - wer weiß noch von dem Trauma des eingeschlossenen West-Berlins, durch die Blockade vom Flugzeug aus versorgt werden zu müssen? Die bürokratische Antwort hieß, in West-Berlin Reservelager für Klopapier und Glasscheiben, für Rollmöpse und Hundefutter anzulegen. Und so kommen sie nach und nach zu Tage, die alten Eichhörnchenlager des Senats, wenn ein ehemaliger Gasometer seine Geschichte erzählt oder wenn die Berlinische Galerie in ein ehemaliges Glasscheibenlager der Senatsreserve umzieht.

Der "Tag des offenen Denkmals" 2000 ermöglichte de Besichtigung des Gasometer-Bunker-Gefängnis-Senatslagers (2). Im Oktober/November 2003 zeigten hier 100 internationale Künstler im Rahmen des "Kunstherbstes 2003" Arbeiten und Performances zum Thema - PARADIES. Die Kunst sieht, was der einfache Betrachter nicht sieht - hinter'm Horizont geht's weiter, und gleich nach der Hölle folgt das Paradies.

In der letzten Woche hatten wir es am Prenzelberg mit der "Christengemeinschaft" zu tun, deren Sakralbau auf einem Innenhof stand. Diesmal sehen wir eine Kirche des "Christlichen Zentrums Berlin", an der wir so oft vorbeifahren - die Kirche auf dem Platz "Südstern". Ein prominenter Kameramann aus Hollywood missionierte erst in Zelten ("Verkündigung der frohen Botschaft in seinem Evangelisationszelt auf dem Potsdamer Platz"), bevor es "nach Verhandlungen mit der Evangelischen Kirche Berlins und den zuständigen Stellen des Bundes gelang, die traditionsreiche neogotische, ehemalige Garnisonskirche am Südstern zu erwerben". Unbemerkt - jedenfalls von mir nicht bemerkt - halten christliche Strömungen Einzug, deren Wirkungen nicht ins Bewusstsein dringen, wie aber steht es mit ihrem Einfluss auf die Gesellschaft?

Wir lassen uns von der Werbung für Flens an einem Lokal nicht irreleiten und kehren im "Ovid" ein, können aber nicht aufklären, was das überdimensionale Bild vom christlichen Abendmahl an der Wand mit dem Philosophen zu tun haben soll, der am 20.März 43 in Mittelitalien geboren wurde. Er hat mit dem Heiland nichts gemein, aber sein umfangreiches Schaffen von Liebe bis Fischfang soll hier noch als Abschluss gewürdigt werden: "Amores (Liebeselegien, zunächst fünf Bücher, die - erhaltene - zweite Auflage in drei Büchern), Heroides (Briefe von Frauen aus der antiken Mythologie an ihre ungetreuen Liebhaber, Ars amatoria (Lehrgedicht über die Liebe, zwei Bücher an Männer, das dritte an Frauen gerichtet) und Remedia amoris (Heilmittel gegen die Liebe). - Medea (Tragödie, in der Antike gerühmt), De medicamine faciei feminae (Lehrgedicht über die Gesichtspflege, nur der Anfang erhalten), Halieutica (Lehrgedicht über den Fischfang, zweifelhaft, ob die erhaltenen Teile tatsächlich von Ovid stammen), Phaenomena (Gedicht über die Himmelserscheinungen - nur einzelne Fragmente)" (zitiert nach einer Seite aus der HU Berlin).

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(1) Im Dezember 2014 waren wir vom Südstern aus zum Graefekiez unterwegs: Beim Schulbau verzählt?
(2) Zum Denkmaltag 2009 haben wir den Gasometer bersichtigen können: Sektempfang in der Leichenhalle

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