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Das größte Gemälde der Welt


Stadtbezirk: Marzahn-Hellersdorf
Bereich: Hellersdorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Cottbusser Straße
Datum: 15. Februar 2011

Hellerdorf hat einen alten Dorfkern mit Gutshof, aber auch Plattenbauten und ein Nachwende-Bezirkszentrum. Diesen Kontrasten wollen wir nachspüren und fahren mit der U-Bahn bis zum Cottbusser Platz.

Warum wird die Cottbusser Straße in Hellersdorf mit "C" geschrieben und die Kottbusser Straße in Kreuzberg mit "K"? Damit West-Berlin und Ost-Berlin je eine unterscheidbare Straße desselben Namens hatten, genauso wie es Funkturm/Fernsehturm, Hansaviertel/Stalinallee, Kongresshallen, Universitäten, Theater, Museen, Zoos, Sporthallen, Flughäfen (und vieles mehr) doppelt gab bei den feindlichen Geschwistern? Nein, es liegen 150 Jahre zwischen den Straßenbenennungen. Die Kreuzberger Cottbusser Straße bestand bereits seit 1839, der Name wurde 1901 bei der großen Rechtschreibreform umgestellt auf Kottbusser Straße (Stadtpläne von 1896 und 1906 belegen dies), obwohl hier ein Eigenname zugrunde liegt, der unverändert bis heute mit "C" beginnt. Da haben wohl übereifrige preußische Beamte das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die DDR jedenfalls hat sich an die Rechtschreibregeln gehalten, als sie 1985 in Hellersdorf die Cottbusser Straße benannte.

Das Gut Hellerdorf war ein Riesel-Gut, hier wurden seit 1886 Abwässer Berlins auf die Rieselfelder geleitet. Das Dorf Helwichstorpp aus dem 13.Jahrhundert wurde 1920 in Groß-Berlin zum "Stadtgut", in der DDR zum "Volkseigenen Gut". Mit der Wende endet die landwirtschaftliche Nutzung, zur EXPO 2000 wurde ein "Hellersdorf-Projekt" zur zukünftigen Nutzung der alten Gutsanlage in Hellersdorf veranstaltet. Auf uns macht das Gutsgelände einen insgesamt verwahrlosten Eindruck, mehrere Gebäude werden genutzt, sind aber von einer Brache umgeben. In einem Haus sitzt ein Pokerklub, zwei Rechtsanwälte haben sich in demselben Gebäude angesiedelt. Ein klassischer Fall von gutem Marketing, man soll immer dorthin gehen, wo die potentiellen Kunden sind.

An das Gut grenzt ein Park mit Spielplatz an, der von Jugendlichen genutzt wird, die mit jeglicher Art von Rollen unter den Füßen durch die Luft wirbeln. Auf freundliches Nachfragen sind sie gern bereit, sich bei ihren Künsten fotografieren zu lassen.

Wer an Wohnungsbau in Marzahn-Hellerdorf denkt, denkt an DDR-Plattenbauten. 1971 wurde das DDR-Wohnungsbauprogramm ("Jedem seine eigene Wohnung") aufgelegt, 1984 weihte Honecker in Marzahn die zweimillionste Neubauwohnung in der Platte ein. Alle Kräfte wurden in den Neubau gesteckt, die Altstädte verfielen. "Ruinen schaffen ohne Waffen" sagte man hinter vorgehaltener Hand. Und dann kam die Wende, und mit ihr der soziale Wandel: De-Industrialisierung und De-Ökonomisierung des Beitrittsgebiets, Geburtenrückgang, Menschen ziehen aus den Plattenbauten weg - Richtung Westen, Richtung Arbeit oder in Eigenheime und wiederhergestellte Altbauwohnungen im Stadtzentrum.

Die Städte schrumpfen, ganz besonders die Plattenbaustandorte. Soll man die Platten abreißen? Mieter weg, Platte weg, zurück bleiben "blühende" Landschaften, Kohls Vision hätte sich hier erfüllt? Die Anzahl der Menschen die ihr "Arbeiterschließfach" lieb gewonnen haben und bleiben wollen, ist begrenzt, aber das Bund-Länderprogramm „Stadtumbau Ost“ gibt die Chance, die monotonen Plattenbausiedlungen in attraktive und lebenswerte Stadtquartiere umzubauen. Die Platten lassen "einen hohen architektonischen Gestaltungsspielraum zu", was nur ein anderer Ausdruck für die vorherrschende Monotonie ist, der man mit Teilrückbau (Abtrag mehrerer Geschosse, Herausnahme einzelner Sektionen), Grundrissänderung, Fassadengestaltung, Mansarden, Balkons, größeren Fensterausschnitten, Maisonetten, Dachterrassen entgegenwirken kann. „Alte Platte – Neues Design", und im Innern sorgen verbesserte Wohnqualitäten dafür, dass die Platten wieder attraktiv werden. Selbst Stadtrandhäuser und Einfamilienhäuser mit hohem Energiestandard können so geschaffen werden. Auch wenn der Rückbau teurer ist als der klassische Abbruch lohnt sich dieser Aufwand, um eine lebendige Stadt zu schaffen.

Den Ansatz zu einer Umgestaltung hat an der Stendaler Straße in Hellersdorf ein Großinvestor versucht, der in Deutschland 28.000 überwiegend Ost-Wohnungen zusammengekauft hatte und mit Fassadengestaltung das Quartier um die Hellersdorfer Promenade („Europaviertel“) attraktiv machen wollte.

Wandbilder sind die Höhlenmalereien der Stadtneandertaler. Sie sind öffentlich zugängliche Kunst und Kunst für die Öffentlichkeit. Sie sind Kunstwerke auf Zeit, die den Schadstoffen der Großstadtluft nur wenige Jahrzehnte widerstehen und durch umliegende Bebauung verdeckt oder vernichtet werden können. Es sind gemalte Illusionen, eine magische Verfremdung, eine optische Täuschung, abstrakt, konkret, dekorativ, politisch, zeitkritisch, eine leichte Überhöhung, Verfremdung oder ironische Brechung, ein eingefügtes störendes oder verstörendes Detail. Der Übergang zum Kitsch ist fließend, als "trash" wird das Geistlose, unfreiwillig Komische bewusst selbst schon zur Kunst. Die Grenze von der Kunst zum Kitsch ist überschritten, wenn es stereotyp, klischeehaft, gefühlsheischend, nachahmend wird, der Wirklichkeit flüchtet, sich als Kind einer anderen Zeit ausgibt.

In der Stendaler Straße wurde vom "Europaviertel" mit 65.000 qm Fassadenfläche bisher 800 Quadratmeter Fassade als "Deutsches Viertel" bemalt. Das Ziel ist, eine europäische Hauptstadt mit malerischen Mitteln darzustellen, kulturelle Eigenheiten und historische Symbole zu zeigen, das Image von Hellersdorf mit künstlerischen Mitteln aufzuwerten. Es soll das größte Gemälde der Welt werden, das Touristen nicht nur zum Hackeschen Markt, sondern auch nach Hellersdorf lockt.

Deutschlandradio beschreibt, was man hier sieht: "Aus der Platte ist ein deutsches Gründerzeitgebäude geworden - aus rotem Backstein, mit Erkern, Stuckgesimsen und Balkonen. Auf einem imaginären Balkon steht eine imaginäre Frau und kämmt sich das Haar. Andere Frauen schauen aus Fenstern, Vögel sitzen auf Simsen, Blumenkästen voller Geranien verzieren Balkone. Alles aufgemalt, alles perfekt gemachte optische Täuschung." Im Spiegel liest man: "Man dachte an die Altstädte berühmter Metropolen, etwa Amsterdam oder Prag, deren pittoreskes und geschichtsträchtiges Flair jedes Jahr Millionen Besucher anlockt." Die Lyoner Künstlergruppe "Trompe-l’oeil" (Augentäuschung) hat schon international an vielen Orten illusionistische Gemälde an Wände gebracht, bevor sie für dieses Projekt engagiert wurde und 6 Plattenbauten bemalte.

Uns verschlägt es hier schlicht die Sprache. Pittoreskes Flair kann man fühlen, aber nicht an Hauswände malen, Bilder aus einer heilen Welt mit Blumenkästen und Vögeln und Frauen, die sich das Haar kämmen sind keine Augentäuschung, denn es fehlt die ironische Brechung, die Verfremdung, die optische Täuschung, dies hier ist schlicht 800 Quadratmeter Kitsch. Vielleicht wäre den Initiatoren noch etwas anderes eingefallen, jetzt ist erstmal Schluss, weil der Investor eine Riesenpleite hingelegt hat, seine 200 deutschen Objektgesellschaften haben Insolvenz angemeldet.

Im Hellersdorfer Zentrum sind 1995 neue Straßen und Plätze angelegt und nach NS-Verfolgten benannt worden. So entstanden der Alice-Salomon-Platz mit der gleichnamigen Hochschule, weitere Namensgeber waren Kurt Weill, Fritz Lang, Lil Dagover, Peter Weiss, Lyonel Feininger. An deren Straßen und Plätzen stehen Neubauten, eine Atmosphäre, die den Namensgebern gerecht wird, muss sich erst noch bilden. Vor der Hochschule ist ein gepflasterter Platz geschaffen worden, der geradezu nach einem Anflug urbanen Lebens ruft, ein Café aber findet man nicht am Platz, sondern im Innern des Einkaufscenters im 1.Stock.

Nördlich des Zentrums liegt an der Stadtgrenze eine Kette von Pfuhlen, kleinen Seen, von Wasser in eiszeitlichen Rinnen gebildet. Hier entlang geht der Wuhle-Hönow-Wanderweg, der bis zum U-Bahnhof Hönow führt. Wir umrunden den Beerenpfuhl und finden am Rande der Plattenbausiedlung eine kleine Oase, in der durch die umgebenden Sträucher sogar der Verkehrslärm der Berliner Straße nicht mehr stört. Aus der Diskussion um die Fluglärmzonen wissen wir, dass es bei der Lärmbelästigung nicht nur um Dezibel geht, sondern auch um Psychologie, daher wird wohl das Gefühl des Geschützt- und Geborgenseins hier am Pfuhl den gefühlten Lärm niedriger sein lassen als die tatsächlichen Dezibel.

Eine gute Idee ist das "Gartenland am Beerenpfuhl", eine Kleingartenanlage, die für Bewohner des Quartiers geschaffen wurde. Hier kommt die Begeisterung des Berliners für seinen Schrebergarten mit der Verbesserung der Lebensqualität in der Plattenbausiedlung zusammen.


An der Kante
Neue Urbanität am Plattenbau