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Zwei Berliner Senate stürzen über ihre Baupolitik


Stadtteil: Friedrichshain, Lichtenberg
Bereich: Südkiez, Lichtenberger Kietz
Stadtplanaufruf: Berlin, Mainzer Straße
Datum: 26. Januar 2015
Bericht Nr: 494

Berliner Stadtregierungen nach dem Krieg hatten immer wieder ihre Probleme mit der Baupolitik. Zwei Senate sind an diesen Problemen gescheitert und mussten zurücktreten. Zu West-Berliner Zeiten waren Politiker und Macher in der Wirtschaft sich so bedenklich nahe, dass man von Filz - wenn nicht von Korruption - sprechen konnte. Das "Schaufenster des freien Westens" - so nannte man die eingeschlossene Stadt - musste Vorzeigbares bieten, so kamen Bauträger leicht an staatliche Subventionen und an Bürgschaften in Millionenhöhe. Die Berliner "Baulöwen" klopften an, wenn sie ihre Projekte absichern wollten, und wurden auch kurz vor ihrer Pleite noch fast unbesehen mit Staatsbürgschaften bedacht, für die dann später die Bürger ("die Steuerzahler") aufkommen mussten.

Zwei Baulöwen, die viel Geld mit Berliner Bauten verdient hatten, überdrehten und gingen pleite: Sigrid Kressmann-Zschach und Dietrich Garski. „Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben“ war die Devise der Architektin Kressmann-Zschach, die in Berlin das Kudamm-Karree und den Steglitzer Kreisel gebaut hat. Die Verbindung Männer, Häuser und Geld hat "die schöne Sigi" auch ganz clever eingesetzt, als sie mit dem Oberfinanzpräsidenten im Hotel ein gemeinsames Zimmer nahm. Ihn kostete das den Job, als es herauskam. Aber da war sie bereits insolvent und hatte der Stadt eine Bürgschaftsschuld von mehr als 40 Mio. DM und eine Bauruine an der Steglitzer Schloßstraße hinterlassen. Der Berliner Senat von Klaus Schütz kam ins Schlingern, der Bau- und der Finanzsenator mussten gehen und eine Untersuchungskommission wurde eingesetzt, aber diesmal ging es knapp am Sturz des gesamten Senats vorbei.

Anders war es bei der "Garski-Affäre", die der Regierende Bürgermeister Dietrich Stobbe und sein Senat politisch nicht überlebten. Der Architekt Garski hatte das Klinikum Steglitz gebaut, Mittelstufenzentren errichtet und die Stadtautobahn an der Schlangenbader Straße mit einem Wohnblock überbaut (1). Das "sumpfige Ende einer Ära" (Tagesspiegel) kam, als er sich mit Bauten in Saudi-Arabien überhob. Die 57 Mio. DM Schmiergelder, die er in Saudi-Arabien verteilte, konnte er von der Steuer absetzen, der Finanzsenator nannte sie "nützliche Ausgaben". Aber dass der Finanzsenator dann auch noch rund 100 Millionen DM Bankbürgschaft für Garski knapp vor dessen Insolvenz bewilligt hatte, kostete erst den Senator den Job und anschließend den ganzen Stobbe-Senat.

Ganz anders war die Konstellation, als nach der Wende der erste und einzige rot-grüne Senat unter Walter Momper an ideologischen Differenzen zerbrach. Als die Stadt am 3.Oktober 1990 wiedervereinigt wurde, hatten sich längst Hausbesetzer aus Ost und West zusammen gefunden und neben anderen Gebäuden 13 baufällige Häuser in der Mainzer Straße im "Südkiez Friedrichshain" besetzt. Nach Räumung anderer Häuser spitzte sich hier im November 1990 der Konflikt zwischen Hausbesetzern und Polizei zu einem unglaublichen Ausbruch von Gewalt zu. Bei einer Straßenschlacht und dem Gefecht um die Häuser kämpften 4.000 Polizisten gegen 500 Hausbesetzer (Tageszeitung "taz"). Die Besetzer hatten Barrikaden errichtet und Gräben ausgehoben. Die Polizei setzte Räumpanzer ein, schoss mit Wasserwerfern und Tränengrasgranaten in die Wohnungen und wurde selbst mit Steinen, Stahlkugeln und Brandsätzen beworfen. Vermittlungsbemühungen von beispielsweise Bärbel Bohley oder dem evangelischen Bischof blieben erfolglos, weil diese Ansätze von der Polizei unterlaufen wurden. Letztlich hat man die Häuser geräumt, die Mainzer Straße aber war total verwüstet. Die Grünen (Alternative Liste) als Koalitionspartner warfen Momper vor, den Räumungsbeschluss ohne sie gefasst zu haben, was er als Legende zurückwies. Die grünen Senatoren traten zurück und beendeten damit wenige Tage vor der anstehenden Neuwahl das Senatsbündnis.

In diesem "Südkiez Friedrichshain" war die Gürtelstraße im Herbst 2014 Schauplatz einer weiteren Hausbesetzung. Flüchtlinge, die erst am Brandenburger Tor und dann am Oranienplatz gegen die Asylpolitik protestiert hatten, waren schließlich in der Gürtelstraße in ein Hostel eingedrungen und hatten dort auf dem Dach ausgeharrt. Zwei Wochen später verließen sie nach Verhandlungen mit der Polizei das Gebäude und kamen in einer Kirche unter. Nach Überprüfung der Asylanträge konnte kaum einer seine Anerkennung durchsetzen. Wie unterschiedlich die Lösung von Konflikten doch aussehen kann, wenn darauf geachtet wird, eine Eskalation zu vermeiden.

Das klingt uns in den Ohren, als wir im "Südkiez Friedrichshain" - unserem heutigen Ziel - in der Gürtelstraße und Mainzer Straße ankommen. Dieses Quartier ist die ehemalige Kolonie Friedrichsberg (2). Der Bahnhof Frankfurter Allee trug einmal den Namen Friedrichsberg, der dann allerdings nach Umbenennung vollständig aus dem Bewusstsein der Stadt verschwand. Und die Gürtelstraße? Sie ist eigentlich die Funktionsbezeichnung für die äußere Ringstraße, die wie ein Gürtel die Berliner Innenstadt von Friedrichshain bis Charlottenburg und von Schöneberg bis Wedding umschließt. Dies war die "Weichbildgrenze", die damals den städtisch bebauten Raum vom ländlichen Umland abgrenzte. "Gürtelstraße", diesen Namen führten bis 1864 die Yorckstraße (3), Bülowstraße, Kleiststraße, Tauentzienstraße und die hierin eingeschlossenen Plätze Dennewitzplatz, Nollendorfplatz und Wittenbergplatz. Diese Straßen und Plätze sind dann 1864 nach Militärführern der Befreiungskriege benannt worden, das gab dem Straßenzug die Bezeichnung "Generalszug". Diese Ringstraße verbindet die Radialstraßen, die sternförmig aus der Mitte der Stadt als Fernstraßen in alle Richtungen gehen. Auf der Hauptstraße in Schöneberg waren wir gerade auf einer solchen Radialstraße unterwegs (4).

Auch in Paris gibt es eine Ringstraße, die nach Militärführern benannt wurde. Die Boulevards des Maréchaux (Boulevards der Marschälle) bilden einen fast kreisförmiger Ringboulevard, der in den 1920er Jahren geschaffen wurde und den Verlauf der ehemaligen Stadtbefestigung nachzeichnet. Benannt sind die einzelnen Straßenabschnitte nach 19 Marschällen der Armeen Napoleons. Die Verwandtschaft mit dem Generalszug in Berlin ist bemerkenswert, nur dass in Berlin die Heerführer geehrt wurde, die in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gekämpft haben.

Abrisspläne für Häuser in der Mainzer Straße und anderen Straßen im "Südkiez Friedrichshain" gab es schon zu DDR-Zeiten. Das wurde größtenteils nicht umgesetzt, man sieht nur einzelne Plattenbauten. Die Altbauten aus den 1880er und späteren Jahren sind nach der Wende herausgeputzt worden. Die unterschiedlichen (anfangs niedrigeren) Traufhöhen zeigen, in welcher Phase ein Gebäude errichtet wurde, die kleinteilige Parzellierung blieb erhalten. Viele Fenster sind bekrönt ("verdacht") mit kleinen Vorsprüngen, Dreiecksgiebeln, Bögen und Reliefs, manche sind komplett umrahmt. Die ältesten Häuser in der Kinzigstraße stehen zurückgesetzt von der heutigen Baufluchtlinie. Ein buddhistischer Verein hat die Bauten vor dem Verfall gerettet und hier einen Tempel und eine Begegnungsstätte eingerichtet.

"Nette Frau, aber ein Mundwerk wie eine Pistole", sagten die Russen 1946 in der Kommandantur über Edith Krappe aus diesem Kiez in Ost-Berlin, die in West-Berlin bei der SPD als Fraktionsgeschäftsführerin arbeitete. Nicht nur, dass sie einmal im Monat in der russischen Kommandantur erscheinen musste, man hörte auch ihre Telefongespräche mit der SPD ab. Es war kalter Krieges zwischen Ost und West, die SPD wurde in Ost-Berlin mit der KPD unter Druck der sowjetischen Besatzungsmacht zwangsweise zur "Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands" (SED) vereinigt, da war für eine im Westen aktive Sozialdemokratin der Boden zu heiß, sie zog nach Schöneberg um. Es war die Zeit, als die Teilung Berlins unmittelbar bevorstand.

Der Kietzer Weg entlang der S-Bahn liegt bereits im Bezirk Lichtenberg. Er verweist auf die Kolonie "Kietzer Lacken", die 1793 angelegt wurde und sich Richtung Rummelsburg ausdehnte. An der Lückstraße hatten wir bei einem früheren Spaziergang die verbliebenen Kolonistenhäuser gesehen, die sich allerdings teilweise in einem erbärmlichen Zustand befanden (5). Die auch "Lichtenberger Kietz" genannte Kolonie wurde nicht von einem Kurfürsten oder König angelegt, sondern von dem Lichtenberger Gutsherren, der selber nur Pächter des Guts war. Er brachte hier seine Tagelöhner unter.

Erster Kolonist war aber ein einfacher Soldat aus dem Möllendorffschen Regiment. Damit stellt sich eine Verbindung her zum Zentrum des Dorfes und zum Stadtpark. Die an der Dorfaue entlang führende Straße heißt nicht wie zu erwarten "Alt-Lichtenberg", sondern Möllendorffstraße. Der preußische Feldmarschall Wichard von Möllendorff - ein von Friedrich dem Großen mehrfach ausgezeichneter Soldat - war militärischer Oberbefehlshaber ("Gouverneur ") von Berlin. Westlich der Lichtenberger Dorfaue baute sich Möllendorff einen schlossartigen Landsitz und legte einen Park an. Die Frage, warum ein Möllendorffscher Soldat in den nahe liegenden Kietz zog, beantwortet sich so von selbst. Lichtenberg kaufte schließlich das Möllendorffsche Gelände und erweiterte es zum Stadtpark (6). Das Schlösschen musste 1911 dem Bau einer höheren Knabenschule weichen, eine Art Konversion von militärnaher zu ziviler Nutzung, und das im militärverliebten Preußen.

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(1) Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße: Pyramide und Raumfahrtbahnhof
(2) Kolonie Friedrichsberg: Friedrichsberg
(3) Die Yorckstraße als Ringstraße im Hobrechtplan: Unter den Brücken
(4) Die Hauptstraße als Radialstraße: Hinauf auf den Böhmerberg
(5) Kolonistenhäuser an der Lückstraße: Die Stasi baut eine Kirche
(6) Stadtpark von Lichtenberg: Für Hunde verboten

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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