Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Die Stasi baut eine Kirche


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Weitlingkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Weitlingstraße
Datum: 6. September 2010

Ein Haus an der Brunnenstraße in Mitte verkündet: "Dieses Haus stand früher in einem anderen Land". Nämlich in jenem Land, das 1989 untergegangen ist, in dem Straßen und Plätze mit Vorliebe nach Widerstandskämpfern, Antifaschisten und Kommunisten benannt oder umbenannt wurden. Im Weitlingkiez in Lichtenberg haben beispielsweise die Benennung mit den Namen Archenhold, Bietzke, Uhrig, Zachert und Kowalke diesen Hintergrund.

Und an wen erinnert die Weitlingstraße? Wilhelm Weitling, 1908 zur Welt gekommen, war ein Kind der Liebe, unehelich geboren, seine Mutter ein deutsches Dienstmädchen, sein Vater ein französischer Besatzungsoffizier. Wilhelm Weitling war ein Vordenker des Kommunismus, er trat für eine soziale Revolution und für den kommunistischen Klassenkampf ein. Er war ein Zeitgenosse von Marx und Engels, mit denen er aber keine gemeinsame Linie fand und sich deshalb mit ihnen überwarf. Wilhelm Weitling entwarf eine Gesellschaftsordnung mit einer repressionslosen, konfliktfreien Gesellschaft, die auf den Prinzipien der Gütergemeinschaft und der Nächstenliebe basiert. Seine intensive katholische Prägung in der Jugend zeigte sich in religiösen Elementen wie "Bruderliebe" oder "Erlösungszustand der Menschheit" in seinen programmatischen Schriften, Marx warf ihm deshalb "religiöse Tändelei" vor. Wilhelm Weitling wuchs in Magdeburg auf, er wurde durch Aufenthalte in Paris politisch aktiv, in der Schweiz wurde seine jahrelange kommunistische Tätigkeit durch Haft und Deportation beendet. In seiner neuen Heimat USA scheiterte er beim Versuch eines Neuanfangs an seiner revolutionären Ungeduld und seinem persönlichen Ungestüm. Er wandte sich deshalb Problemen der Kinderpsychologie zu und widmete sich technische Erfindungen wie der Knopflochnähmaschine. Was für ein Leben! Ein kommunistischer Vordenker entwickelt eine Maschine, mit der Arbeiter um ihren Job gebracht werden.

Aber auch wenn es so schön passen würde - Wilhelm Weitling ist nicht der Namensgeber der Weitlingstraße. Sie ist vielmehr nach dem Lichtenberger Lehrer Johann Ludwig Weitling benannt, von dem man nicht einmal die genauen Lebensdaten kennt (geboren 1758, gestorben "nach 1792"). In seiner Schule gab es einen Raum für seine Seidenraupenzucht, er besaß 44 Maulbeerbäume und produzierte im Jahr fünf Pfund reine Seide. Das war aber nichts besonderes, denn die vom Großen Kurfürsten ins Land geholten Hugenotten hatten das know-how der Seidenproduktion mitgebracht, und Friedrich der Große drängte und förderte Lehrer und Pfarrer (wie auch andere Bevölkerungskreise), sich an der Produktion von Seide zu beteiligen. Nach dem Tod Friedrichs des Großen brach dieser bis dahin hoch subventionierte Wirtschaftszweig zusammen (1).

Ominös ist die Benennung der Weitlingstraße nach dem Dorflehrer schon, denn sie erfolgte nicht, als Lichtenberg noch ein Dorf war ( typische Ehrung eines besonderen Zeitgenossen), sondern erst 1938 zur Zeit des Dritten Reiches. Zu DDR-Zeiten wurde daran nichts geändert, vielleicht hat man den weitgehend unbekannten Pädagogen Weitling gedanklich gegen den verehrten Kommunisten Weitling "ausgetauscht"? Eine solche stille Umbenennung, sogar offiziell, hat es jedenfalls in West-Berlin bei der Petersallee gegeben (2).

Am Verkehrsknotenpunkt Lichtenberg (S-Bahn, U-Bahn und Fernbahnhof) beginnt die Weitlingstraße und endet auf der Höhe des S-Bahnhofs Nöldnerstraße. Der Tagesspiegel textet provokant - "Lichtenberg? Dort, wo der Ostwind um die Plattenbauten pfeift, der rechte Mob marschiert und breite Autoschneisen alles Leben unter sich begraben?" - um dann den Imagewandel des Bezirks zu beschreiben mit "Besser leben hinterm Ostkreuz". Der Weitlingkiez, in dem wir heute unsere Füße müde gelaufen haben, ist ein Viertel mit vorbildlichem Reformwohnungsbau der 1920er Jahre über mehrere Straßenzüge und Straßenblocks hinweg. Plattenbauten haben wir auf unserem Weg nicht gesehen, aber gepflegte Wohnquartiere, angefangen bei der Weitlingstraße - die 1997 für 15 Mio. Euro saniert und modernisiert wurde - und ihren Querstraßen .

Die Siedlungsgesellschaft "Stadt und Land" hatte in den 1920er Jahren zwischen Zachertstraße und Rummelsburger Straße vier Wohnanlagen gebaut, den Sonnenhof, Erlenhof, Ulmenhof und Pappelhof. Ein weiterer Wohnblock wurde von Mebes und Emmerich für eine andere Baugesellschaft entworfen (3). Der Sonnenhof (Architekt: Erwin Gutkind) umschließt einen Straßenblock, der in Nord- Süd-Richtung 250 Meter lang ist, trotzdem wirkt die gleichförmige Fassade mit ihrer markanten rot-weiß-grauen Gliederung nicht eintönig. An den Straßenkreuzungen geben die eingezogenen Gebäudeecken mit vorspringenden Balkons und einer die Kante umschließenden Fensterachse den Gebäuden eine expressive Wirkung. In einen parkartigen Innenhof mit Bäumen, Wiesen, Blumen und Bänken ist als Element des ursprünglichen Konzepts die Kindertagesstätte erhalten geblieben, sie wird noch heute genutzt.

Am Münsterlandplatz im Weitlingkiez steht die einzige Kirche, die von der Stasi gebaut wurde, ein Würfelbau aus Betonfertigteilen, der nur durch Kreuz und Schrift seine Funktion erkennen lässt. Wie kam es zu dieser Absonderlichkeit? Die ursprünglich in der Normannenstraße ansässige Kirchengemeinde war der expandierenden Staatssicherheit im Weg. 1979 wurde die alte Kirche gesprengt, netterweise errichtete die Stasi einen Ersatzbau am Münsterlandplatz.

An der Lückstraße am südlichen Ende des Kiezes sieht es triste aus. An der Südseite dieser stark befahrenen Verkehrsader stehen mehrere Kolonistenhäuser, die im 18.Jahrhundert für Zuwanderer gebaut wurden. Ein Haus wurde gerettet, andere niedrigere Häuser aus dieser Zeit und späteren Epochen sind verfallen oder bedroht (4).

Unser Spaziergang endet an der Preußensäule in Friedrichsfelde. In dem kleinen Park vor der Dorfkirche steht ein Denkmal zur Erinnerung an den Krieg gegen die Franzosen 1870/1.

Hier im sichtbaren Umkreis gibt es nur Imbisse, deshalb steigen wir in die Bahn und fahren zum Hackeschen Markt, wo wir im S-Bahnbogen an der Dircksenstraße ein Brauereilokal kennen, das den richtigen Abschluss für unseren strapaziösen Rundgang bietet.

-----------------------------------
(1) Mehr über die Seidenproduktion: Seidenproduktion
(2) Die stille Umbenennung der Petersallee: Krauses Haar und schwarze Haut
(3) Die Bauten von Mebes und Emmerich an der Lincolnallee: Beschauliches Friedrichsfelde
(4) Lückstraße: mehr über die Kolonie Lichtenberger Kietz: Zwei Berliner Senate stürzen über ihre Baupolitik



--------------------------------------------------------------
Unsere Route
--------------------------------------------------------------

zum Vergrößern ANKLICKEN



Natur wohin man schaut
Verknüpfte Welt