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Ein Möbeltischler stellt Propeller her


Stadtteil: Friedrichshain
Bereich: Stralauer Viertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Warschauer Straße
Datum: 16. Oktober 2017
Bericht Nr.: 603

Nach dem "Statistischen Taschenbuch von Berlin" von 1830 hat "das Stralauer Viertel einen Umfang von 10.200 Schritten". Stralauer Viertel oder Stralauer Vorstadt, das ist das Stadtgebiet entlang der Warschauer Straße von der Frankfurter Allee bis zur Spree. 7.994 Schritte sind wir entlang der Warschauer Straße und ihrer Querstraßen gelaufen und haben dabei das Quartier mit den Wohnbauten - ehemals Mietskasernen -, den Gewerbehöfen und das Mühlen- und Hafengebiet erkundet.

Die Halbinsel Stralau, die der Vorstadt den Namen gibt, liegt weiter östlich an der Spree. Das "Handbuch für Einheimische und Fremde" von 1806 berichtet über das jährliche Erntedankfest der Fischer: "Morgens um fünf haben sie unter Pauken und Trompetenschall dreimal das Netz ausgeworfen, für den Berliner Magistrat, den Prediger und die Ältesten des Dorfes". Anschließend begann ein Volksfest für den größten Teil der Berliner Einwohner, das als "Stralauer Fischzug" im Laufe der Zeit zu einem üblen Saufgelage mit Schlägereien ausartete, bis die Polizei es schließlich verbot.

Die Stralauer Vorstadt
Das außerhalb der Stadt gelegene Gebiet östlich des Alexanderplatzes war landwirtschaftlich geprägt, als 1842 mit der Eröffnung des Ostbahnhofs (damals Frankfurter Bahnhof) das industrielle Zeitalter anbrach. Diese Züge der Schlesischen Bahn fuhren Richtung Frankfurt (Oder). Ein weiterer Ostbahnhof (Küstriner Bahnhof) entstand 1867 als Kopfbahnhof der Ostbahn Richtung Königsberg. 1884 wurde der Bahnhof Warschauer Straße eingeweiht. Die Berliner Zollmauer, die die Vorstadt von der Marchlewskistraße über die Warschauer Straße bis zur Spree begrenzte, wurde 1866 beseitigt. Als Folge der guten Transportverbindungen und Infrastruktur siedelten sich Industriebetriebe an, Arbeiterwohnungen entstanden. 1913 wurde an der Spree der Osthafen in Betrieb genommen, der der industriellen Entwicklung der Stralauer Vorstadt einen weiteren Schub gab.

Das Stralauer Viertel - dicht bebaut mit Mietskasernen - wurde das Wohnquartier der kleinen Leute. In den 1930er Jahren gehörten 60 Prozent der Bewohner zur Arbeiterschaft. Es waren viele zugewanderte Landarbeiter und Handwerker, die meist mit der Schlesischen Bahn aus östlich angrenzenden Provinzen und Ländern kamen. Hier in den Fabriken arbeiteten sie mit den Berliner Arbeitern zusammen und wohnten wie sie auf engstem Raum. An der Warschauer Straße entstanden die Industriebetriebe vor allem auf den Blockinnenhöfen als Etagenfabriken für mehrere Betriebe oder als Fabrikgebäude größerer Unternehmen.

Im Zweiten Weltkrieg sind durch Bombardierungen und Häuserkämpfe der letzten Tage wesentliche Teile der Wohnbebauung vernichtet worden. Im Nachkriegs-Berlin lag die Stralauer Vorstadt in Ost-Berlin, ab 1961 verlief die Mauer entlang der Spree. Das Gesicht der Mauer änderte sich nach der Wende. Von Künstlern mit rund einhundert Gemälden bemalt, entstand die East-Side-Galerie.

Propellerfabrik
Zu der Zeit, als auf dem Flughafen Johannisthal bereits Wettflüge stattfanden, die Polizei aber einen Zielflug von Tempelhof nach Johannisthal noch als groben Unfug ansah, war der Möbeltischler Hugo Heine in Johannisthal zufällig dabei, als ein Flugzeugpropeller zu Bruch ging und bot seine Hilfe an. Die gelungene Reparatur brachte die Idee zu seinem Start-Up, das nach der Gründung 1910 vier Holzpropeller im Monat herstellen konnte. Seine Konstruktion, die "hervorragende Stabilität bei größtmöglicher Ausnutzung der Luftverdrängung" versprach, wurde im Ersten Weltkrieg als Rüstungsprodukt so stark nachgefragt, dass er in Waidmannslust eine eigene Fabrik errichtete, in der zu dieser Zeit 300 Mitarbeiter beschäftigt waren. Das Konstruktionsprinzip hat er 1935 in seinem Buch erläutert: "Die Luftschraube. Eine einfache Darstellung der Begriffe und der Wirkungsweise". Das war zwei Jahre, nachdem er seinen Propeller mit Metallkantenschutz patentieren ließ.

Es war ein Unternehmen, das ungewöhnlich flexibel auf Nachfrageveränderungen reagieren konnte. Als nach Ende des Ersten Weltkriegs durch den Versailler Vertrag die Rüstungsproduktion zum Erliegen kam, kehrte er zur Möbeltischlerei zurück und produzierte in der Warschauer Straße 58 im Innenhofgebäude Schlafzimmermöbel. Als wieder Flugzeuge gebaut werden durften, war er wieder dabei. 1930 lieferte er seinen 50.000sten Propeller aus. Auch der Zeppelin „Hindenburg“ wurde von Heine-Propellern angetrieben. Fünf Jahre später waren wieder 300 Handwerker in der Propeller-Produktion beschäftigt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde aus "Hugo Heines Möbelfabrik & Propellerwerk" wieder ein Rüstungsbetrieb. Nach Kriegsende war dann Schluss, der Betrieb wurde enteignet. In der Warschauer Straße 58 wurden jetzt wieder Wohnmöbel produziert vom VEB Berliner Möbelwerke, beispielweise die Anbauwand Prestige.

Industriepalast
Während hier im Viertel die Industriebauten meist in den weitläufigen Blockinnenhöfen errichtet wurden, erstreckt sich der "Industriepalast" entlang der Warschauer Straße gegenüber dem Bahnhof. Fünf Gebäude sind ursprünglich zu einem Gesamtkomplex vereinigt worden. Nach Kriegsschäden und Umbauarbeiten haben nur noch zwei Gebäude ihr ursprüngliches Aussehen. Ausgestattet sind die variabel nutzbaren Produktionshallen mit Krananlagen, im Kellerbereich gibt es einen Anschluss an die Gleisanlagen der Bahn. Geschaffen hat den Industriepalast der Architekt Emil Schaudt, der auch das KaDeWe am Wittenbergplatz gebaut hat und den U-Bahnhof Rathaus Schöneberg in einer Senke des Stadtparks.


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Fabriken auf Blockinnenflächen
Den ersten Hofkomplex entdecken wir zu Beginn unseres Spaziergangs an der Warschauer Straße, als wir am Haus 15 mit dem Impetus des Flaneurs dem Weg in den Innenhof folgen und an der Grünberger Straße 23 wieder herauskommen. In dem Fabrikgebäude hat 1998 das erste Friedrichshainer Hostel aufgemacht. Eine Tagespflegestelle der Volkssolidarität ist über barrierefreie Rampen im Hof erreichbar.

Zwischen Grünberger Straße und Kopernikusstraße gehen die Grundstücke bis zu 120 Meter in die Tiefe. Hinter den Wohnbauten an der Straße erstreckt sich ein Geflecht von Innenhöfen, an denen ab 1905 überwiegend fünfgeschossige Fabrikbauten errichtet wurden. An der Grünberger Straße 48 erstrecken sich die "Grünberger Höfe" über drei Innenhöfe mit Stockwerksfabriken für kleinere Unternehmen. Auch einen Pferdestall gab es auf dem Hof. Von der Warschauer Straße 70a gibt es einen Zugang zum ehemaligen Gertrudshof.

Mehrere holzverarbeitende Betriebe produzierten hier im Viertel in den Fabrikbauten der Innenhöfe, beispielsweise der Propeller-Tischler Heine, die Möbelfabriken Roller und Widynski in den Grünberger Höfen, die Möbelfabrik Rössler & Schmidt in der Kopernikusstraße 35. Die Grünberger Höfe hatten ein Heizhaus, dessen Kessel mit Spänen aus den Tischlereien der Nachbarschaft befeuert wurde. Damit wurde neben Wärme auch Strom erzeugt, ein frühes Beispiel von Kraft-Wärme-Kopplung.

Steigendes Grundwasser
Das Umweltbewusstsein steigt, und damit der Grundwasserspiegel. Bei der Toilettenspülung 2x drücken, in der Industrie den Wasserverbrauch nachhaltig managen, das lässt das Grundwasser merkbar steigen, weil die Wasserwerke weniger fördern müssen. Seit der Wende ist der Grundwasserspiegel im Berliner Urstromtal um mehr als einen halben Meter gestiegen, in Spitzenlagen sogar über einen Meter. Auch das Stralauer Viertel ist betroffen. Bei den Grünberger Höfen war der Keller 1991 trocken, heute steht das Wasser 30 Zentimeter hoch. Der Lastenaufzug fuhr ins Wasser, die Elektrik kollabierte. Absackungen unterhalb der Kellersohle und Fäulnis sind die Folge, Schwamm und beeinträchtigte Standfestigkeit der Gebäude sind zu befürchten.

Senat und Wasserwerke kennen das Problem der "Vernässungsschäden" in Berlin, doch sie fühlen sich nicht zuständig, "das Grundwasser dauerhaft künstlich abzusenken, nur um die Keller trocken zu halten". Die Bauherren seien selbst schuld, wenn sie ihre Keller nicht fachgerecht abgedichtet hätten. Auch wenn das schon mehr als hundert Jahre zurückliegt und ein solches Problem damals nicht absehbar war? Klar ist, dass "flächendeckende Grundwasserabsenkungen für die öffentliche Hand mit immens hohen Kosten verbunden wären", deshalb versteckt man sich dahinter, das sei "rechtlich nicht geboten". Die Betroffenen könnten ja selbst einen Verband gründen und finanzieren, der Brunnen bohrt und Pumpen betreibt, um die Keller trocken zu bekommen.

Dom des Ostens
An der Kadiner Straße 11 imponiert ein Wohnhaus im Stil märkischer Backsteingotik. Unter dem Stufengiebel schmückt eine Fensterrose den Bau. Spontan vermuten wir ein kirchliches Gebäude, doch die sakrale Anmutung ist nur ein architektonischer Verweis auf eine evangelische Kirche auf dem Nachbargrundstück, die zeitgleich entstanden war. Die größte evangelische Gemeinde Berlins hatte 1907 die Lazarus-Kirche erbauen lassen, einen trutzigen Backsteinbau mit einem 66 Meter hohen Turm. Die Rosettenfenster in der Seitenfassade stellten die optische Verbindung zum Wohnhaus Nummer 11 her.


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Damit war es dann vorbei, als die Kirche nach einem Bombenschaden gesprengt wurde. Den Wiederaufbau hatte die DDR abgelehnt, um einen Wohnkomplex im Zusammenhang mit der Stalinallee-Bebauung hinzustellen.

Im Dritten Reich fiel die Stelle des Gemeindepfarrers an die nazitreuen "Deutschen Christen“. Sie setzten durch, dass die neuen Kirchenglocken mit Hakenkreuzen und einem Eisernen Kreuz geschmückt wurden. Ausgleichende Gerechtigkeit: Im Zweiten Weltkrieg mussten die Glocken eingeschmolzen werden, sie bestanden aus "kriegswichtigem Material".

Wohnbebauung
Wie in den anderen Berliner Mietskasernenvierteln waren es Einzelpersonen, die die Grundstücke kauften, bebauten und damit spekulierten. Für drei Wohngebäude, die den Zweiten Weltkrieg überdauert haben, ist diese Geschichte überliefert. Alle drei Gebäude zeigen wieder ihr ursprüngliches prächtiges Erscheinungsbild, es handelt sich um die Häuser Warschauer Straße 26 und Kopernikusstraße 2 und 3. Der Bankier Georg Göttling hatte um 1900 die Parzellen erworben, einen Architekten mit der Planung beauftragt und dann die kompletten Projekte an Maurermeister verkauft. Die Erwerber, die selbst wie Architekten auftraten, lösten sich von den übernommenen Planungen und schufen nach eigenen Entwürfen Miethäuser mit variationsreichem Dekor, teilweise an den Jugendstil angelehnt.

Gemeindedoppelschule
Ist das ein Umspannwerk? Das fragen wir uns, als wir von der Kadiner Straße zur Lasdehner Straße durchgehen und vor einer Fassade stehen, die mit pfeilerartigen Vorsprüngen streng vertikal gegliedert ist. "Knaben" und "Mädchen" steht über den beiden mittigen Eingängen, das muss eine Schule sein. Der Berliner Stadtbaurat hat viele Gemeindedoppelschulen (1) in Berlin errichtet, diese hier trägt heute seinen Namen. Die rote Ziegelfassade ist mit Medaillons geschmückt, Tierköpfe sind wie bei antiken Bauten unterhalb des Dachgesimses appliziert.


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Der Fassadenschmuck wurde von dem Bildhauer Georg Wrba geschaffen, der mehr als 3.000 plastische Werke "im Schatten der Moderne" hinterlassen hat. Im Bärensaaal des Berliner Stadthauses steht der von ihm geschaffene namensgebende Bär. Man sagt, es sei der einzige Berliner Bär mit einem angedeuteten Lächeln. Eine Kopie des Bären steht im Tierpark.

Osthafenmühle
Die DDR-Grenzer haben uns an der Spree einen Wachturm auf dem Speicher hinterlassen, der vom VEB Osthafenmühle betrieben wurde. Rückwärtig gegenüber an der Mühlenstraße 8 befand sich das Verwaltungsgebäude, das heute von der BSR bespielt wird. Der Speicher an der Spree gehört zum Immobilienportfolio von Nicolas Berggrün. Der Sohn des Kunstmäzens Heinz Berggrün wurde als Retter von Karstadt gefeiert, bis er sich zurückzog, ohne den Kaufhausbetrieb mit Finanzmitteln unterstützt zu haben.

Ein schlecht gezielter Diskurswurf des Gottes Apollon trifft einen Jüngling, der in seinen Armen das Leben aushaucht. Doch dann erhebt sich aus dem Blut, das der Wunde entströmt, eine duftende Hyazinthe, ein Mythos ist geboren. Mit den Hugenotten ist die Hyazinthen-Kultur nach Berlin gekommen. David Bouché soll 1704 an der Mühlenstraße blühende Hyazinthengärten angelegt haben. Mühlen standen ab dem 17. Jahrhundert am Spreeufer und gaben der Straße ihren Namen. Industriebetriebe siedelten sich an, 1913 wurde dann der Osthafen in Betrieb genommen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet an der Mühlenstraße weitgehend zerstört, heute entsteht dort die "Media-Spree" und das Partyvolk vergnügt sich nach Einbruch der Dunkelheit in den Clubs im Umfeld der Warschauer Straße.



Bei unserem Flaniermahl sitzen wir im “Riogrande“ am May-Ayim-Ufer im Untergeschoss direkt an der Spree und beobachten, wie der Tag langsam in der Dunkelheit versinkt, während fein und zugleich gutbürgerlich Rindergulasch und Wiener Schnitzel zum Wein serviert werden.

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(1) Die nicht zusammenhängende Nummerierung hängt mit der Zusammenfassung verschiedener Standorte zusammen, hier haben wir das Rätsel gelöst:
Beim Schulbau verzählt?

Schon mehrere Male waren wir im Stralauer Viertel unterwegs, hier finden Sie unsere Berichte:
> Oberbaum-City: Oberbaum-City
> Boxhagener Viertel: Kapitalismus als permanente Krise?
> S- und U-Bahnhof Warschauer Straße: Brücke mit Romantikfaktor
> Rudolfkiez: Ostkreuz - Richtung Westkreuz
> RAW – Reichsbahnausbesserungswerk: Brücke mit Romantikfaktor
> Media-Spree: Ankern oder in der Spree versenken
> Ostbahnhof: Ostbahnhof, Postbahnhof

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Ich bin ich hart geworden wie geschliffener Stahl