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Ich bin ich hart geworden wie geschliffener Stahl


Stadtteil: Friedrichshain
Bereich: Barnimstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Weinstraße
Datum: 15. Mai 2017
Bericht Nr: 587

Welche Spuren hinterlässt ein bedeutender Mensch, wo manifestiert sich sein Lebenslauf im Kontext der Stadt? Wo wurde er geboren, hat er gelebt, ist er gestorben und ist er begraben? Gibt es Hinweise auf seine Wirkungsstätten, gibt es Denkmale oder Gedenktafeln? Für Walter Benjamin hatte ich die Stätten seiner Kindheit nachvollzogen. Als ich nach den Erinnerungsorten für Karl Liebknecht suchte, fand ich merkwürdig unfertige oder geistesabwesende Stätten.

Heute sollen die Örtlichkeiten folgen, die an Rosa Luxemburg erinnern. Dabei geht es auch um die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz des Gedenkens für eine kämpferische Frau, die in der DDR als Ikone verehrt wurde, ohne dass ihre wahre Botschaft öffentlich werden durfte und an die in der gutbürgerlichen Welt niemand erinnert werden möchte. Dieses ist kein politisches Manifest, sondern eine Spurensuche.

Rosa Luxemburg
Rozalia Luksenburg, in Polen geboren, wurde 1898 mit 17 Jahren deutsche Staatsbürgerin. Damals gab es noch kein Frauenwahlrecht, die Arbeiterschaft befand sich im Aufbruch, Sozialisten waren ein Schreckbild im wilhelminischen Deutschland. Rosa Luxemburg, wie sie jetzt hieß, war jüdischer Abstammung, eine gebildete Frau mit scharfem Verstand und einem mitreißendes Temperament. Sie kämpfte als SPD-Mitglied für die Rechte der Arbeiterschaft, dabei nahm sie meist radikale Positionen ein und scheute keine Konflikte. Mit der Sprache konnte sie virtuos umgehen, sowohl als Rednerin wie auch als Schriftstellerin. An ihre "liebe Tilde" schrieb sie aus dem Gefängnis: "Ach ihr elenden Krämerseelen, ihr seid griesgrämig, sauertöpfisch, feige. Ich schwöre Dir, lieber sitze ich hier jahrelang, ehe ich politisch oder im persönlichen Umgang auch nur die geringsten Konzessionen mache. Ich bin hart geworden wie geschliffener Stahl".

Diese kompromisslose Haltung vertrat sie auch in dem Kampf um eine Räterepublik nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Obleute der Betriebe warfen ihr vor, dass sie bei jeder Gelegenheit zum Streik und zum Aufstand aufriefe, das sei "revolutionäre Gymnastik". Gemeinsam mit Karl Liebknecht gründete sie im November 1918 den Spartakusbund, der einen Monat später in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) aufging. Beide engagierten sich beim Spartakusaufstand, einer bewaffneten Auseinandersetzung im Januar 1919. Wenige Tage später wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Berliner Tiergarten ermordet.

Die Partei, die Partei, die hat immer recht
In der DDR wurde Rosa Luxemburg verehrt wie eine Heilige, doch dieses Bild war - Zweck heiligt die Mittel - auf DDR-Bedürfnisse zurechtgeschnitten. "Die Partei, die Partei, die hat immer recht" - dieses DDR-Lied, das sich zum fröhlichem Marschieren oder rhythmischen Fahneschwenken eignete, wurde als Lobeshymne auf die kommunistische Staatspartei SED gesungen. Es ist ein fast religiöser Absolutheitsanspruch, der dem Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes ähnelt. Mit einer Partei, die immer Recht hat, gibt es keinen Dialog, sie kennt keine Toleranz, lässt Andersdenkenden keine Freiheit. Ausgerechnet die von der DDR fast mythisch verehrte Rosa Luxemburg war eine scharfe Kritikerin einer solchen Doktrin. Sie wendete sich 1918 in einem Text gegen die Unterdrückung einer oppositionellen Öffentlichkeit und schrieb: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für die Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden". Wenn jemand in der DDR das volle Zitat verwendete, riskierte er, zum Staatsfeind zu werden.

So blieb es dabei, dass allein der sperrige Satz über die "Freiheit der Andersdenkenden" zitiert wurde (und bis heute zitiert wird). Das genügte für die rituellen Inszenierungen wie Aufmärsche, Appelle und Begrüßungsriten, bei denen Gemeinschaft exerziert wurde und zugleich derjenige außerhalb der Gemeinschaft stand, der sich verweigerte und nicht Fähnchen schwenkte. Rosa Luxemburg wurde nicht als Mensch verehrt, sondern als Ikone im Kampf gegen "den Faschismus", dafür hatte sie nach DDR-Deutung ihr Leben gegeben. Die Gedenkkultur der DDR galt vor allem "Antifaschistischen Widerstandskämpfern", bevorzugt Kommunisten, sie waren die Opfer im Klassenkampf gegen die Bourgeoisie. Das Bürgerliche mit dem Faschismus gleichzusetzen, ergab ein einfaches Weltbild, der Kampf gegen die Bonner Republik verstand sich daraus von selbst.

Die Wohnungen
Im Hansaviertel in der Cuxhavener Str. 2 hatte Rosa Luxemburg ihre erste Wohnung, als sie nach Berlin kam. Danach zog sie nach Friedenau, zunächst für 2 Jahre in die Wielandstraße 23 und dann von 1902 bis 1911 in die Cranachstr. 58. Der Versuch, dort eine Gedenktafel am Haus anzubringen, scheiterte am Widerstand des Hauseigentümers. Deshalb steht im öffentlichen Straßenland am Rand des Bürgersteigs, fast verborgen im sprießenden Grün, ein in den Boden eingelassener Aufsteller zum Gedenken.


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In Südende am Biberacher Weg, damals Lindenstraße 2, wohnte Rosa Luxemburg von 1911 bis zu ihrer Ermordung. Das Haus ist ausgebombt. Als ein Investmentberater dort eine Stadtvilla erbaute, erfuhr er von Nachbarn, wer hier gewohnt hatte und setzte sich für eine Gedenktafel an seinem Haus ein. Mehrere Zeitungen berichteten darüber, doch dann wurde es still darum und die Idee wurde nicht umgesetzt.

Die Luxemburg hat für die Arbeiter und ihre Rechte gekämpft, doch gewohnt hat sie immer in gutbürgerlichen Wohnquartieren. Das dicht bebaute Hansaviertel war ein großbürgerliches Wohnviertel, bis es im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. In Friedenau, der von Carstenn entwickelten Villenkolonie, wurden zwar in der Gründerzeit die meisten Villen von Mietwohnhäusern verdrängt, doch Friedenau war/ist ein Dichterviertel und zugleich ein innenstadtnaher Kiez mit Wohlfühlatmosphäre. Auch Südende - ihr letzter Wohnort - war eine Berliner Villenkolonie. Alle Wohnungen lagen im späteren West-Berlin, so konnte die DDR keine Gedenkorte daraus machen.

Skulptur vor dem "Neuen Deutschland"
Am Franz-Mehring-Platz steht das Verlagsgebäude des "Neuen Deutschland", des ehemaligen Zentralorgans der SED, von dem "die gewaltigen, weltverändernden Ideen des Sozialismus in die Köpfe und Herzen von Millionen Menschen" gelangen sollten. Konzipiert war das Bauwerk als Hochhausscheibe im "Internationalen Stil", die Ähnlichkeit mit dem Gebäude des Springer-Verlags in West-Berlin war kein Zufall. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat ihr Büro in dem Haus am Franz-Mehring-Platz, eine Skulptur von Rosa Luxemburg ist kurz vor der Wende im Außenbereich aufgestellt wurde.


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Königlich-Preußisches Weibergefängnis
In dem Gefängnis an der Barnimstraße war Rosa-Luxemburg von Februar 1915 bis Februar 1916 inhaftiert. In der Kaiserzeit wurden hier Kleinkriminelle und Prostituierte gefangen gehalten, später auch politische Gefangene, während des Nationalsozialismus Widerstandkämpferinnen und zuletzt zu DDR-Zeiten Republikflüchtige. Eine nüchterne Gedenkstele, die "in skulpturaler Weise auf Gefängnisstäbe" verweist, erinnert an die Inhaftierung von Rosa Luxemburg. Vor zwei Jahren ist ein erweiterter Gefängnis-Gedenkort geschaffen worden. Mit blauen Schriftbändern wird man von der Otto-Braun-Straße und vom Volkspark Friedrichshain zu virtuellen Gefängnisräumen geführt und dringt mit Audio-Unterstützung in die Gedankenräume von fünf hier inhaftierten Frauen ein.

Festnahme und Ermordung
Am Nikolsburger Platz in Wilmersdorf steht die Cäcilien-Grundschule. Am 15. Januar 1919 nahm eine „Bürgerwehr“, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in einer Wohnung in der Mannheimer Straße 27 in Wilmersdorf fest und verhörte sie im Amtszimmer dieser Schule. Danach wurden beide zum Eden-Hotel an der Budapester Straße gebracht. Dort wurden sie misshandelt und ermordet.

Landwehrkanal
"Wie ein natürlicher Fluss windet sich der 1845-50 angelegte Kanal durch das Stadtgebiet. Begleitet von breiten Alleen und Uferpromenaden, eingefasst von moosbewachsenen Natursteinquadern und zierlichen Eisengittergeländern blieb das idyllische Bild einer städtischen Flusslandschaft bewahrt". Von dieser Idylle hatte Rosa Luxemburg nichts, hier im Tiergarten wurde ihre Leiche von ihren Mördern ins Wasser geworfen. Die Fußgängerbrücke Rosa-Luxemburg-Steg und ein Richtung Wasser geneigter Schriftzug mit ihrem Namen erinnern an diese Tat.

Max Beckmann
Die Misshandlung und Ermordung von Rosa Luxemburg hat Max Beckmann in seiner Lithographie "Das Martyrium" verarbeitet. Das Blatt stammt aus dem Zyklus "Die Hölle", der die Wirren der Monate nach dem verlorenen Krieg zum Thema hat. Rosa hat ihre Arme weit ausgebreitet, als würde sie ans Kreuz geschlagen. Endzeitstimmung breitet sich aus, grimassierende Freikorps-Soldaten morden, Vertreter der bürgerlichen Elite grinsen zufrieden.

Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden auf dem städtischen Zentralfriedhof Friedrichsfelde in einem Massengrab beigesetzt, zusammen mit weiteren Toten des Spartakusaufstandes. Mehrere tausend Menschen nahmen an dem Trauerzug teil, die Morde hatten in der Bevölkerung Abscheu und Empörung ausgelöst. Auf dem Friedhof errichtete Mies van der Rohe später ein Revolutionsdenkmal, jährliche Gedenkfeiern und Aufmärsche machten den Friedhof zum "Sozialistenfriedhof". Die Nazis ließen die Gräber einebnen und das Revolutionsdenkmal zerstören.

Die DDR schuf auf dem vorderen Teil des Friedhofs die "Gedenkstätte der Sozialisten" mit überdimensionierten Grabplatten im Zentrum. Das Grab von Rosa Luxemburg ist mehr ein Erinnerungsort als ein Begräbnisplatz. Zunächst hatte man 1919 einen leeren Sarg beigesetzt, Monate später aber ihre Leiche gefunden und beerdigt. Vor einigen Jahren wurde darüber gestritten, ob ein in der Charité aufgefundener weiblicher Torso die sterblichen Überreste Rosa Luxemburgs seien. Ob sie in ihrem Grab auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde ruht? Die Gebeine aus dem Massengrab konnte man nach der Verwüstung durch die Nazis ohnehin nicht mehr zuordnen, die Grabplatte ist daher mehr ein Ort der Erinnerung als ein konkreter Bezugspunkt zu Rosa Luxemburg.

Rosa Luxemburg und die Dicke Berta
Auf dem Mittelstreifen der Bundesallee an der Spichernstraße steht die Stahlskulptur „Von der Dicken Berta zur roten Rosa“. Das unheilvolle Feldgeschütz „Dicke Berta“ der Waffenschmiede Krupp wird symbolisch von Rosa Luxemburg aufgehalten. Von ihr ist der Kopf als zweieinhalb Meter hohe Stahlplatte sichtbar. Die "Dicke Berta" muss man sich auf der Lore vorstellen, deren Schienen die Stahlplatte durchbohren. Auf der ehemals roten Skulptur blüht heute brauner Rost, Geld für die Pflege des Denkmals ist nicht vorhanden.


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Mit dem Gedenken an Rosa Luxemburg hat die Stadt ihre Schwierigkeiten. Der Schriftzug am Landwehrkanal beruht auf privater Initiative, die Anbringung von Gedenktafeln stößt auf Widerstand, vorhandene Denkzeichen werden versteckt, eine Gedenkstätte mit der Luxemburg auf einem Sockel wurde in Ost-Berlin nicht realisiert, im Westen der Stadt wäre eine Gedenkstätte politisch nicht durchsetzbar.

Denkzeichen am Rosa-Luxemburg-Platz
Anstelle einer zu DDR-Zeiten geplanten Großplastik ist schließlich auf "ihrem Platz" vor der Volksbühne eine Anzahl von Zitaten als Denkzeichen in das Pflaster eingelassen worden. Es sind bis zu sieben Meter lange Betonstreifen mit Messingbuchstaben. Die 60 Zitate sind kämpferisch, intim, zweiflerisch, ketzerisch. Und wahrscheinlich ist diese Form des Gedenkens die angemessenste für den Umgang mit Rosa Luxemburg: Mancher geht unachtsam darüber hinweg, mancher tritt bewusst darauf, ein anderer nimmt einen Handfeger, um unter Blättern und hingewehtem Sand etwas von ihr zu lesen.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Für den Bau der U-Bahnlinie 2 wurde in der Kaiserzeit im Scheunenviertel "aufgeräumt", es entstand der dreieckige Platz, der heute den Namen von Rosa Luxemburg trägt. Der Berliner Theaterarchitekt Oskar Kaufmann baute eine mit "Arbeitergroschen" finanzierte Bühne. Auftraggeber war die Freie Volksbühne, ein Verein der Arbeiterbewegung, der sozial Schwachen einen Zugang zur Bildung und zum kulturellen Leben ermöglichte. Der Eintritt kostete 50 Pfennig, die Sitzplätze wurden verlost. Wegen der geschlossenen Nutzergruppe kamen auch Stücke auf den Spielplan, die von der Zensur verboten waren und daher an den öffentlichen Bühnen nicht gespielt werden durften. Architektonisch und technisch war hier bereits ein Bau der Moderne mit einer geschwungenen Säulenfassade entstanden. Zwei rhythmisch schwingende Landhausfassaden im Villenviertel Grunewald - Douglasstraße und Gottfried-von-Cramm-Weg - tragen dieselbe Handschrift Kaufmanns.

Nach Kriegsbeschädigung wurde der Bau vereinfacht wieder hergestellt. Er zeigt jetzt im Innern die Formensprache der 1950er Jahre, wobei der Arbeiter- und Bauernstaat mit Rückgriffen auf Gold und Marmor auf eine gewisse Prächtigkeit für seine Bürger nicht verzichtet hat. Aktuell geht es in der öffentlichen Wahrnehmung nicht um den Bau, sondern um seine Bespielung nach der Ära Castorf. Das Bühnenbild aus seinem siebenstündiger "Faust" stand bei einer Besichtigung im April noch im Vestibül, doch die ikonische Metallskulptur im Vorgarten - ein Speichenrad mit Beinen - ist wohl endgültig verschwunden. Das Haus wird "besenrein" übergeben, der neue Intendant muss sehen, was er daraus macht. Die Stücke aus dem bisherigen Repertoire wurden ihm verweigert, er darf sie nicht weiter spielen.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

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Der Weg zum Rosa-Luxemburg-Steg:
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Die Stunde ruft mit eingefrorenen Zeigern