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Zweideutiger Willkommensgruß


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Messe Berlin
Stadtplanaufruf: Berlin, Messedamm
Datum: 14. Februar 2012

Dieses Bild ist keine Montage: Ein Gebäudeabriss, blickdicht von einem Bretterzaun umgeben, vom Sicherheitsdienst bewacht, auf dem Zaun steht: "Willkommen". Das ist Kommunikation, wie die Messe Berlin sie versteht. Gemeint ist wohl, dass nach dem Abriss der Deutschlandhalle ein neues Mehrzweckgebäude errichtet werden soll, in dem man - später - vielleicht willkommen ist.

Eine weiteres Erlebnis mit der Messe-Kommunikation: Im Vorraum des ICC steht auf der Anzeigetafel - mit Einzelbuchstaben wie am Flughafen aufgeblättert - "Herzlich Willkommen im ICC". Tritt man durch die Tür, ist es mit dem herzlich vorbei und dem Willkommen erst recht. "Wo wollen Sie denn hin?" fragt der Zerberus vom Sicherheitsdienst und erklärt das ICC zum nicht-öffentlichen Raum. Den Widerstreit mit der Willkommensschrift draußen will er nicht deuten und beharrt auf dem Rausschmiss.

Und schließlich ein drittes Anecken der Flaneure: Der Sommergarten und die Außenflächen der Messehallen sind geschlossen, aber der Zugang zum Funkturm ist frei. Ein falscher Schritt vom Wege ab, und schon wieder tritt die Security aus dem Schatten der Hallen mit der Frage nach dem Wohin, in scharfem Ton vorgebracht. Jetzt verstehe ich die Aussage auf der Messe-Homepage, man werde "von der Leidenschaft und dem unermüdlichen Engagement unserer Mitarbeiter profitieren". Das positive ist, dass Vandalismus hier wahrscheinlich wenig Chancen hat, aus der Sicht des interessierten Bürgers bleibt aber die Frage, ob ICC und Messegelände wirklich "nicht-öffentlich" sein sollten. Offensichtlich bietet die Messe nicht einmal einen Besucherdienst unabhängig von Ausstellungen auf ihrer Homepage an.

Wird das ICC abgerissen? Wie schon zu anderen Orten sind wir heute auch hierher gekommen, solange wir den alten Bau noch ansehen können (--> 1). Ein paar hundert Meter weiter wird gerade die Deutschlandhalle von Baggern zerknabbert, da ist die Abriss-Befürchtung nicht so weit hergeholt. Die Betriebskosten des ICC sind sehr hoch, der Instandsetzungsbedarf gewaltig, da wird das futuristische Raumschiff es schwer haben, zu bestehen. Das in den 1970er Jahren als High-Tech-Maschine errichtete größte Kongresszentrum Europas mit mehr als 80 Sälen für insgesamt 20.000 Besucher hat bisher bei 17.000 Veranstaltungen fast 11 Millionen Besucher angezogen. In dem 320 m langen, 80 m breiten und 40 m hohen Gebäude sind die Säle wegen der Akustik stützenfrei als Haus im Haus angeordnet (--> 2), diese Bauform ist von der Masurenallee aus gut zu erkennen.

Im ICC werden die Besucher verteilt, verarbeitet und wieder ausgespuckt, das farbige Leitsystem in der "galaktischen Schachtel" ähnelt der Organisation auf einem Flughafen. Die Technikbegeisterung der Baujahre drückt sich auch in der Bevorzugung des Autoverkehrs aus, im "Autofoyer" können auf 8 Spuren bis zu 1.600 Fahrzeuge pro Stunde vorfahren und die Besucher ins ICC entladen.

Wo ist „Ecbatane“, der riesige nackte Mann mit drei Armen, der früher vor dem ICC mit dem linken Fuß eine Stadt teilweise platt getreten hat? Die von Jean Ipoustéguy geschaffene sechs Meter hohe Skulptur sollte eigentlich Alexander den Großen bei der Eroberung der Stadt Ecbatane (heute Iran) zeigen, für den neuen Standort hat Ipoustéguy den Eckensteher Nante und den Berliner Bären eingefügt, aber der Fuß blieb auf der Stadt. Die ICC-Architekten Schüler(-Witte) wollten dieses Standbild nicht vor ihrem Bau, West-Berlin stritt sich heftig um das Kunstwerk mit dem Namen "Der Mensch baut seine Stadt", da fand die Messe Berlin nach Jahrzehnten eine ganz pragmatische Lösung. Der Betonsockel sei brüchig, auch die Figur roste, befand man und ließ den nackten Eroberer einpacken und im Keller verschwinden. Vielleicht kommt er irgendwann wieder, wer weiß.

Die "Messe" als zeitlich begrenzte Ausstellung hat berühmte internationale Vorgänger, die Weltausstellungen. Hier konnten und können Staaten damit glänzen, wie überlegen sie anderen Ländern sind. "Noch besser, noch schöner" musste es von Mal zu Mal werden, die Ausstellungssujets noch eindrucksvoller, die Bauten einmalige Architektur-Objekte. Bereits der erste Weltausstellungspavillon 1851 im Londoner Hyde-Park war ein Palast aus Eisen und Glas. Dieser Crystal Palace, ein riesiges Gewächshaus im victorianischen Stil, wurde von einem Gärtner geschaffen, den man zugleich Architekt nennen kann. Die Bedeutung der Ausstellung für das britische Empire lässt sich daran ermessen, dass der Erbauer dafür geadelt wurde. Der Eifelturm in Paris, das Atomium in Brüssel sind Beispiele für heute noch existierende Weltausstellungsobjekte, Nähmaschine, Lippenstift, Reißverschluss wurden als Weltneuheiten vorgestellt, die Liste ist natürlich sehr viel länger.

Das Berliner Ausstellungsgelände ist seit den 1920er Jahren immer wieder umgebaut und erweitert worden, es ist heute ein Kaleidoskop vieler Bauauffassungen aus verschiedenen Epochen. Hans Poelzig - der das gegenüber liegende Funkhaus (--> 3) gebaut hat, entwarf zusammen mit dem Berliner Stadtbaurat Martin Wagner den ovalen Sommergarten, Richard Ermisch in den 1930er Jahren das Grundgerüst des Messegeländes und die Hallen im NS-Monumentalstil. Das Palais am Funkturm und eine weitere Ausstellungshalle wurden in der Nachkriegszeit vom Berliner Stadtbaurat Bruno Grimmek gebaut. Nach der Wende erweiterte Oswald Mathias Ungers die Hallenfläche von 83.000 qm auf 160.000 qm. Die Neubauten heißen Messepalast, sie sind tatsächlich eine nüchtern-rationale Anlage und kein imperiales Prachtbauwerk. Auf dem Quadrat als Grundmodul aufbauend, weisen sie den "legendären quadratischen Schematismus des Meisters auf". Die Wände sind durch Metallraster mit eingesetzten Majolikafliesen unterteilt (--> 4).

Innerhalb des Messegeländes steht der Funkturm - mit Spitznamen "Langer Lulatsch" -, 1926 zur Funkausstellung eröffnet. 1932 wurde über seine Antenne der erste UKW-Sender der Welt ausgestrahlt. Im wiedervereinigten Berlin hat der Fernsehturm am Alexanderplatz den Rang "des" Berliner Aussichtsturms eingenommen, er steht in der Mitte der Stadt und ist wesentlich höher als der Funkturm mit seinen 150 Metern. Unser weiterer Weg führt uns am Mercedes-Turm der ehemaligen AVUS-Nordkurve vorbei zur Deutschlandhalle bzw. zu dem, was bei unserem Besuch davon noch übrig ist. Noch ist sie als Baudenkmal eingetragen, aber das hat sich in einigen Wochen faktisch erledigt.

Der Spaziergang endet in einem fast verlorenen Teil von Neu-Westend, dem Zipfel zwischen Heerstraße und Messegelände mit dem Karolingerplatz in der Mitte. Die Straßen sind alle nach germanischen Volksstämmen benannt, wer nur Franken, Alemannen und Wandalen kennt, kann hier dazu lernen, dass auch Pommern, Thüringer, Ubier und Silingen Stammesnamen sind. Der Straßenführer drückt sich zurückhaltend aus, für ihn sind es "Namen verschiedener Stämme und Völker in Mitteleuropa", wir wollen ja keine Deutschtümelei betreiben.

Am Karolingerplatz treffen wir wieder auf den Berliner Stadtgartendirektor Erwin Barth (--> 5). Hat er den ohnehin im Grünen stehenden Villen Neu-Westends noch einen intimen Park als Vorgarten spendiert? Nein, die Reihenfolge war genau umgekehrt und das ist typisch für die Erschließung von Siedlungen durch Terraingesellschaften: Um Interessenten zu locken, musste die Infrastruktur (Straßen, Plätze, Bahnhöfe) vorzeigbar sein, erst danach begann der Verkauf und die Bebauung der einzelnen Parzellen. Den Karolingerplatz umstanden noch Grunewald-Kiefern, als Barth den Park anlegte (--> 6). Die gärtnerische Schönheit der Parkanlage bleibt uns im Winter verborgen, aber die Ausstattungen wie Rosenbögen, Bänke (von Stadtbaurat Heinrich Seeling) und Lampen (von Heinrich Schwechten) geben einen Eindruck vom Charme dieses Platzes.

Erich Mendelsohn hat sich auf einem Eckgrundstück hier am Platz eine Doppelvilla aus zwei spiegelbildlich zueinander angeordneten Häusern erbaut, das Flachdach dient als Sonnenterrasse. Es war einer der ersten Flachbauten Berlins. Die Villa ist aus kubischen Baukörpern zusammen gesetzt und mit horizontalen Klinker- und Putzbändern gegliedert. Mendelsohn war dann aber doch nicht selbst eingezogen, ein Bewohner war der Komponist Werner Richard Heymann, den jeder kennt - nur nicht mit Namen. Aber bei seinen Liedern man gleich mitsingen: "Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder", "Liebling, mein Herz lässt dich grüßen", "Ein Freund, ein guter Freund", die Comedian Harmonists sind ja fast schon wieder Zeitgenossen von uns. Und noch ein Song von Heymann - passend zum Thema ICC - "Der Kongress tanzt".

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(1) Abreißen und neu bauen: Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut
(2) Auch das Funkhaus Nalepastraße wurde als "Haus im Haus" konzipert: Alles wird gut
(3) Haus des Rundfunks: Ein unten gelegenes mit einem oberen verbinden
(4) Metallraster: Diese auch "Prüßwand" genannte Konstruktion war früher bei Zweckbauten beliebt, auch Hans Poelzig setzte sie ein. Ein Beispiel findet sich am viertelkreisförmigen Bauteil des Abspannwerks Buchhändlerhof von Hans Heinrich Müller, siehe Kathedralen der Berliner Architektur um 1900
(5) mehr über Erwin Barth: Barth, Erwin Stadtgartendirektor
(6) Terraingesellschaften schaffen Infrastruktur, Beispiele Frohnau (Die steuerfreie Stadt), Grunewald (Millionen für eine Villa - gern auch in bar)


Kirche, Moschee und Kathedrale
Alles nur geklaut