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Kathedralen der Berliner Architektur um 1900




Stadtbezirk: Mitte
Bereich: Zimmerstraße, Mauerstraße, Wilhelmstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Mauerstraße
Datum: 28 Januar 2008



Die um 1890 überwiegend von dem Stadtbaurat Hermann Blankenstein errichteten Markthallen, mit denen die verderblichen Waren von den offenen Märkten genommen wurden und die Lebensmittelhygiene entscheidend verbessert werden sollte, haben uns schon bei anderen Stadtrundgängen interessiert. Heute ist eine frühere Markthalle das Ziel, deren Reste nach dem 2.Weltkrieg in ein Geschäftshaus integriert worden sind. Diese Markthalle ist also als solche nicht mehr auf Anhieb zu erkennen, sie liegt in der Zimmerstraße 90.

Auf Kosten der städtischen Sparkasse, die dort residierte, wurden damals das viergeschossige Vorderhaus und zwei Seitenflügel gebaut, die Markthalle selbst befand sich in dem glasüberdeckten inneren Hofbereich. Als Eingang und Einfahrt diente ein dreischiffiges Portal, dessen mittleres Gewölbe den Fahrzeugen vorbehalten war, für die Fußgänger gab es zwei schmalere Gewölbe links und rechts der Fahrspur, eiserne Pfosten mit dazwischen gespannten Ketten trennten den Wagen- vom Fußgängerverkehr. Die Fassade ist mit Terrakotten und Ornamenten verziert, mit Darstellungen von Handelssymbolen und den Hoheitszeichen preußischer Adler und Berliner Bär.

Die offenen Wochenmärkte auf dem Gendarmenmarkt, dem Dönhoffplatz und dem Potsdamer Platz wurden geschlossen, als die Markthalle in Betrieb ging. An mehr als 350 Ständen. wurden Seefische, Krebse, lebende Flussfische in Frischwasserbecken, Butter, Käse, Gemüse, Mehl, Brot, Fleisch, Wild, Blumen und mehr angeboten. Als die Friedrichstadt sich zum Geschäftsviertel wandelte, wurde die Halle unrentabel.

Jetzt entstand hier 1910 der "Clou", das seinerzeit größte Vergnügungslokal Berlins mit 3.000 Sitzplätzen. Das kleinbürgerliche Berlin war hier mit Strickstrumpf und Häkelarbeit ebenso zu Gast wie die damaligen Yuppies zu einem Korso der jungen Welt und bei den Abendveranstaltungen das Familienpublikum. Aber auch politische Veranstaltungen fanden hier statt, und so hat der "Clou" die zweifelhafte Ehre, den Raum für Hitlers erste Rede in Berlin (1). Mai 1927 auf einer Mitgliederversammlung der NSDAP) geboten zu haben. Allerdings war hier die Öffentlichkeit ausgeschlossen, weil Preußen ihm 1925 Redeverbot erteilt hatte.

Es kam noch schlimmer: Zur Nazizeit wurden nationalsozialistische Propagandazeitschriften in diesem Haus gedruckt, im Februar 1943 wurde im Lokal ein Sammellager für verhaftete Juden vor der Deportation eingerichtet (1).

Im 2.Weltkrieg zerstörten Fliegerbomben die ehemalige Markthalle, nicht aber das Vordergebäude und einen Seitenflügel. Allerdings war das Haus ab 1961 nicht mehr zugänglich, da unmittelbar vor ihm in der Zimmerstraße die Mauer verlief. Nach der Wende wurde das Vorderhaus restauriert und wieder für Wohnungen und Gewerbe hergestellt.

Bei einem Blick in den Hof der ehemaligen Markthalle entdecken wir ein Nachbargebäude, das nach seiner Formensprache nur ein Umspann- oder Abspannwerk sein kann, und richtig: Das von Hans Heinrich Müller (um-)gebaute Abspannwerk Buchhändlerhof steht hier im Innenbereich zwischen Mauerstraße 79-80 und Wilhelmstraße, seine Verwandtschaft mit dem Umspannwerk Scharnhorststraße ist unverkennbar.

Ein 1893 zur Stromerzeugung gebautes kleines Kraftwerk, es soll das älteste bauliche Zeugnis der Elektrizitätswirtschaft Deutschlands sein, wurde 1926 von Müller in einen Neubau einbezogen. Auf der Homepage der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wird es als Industriedenkmal vielfach gelobt für die "zeitgemäße expressive Formensprache, welche die Gebäudefunktion sowie die Bedeutung des Unternehmens für die rasante Stadt- und Industrieentwicklung architektonisch sichtbar (macht)", für die lebendige Flächenwirkung des Backsteins, für die zwischen Altbau und Neubau im Innenbereich eingefügte Schaltwarte mit einem "dreifach nach oben hin jeweils stärker auskragende(n), viertelkreisförmige(n) Baukörper". "Es zählt zu den spektakulärsten Anlagen seiner Art".

Diese ""Kathedrale der Industrie-Architektur" (Vattenfall), die bis zum 2.Weltkrieg im Innenbereich gewachsen war und keine sichtbare Beziehung zu den umgebenden Straßen hatte (Mauer-, Zimmer-, Wilhelm- und Leipziger Straße), wurde durch die Kriegszerstörungen zu einer freigebombten Industrieruine. Die gesamte Bebauung an der Wilhelmstraße wurde vernichtet, nur von der Mauerstraße aus besteht ein Durchgang durch das Vorderhaus. Nach der Wende zog hier das EWerk ein, für Events kann man sich hier einmieten, und der Makler Engel & Völkers inseriert das Objekt als "repräsentativen Bürostandort mit ... hohem Identifikationswert".

Nach soviel Geschichte lenken wir unsere Schritte zum Schiffbauerdamm, werden aber in der überfüllten StÄV ("Ständigen Vertretung") nicht aufgenommen und setzen uns in das Berliner Restaurant nebenan, das den Stil der StÄV kopiert, aber nicht dazugehört.

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(1) Im Februar 1943 wurden die letzten in Berlin lebenden Juden aus der Hauptstadt deportiert ("Fabrikaktion"). Im Film "Rosenstraße" hat Katja Riemann dem Protest von Hunderten von Frauen gegen den Abtransport ihrer jüdischen Männer ein Gesicht gegeben



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Die Körper verhüllt vom Kinn bis zu den Knöcheln
Lichtkünstler erleuchtet die Mitte Berlins