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Es wird zuviel Wirklichkeit gezeigt


Stadtteile: Tiergarten, Schöneberg
Bereich: Zooviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Keithstraße
Datum: 26. Mai 2021
Bericht Nr.:736

Das Zooviertel war schon mehrfach Ziel unserer Stadtwanderungen (*). Heute liegt der östliche Teil bis zur Urania mit seinen Seitenstraßen auf unserer Route. Dort sind auffällig viele Bauten erst in der Nachkriegszeit entstanden, im November 1943 wurde das Gebiet bei schweren Luftangriffen stark verwüstet. Auch der Zoo selbst wurde schwer getroffen, neben dem Liebling der Berliner, dem Flusspferd Knautschke, überlebten nur weitere 90 Tiere die Bombenangriffe. Die Zwergflusspferde wurden nach den Bombenschäden in der Bahnhofstoilette untergebracht. Trotz aller Trauer wurden vier tote Krokodile aus dem Aquarium wegen der Essensknappheit zu "sehr wohlschmeckende Krokodilschwanzsuppe für die gesamte Belegschaft“ verarbeitet. ("Wovon lebt der Mensch? Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral"- Brecht)

Zoobunker
Im Zoo hatte Hitler 1940 zwei Flaktürme zur Luftabwehr erbauen lassen, zwei Bunker mit einen kleineren Leitturm und einem 40 Meter hohen und 75 Meter langen Gefechtsturm. Weitere Flaktürme entstanden im Humboldthain und in Volkspark Friedrichshain. Die Beseitigung der Zoobunker nach dem Krieg zog sich bis zum Jahr 1955 hin. Für den Gefechtsturm reichten 25 Tonnen Sprengstoff nicht aus, erst bei der zweiten Sprengung mit 40 Tonnen wurde er zerstört. Dabei wurde die Umgebung in Mitleidenschaft gezogen, bei einer Sprengung fiel Knautschke die Decke auf den Kopf. Wie beim "Monte Klamott" in Friedrichshain wurden die Reste des Bunkers zunächst mit Überresten der Ruinen zu einem Trümmerberg geformt, der dann doch wieder abgetragen und durch Tiergehege ersetzt wurde. So stehen die Kamele heute auf ehemaligem Bunkergelände.

Nachkriegsmoderne
Vor dem Zweiten Weltkrieg war das Zooviertel der "Neue Westen", im Tiergartenviertel am Potsdamer Platz lag der "Alte Westen". Durch die Teilung der Stadt wurde das Zooviertel zur "City West", deren Neubauten das Gesicht West-Berlins prägten. Im Umkreis der Gedächtniskirche entstand das "Zentrum am Zoo" mit DOB-Hochhaus, "Bikini"-Haus und Zoopalast und weitere Bauten der Nachkriegsmoderne, die den Geist jener Zeit transportierten, wie beispielsweise das Europa-Center, das Hilton Hotel (Hotel Interconti) und auf unserem Rundweg das Philips-Haus am Wittenbergplatz und das Dorland-Haus an der Keithstraße.

Dorland-Haus
Für die Werbeagentur Dorland erbaute der Architekt Rolf Gutbrod 1964 das "Haus der Werbung" auf dem trapezförmigen Grundstück, das von der Straße An der Urania, der Keithstraße und der Kleiststraße eingerahmt wird. Als Punkthochhaus mit zwölf Büroetagen schwebt es auf Pfeilern über einem eingeschobenen Erdgeschoss mit voll verglastem Foyer. Es hat einen dreieckigen Grundriss, die Gebäudescheiben laufen nicht spitz zu, sondern formen am Ende stumpf weitere schmale Gebäudeflächen. Eine Fülle von Materialien gestaltet das Gebäude bis ins Detail: Beton als massive Elemente und als Sichtbeton, schwarzer Naturstein, Schiefer, Edelstahl, Aluminium, Isolierglas. Die Stadtautobahn, die durch die Straße An der Urania verlaufen sollte, hätte damit einen besonderen Blickpunkt erhalten. Das 54 Meter hohe Haus hat eine eigene Netzstation für die Stromversorgung und eine Notstromanlage. Es ist an die Fernheizung angeschlossen und war für eine Klimatisierung vorbereitet.

Der Stuttgarter Architekt Rolf Gutbrod hatte sein Büro nach Berlin verlegt, als er den Auftrag erhielt, das IBM-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz zu errichten, das ebenfalls zu einem Solitär wurde. Er plante in der Gropiusstadt den Bereich Agnes-Straub-Weg und errichtete dort drei Hochhäuser für die DeGeWo. Mit Frei Otto, dem Meister leichter Flächentragwerke, baute er den Deutschen Pavillon auf der "Expo" von Montreal.

Gutbrod hätte ein in Berlin verehrter Architekt werden können, wenn nicht die Planungen für das Kulturforum aus dem Ruder gelaufen wären. Der Scharoun'sche Entwurf musste überarbeitet werden, weil die Potsdamer Straße ausgebaut wurde und das Areal zerschnitt. Ein internationaler Wettbewerb brachte keine Lösung, deshalb wurde Gutbrod beauftragt, die vorgesehenen fünf Museen der Europäischen Kunst zu planen und zu bauen. Sein Bau des Kunstgewerbemuseums führte zu heftigem Erschrecken, es galt wegen seiner Formensprache als das "hässlichste Museum Berlins" (Deutschlandfunk). Es war "vermöbelt und verbaut", wie andere Architekten sehr viel später urteilten, die es "museumstauglich machten". Gutbrod wurde der weitere Auftrag entzogen. Er ging im Zorn aus der Stadt weg, die "sein Berliner Büro hat zu Grunde gehen lassen".

Lenz-Haus, Hochhaus an der Kurfürstenstraße
Muss ein Haus an den Wolken kratzen, um ein Hochhaus zu sein? Oder muss es mindestens 50 Meter hoch sein, um als Hochhaus ernst genommen zu werden? Eine Tabelle der Berliner Hochhäuser - aufgestellt von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung - listet 341 Bauten auf, die 50 Meter und höher sind. Das älteste Hochhaus in dieser Kategorie ist der 65 Meter hohe Borsigturm, erbaut 1922. Früher hat man jedes Gebäude, das die zugelassene Gebäudehöhe (Traufhöhe, Höhe der Dachrinne) überschreitet, als Hochhaus bezeichnet. Dann wäre das achtstöckige Lenz-Haus in der Kurfürstenstraße eines der ersten Berliner Hochhäuser.

Diese Zuschreibung nimmt das 1928 erbaute Gebäude auch architektonisch für sich in Anspruch, indem es sich an den Art-déco-Stil amerikanischer Hochhäuser anlehnt. Der Gotik entlehnte Strebepfeiler vom Boden bis zum Flachdach betonen die Vertikalität des Gebäudes, eine Bronzefigur vor dem Eckpfeiler lenkt den Blick zusätzlich nach oben. Verbindungen zu anderen Bauten des Architekten Heinrich Straumer drängen sich auf, er hat auch den in die Höhe strebenden Berliner Funkturm und die von der Alliierten Kommandantur genutzte Villa in Zehlendorf mit Art-déco-Elementen erbaut.


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Landesversicherungsanstalt/Landeskriminalamt
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland von den Landesversicherungsanstalten "Heilstätten" errichtet für Tuberkulose-Kranke. Es waren keine Krankenhäuser - denn erst seit Einführung von Antibiotika ist Tuberkulose heilbar - sondern Hospitäler zur Besserung des Gesundheitszustands durch Luftkur (Klima, Höhenlage, Sonne), Ernährung, Hygiene, psychische Faktoren. In den 1920er Jahren endete die Heilstättenbewegung, die Landesversicherungsanstalt Berlin richtete danach keine neuen "Arbeiter-Lungenheilstätten" wie in Beelitz mehr ein. Das Amtsgebäude der Landesversicherungsanstalt in der Keithstraße wurde erst von der Allgemeinen Ortskrankenkasse genutzt und ist heute Sitz des Landeskriminalamts.

Mit Bossenwerk (behauenen Steinquadern) im Sockelbereich und am ganzen vorspringenden Mittelteil wird ein monumentaler Eindruck erzeugt, der durch die Säulen am Mittelrisalit über die gesamte Gebäudehöhe noch verstärkt wird. Nicht umsonst heißt eine solche Säulenform Kolossalordnung.


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Der Architekt Hermann Solf hat zusammen mit seinem Partner Franz Wichards den Bau des Versicherungsgebäudes begonnen. Beide haben weitere bedeutende Bauwerke in der Stadt geschaffen wie die Hochbahn-Station Hallesches Tor und das Patentamt in der Gitschiner Straße.

Das Landeskriminalamt arbeitet in der Keithstraße mit seiner Abteilung "Delikte am Menschen". Es ist eine grausame Auflistung menschlichen Fehlverhaltens, die dort bearbeitet wird: Tötungen, Entführungen, Branddelikte, Kindesvernachlässigung, Vergewaltigung. Aus Berichten über Nachkriegs-Kriminalfälle kennt man die Keithstraße, von dort aus werden die Ermittlungen geleitet. In den 1970er Jahren wurde für das Vorabendprogramm der ARD eine Serie von Kriminalfilmen nach authentischen Fällen gedreht, die aber vom Bayerischen Rundfunk nicht gezeigt wurden. Man wollte die Bayern schützen und begründete das so: "Die zeitkritische Krimiserie 'Berlin, Keithstraße 30' ist für unseren Süden ungeeignet. Es wird zuviel Wirklichkeit gezeigt".

DIN-Platz
Sind auch Plätze jetzt auch schon genormt wie Briefpapier (DIN A 4), Schrauben, Backstationen und Pflegeetiketten in Textilien? Der wohl kleinste Platz Berlins befindet sich gegenüber dem Verwaltungsgebäude des Deutsche Instituts für Normung und trägt dessen Namen, ohne selbst genormt zu sein. Ein dreieckiger Platz mit einem riesigen Namensschild - man würde sonst glatt vorbeilaufen an dem Stückchen abgeteilten Bürgersteigs. Ein Glück, dass es im Internet Hilfeseiten gibt wie "Das sind die besten Wanderwege und Touren zum DIN-Platz" (gibt es wirklich).

Das 1917 gegründete Institut wacht über rund 34.000 Normen und erspart der deutschen Wirtschaft damit Ausgaben von jährlich 17 Mrd. Euro, wie ein Großplakat an seiner Baustelle in der Burggrafenstraße bezeugt. An der feierlichen Einweihung des Platzes nahmen "etwa 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DIN-Gruppe und deren Familien sowie Nachbarn und interessierte Bürger" teil. Auf dem 150 qm großen Platz können die nicht gefeiert haben, sonst hätten sie dicht an dicht gestanden und die Bepflanzung zertrampelt.


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Endlich wieder eine Andeutung von Flaniermahl während der Pandemie. Beim Café Grenander am Wittenbergplatz ist es etwas zugig im Außenbereich, aber Käsekuchen und Kaffee schmecken trotzdem, das ungewohnte Erlebnis lässt alle Widrigkeiten vergessen.
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(*) Weitere Spaziergänge im Zooviertel:
> Auf der Durchreise
> Coole Stadt für Investoren
> Ein bisschen Autobahn im Neuen Westen
> Erotik-Mus im Mövenpi
> Solange es diese Zoogegend noch gibt
> Zwischen Strapsen geboren
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Unsere Route:
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Medizinprofessoren im Wettstreit