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Licht und Raum, Harmonie von Innen und Außen


Stadtteil: Tiergarten
Bereich: Hansaviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Hanseatenweg
Datum: 20. September 2021
Bericht Nr.:749

Fährt man mit der S-Bahn zum Hansaviertel, dann kommt man an der Station Bellevue in einem außergewöhnlichen Bahnhofsgebäude an. Für das Entree ins vornehme Hansaviertel und zum Schloss Bellevue hatte man 1880 eine geschlossene Bahnhofshalle konstruiert, die auf dem Bahnviadukt der Stadtbahn aufsitzt. Typischerweise sind sonst einfache Bahnhöfe seitlich offen, die Bahnsteige sind überdacht, so wie das bei der 1928 vorgenommenen Verlängerung des Bahnsteigs sichtbar ist. Über den Backsteinwänden der Halle wölbt sich eine filigrane eiserne Konstruktion mit verglastem Oberlicht. Reihen von Segmentbogenfenstern belichten das Gebäude an beiden Seiten.

Auf der Nordseite sind die Fenster zu einem Kunstwerk gestaltet, gleichsam Fenster auf Fenster: Abfotografierte Fenster eines Mendelsohn-Baus wurden als Siebdruck auf die nördlichen Segmentbogenfenster des Bahnhofs als Schicht aufgetragen. Die Wirkung ist so, als wenn man durch einen trüben Vorhang blickt. "Trüb" ist der erste Eindruck beim absichtslosen Blick durch die Fenster. Schade, angesichts vieler ungepflegter Orte in der Stadt hat das Kunstwerk Mühe, erkannt zu werden und sich zu behaupten. Im Mies-van-der-Rohe-Haus hat die Künstlerin im letzten Jahr eine ähnliche Installation mit Siebdrucken auf großen Glasscheiben gezeigt, die als Ausstellung im Raum stehen und deshalb sofort als Kunstwerke wahrgenommen werden.

Hansaviertel
Von dem historischen Hansaviertel zu Füßen des Bahnhofs sind nur wenige Bauten erhalten geblieben. In den 1870er Jahren wurde mit der Bebauung der "Schöneberger Wiesen" unter dem Spreebogen begonnen, reich ausgestattete Mietshäuser mit historisierenden Fassaden - manche im hanseatischen Stil - entstanden in den Straßen, die auf den Hansaplatz zuliefen.

Nach den Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs wurde das Hansaviertel nicht wieder aufgebaut, sondern südlich der Bahntrasse als große Baufläche für die Interbau 1957 vorbereitet. Die zwischen Spreebogen und Bahntrasse stehenden Altbauten (insbesondere Holsteiner Ufer, Claudiusstraße) blieben verschont. Zur Neuordnung der Besitzverhältnisse auf der Baufläche kaufte die Terraingesellschaft die alten Parzellen auf. Die erhaltenen Bauten und die Ruinen wurden abgeräumt, die Parzellen zu großen Flächen zusammengelegt, Straßen entwidmet und beseitigt.

U-Bahnhof Hansaplatz
Trotzdem blieben die oberirdisch beseitigten alten Straßenverläufe wichtig, denn die Infrastruktur wie Hauskeller und Versorgungsleitungen blieben unter der Erde erhalten. Für den U-Bahnbau wurde das genutzt, weil im Untergrund die Trasse unter der früheren Straße frei war von Hauskeller-Resten. Die Lessingstraße war für die Interbau südlich der Flensburger Straße verschwenkt worden, sie kreuzt jetzt nicht mehr den S-Bahn-Viadukt, sondern schmiegt sich an ihn an. Unter dem Verlauf der alten Lessingstraße zum Hansaplatz und weiter bis zum Rand des Tiergartens entstand eine Rennstrecke für die U-Bahn - immer geradeaus.

Der Abschnitt vom Hansaplatz zum Bahnhof Zoo ist mit 1.400 Metern einer der längsten zwischen zwei U-Bahnhöfen in Berlin. Während der Interbau 1957 konnten Besucher mit der "Gummibahn" gemütlich durch diesen Tunnel fahren, als die Gleise noch nicht verlegt waren - an einen VW-Käfer mit serienmäßiger Motorisierung waren kleinen Wagen angehängt.


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Stadtbaudirektoren
Es gab Zeiten, als unsere Stadtbaudirektoren beides waren; Sie waren "Direktor", und sie haben "gebaut", man denke nur an die unglaublich arbeitssamen Stadtbauräte Hermann Blankenstein oder Ludwig Hoffmann. Irgendwann in der Nachkriegszeit muss sich das verloren haben, heute sind die Direktoren nur noch für die Lenkung verantwortlich, wenn der Posten überhaupt besetzt ist. Werner Düttmann und sein Vorgänger Bruno Grimmek gehörten zu den Bauverantwortlichen, die noch gebaut haben. Sie haben das Gesicht der westlichen Stadthälfte in der Nachkriegszeit geprägt. Im Hansaviertel haben beide gebaut, Grimmek errichtete die Hansa-Schule und den U-Bahnhof, Düttmann schuf die Hansa-Bibliothek und die Akademie der Künste. Der Hansaplatz blieb auch im neuen Hansaviertel ein zentraler Ort, mit U-Bahnhof, Ladenzeile, Stadtbibliothek und der nahe gelegenen Akademie.

Hansa-Bibliothek
Atriumhäuser, die um einen offenen Innenhof gebaut sind, versorgen die verglasten Innenräumen mit viel Sonnenlicht, während sie sich gleichzeitig mit weitgehend geschlossenen Fassaden nach außen abschirmen. Aus dieser Bauform hat Düttmann den "Bücherbungalow" entwickelt und in einen durch und durch öffentlichen Raum verwandelt. Die Hansa-Bibliothek als Kubus ist mit dem ebenfalls einstöckigen Pavillon des U-Bahnausgangs verbunden. Zur Straße öffnet sich die Bibliothek mit einer großflächigen Glaswand. Der begrünte Innenhof des Gebäudes ist von überdachten Gängen umgeben, er dient als Lesegarten und ist vollständig verglast.

Diese Charakteristik, dass Innenraum, Hof und öffentlicher Raum scheinbar ineinander übergehen, wiederholt sich bei der Akademie und beim Brücke-Museum, Düttmann schuf damit weltoffenen Modernität. Beim Brücke-Museum kam hinzu, dass durch das Licht des sich mit den Fenstern nach außen öffnenden Baus die Skulpturen im Raum und die Bilder an den Wänden ihre Wirkung entfalten können.

Akademie der Künste
Zwei Bauten von Werner Düttmann wurden durch Mäzene möglich gemacht. Beim Brücke-Museum war es der Maler Karl Schmidt-Rottluff, der mit einer Schenkung eigener Werke und seiner Sammlung den Grundstock für dieses Museum des deutschen Expressionismus gelegt hat. Schmidt-Rottluff und Düttmann waren befreundet, der Künstler hat den Bau gerühmt. Er attestierte dem Museum "gute Verhältnisse und rechtes Maß" und fand, dass es in seiner Offenheit "die Landschaft geradezu beglückend einbezieht".

Der Chemie- und Farbenproduzent Henry H. Reichhold, 1901 in Berlin geboren, 1924 in die USA ausgewandert, stiftete das Akademiegebäude im Hansaviertel, die Stadt stellte den Baugrund zur Verfügung. Der junge Architekt Düttmann sollte nach Reichholds Willen den Bau entwerfen. "Geld ist verfügbar, mach dir keine Sorgen", telegrafierte der Mäzen an den Architekten, und übernahm dann tatsächlich neben der Startinvestition von 1 Mio. $ noch die Betriebskosten für mehrere Jahre, weil der Senat knauserte.

Das Akademie-Gebäude besteht aus zwei unterschiedlichen Bauteilen: Dem Ausstellungsgebäude mit verglastem Eingangsbereich und dem angefügten expressionistischen Bau, in dem sich der Veranstaltungsbereich befindet. Über dem vollverglasten Erdgeschoss des Hauptgebäudes schwebt das fensterlose Obergeschoss, verkleidet mit mächtigen Waschbetonplatten. Das Kupferdach des Veranstaltungsgebäudes berührt den Boden, es hat erwartungsgemäß Patina angesetzt. Schief und schräg treffen die Seitenwände aus Backstein und die Dachflächen aufeinander.

Die Akademie der Künste öffnet sich zu einem Atriumhof, der als Skulpturenhof in das Ausstellungskonzept integriert ist. Für die Belichtung des Obergeschosses hat Düttmann ein Sheddach aufgesetzt, das eine weitgestreute, indirekte Beleuchtung des Raumes ermöglicht. Diese Bauform stammt aus Industriebauten, Fabrikhallen mit großen Grundflächen werden so belichtet. Düttmann hat damit eine Initialzündung ausgelöst, Walter Gropius und Hans Scharoun statteten das Bauhaus-Archiv und die Staatsbibliothek mit Sheddächern aus, inzwischen wird diese Dachform standardmäßig für Museen und Ateliers verwendet.

Werner Düttmann
Als "wirkmächtig " wird Werner Düttmann beschrieben, der jetzt zu seinem 100. Geburtstag mit einer Werkschau geehrte wurde. Er hat Einfamilienhäuser gebaut und Wohnanlagen (Angerburger Allee, Hedemannstraße), Großsiedlungen geplant (Mehringplatz, Kottbusser Tor, Märkisches Viertel), die "Urbanität durch Dichte" versprachen, aber auch zu großflächigem Abriss ganzer Quartiere führten. Sein Werkverzeichnis umfasst Kirchen (St. Ansgar), Geschäftshäuser (Kudamm-Eck), öffentliche Bauten (Palais am Funkturm, Edinburgh House) und ist damit noch nicht vollständig aufgezählt

Kunstwerke im Hansaviertel
Eine Grünfläche, die an die Hansa-Bücherei angrenzt, wird - wohl nicht offiziell - als Platz der Morgenröte bezeichnet. Dort steht eine Metallplastik von Berto Lardera, sinnreich "Morgendämmerung Nr. 1" genannt. Der Bildhauer hat Eindrücke von Schiffswerften aus seiner Kindheit verarbeitet, unterschiedlich geformte dünne Metallflächen sind ineinander gesteckt und gegeneinander verschoben.


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Der mit Düttmann befreundete Bildhauer Henry Moore hat die Bronzeplastik "Liegende" geschaffen, die auf dem Vorplatz Akademie der Künste aufgestellt ist. Nette Beschreibung des Kunstwerks: dass die "abstrahierten Formen der weiblichen Figur eine gewisse Verletzlichkeit geben." - Eine weitere "Liegende" aus Bronze des Bildhauers Alfredo Ceschiatti ist vor dem Niemeyer-Haus zu finden. Auch sie stützt sich seitlich auf dem Unterarm auf. - Die Außenwand des U-Bahn-Pavillons an der Bibliothek ist mit einem abstrakten Glasmosaik von Fritz Winter geschmückt.

Vor der Hansa-Schule am Spreeufer erhebt sich der Seeadler von Otto Douglas Hill zu seinem "Ersten Flug". - Vor dem Gymnasium Tiergarten an der Altonaer Ecke Lessingstraße steht ein fünfeinhalb Meter hohes Kunstwerk von Joachim Schmettau: Eine monumentale schwarze Hand mit digitaler Armbanduhr umfasst einen orangefarbenen Sockel. Dort verabreden sich die Schüler immer noch "an der Hand".

Untergegangene Architektur des Weltraumzeitalters
Im November 2011 hatten wir gesehen, wie der Bagger an dem Betonskelett des Konsistorium-Hauses der Evangelischen Kirche an der Bachstraße knabbert. Dort wurde ein ikonisches Werk der Nachkriegsmoderne - "Space-Age" genannt - abgerissen, um mit einem Neubau eine größere Rendite zu erzielen. Jetzt steht er da, der "Hansa-Hof", mit maximaler Geschoßfläche.


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Die evangelische Hilfswerk-Siedlungs-Gesellschaft als Bauherr deutet in ihrem Namen selbstloses Handeln ein, sie nennt sich eine "Einrichtung, die ganz praktisch gute Werke zu tun hat". Tatsächlich ist es ein auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes Immobilienunternehmen, das wenig gibt auf die Belange der Gemeinschaft.

Am Rand der Spree mit direktem Bezug zum Hansaviertel stand dort ein bemerkenswerter Bürobau aus den 1970er Jahren: "Space-Age", Raumschiff-Architektur mit einer Fassade aus Aluminiumplatten. Die Fenster konnte man wie bei einem Schiff vertikal nach außen klappen. Durch die Grundfläche in "Y"-Form ergab sich ein Gebäude mit vielen Ecken. Die Räume waren zur Spree hin orientiert, wodurch der Verkehrslärm der Bachstraße abgeschirmt wurde. Das Haus war wegen unterlassener Instandsetzung reparaturbedürftig, aber nicht abrissreif. Nicht einmal der Rat für Stadtentwicklung bei der Architekturkammer konnte den "architektonischer Affront" eines Abrisses dieser Ikone der Nachkriegsmoderne verhindern.
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Diese Werke von Werner Düttmann finden Sie bei den Flanieren-Berichten:
> Brücke-Museum: Atelier für zwei Bildhauer mit Staatsaufträgen
> Wohnanlage Angerburger Allee: Traumlandschaft über dem Stößensee
> Wohnanlage Hedemannstraße: Eine Lücke im Stadtgrundriss
> Wohnanlage Mehringplatz: Einstein im Untergrund
> Kirche St. Ansgar: Eine Lücke im Stadtgrundriss
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Unsere Route:
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Es wird zuviel Wirklichkeit gezeigt