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Auf der Durchreise


Stadtteil: Charlottenburg-Wilmersdorf
Bereich: Zwischen Savignyplatz und Ludwigkirchplatz
Stadtplanaufruf: Berlin, Ludwigkirchstraße
Datum: 3. Mai 2021
Bericht Nr.:734

Wer auf der Durchreise ist, wird sich nicht lange aufhalten. Er ist auf dem Weg, das Ziel liegt noch vor ihm. Anders war das bei der "Berliner Durchreise", einer Modemesse, zu der Einkäufer anreisten, um bei den hiesigen Konfektionären zu ordern. Der Name geht auf das historische Niederlags- oder Stapelrecht zurück, das 'durchreisende' Händler zwang, ihre Waren auszuladen, "niederzulegen", zu "stapeln" und den Einwohnern der Stadt auf dem Markt anzubieten, bevor sie weiterreisen konnten. In Berlins Mitte kamen zwei bedeutende Handelsstraßen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung zusammen, auf denen die Durchreise unterbrochen wurde.

Tuch- und Kleiderhändler, die in Berliner Tuchfabriken, Schneidereien und Konfektionsbetrieben einkauften, sollen die Initialzündung zur Gründung der "Berliner Modewochen" 1918 gewesen sein. Daraus ging 1950 in West-Berlin die "Berliner Durchreise" hervor. Die jüdischen Konfektionäre am Hausvogteiplatz waren von den Nazis verfolgt und umgebracht worden, zudem lag das Konfektionsviertel jetzt im Ostteil der Stadt. Am Kurfürstendamm, der Uhlandstraße und dem Zooviertel entstand aus dem Stand nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues Zentrum der Berliner Bekleidungsindustrie.

Modeplatz Berlin
Die Gründung von Berliner Konfektionsfirmen geht auf die 1840er Jahre zurück. Zehn Jahre später waren Nähmaschinen weit verbreitet, bald wurde Damenkonfektion von mehreren hundert Zwischenmeistern (selbstständigen Heimarbeitern) für die Händler produziert und bis nach Skandinavien, nach Russland und in die USA exportiert. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der Gründung des Kaiserreiches wurde Berlin zum führenden Modeplatz, an dem die internationalen Einkäufer ihre Bestellungen aufgaben. Die Zwanziger Jahre entwickelten ihr eigenes Frauenbild mit Kurzhaarfrisur und Charleston-Kleidern, die mit Fransen oder Federboa aufgepeppt wurden. Marlene Dietrich kreierte einen neuen Stil mit bequemen Hosen und Hosenanzügen, eine Revolution der Damenmode, die bis dahin aus Rock und Bluse oder Kleid und Hüten und Schals bestand. Die Marlene-Hose mit weitem und langen Schnitt umspielt das Bein locker. Sie reicht fast bis zum Boden, die hohe Taille streckt die Figur zusätzlich.

West-Berliner Damenoberbekleidungsviertel
Nähmaschinen sorgten auch für den Aufschwung in dem neuen West-Berliner Damenoberbekleidungs-(DOB)-Viertel. Im Bikini-Haus am Zoo produzierten 700 Nähmaschinen Konfektionsmode, das Huthmacher-Hochhaus nebenan war das "DOB-Hochhaus" mit Büros und Ausstellungsräumen. Beide gehören zum "Zentrum am Zoo", das 1957 mit amerikanischen Mitteln "für die Berliner Bekleidungsindustrie" errichtet wurde. Am Kurfürstendamm schräg gegenüber dem Olivaer Platz entstand 1955 das Geschäftshaus Eco-Haus, benannt nach einem Konfektionsbetrieb, im Haus arbeiteten tausend Beschäftigte der Bekleidungsindustrie. In der Uhlandstraße 20-25 - hier sind wir heute unterwegs - wurde 1957 ein langgestrecktes fünfgeschossiges Geschäftshaus errichtet, in dessen Etagen DOB-Betriebe produzierten.

Aus Militärklamotten, Lumpen, manchem Übriggebliebenen wurden zu Anfang Bekleidungsstücke hergestellt, bezahlt wurde mit Zigaretten und Kaffee. Modeschöpfer wie Heinz Oestergaard, Detlev Albers oder Uli Richter eröffneten ihre Ateliers, meist in der Umgebung der Uhlandstraße und am Kurfürstendamm. "Es war erstaunlich, wie schnell sich die Berliner Mode wieder etabliert hat, auch die Kunden aus der Schweiz oder Schweden kamen wieder zurück".

Die Mode wurde vorgeführt von Mannequins, die bei den Modeschöpfern angestellt waren. Später wurden auch Models aus London, Paris oder New York gebucht. Die Modenschauen hatten das Flair, das die Modejournalistin Helen Hessel, Ehefrau des Flaneurs Franz Hessel, schon in Paris beobachtete:

"Als ich zum ersten Mal einer Pariser Modevorführung beiwohnte, war es mir fast unmöglich, etwas anderes zu beobachten als die Mannequins. Ihre Nasenlöcher, das Heben und Senken der roten Arme, die kurze Wendung ihrer Schritte, alles schien mir in geheimnisvoller Weise mehr und Tieferes über den Begriff 'Mode' auszusagen als die Kleider, die sie vorführten". Berlins First Lady Rut Brandt wurde in ihrer Zeit als Kanzlergattin mit Berliner Schöpfungen zur "Botschafterin der deutschen Mode".


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Der Modefotograf F. C. Gundlach - der ab 1953 die Durchreise portraitierte - fotografierte im August 1961 ein Mannequin vor dem Brandenburger Tor. Wenige Tage später verschloss die Mauer das Tor, der Niedergang der West-Berliner Modebranche begann. Die Verbindung zu Zwischenmeistern und Schneiderateliers im Ostteil der Stadt war unterbrochen, Modehäuser wanderten nach Westdeutschland ab. Mit dem Berlinförderungsgesetz unterstützte die Bundesrepublik die Produktion in Berlin durch steuerliche Subventionen, musste aber mehrfach nachschärfen, weil zu Anfang auch in Westdeutschland hergestellte Mäntel subventioniert wurden, an denen man nur die Knöpfe in Berlin angenäht hatte. Später stellte man auf die Wertschöpfung ab, die tatsächlich in Berlin erbracht worden war.

Ende 1982 schließt der Modeschöpfer Uli Richter als letzter der Berliner Couturiers sein Atelier am Kurfürstendamm, die große Nachkriegszeit der Berliner Mode ist vorbei. Das Modeviertel am Zoo gibt es nicht mehr, nach der Wende wird sich die Modebranche an anderen Orten in der Stadt auf den Festivals Bread & Butter und Fashion Week neu erfinden.

Mietshaus Kurfürstendamm 213
Im Mietshaus Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße zeigten die Konfektionäre Staebe-Seger Mode für die Grand Dame und die extravagantesten Cocktailkleider. Es ist ein Haus, wie geschaffen für exklusive Mieter. Vier Säulen, die den Eingang umgeben, reichen bis zum ersten Obergeschoss und schließen dort mit einem breiten Balkon ab. Eine herrschaftliche Pose über dem dreieckigen Platz, der durch eine abgeschrägte Straßenecke gebildet wird.


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Kurz vor der Jahrhundertwende (1900) hat ein Maurer- und Zimmermannsmeister dieses Gebäude entworfen und als Bauhandwerker und für sich selbst als Bauherr erbaut. Es ist ein Phänomen, das uns immer wieder in der Stadt begegnet, dass in der Gründerzeit Bauhandwerker Gebäude auch geplant haben. Sie wurden an Baugewerkschulen ausgebildet, es war eine frühe Form der Fachhochschulen. Derselbe Maurer- und Zimmermannsmeister hat zehn Jahre später am Kurfürstendamm eine weitere Ecke bebaut am Adenauerplatz. Die Wohnungen dort waren bis zu 420 qm groß und erstreckten sich jeweils über einen kompletten Gebäudeflügel. Dieser Handwerksmeister muss entweder sehr wohlhabend oder kreditwürdig gewesen sein, um solche Investitionen zu stemmen.

Schloss Uhland
Um die Ecke in der Uhlandstraße 171-174 steht ein weiteres hochherrschaftliches Gebäude, das sich sogar über vier Grundstücke erstreckt. Auch hier umfassen Säulen über zwei Etagen den Eingangsbereich und schließen mit einem Balkon ab, von denen sich der "Schlossherr" von "Schloss Uhland" an das Publikum wenden könnte, jedenfalls ist das die Inszenierung. Die Fassade ist mit Männer- und Frauenköpfen geschmückt. Die beiden Seitenrisalite (Vorsprünge) sind symmetrisch angeordnet, aber nicht gespiegelt. Rechts befindet sich der säulengeschmückte Eingangsbereich, das linke Seitenrisalit ist schmaler und ohne betonten Eingang. Über beiden Vorsprüngen erheben sich geschwungene Giebel, der rechte Giebel wird von zwei Sphinxen flankiert. Die Skulptur im linken Giebel wird ihre metallische Kopfbedeckung wohl erst in unserer Zeit bekommen haben.

Der Kirchenarchitekt Engelbert Seibertz hat dieses Bauensemble entworfen und 1900 für sich selber bauen lassen, er wohnte auch dort. Anders als dieser neobarocke Bau sind seine Kirchenbauten in märkischer Backsteingotik ausgeführt, beispielsweise St. Matthias am Winterfeldplatz.

Neben dem Schloss Uhland führt eine Passage zur Fasanenstraße und mit einem Abzweig zur Lietzenburger Straße (Uhland-Fasanen-Passage). Sie führt über einen großen Innenhof, der zu den angrenzenden Wohnhäusern verbindet und sich damit dem intimen Rahmen einer Einkaufsgasse in Gebäuden entzieht. Wer bei "Passage" an Vorbilder aus Mailand oder Paris denkt oder die historische Kaiserpassage an der Friedrichstraße vor Augen hat, wird enttäuscht. Im Nachkriegs-Berlin blieben Passagen ohne Glanz, auch die Gloria-Passage am Kudamm brachte keinen Erfolg.

Skulpturen
Kommen wir noch einmal zurück zur Straßenkreuzung Kudamm Ecke Uhlandstraße. Die Grolmanstraße ging früher direkt auf den Kurfürstendamm zu, 1967 wurde sie zur Uhlandstraße verschwenkt, um die Kreuzung von Verkehr zu entlasten. Auf dem dadurch gewonnenen Fußgängerbereich wurde eine Vase aufgestellt, die der Künstler Gerhard Schultze-Seehof 1953 hergestellt hat. Sie ist mit Mosaiksteinen aus der zerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bedeckt und symbolisiert den Willen zum Wiederaufbau. Vor acht Jahren hat man überlegt, sie nahe der Kirche auf dem Breitscheidtplatz aufzustellen, aber sie steht immer noch am Kudamm. Neben der Vase gab es im Fußgängerbereich einen festen Kiosk als Würstchenbude. Betreiber war ein ehemaliger Stuntman, der den Kiosk mit Bildern seiner Stunts geschmückt hatte.

Vor dem Hochhaus an der Grolmannstraße wurde 2010 eine Skulptur der Bildhauerin Jacqueline Diffring aufgestellt, sie war eine Schülerin von Henry Moore. Dieses Werk "Das innere Auge" wanderte 2018 nach Kassel zu dem Gymnasium, das die Künstlerin als Schülerin besucht hatte. 1938 hatte sie die Schule auf Grund ihrer jüdischen Herkunft verlassen müssen. Als Ersatz für das innere Auge steht jetzt an der Grolmanstraße "Götter oder Architekturale Skulptur", eine Figur, die "mit einem halb geschlossenen Augenlied auf den Bürgersteig hinabzublicken scheint", so wurde das innere Auge gegen ein äußeres getauscht.

Hochhaus Hamburg-Mannheimer, Geschäftshaus Königstadt
Zeitgleich mit dem Aufbau des Konfektionsviertels im Zooviertel sind zwei weitere Bauten an der Uhlandstraße Ecke Kurfürstendamm entstanden. Der Architekt Paul Schwebes, der in der Sozietät Schwebes & Schoszberger das Zentrum am Zoo mit verwirklicht hat, baute für die Grundstücksgesellschaft Königstadt das nordwestliche Eckhaus. Eine Ikone der Nachkriegsarchitektur, mit kühnem Schwung der Fassade und einem Treppenhaus, das selbst ein Kunstwerk ist. Die Gesellschaft Königstadt war früher eine Brauerei, gegründet 1871, mit Fabrikationsgebäuden an der Saarbrücker Straße im Prenzelberg. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Bierproduktion aufgegeben, seitdem ist Königstadt als Immobilienunternehmen tätig.

Das zehngeschossige Hochhaus der Hamburg-Mannheimer Versicherung ist vom Kudamm zurückgesetzt, dort endet die Grolmanstraße mit einem Schwenk an der Uhlandstraße. Das Hochhaus ist leicht eingewölbt, die Fenster sind in einem Raster angeordnet. Die angrenzenden Gebäudeflügel haben normale Berliner Traufhöhe. In einem vorgezogenen Pavillon hatte bis vor kurzem der Prominenten-Coiffeur Udo Walz einen Salon.


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Maison de France
Bereits kurz nach Kriegsende richtete die französische Besatzungsmacht in prominenter Lage am Kudamm Ecke Uhlandstraße ein Kulturzentrum mit einem Kino und einer Brasserie ein, das Maison de France. Das Grundstück lag im britischen Sektor, es wurde beschlagnahmt und der befreundeten Siegermacht überlassen, weil der französische Sektor zu weit außerhalb der Innenstadt lag. In den Neubau wurde das teilzerstörte Vorgängergebäude von "Scharlachberg Meisterbrand" einbezogen, das eine ähnliche zur Ecke hin abgeflachte Form hatte. "Es zeigt die noch sehr zurückhaltende und sparsame Architektur der ersten Nachkriegsjahre. Auch die Raumgestaltung entspricht den 1950er Jahren: ohne Überschwang, aber mit Knappheit, eleganten Kurven, indirektem Licht, Klarheit und Festlichkeit". 1983 zerstörte ein Bombenanschlag die obersten beiden Stockwerke, der internationale Terrorist Carlos hatte mit Unterstützung der Stasi eine verheerende Explosion ausgelöst. Die Schäden wurden bald beseitigt. Die Idee, das Kulturinstitut nach der Wende in die Botschaft am Pariser Platz zu verlagern, gaben die Franzosen nach Bürgerprotesten auf.

Unser Stadtrundgang führt weiter zur Ludwigkirchstraße und dem gleichnamigen Platz mit der katholische Kirche St. Ludwig. Vor elf Jahren hatten wir diesen Bereich auf dem Weg zum Olivaer Platz besucht. Ein Baukomplex blieb dabei ausgespart, der die Emser Straße von der Düsseldorfer bis zur Pariser Straße flankiert. "Es ist ein typischer 20er Jahre Bau der Neuen Sachlichkeit", sagt die Bezirksbürgermeisterin bei einem Kiezrundgang. Von der Wirkung her stimmt es, der verklinkerte Baukörper mit weißen Erkern strahlt eine schlichte Schönheit aus, die durch die phantasievoll an den Ecken gegeneinander versetzten Klinker betont wird. Ein typisches Ornament an Backsteinbauten jener Epoche, die ohne Zierrat an den Fassaden auskamen. Tatsächlich ist der Wohnblock aber 1932 erbaut worden, sozusagen ein letztes Aufbäumen kurz vor Beginn der Nazizeit, in der Neue Sachlichkeit als Entartung galt.

Tattersall des Westens
Schlagen wir noch einen gedanklichen Bogen zum Beginn unseres Spaziergangs am S-Bahnhof Savignyplatz. Eng angeschmiegt an den Gleiskörper steht an der Grolmannstraße der Backsteinbau "Tattersall des Westens". Er stammt aus einer Zeit, als man über den Kudamm noch zu Pferde in den Grunewald ritt. Das vor kurzem abgerissene Theater am Kurfürstendamm wurde seinerzeit auf einem Grundstück der "Tattersall am Kurfürstendamm-AG" errichtet, die bis dahin mit Pferden handelte und eine Reitbahn betrieb. Auch die vier Pferdeschädel, die am Atelierhauses Fasanenstraße 13 angebracht sind, stammen aus jener Zeit.

In der Grolmanstraße wurde 1886 die Reitschule und Reithalle "Tattersall des Westens“ errichtet, in der Franz Diener 1954 eine Künstlerkneipe einrichtete. Die Reitanlage ging ursprünglich von der Grolmanstraße zur Uhlandstraße durch. Im Backsteinbau befanden sich Casinos und Gesellschafträume, Reit- und Pferdeschulen. Die Stallungen für 33 Kutschen und 100 Pferde sowie eine Reitbahn und Plätze für den Reitunterricht waren hinter dem Bau Richtung Uhlandstraße untergebracht. Sie wurden durch Kriegseinwirkung zerstört, heute befindet sich dort der Jeanne-Mammen-Bogen, benannt nach einer Malerin.
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Schwerer Körper mit federleichter Seele