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Hier frisst die Katze keine Mäuse


Stadtteil: Mitte
Bereich: Friedrichstadt, Bankenviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Behrenstraße
Datum: 29. Dezember 2020
Bericht Nr.: 722

Zu einer Zeit, als Städte von Festungsmauern umgeben waren, um sie vor Angreifern zu schützen, wurden zwangsläufig neue Stadtviertel vor den Festungen angelegt. Ohnehin war der Festungsbau durch neue Waffentechnik bald obsolet geworden. Auch Berlin wurde durch den vom Großen Kurfürsten betriebenen Festungsbau nie wirklich geschützt, trotzdem standen die seit 1650 errichteten Mauern und Bastionen zweihundert Jahre lang, bis sie der Entwicklung der Stadt im Wege waren und wieder abgetragen wurden.

Direkt angrenzend an die Westseite der Berliner Festung ließ Friedrich I., der später 1701 zum König in Preußen gekrönt wurde, ab 1688 eine Stadterweiterung anlegen, die seinen Namen trägt: die Friedrichstadt. Die Prachtstraße Unter den Linden gehörte zur Dorotheenstadt, südlich davon von der Behrenstraße bis zum Halleschen Tor wurden Straßen in einem Raster angelegt und bebaut.


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Die Friedrichstraße hieß anfangs "Querstraße", weil sie quer zur Dorotheenstraße in die Stadterweiterung führt. "Quer" wäre nach unserer heutigen Vorstellung nur richtig, wenn man den Stadtplan um 90 Grad dreht.

Bankenviertel
Der Glanz der Straße Unter den Linden zog Banken an, in dem Bereich bis fast zur Leipziger Straße Bauten zu errichten, die wuchtig und beeindruckend oft ganze Straßenzüge umfassten. In diesem Bankenviertel entstanden Bankpaläste, deren Fassaden meist in einer Mischung von Neobarock der Neorenaissance gestaltet sind, mit Bossenwerk (grob behauenem Naturstein) im Sockelbereich und Säulen oder Pilastern über mehrere Etagen (Kolossalgliederung).

Man differenzierte nicht nur die Kunden (wie auch heute noch) in die Vermögenden und die anderen, auch die Direktoren und Mitarbeiter benutzten unterschiedliche Eingänge und Treppenhäuser. Ovale Fenster ("Ochsenaugen") für den Sitzungssaal der Direktoren und rechteckige Fenster für die Buchhaltungsabteilung differenzierten bis in die Außenfassade hinein die unterschiedlichen Nutzergruppen. Die repräsentative Kassenhalle war typischerweise im Renaissancestil gehalten und verwies damit auf die Herkunft des Bankwesens. In der Kassenhalle saßen die Bankmitarbeiter drei Stufen höher als die Kunden, zur Macht des Geldes musste man aufschauen.

Aus den Banktresoren machte der "Spiegel" 1951 eine "stählerne Tresorstadt unter der Behrenstraße, in der unermessliche Kunstschätze lagerten". Nach dem Einmarsch der Russen ließ der Sowjetkommissar für das Bankenviertel die Türen zu den "Grabgewölben des Reichtums" sprengen, "der Reichtum Berlins aus anderthalb Jahrhunderten" fiel den Eroberern in die Hände.

Disconto-Gesellschaft
Hatte die erste Generation der Bankpaläste die Anmutung italienischer Palazzi, so wurden spätere Bauten zurückhaltender gestaltet, mit klassizistischen Elementen oder an die Neue Sachlichkeit angelehnt. Ein Beispiel für diese Entwicklung sind die drei Gebäude der Disconto-Gesellschaft im Bankenviertel, der ältesten Großbank, die 1929 mit der gleichgroß gewordenen Deutschen Bank fusionierte. Seit 1859 saß die Disconto-Gesellschaft in der Behrenstraße, 30 Jahre später ließ sie einen Erweiterungsbau Unter den Linden 13 mit einer roten Sandsteinfassade in zeittypischen Neorenaissance- und Neobarockformen errichten. Der dritte Bau entstand 1925 auf dem Nachbargrundstück Unter den Linden 15 mit einer zurückhaltend historisierenden Fassade mit schlichten Gliederungselementen. Dort sitzt heute noch die Deutsche Bank.

Bevor die Disconto-Gesellschaft sich mit der Deutschen Bank zusammentat, hatte sie nach der Jahrhundertwende 16 regionale Banken von Bremen bis München, in Breslau und Königsberg übernommen. Zu ihren Beteiligungen gehörten Terraingesellschaften und Baugesellschaften. Und sie hatte den sichersten Safe der Stadt - glaubte sie, bis die Brüder Sass in die Filiale am Wittenbergplatz eingebrochen waren und die Schließfächer ausgeräumt hatten.

Im Bankenviertel östlich der Friedrichstraße haben wir bei unserem heutigen Rundgang zehn Banken gezählt, die dort ihre Repräsentanzen oder Zentralen hatten. Dazu gehörte die Berliner Bank, deren Bau an der Charlotten- Ecke Behrenstraße heute vom Sparkassenverband bespielt wird. Zwischen den vielen mächtigen Instituten findet sich auch eine kleine Privatbank, das Bankhaus Ebeling in der Jägerstraße 54-55. Zu den zwei Banken, die den Geschäftsverkehr zwischen den Banken regelten, gehört die staatliche Landesbankenzentrale in der Jägerstraße 59-60 und der ausgebombte Berliner Kassenverein hinter der Hedwigs-Kathedrale.

Auf diesem Grundstück errichtete der DDR-Architekt Richard Paulick ein Verwaltungs- und Magazingebäude für die Staatsoper, das als Baudenkmal eingetragen ist. Stilistisch hatte er das Gebäude der Oper angeglichen. Es sollte "zusammen mit der Oper und dem Kronprinzenpalais, insbesondere dem Prinzessinnenpalais einen neuen Platz bilden" und "eine wesentliche Bereicherung des Straßenbildes Unter den Linden bewirken".

Deutsch-Asiatische Bank
In einem Geschäftshaus in der Kronenstraße 11 mit neoklassizistischer Fassade, mit einem Band von Medaillons und Ornamenten, hatte die Deutsch-Asiatische Bank Geschäftsräume gemietet. Eine Bank aus der Kolonialzeit, sie hatte ihre Zentrale in Shanghai (China), war aber mit gutem Zureden des Außenministeriums 1889 gegründet worden von den marktbeherrschenden deutschen Banken wie Disconto-Gesellschaft, Deutscher Bank, Berliner Handels-Gesellschaft, Mendelssohn, Rothschild, Oppenheim.


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Sie finanzierte chinesische Eisenbahnprojekte und Dampfschiffe. Sie durfte sogar eigene Banknoten in China ausgeben und musste dafür eine Konzessionsgebühr bezahlen, nicht etwa an China, sondern an das Deutsche Reich. Deutschland hatte mit "Deutsch-China" einen Flottenstützpunkt in Kiautschou und ein Einflussgebiet in der Provinz Schantung. Gegen starken Widerstand der chinesischen Bevölkerung wurde die Schantung-Bahn gebaut, Deutsche beherrschten die Eisenbahngesellschaft.

Bankhaus Mendelssohn
Zu den Nachfahren des Philosophen Moses Mendelssohn, der 1743 nach Berlin gekommen war, gehören bedeutende Bankiers in Generationsfolge. Bereits seine Söhne begründeten 1795 das Bankhaus Mendelssohn & Co, das 1815 seinen Sitz in der Jägerstraße nahm und dort bis zur Liquidierung durch die Nazis 1938 ansässig war. In der fünften Generation gehörten Robert und Franz Mendelssohn zur Hochfinanz. In der Gründerzeit nach der Reichsgründung 1871 müssen sie unermesslich reich geworden sein, wie ihre Palais in der Villenkolonie Grunewald aufzeigen.

In der Jägerstraße sind zwei von den Mendelssohns genutzte Geschäfts- und Wohnhäuser gut erhalten: Ein ursprünglich zweigeschossiger Barockbau von 1770, den die Mendelssohns 1815 zum Geschäfts- und Wohnhaus umbauen ließen (Nr. 51), dabei wurde die Fassade klassizistisch überformt. Und das ehemals zweigeschossige Nachbarhaus 49-50, das sie 1893 erbauen ließen, ebenfalls mit klassizistischer Fassade, die betont horizontal gegliedert ist. Der Garten erstreckte sich hinauf bis zur Französischen Straße. Eine Remise mit Kappendecken im Hof wurde ursprünglich als Kassenhalle erbaut und dann zur Kutschremise umfunktioniert. Die Mendelssohn-Gesellschaft bringt dort heute "das Mendelssohn-Erbe wieder zurück ins Berliner Gedächtnis".

Wohn- und Geschäftshäuser
Die Berlinische Boden-Gesellschaft hat an der Charlottenstraße 60 ein Geschäftshaus errichtet, über dessen Eingang an der abgeschrägten Ecke zur Mohrenstraße Merkur wacht, der römische Gott des Handels. Die Architekten Cremer & Wolffenstein haben einen Bau mit einer modernen Pfeilerfassade geschaffen mit neobarocken und neoklassizistischen Elementen. Die beiden Geschäftsetagen sind durch Pilaster zusammengefasst. Heute wird das Gebäude als Büro- und Geschäftshaus "Charlotte“ vermarktet. Das Schokoladenhaus Rausch in der Ladenetage ist coronabedingt geschlossen. Wer später hier einkauft, sollte die Nebenwirkungen der süßen Versuchung bedenken, der man sich kaum entziehen kann.

Eine Ecke weiter an der Taubenstraße steht ein weiteres Geschäftshaus dieses Typs mit einer modernen Pfeilerfassade. Es wurde als "Handelsstätte Friedrichstadt" erbaut, ist aber heute weitaus bekannter als Lutter & Wegner, das Lokal, in dem der Sekt seinen Namen bekam und das ein Treffpunkt von Dichtern und Künstlern wurde. E. T. A. Hoffmann verkehrte dort, genau wie (um nur einige Gäste zu nennen) Otto von Bismarck, Heinrich Heine, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Josephine Baker, Marlene Dietrich. Das ursprüngliche Haus in der Charlottenstraße 49 wurde im Krieg zerstört, erst nach der Wende wurde Lutter & Wegner in dem Eckhaus Nr. 56 der Handelsstätte Friedrichstadt wieder eröffnet

Und noch ein Merkur als Fassadenschmuck findet sich am Geschäftshaus Taubenstraße 26, das mit Figuren, Reliefs und Ornamenten nicht geizt. In der dreigeteilten Fassade mit großen Fensterflächen sind die zwei Geschäftsetagen und drei Büroetagen optisch voneinander abgesetzt. Kupferreliefs mit einem Segel- und einem Dampfschiff findet man auf der Fassade genau wie Kleeblätter, Bienen und andere zum Thema Handel hinweisenden Motiven.


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Konfektionsviertel
Nachdem die überflüssigen Festungsbauten geschliffen waren, entstanden Straßenverläufe und Plätze, die nicht rechtwinklig zueinander verlaufen, sondern mit ihren ungewöhnlichen Winkeln den Verlauf der Bastionen und Festungsmauern nachzeichnen. So ist auch der Hausvogteiplatz in seiner ungewöhnlichen Form entstanden, der zum Zentrum der Konfektion wurde, dem Mittelpunkt der Berliner Mode- und Bekleidungsindustrie. Es waren vor allem jüdische Kaufleute, die ein Know-How für Stoffe hatten, weil sie traditionell mit gebrauchten Kleidern handelten, da ihnen die Aufnahme in die christlichen Handwerkszünfte verwehrt blieb. Die glanzvolle Geschichte des Konfektionsviertels endete mit der Judenverfolgung der Nazis im Dritten Reich.

Die Stufen, die vom U-Bahnhof auf den Hausvogteiplatz hinaufführen, tragen heute an den Stirnseiten auf 19 Schildern die Namen jüdischer Textilfabrikanten, die von den Nazis vertrieben wurden: Konfektionsfirmen wie David Leib Levin, Valentin Manheimer, Herman Gerson. Oben auf dem Platz stehen als Mahnmal leicht geneigte Ankleidespiegel im Dreieck, die einen Raum andeuten und, wenn man innen steht, ein endloses Bild zeigen.

Hotel Carlton
Goldenes Zeitalter der Hotellerie - davon zeugt das Hotel Carlton Unter den Linden Ecke Charlottenstraße. Es leitet seinen Namen ohne nähere Verwandtschaft von dem Londoner Hotel gleichen Namens ab, das nach dem Palais eines englischen Königs benannt ist. Architekt des 1902 erbauten Eckhauses an der Charlottenstraße war Carl Gause, der auch das (ausgebombte) Hotel Adlon, das Weinhaus F. W. Borchardt und das Kurfürstenhaus am Spreeufer entworfen hat und dessen Varieté und Kino "Wilhelmshallen" auf dem Grundstück des Zoo-Palasts stand. Mit seiner Fassadendekoration verweist das Hotel Carlson auf seine internationalen Gäste. Medaillons mit Köpfen zeigen die Kontinente, darunter sind Tiere dieser Erdteile dargestellt. Erker und Turmhauben verleihen dem Haus einen trutzigen Eindruck.

Auf der Gebäudeecke steht der römische Gott des Handels Merkur auf einer Weltkugel. Über dem schmiedeeisernen Seiteneingang thront eine streng blickende Katze. Was sie nicht sieht: In zwei angedeuteten Verstecken unter ihren Füßen spielen vergnügt die Mäuse. Ist das eine Einladung an die Gäste, dass hier alle willkommen sind und keiner gefressen wird?


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Ungefähr 1919 wurde der Hotelbetrieb eingestellt, die Disconto-Gesellschaft übernahm das Grundstück. Das Reichswirtschaftsministerium und das Norwegische Reisebüro betätigten sich hier, später die Deutsche Bauakademie der DDR. Die Buchhandlung "Das sowjetische Buch“ wurde dort 1976 eröffnet, die "auf vielfachen Käuferwunsch wurden auch Schallplatten ins Angebot aufgenommen". Nach der Wende bezog Microsoft das Gebäude. Seine Kantine "Digital Eatery" wurde weitsichtig bereits vor der Corona-Epidemie eingerichtet, aber wie isst man digital?

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Wenn Sie Themen wie Mohrenkolonnaden, Bullenwinkel, Generaltelegraphenamt, Gendarmenmarkt, Friedrichstraße oder Berlins Zentrum an der Kreuzung Unter den Linden Ecke Friedrichstraße vermissen: Diese Orte haben wir bei früheren Stadtwanderungen beschrieben, sie sind meist unter Friedrichstraße und Gendarmenmarkt zu finden. Oder nutzen Sie das Straßenverzeichnis von Berlin-Mitte.
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Zu diesem Bericht gibt es einen Forumsbeitrag:
Hier frisst die Katze keine Mäuse(29.12.2020)
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