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Vom Stadtwald zur Wüste Sahara


Stadtteil: Mitte, Wedding
Bereich: Rosenthaler Vorstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Gartenstraße
Datum: 10. März 2021
Bericht Nr.:728

Dichter Wald stand früher nördlich des Scheunenviertels, bis die Berliner eine Sandwüste wie die Sahara daraus machten. Ohne Bewusstsein für die Umwelt wurde alles abgeholzt, als Baumaterial, als Brennholz, als Holzpfähle für die aus Palisaden errichtete Akzisemauer. Um 1730 breitete sich dann vor Berlin eine Sandwüste aus, Wind und Sturm trugen den Sand in die Stadt. Mit einer Besiedlung konnte dieses Problem beseitigt und neue Bauflächen geschaffen werden.

Neu-Vogtland
Ab 1750 wurde vor dem Rosenthaler Tor eine Stadterweiterung angelegt - Rosenthaler Vorstadt -, die im Gegensatz zu den westlichen und südlichen Stadterweiterungen wie Dorotheenstadt oder Friedrichstadt nicht zum Stadtgebiet gehörte. Friedrich der Große siedelte dort zwischen Bergstraße und Brunnenstraße Maurer und Zimmerleute aus dem sächsischen Vogtland an, die als Saisonarbeiter nach Berlin kamen. Sie sollten ihr Geld hier ausgeben und nicht im heimischen Sachsen. Diese Siedlung Neu-Vogtland entwickelte sich im Lauf der Jahrzehnte von der Handwerkerkolonie zu einem Unort, bald lebte "ein hungerndes Proletariat von Webern, Wollspinnern und Tagelöhnern" in den Häusern. Neu-Vogtland verkam zu einer verrufenen Stätte der Armut, des Elends, des Lasters und des Verbrechens. Das änderte sich erst mit dem Abriss der einstöckigen Häuser und Neubebauung mit Mietshäusern.

Gartenstraße
An der Gartenstraße siedelte Friedrich der Große ab 1770 zugewanderte Gärtnerfamilien an, die später ebenfalls der großstädtischen Bebauung weichen mussten. Am Gartenplatz - der damals Galgenplatz hieß - stand bis 1842 der Galgen des Berliner Hochgerichts, nachdem er mehrere Male durch die Stadt und vor die Stadt gewandert war. Seit 1716 stand er auf einem Sandhügel an der Bergstraße, wo heute der winzige Heinrich-Zille-Park zu finden ist. Dort musste er den vogtländischen Bauarbeitern weichen und wanderte im Jahr 1753 zum Galgenplatz an der Gartenstraße, der 1861 seinen schrecklichen Namen verlor und in Gartenplatz umbenannt wurde.

Die Gartenstraße geht von der Torstraße in Mitte nach Norden in den Wedding. Die weitgehend parallel verlaufende Ackerstraße und die Gartenstraße sind die beiden ältesten Straßen im Rosenthaler Viertel, sie wurden während der Stadterweiterung ab 1750 angelegt. Die 'Torstraße' zeichnet den Verlauf der Zollmauer (Akzisemauer) nach, sie ist nach den Stadttoren benannt, die den Weg in die umliegenden nördlichen Gemeinden freigaben (*). Die Gartenstraße führte als "Hamburger Landwehr" durch das Hamburger Tor.

Auf dem Weg nach Norden durchquert die Gartenstraße den Grenzstreifen der Mauer-Gedenkstätte. Im weiteren Verlauf wird sie parallel zu den Gleisen der Stettiner Bahn von einer Mauer des Bahngeländes flankiert, die gleichzeitig die Grenze zu Wedding bildet. Während der Teilung Berlins traf auch hier Ost und West aufeinander. In der DDR-Zeit wurde der Kopfbahnhof Stettiner Bahnhof gesprengt. Auf dem ehemaligen Bahngelände ist der Nordbahnhof-Park angelegt worden. Der Fußgängertunnel unter dem Gelände ist nur noch bei Führungen zugänglich. Die Gartenstraße endet an der Liesenbrücke ("Schwindsuchtbrücke"), unter der in der Wohnungsnot während der industriellen Revolution obdachlose Arbeiter ihre Notquartiere aufgeschlagen hatten.

Auch die Ackerstraße geht bis zur Liesenbrücke. Kurz vor der Einmündung steht das letzte erhaltene vorstädtische Gebäude der Rosenthaler Vorstadt, ein einfaches zweigeschossiges Haus, das inzwischen aufgehübscht wurde und so seinen ursprünglich kargen Charakter verloren hat. Nebenan ist ein Tempel am Erstehen: Die buddhistische Fo-Guang-Shan Gemeinde mit Ursprung aus Taiwan, die bisher in einer Ladenzeile in der Ackerstraße praktiziert, lässt ein mächtiges Tempelgebäude errichten, dessen kreisrunde Öffnung des Vordachs das Himmelslicht einfängt.

Zwei Schulen
Ein gelber, von der Baufluchtlinie zurückgesetzter Plattenbau beherbergt die Hemingway-Schule. Die mit durchgehenden Fensterbändern horizontal gegliederte Straßenfassade hat überraschend auf der Hofseite keine Entsprechung. Dort sind in einer Lochfassade kleine Fensteröffnungen zu Gruppen zusammengefasst.

Von der 1875 erbauten Humboldt-Gymnasium ist nur das Lehrerwohnhaus an der Gartenstraße erhalten geblieben. Das rot geklinkerte Gebäude mit Terrakotten hat einen Durchgang mit Rundbögen und Gewölbedecken. Schmiedeeiserne Tore schließen den Bau nach beiden Seiten ab. Das Schulgelände geht bis zur Bergstraße durch. Dort ist die Papageno-Grundschule in einem Nachkriegsbau untergebracht.

Drei Kirchen: Erlöserkirche, Golgatha-Kirche, St. Sebastian-Kirche
Im Einzugsbereich der Gartenstraße liegen drei Kirchen. Sie weichen von dem sonst in der Stadt üblichen Muster ab, dass evangelische Kirchen meist freistehend errichtet wurden und katholische Gotteshäuser sich in die Baufluchtlinie und Häuserfronten einzugliedern hatten.

Die Evangelisch-Methodistische Erlöserkirche in der Schröderstraße ist in die Flucht der Wohnbauten integriert. Mit ihren beiden Türmen strebt sie himmelwärts, die Erker verlängern die Türme auf der Fassade. Gleichzeitig nähert sich das Kirchengebäude mit den Balkons den umliegenden Wohnhäusern an. Tatsächlich ist das Vorderhaus ein reines Wohnhaus, der Andachtsraum befindet sich im Quergebäude. Architekt dieses phantasievollen Wohn- und Kirchenbaus war Oscar Garbe, er wird uns bei einem benachbarten Bau noch einmal begegnen.


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Die evangelische Golgatha-Kirche wurde 1877 gegründet. Auch ihr Kirchengebäude in der Borsigstraße ist in die Straßenfront eingefügt. Der Evangelische Kirchenbau-Verein förderte im Rahmen eines umfangreichen Programms auch diesen Kirchenbau, um die "in den schnell wachsenden Wohnquartieren wahrgenommene 'Kirchennot' zu beheben und die an monumentalen Kirchenbauten arme Stadt durch sakrale Repräsentationsbauten zu verschönern". Das Golgatha-Gemeindehaus in der Tieckstraße zeigt auf der Supraporte - dem bildnerisch gestalteten Feld über der Eingangstür - den Namen der Gemeinde. Heute gehört es der Stiftung, die der reiche Schiffbauer Johann Koepjohann gegründet hatte und bietet Wohnraum für benachteiligte und in Not geratene Frauen.

Die katholische St. Sebastian-Kirche wurde 1893 auf dem ehemaligen Galgenplatz, jetzt Gartenplatz, errichtet. Die Stadt hatte den Baugrund zur Verfügung gestellt hatte, vielleicht auch, um der grausamen Vergangenheit als Hinrichtungsplatz etwas entgegenzusetzen. Der monumentale, mit Sandstein verkleidete Kirchenbau ist die erste katholische Großkirche des Berliner Nordens und der dritte katholische Kirchenbau in Berlin nach der Reformation. Das Gemeindehaus an der Feldstraße wird von einer Altenwohnanlage bedrängt, die auch den südlichen Rand des Gartenplatzes überbaut und damit die Sichtbeziehung zur Kirche stört.

Lazarus-Krankenhaus
Zur Geschichte der Rosenthaler Vorstadt gehört auch das Lazarus-Krankenhaus, eine Institution der christlichen Armenfürsorge. Auf einem Gelände, das von der Bernauer Straße weit zwischen Gartenstraße und Ackerstraße heraufreicht, steht der schlichte klassizistische Bau mit einem flach geneigten Dreiecksgiebel.

Umgeben von einer ruhigen Grünanlage befinden sich hinter dem Krankenhaus eine Kapelle mit Glockenturm, ein Schul- und Beamtenhaus, ein Schwesternhaus als Wohnhaus der Diakonissen und das älteste erhaltene Berliner Kindergartengebäude.


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"Familienhäuser" als erste Mietskasernen
Die zweifelhafte Ehre, 1822 die ersten Mietskasernen errichtet zu haben - überbelegte Wohnungen mit finsteren, feuchten Wohnräumen - kann der Kammerherr Heinrich Otto von Wülcknitz für sich beanspruchen, der aus einer alteingesessenen Adelsfamilie mit eigenem Schloss im Barnim stammte. In sechs Gebäuden in der Gartenstraße mit fünf Etagen vom Keller bis zum Dach vermietete von Wülcknitz insgesamt 426 Stuben einzeln, ohne Kochgelegenheit und Wasseranschluss. Pervers ist, dass diese Bauten auch noch als "Familienhäuser" bezeichnet wurden. 1825 berichtete der vom Magistrat mit einer Untersuchung beauftragte Stadtrat: "Die zusammengedrängte Armut liefert ein Bild des jammervollsten Elends“, doch ändern tat sich nichts. Ein anklagendes Buch der Schriftstellerin Bettina von Arnim ("Dies Buch gehört dem König", 1843) bekam mehr öffentliche Aufmerksamkeit, änderte aber nur wenig an den Zuständen. In den 1870er Jahren wurden die Wülcknitz‘schen Familienhäuser schließlich wegen heruntergekommener Bausubstanz abgerissen.

Bettina von Arnims Armutsbericht erschien anonym, aber jeder wusste, wer ihn geschrieben hatte. Das Buch war inhaltlich nicht geschlossen, wirkte mehr wie ein Fragment, war aber durch die darin geschilderten Fakten brisant. "Die Häuser sind in viele kleine Stuben abgetheilt, in 400 Gemächern wohnen 2500 Menschen. Kreuzweis wird durch die Stube ein Seil gespannt, in jeder Ecke haust eine Familie. Bewohner gehen barfuß und in Lumpen gehüllt, die Kinder gehen nackt". Die Stuben dienen nicht nur zum Wohnen, Kochen und Schlafen, sondern auch zum Broterwerb in Heimarbeit, sogar Webstühle standen in den engen Räumen.

Bettina von Arnim hatte Wahrheiten ausgesprochen, die man als Untertan nicht ohne weiteres sagen darf. Es war die erste Sozialreportage der deutschsprachigen Literatur. In Bayern war das Buch wegen Majestätsbeleidigung verboten, und in Preußen nannte es der Innenminister "eine der gemeingefährlichsten Schriften wegen des darin gepredigten heillosen Radikalismus". Der König bedankte sich mit einer kurzen ironischen Notiz ("ich habe Ihr Buch empfangen"). Geschehen ist ihr nichts, wohl wegen ihrer Prominenz.

Die Grundstücke der Wülcknitz‘schen Familienhäuser in der Gartenstraße 108-111 wurden in den 1870er Jahre neu bebaut mit "typischer kleinbürgerlicher beziehungsweise proletarischer Mietshausarchitektur". Drei dieser späteren Bauten blieben bis heute erhalten.

"Familienhäuser" Meyers Hof
Auch die Bauten von Meyers Hof in der Ackerstraße wurden als "Familienhäuser" bezeichnet, waren aber trotz ihrer hohen Bewohnerzahl keine Mietskasernen. Sechs Gebäuderiegel waren auf einem tiefen Grundstück im Abstand von jeweils 10 Metern hintereinander gestaffelt, wo sonst nur für das Wenden der Feuerspritze 5,34 Meter Abstand eingehalten wurde. Es gab keine einrahmenden Seitenflügel, der Blick von der Straße aus zeigt mehrere hintereinander gestaffelte Innenhöfe, die voll belichtet sind. Meyers Hof hatte eine hauseigene Wasserversorgung und die übliche soziale Differenzierung der Wohnungen: Vorderhaus mit Neorenaissance-Fassade und großen Wohnungen für besser gestellte Mieter, Hinterhäuser mit eigenen Treppenhäusern mit kleinen Wohnungen für Arbeiter und Handwerker.

Meyers Hof - in den 1870er Jahren erbaut - hatte mehr als 250 Wohnungen, mehrere Werkstätten und Gewerbebetriebe, darunter eine Bäckerei und eine Badeanstalt mit großer Uhr. Und es gab einen "stillen Portier", ein in Berliner Mietshäusern übliches Verzeichnis der Hausbewohner, das man im Hausflur finden konnte. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt: "In den Höfen herrscht das Leben einer Straße; Kinder spielen fröhlich umher, Werkstätten von jeglicher Beschaffenheit sind in vollem Betrieb, und Frauen, welche Grünkram und Obst feil halten, sitzen an den Ecken". 36 Jahre lang war Meyers Hof in Familienbesitz, dann wurde er zum Spekulationsobjekt, zur heruntergekommenen riesigen Mietskaserne, zur "Hochburg des proletarischen Milieus". 1972 wurden die Häuser gesprengt, machten der Ernst-Reuter-Siedlung Platz.

Stadtbad Mitte
"An dieser Stelle wurde 1880 der Grundstein für die erste Berliner Volksbadeanstalt gelegt, gestiftet von James Henry Simon, Kaufmann, Kunstsammler und Mäzen". Diese Gedenktafel am Stadtbad Mitte verweist auf den großzügigen Spender, den man in Berlin kaum noch vorstellen muss, seit das neue Entree zum Museumsviertel als James-Simon-Galerie eingeweiht worden ist. Der Baumwollhändler James Simon war einer der wohltätigsten Berliner Kunstmäzene und zugleich ein freigiebiger Philanthrop. Er finanzierte Ausgrabungen in Ägypten, schenkte zu Lebzeiten den Berliner Museen die Nofretete-Büste und mehrere hundert Sammlungsstücke. Rund ein Drittel seiner Einkünfte spendete er für wohltätige Zwecke, für die Armen und Bedürftigen und unterstützte wohltätige Vereinigungen.

Volksbadeanstalten wurden nicht nur zum Schwimmen, sondern auch für die Körperhygiene eingerichtet. Zu Zeiten, als viele Wohnungen noch kein Badezimmer hatten, waren Duschen und Wannenbäder wichtig, "welche den unbemittelten Volksklassen die Wohlthat gesundheitsfördernder Reinigungsbäder gewähren sollen". Das Stadtbad Mitte hatte 46 Duschzellen, 80 Wannenbäder und 20 medizinische Bäder. Die Anlage besteht aus drei Bautrakten, von denen einer heute durch eine ambulante Reha benutzt wird, die auch Zugang zum Hallenbad hat.


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Ein verschollenes Varietétheater und Ballhaus
Ein Projektentwickler, der mit seiner Tochter im Stadtbad Mitte schwimmen ging, hatte die richtige Eingebung, als die Hoftür des benachbarten Backsteingebäudes offenstand. So wurde hinter Bauschutt, Müll und toten Tauben das Varietétheater und Ballhaus "Kolibri-Festsäle und Kabarett" wiederentdeckt. Das Kreuzgewölbedecke des Saales war auf den Boden gestürzt, aber das geschnitzte Treppengeländer, die Wandmalereien, der Saal mit Bühne und Empore. die Ornamente und Stuckreliefs erinnerten daran, dass sich hier 1905 ein Ballhaus etabliert hatte. Der Architekt Oscar Garbe hatte den Saalbau errichtet. In Sichtweite, nur einen Steinwurf entfernt, steht die von ihm gebaute Erlöserkirche.

Nach der Entdeckung hat der Projektentwickler das Ballhaus restauriert und Ausstellungsräume, Studios und Apartments darin geschaffen. Mit Hintersinn nennt er sein Ensemble einen "Secret Garden".
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(*) Die Tore der Torstraße: Oranienburger, Hamburger, Rosenthaler, Schönhauser und Prenzlauer Tor.
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Unsere Route:
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Hier frisst die Katze keine Mäuse