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Bewegung unter der Straße


Stadtteil: Mitte
Bereich: Molkenmarkt, Museumsinsel
Stadtplanaufruf: Berlin, Molkenmarkt
Datum: 12. Juli 2021
Bericht Nr.:741

Zwei ganz unterschiedliche Vorhaben durchpflügen den Boden in Berlin Mitte: Der Bau der U-Bahnlinie U 5 mit dem Bahnhof Museumsinsel und die Ausgrabungen der Archäologen am Molkenmarkt. Beide sind nur gut 400 Meter voneinander entfernt.

U-Bahnhof Museumsinsel
Die Decke des Untergrundbahnhofs wölbt sich von Schiene zu Schiene. Sie bildet einen unendlichen Sternenhimmel; in dem ultramarinblauen Himmel glimmen lauter kleine Lichtpunkte. So vergisst man, dass der Bahnhof eigentlich nicht das Ziel der U-Bahnfahrt war. Es ist das "würdige Entree für das Weltkulturerbe Museumsinsel". Doch, aufgewacht aus dem Traum - der gerade feierlich eröffnete Bau bleibt hinter den Erwartungen zurück, die man in ihn setzen könnte.

Bautechnisch wäre es möglich gewesen: Ein U-Bahnhof mit tonnenförmigem Gewölbe ist bereits vor mehr als hundert Jahren gebaut worden - der Bahnhof Märkisches Museum. Da die ausfahrenden Züge die Spree unterqueren, musste der Haltepunkt für damalige Verhältnisse sehr tief unter Straßenniveau angelegt werden. Das gab dem U-Bahnarchitekten Alfred Grenander die Möglichkeit, die Station mit einer großen und geräumigen Halle und einem Korbbogengewölbe auszustatten. So wurde dieser Bahnhof zu einem "Zeichen der Stadtbaugeschichte Berlins". Der Bahnhof Museumsinsel, er liegt ebenfalls unter Spreeniveau, hätte ihm ebenbürtig werden können, doch wie ist diese Station gestaltet?

Sternenhimmel hinter den Arkaden
Alle sprechen von "dem" Sternenhimmel, "der" Decke - in Einzahl. Tatsächlich sind es zwei Decken, die nicht miteinander verbunden sind, weder räumlich noch in einem gemeinsamen Blickfeld. Das liegt daran, dass die U-Bahnen in zwei getrennten Röhren ankommen und der Bahnsteig in deren Zwischenraum so hineingedrängt wurde, dass er beide Röhren optisch beiseite drängt. Damit nicht genug, fahren die Züge hinter einer 180 Meter langen Reihe von eckigen grauen Säulen, die vom Architekten zu "Arkadengängen" vor der Bahnsteigkante hochstilisiert werden. Oben über dem breiten inneren Bahnsteig füllen weiß verputzte Deckenfelder die von den Wandpfeilern vorgegebenen Rasterfelder aus. Es gibt keinen Versuch, die beiden Himmel miteinander zu verbinden.

Der Architekt Max Dudler schwärmt vom "unendlichen Sternenhimmel", doch die Einfahrten zu den Tunneln sind mit steinernen Torbögen markiert und setzen der Unendlichkeit eine sichtbare Grenze. Mit der Gestaltung der beiden Decken wollte Dudler den Architekten Karl-Friedrich Schinkel "unterirdisch" verewigen, denn "im 19. Jahrhundert wurde der ganze Stadtraum von Schinkel geprägt". Das könnte sprachlich misslungen sein, denn "unterirdisch" bedeutet nicht nur unter der Erde, sondern im übertragenen Sinn auch "schlecht, miserabel". Dudler hat sich von Schinkels Himmelsentwurf für die "Zauberflöte", Palast der Königin der Nacht, inspirieren lassen. 6.662 LED-Sterne funkeln in den beiden Bahnhofsdecken. Da das als Beleuchtung nicht ausreicht, wurden die Himmel unauffällig um nach unten leuchtende Strahler ergänzt.

Die Station liegt direkt unter dem Spreekanal, knirsch an der Kante der Schlossbrücke. Vier Zugänge vor dem Humboldtform, dem Kronprinzenpalais und dem Zeughaus. Kommt man aus dem Bahnhof ans Licht, dann lässt die zurückhaltende Gestaltung der Ausgänge die historischen (oder historisierenden) Fassaden der Bauten als perfekte Inszenierung wirken. Allerdings: Zwischen dem Bahnhof in 16 Meter Tiefe und der Oberfläche gibt es unter jedem Ausgang eine Verteilerebene mit teilweise verwinkelten Gängen. Sie sind mit grauem Granit verkleidet, die Decken weiß verputzt, vertikale Lichtbänder reihen sich aneinander. Uninspiriert, die Gänge waren wohl bei der Ausformung der Station nicht im Blick.

Rolltreppen stehen still
Von den 16 Rolltreppen des U-Bahnhofs standen schon nach wenigen Tagen fünf still - fast ein Drittel. Die Station sei damit "im Berliner Alltag angekommen", wurde im Hinblick auf Berliner Bau-Misserfolge gespottet. Doch die BVG hatte eine Erklärung; Mehrere Personen hätten die Fahrtreppen in falscher Richtung benutzt und deshalb die Lichtschranken veranlasst, in den Pannenmodus zu schalten. Warum sind die Fahrgäste rückwärts gelaufen? Ich weiß es aus China, dass dort in aller Frühe meist alte Menschen in den Parks gemeinsam Sport treiben und dabei Disziplinen wie Säbeltanz, T'ai Chi oder Rückwärtslaufen trainieren. Aber so viele sporttreibende Chinesen wird es auf der Berliner Rolltreppe nicht gegeben haben.

Und mir ist eine weitere Beobachtung vor Augen: Im vor kurzem auf dieser Linie eröffneten Umsteigebahnhof Unter den Linden liefen alle drei Rolltreppen in derselben Richtung - natürlich entgegen meinem Ziel. Die Idee, rückwärts zur Fahrtrichtung zu laufen, kam mir allerdings nicht. Ein Servicemitarbeiter, den ich ansprach, war ratlos und uninteressiert, er engagierte sich nicht, um das zu ändern. Da habe ich mit der S-Bahn ganz andere Erfahrungen gemacht: Kurz nach Öffnung des Bahnhofs Südkreuz stand ich auf einem Bahnsteig vor drei synchron nach unten fahrenden Rolltreppen, als ich nach oben wollte. Dort konnte sich die angesprochene Bahnhofsaufsicht hineinversetzen und änderte völlig unkonventionell die Fahrtrichtung einer Treppe mit ihrem Schlüssel.


Rückwärts durch die Jahrhunderte
Beim Bau der U5 kamen vor dem Roten Rathaus aus einem mit Bauschutt verfüllten Keller mehrere verloren geglaubte Skulpturen ans Tageslicht, die im Dritten Reich als "Entartete Kunst" verfemt waren. Bei ihren Grabungen arbeiten sich Archäologen gezielt Schicht für Schicht rückwärts durch die Jahrhunderte. Bis ins Mittelalter sind sie am Molkenmarkt vorgedrungen, haben an der Spandauer Straße die Grundmauern eines der ältesten Berliner Patrizierhäuser ausgegraben. Dabei kam ein Haus zutage mit dicken Kellermauern, die eine stattliche Gewölbekonstruktion getragen haben, immerhin überspannte sie 340 qm Grundfläche. Im Laufe der Zeit wurde das Stadtpalais mehrfach umgebaut, die mittelalterlichen Mauern wurden mit Feldsteinen, Ziegeln im Klosterformat und industriell hergestellten Ziegeln überarbeitet. Von der Innenausstattung sind nur wenige figürliche Bauteile wie Wappen und Köpfe erhalten geblieben.

Die geplanten öffentlichen Führungen durch das Ausgrabungsgelände wurden coronabedingt ins Internet gestellt und vom Landesdenkmalamt als virtuelle Rundgänge veröffentlicht. Hier kann man rückwärts in die Jahrhunderte gehen und die Zeitzeugen betrachten: Feldsteinmauern und Ziegelmauern, Keller und Abfallgruben, Maschinenhaus, Kabelschächte, Unterstation, Trafokammern, elektrischen Warenaufzug.

Palais Blankenfelde
Die Patrizierfamilie Blankenfelde war eine der ältesten Berliner Kaufmannsfamilien und Ratsfamilien. Johannes von Blankenfelde hat als erster seiner Familie 1280 das Amt des Bürgermeisters von Berlin übernommen. In mehreren nachfolgenden Generationen stellten die Blankenfeldes weiterhin die Berliner Bürgermeister. Das Wohnhaus der Blankenfeldes lag an der Spandauer Straße am Molkenmarkt. Aus Holz und Lehm erbaut, wurde es im August 1380 bei einem verheerenden Stadtbrand vernichtet wie fast alle anderen Bürgerhäuser auch: "O du teures Berlin, in Asche versank deine Schönheit, Dreizehnhundert und achtzig, an St. Tiburtii Tag", schrieb ein Chronist. Der von Paul von Blankenfelde in Auftrag gegebene Nachfolgebau aus Backstein, ein "Haus mit starken Mauern und Pfeilern" und Kreuzgewölben, konnte 1390 bezogen werden. Mehr als 500 Jahre stand das Haus, diente 230 Jahre lang den Blankenfeldes und danach anderen Familien als Wohnhaus, bis es 1889 abgerissen wurde.

Elektrizitätswerk Spandauer Straße
Das Palais Blankenfelde war von den Berliner Elektrizitätswerken aufgekauft worden. Sie ließen es abreißen, um mitten in der verdichteten historischen Innenstadt ein Elektrizitätswerk zu errichten. Die "Centralstation Spandauer Straße" wurde in den Neubau eines Geschäftshauses integriert, der architektonisch der umliegenden Bebauung angeglichen war. Energie für die Großstadt wurde hinter einer bürgerlichen Fassade produziert. Der elektrische Warenaufzug, den die Archäologen im Keller vorgefunden haben, war gleichzeitig neuzeitliche Ausstattung des Geschäftshauses und Anschauungsobjekt für die neue Technik Elektrizität.

Das Elektrizitätswerk bestand aus einer tief gegründeten, mehrstöckigen Maschinenhalle mit vier Generatoren. Die obere Halle wurde durch sehr hohe Bogenfenster belichtet. Ein Rohr- und Kabelkeller schloss sich an, von dort aus durchzog ein unterirdischer Kabel- und Leitungsstrang das ganze Quartier bis zum Hackeschen Markt, Alexanderplatz und der Jannowitzbrücke. Die Dampfkessel im Obergeschoss für den Antrieb der Generatoren wurden mit Steinkohle befeuert, die durch einen Kohlenaufzug in das Obergeschoss befördert wurde. Ein Tiefbrunnen mit Saugrohr diente zur Förderung von Grundwasser, der Wasserbehälter stand neben dem Dampfkessel.

Mehrfach wurde das Elektrizitätswerk dem technischen Fortschritt folgend umgestaltet. Zunächst wurde eine Unterstation eingerichtet, die den angelieferten Strom von Gleichstrom zu Wechselstrom oder umgekehrt umformte. Dazu wurde zugunsten der Umformung die eigene Stromerzeugung im Gebäude aufgegeben. Ab 1919 entstand ein komplettes Umspannwerk, das mithilfe von mehreren Transformatoren den mit höherer Spannung vom Kraftwerk bezogenen Strom auf niedrigere Spannung umformte.

Bau eines Luftschutzbunkers
Wenn man die Wände eines Hauses baulich zusammenhalten will, verwendet man einen Ringanker oder Zuganker, die die Funktion eines Spanngurtes haben. Dass bei der Ausgrabung ein Zuganker zutage kam, ist ein Erbe des Zweiten Weltkriegs. An den Geschäftskeller angrenzend war ein Luftschutzbunker eingerichtet worden. Eine eingerammte Spundwand sicherte den Bau, die Spundwand selbst wurde mit Zugankern aus Rundstahl an Kellerpfeilern des Hauses befestigt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Grundstück geräumt, die Keller des ehemaligen Elektrizitätswerks wurden 3 Meter tief mit Bauschutt verfüllt. Ein Parkplatz nahm den Platz des ehemaligen Patrizierhauses ein. Auch nach der aktuellen Ausgrabung wird dieses Geschichtsbuch unter der Erde wieder verschlossen. Nach der Beseitigung der überdimensionierten DDR-Straßenverläufe wird das Bodendenkmal unter der Fahrbahn der neuen Grunerstraße liegen.
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Vom Stadtwald zur Wüste Sahara