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Schwerer Körper mit federleichter Seele


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Zwischen Fehrbelliner Platz und Bundesallee
Stadtplanaufruf: Berlin, Güntzelstraße
Datum: 31. März 2021
Bericht Nr.:730

In einer Stadt, deren Straßen überwiegend in einem Rastergrundriss organisiert sind, bildet die kreisförmige oder halbkreisförmige Umbauung eines Platzes eine außergewöhnliche Raumfigur. Um Vorgänger für diese Gestaltung des Stadtraums zu finden, muss man nicht zum Petersplatz oder dem Platz des Volkes (Piazza del Popolo) in Rom zurückblicken, auch der Mehringplatz wurde bei der Berliner Stadterweiterung 1734 als "Rondell" erbaut. Der Fehrbelliner Platz sollte schon in den 1920er Jahren - als die Gegend noch weitgehend unbebaut war - in Form eines Hufeisens angelegt werden. Erst in der NS-Zeit wurde er wirklich bebaut, dann aber in einem Halbkreis im Süden mit Öffnung zum Preußenpark. Dabei ist eine architektonisch zusammenhängende Anlage aus dem Dritten Reich erhalten geblieben, die weiterhin als Verwaltungszentrum genutzt wird, für das Rathaus Wilmersdorf und für Senatsverwaltungen.

Von unterschiedlichen Architekten wurden drei Baukomplexe geschaffen, die den Platz mit halbrundem Schwung einfassen. Durch gleiche Traufhöhen, vergleichbare Baumassengliederung und Verkleidung mit Natursteinen werden die Gebäude als Einheit wahrgenommen. Zwei Baukomplexe erstrecken sich mit Seitenflügeln weit in die Tiefe und umfassen jeweils zwei Höfe. Dem Halbkreis am Hohenzollerndamm gegenüber baute Karstadt 1935 auf einem rautenförmigen Grundstück (Haus-Nr.1) ein Verwaltungsgebäude, das auf den Halbkreis der Gebäude im Süden nicht reagiert.


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Das Haus der Nordstern-Lebensversicherung auf dem Grundstück Haus-Nr.2 nimmt mit seiner geschwungenen Fassade fast die Hälfte der halbkreisförmigen Platzumbauung ein. Die Fensterumrandungen sind durch waagerechte und senkrechte Fassadenelemente miteinander verkettet, diese Form wird als Textilmuster assoziiert. In der Eingangshalle befindet sich eine ungewöhnlich moderne Fahrstuhlanlage: Der Lift fährt in einem Glaszylinder, der freistehend im Raum platziert ist.

Der Bau der Reichs-Getreidestelle (Haus-Nr.3) reicht nur mit einer schmalen Fassade an den Platz heran, mit einer leichten Rundung fügt er sich in die Platzfigur ein. Der dritte Gebäudekomplex im Platzrund (Haus-Nr. 4) gehörte der Deutschen Arbeitsfront, in der Gewerkschaften und Unternehmer zwangsweise organisiert waren. Während die anderen Bauten 1935 ausgeführt wurden, wurde das Haus der Arbeitsfront erst 1941 realisiert. Beton und Stahl standen als kriegswichtiges Material nicht für den Bau zur Verfügung, deshalb musste Stein auf Stein gebaut werden, während die früheren Bauten Stahlbetonkonstruktionen sind.

Reichs-Getreidestelle
Die Lebensmittelbewirtschaftung ist eine typische Begleiterscheinung eines Krieges. Bereits während des Ersten Weltkriegs gab es Schwierigkeiten, die Ernährung der Zivilbevölkerung sicherzustellen. Ein Sachverständigengutachten von 2011 spricht von "ernährungswirtschaftlichem Chaos, dem bald auch Hungersnöte folgten". Ein Kriegsernährungsamt wurde eingerichtet, zu dem auch die "Reichsstelle für Getreide, Futtermittel und sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse" gehörte. Mit Höchstpreisen, der Streckung von Lebensmitteln und Massenspeisungen versuchte man, den Mangel zu verwalten. Als Futtermittel knapp wurden, griff man zu Zwangsabschlachtungen von Schweinen ("Schweinemord") und Rindern.

Gleich nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurde der "Reichsnährstand" gegründet, alle Erzeuger und Marktteilnehmer wurden in Hauptvereinigungen und Marktverbänden zwangsvereinigt. Reichsstellen regelten den Agrarmarkt, für Getreide war das die Reichsgetreidestelle, die ihr Verwaltungsgebäude 1935 am Fehrbelliner Platz errichten ließ. Mit "Erzeugungsschlachten" sollte die Produktion gesteigert werden. 1936 wurde die Landwirtschaft mit einem Vierjahresplan unter staatliche Kommandowirtschaft gestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Reichsnährstand zum Teil der Kriegswirtschaft, auch die eroberten Gebiete wurden zur Versorgung der deutschen Bevölkerung herangezogen. Lebensmittelkarten verwalteten den Mangel unter der deutschen Bevölkerung.

Sieben Schwaben
In einem derben Schwank gehen sieben Schwaben mit einem Spieß gegen einen Hasen vor, den sie für einen Drachen halten. Die auf dem Mittelstreifen des Hohenzollerndamms aufgestellte Metallplastik gleichen Namens wurde für gefährlicher gehalten, weil Fußgänger in die Lanze laufen oder vom Weg abkommende Autofahrer durchbohrt werden könnten. Deswegen hat man sie erst vom Fußgängerbereich weg auf den Mittelstreifen gestellt und gegen verirrte Automobile auch noch mit einem Sockel gesichert. Ob das Kunstwerk uns den Spiegel vorhalten soll oder unsere Überlegenheit gegen die Dummheit kundtut, bleibt verborgen, schließlich hat man das 1981 aufgestellte Bildhauerwerk eines weitgehend unbekannten Künstlers längst als Teil des Stadtbildes eingeordnet und hinterfragt es nicht mehr.

U-Bahnhof Fehrbelliner Platz
Der U-Bahnhof Fehrbelliner Platz hat ein Janusgesicht, seit die U-Bahnlinie der wohlhabenden Stadt Wilmersdorf von der Nachkriegslinie nach Spandau gekreuzt und unterfahren wird. Der 1913 eröffnete Untergrundbahnhof hat eine Kassettendecke und Pfeiler, die mit Keramik verkleidet sind. Das Stationsschild besteht aus Mosaiksteinchen.

Der neue U-Bahnhof, den der Berliner Stadtbaurat Rainer G. Rümmler 1971 auf den Platz gestellt hat, ist keine Nachkriegsmoderne mehr und noch keine Postmoderne, die sich erst in den 1980er Jahren entwickelte, es ist eher Pop-Art, wie Rümmler sie gern verwendete. Knallige Farben und plastische Formen machen daraus ein Bauwerk mit Signalwirkung, den Uhrenturm haben die Berliner "Bohrturm" getauft.


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Güntzelstraße
Vom Fehrbelliner Platz kommend, mäandern wir an der Güntzelstraße entlang bis zur Bundesallee. Dabei kommen Bewohner in den Blick wie Marcel Reich-Ranicki, dessen "Heimat die Literatur" war. Als Schüler wohnte er in der Güntzelstraße und ging in der Emser Straße zur Schule, wo er "als einer der letzten jüdischen Schüler des damaligen Fichte-Realgymnasiums für Jungen 1938 sein Abiturzeugnis erhielt".

In der Güntzelstraße befindet sich auch eine Metalltafel zum Gedenken an Günter Bruno Fuchs, der von der Kreuzberger Chronik liebevoll so charakterisiert wird: "In seinem schweren Körper regierte eine federleichte Seele, gleichberechtigt neben ernsten Gedanken beherrschten kindische Flausen, Melodien und einfache Reime das Werk des Dichters und Malers".

An der Landhausstraße stand bis zur Kriegszerstörung eine Schwedische Kirche - Svenska Kirken. Dort erinnert eine Gedenktafel an den schwedischen Prediger Birger Forell, der sein Leben den Menschen gewidmet hat, die unter Verfolgung litten, gleich in welchem System. In der NS-Zeit half er zusammen mit der Bekennenden Kirche vom Staat verfolgten Menschen. Der Weltkirchenrat bestimmte ihn zum Seelsorger für deutsche Kriegsgefangene. In der Nachkriegszeit arbeitete er in der Flüchtlingshilfe.

Der Preußenpark gegenüber dem Fehrbelliner Platz mit dem Seniorenspielplatz und dem Thai-Treff war bereits früher Ziel eines Spaziergangs. Bei einer anderen Begehung hatten wir am "Schulpalast bei Berlin" Gasteiner Ecke Uhlandstraße das "Fünfte Element" entdeckt, mit dem der Gemeindebaurat Otto Herrnring die Bedeutung der Elektrizität hervorgehoben hat. Unser heutiger Stadtrundgang führt uns bis zu dem von Willy Kreuer 1960 erbauten ADAC-Haus an der Güntzelstraße Ecke Bundesallee, einem Bau der Nachkriegsmoderne.

Großgaragenanlage Nassauische Straße
Bei den Bauten blieb uns leider die Großgaragenanlage in der Nassauischen Straße verschlossen. Wie der Schrammblock hier im Bezirk war die 1929 erbaute Anlage ein Wohnhaus mit Garagen. An dem fünfgeschossigen Wohnbau gibt es zwei Toreinfahrten, von denen aus die zwei Parkebenen im Keller und im Hochparterre erreicht werden können. Der Garagenteil erstreckt sich bis in das Grundstück und ragt mit der oberen Parketage deutlich aus dem Boden heraus. Er hatte Platz für 170 Wagen und eine Tankstelle.

Garagen begleiteten die Motorisierung, mehrere hundert Garagenanlagen unterschiedlicher Größenordnung soll es in den 1920er Jahren in Berlin gegeben haben. Die Garagengebäude waren keine Parkhäuser, sondern ein Aufenthaltsort für die Automobile in verschlossenen Boxen mit Rundumbetreuung von Pflege, Wartung, Reparatur und Kraftstoff.

Postamt Wilmersdorf
Im Jahr 1907 bekam das Dorf Deutsch-Wilmersdorf die Stadtrechte, schied aus dem Kreis Teltow aus und wurde eine selbständige Stadt. Ab 1912 gehörte die Stadt dem Zweckverband an, der den Zusammenschluss aller Berliner Gemeinden zu Groß-Berlin vorbereitete, und durfte sich von da an Berlin-Wilmersdorf nennen. 1920 war es dann vorbei mit der selbstständigen Stadt, Wilmersdorf wurde ein Bezirk von Groß-Berlin.

Ein städtisches Rathaus und eine städtische Infrastruktur besaß Wilmersdorf bereits, zeitgleich mit der Stadtwerdung kam ein städtisches Postamt an der Uhlandstraße hinzu. Der Architekt Hermann Struve hat mehrere Postbauten in Berlin errichtet und dabei im Zeitalter des Historismus Stile wie Gotik, Renaissance, Barock zitiert, hier in Wilmersdorf Klassizismus, so dass das Erscheinungsbild seiner Bauten immer wieder wechselte. An der Uhlandstraße ist es ein Palasttypus mit Mansarddach und säulenbestandenem Portal, darüber ein Balkon mit stilisierter Balustrade. Die Reliefs über den Fenstern wie Gepard, Hahn, Gans sind Fassadenschmuck ohne zusammenhängende Aussage. Das Grundstück geht bis zur Pfalzburger Straße durch.

Architektur und Protzentum
In der Landhausstraße 13 öffnet sich ein Gebäude U-förmig um einen kleinen Vorhof, der zur Straße mit Säulen eingefasst ist. Mit dieser Lösung hat der Architekt Felix Bergmann 1910 auf das schmale Baugrundstück reagiert. Die klassizistische Fassade ist mit sparsamem Dekor versehen, die beiden Erker sind mit Kupfer verkleidet. Über dem obersten Gesims schwebt eine weitere Etage mit einer Dachterrasse.


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Über den Architekten Felix Bergmann gibt es wenig Informationen. Eine Vorstellung von seinem gestalterischen Ansatz gibt die Broschüre "Architektur und Protzentum", die er im Eigenverlag herausgab, "eine interessante kleine Veröffentlichung gegen die 'Stuckbeschwerung' der Gründerzeit und Plädoyer für eine Neue Baukunst". Offensichtlich geht es um zeitgenössische Architektur des Historismus, die zu Bauten führen konnte, die mit historischem Zierrat verschiedener Epochen überladen sind.
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Meeresgötter tragen Nymphen über das Fenn