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Geschichte kann man nicht erfinden


Stadtteil: Treptow
Bereich: Siedlung Plänterwald
Stadtplanaufruf: Berlin, Orionstraße
Datum: 13. Mai 2019
Bericht Nr.: 654

Ein ausgedehntes Waldgebiet, die "Cöllnische Heide", erstreckte sich früher links der Spree von der Berliner Schwesterstadt Cölln bis herunter nach Köpenick. Die Stadt dehnte sich aus, der Bedarf an Bauholz und Brennholz wuchs, der Wald wurde abgeholzt. Der Dammweg entstand als Knüppeldamm, durch Rund- und Kanthölzer befestigt, um Holz aus sumpfigem Gelände der Köllnischen Heide auf Spreekähne verladen zu können. Nur einzelne begrenzte Waldflächen blieben erhalten im Treptower Park, im Plänterwald und in der Königsheide. Die Neue Krugallee, der wir heute einen Teil des Weges folgen, ist auf der Westseite großstadtmäßig bebaut. Auf ihre Ostseite begrenzt sie das Waldgebiet, das durch "pläntern" zeitlos gehalten wird. Hier wachsen Bäume verschiedener Altersstufen, die einzeln und zu unterschiedlichen Zeiten gefällt werden.

Kunstmeile in der Siedlung Plänterwald
Die Siedlung Plänterwald sehen wir uns heute aus dem Blickwinkel der Kunstmeile an. Skulpturen und andere Kunstwerke kann man überall in der Stadt aufspüren, ohne dass sie in einem Reader zusammengestellt sind. Wie zu erwarten, sind im ehemaligen Ostbezirk Treptow vor allem Künstler mit Ost-Biografien tätig geworden, mit Bezug zur Kunsthochschule Weißensee als Studenten oder Dozenten. Spannend ist, welche weiteren Werke dieser Künstler wir schon bei anderen Stadtspaziergängen gesehen, fotografiert und dokumentiert haben.

Ingeborg Hunzinger
Unsere Kunstmeile beginnt bereits auf dem Vorplatz des S-Bahnhofs Plänterwald. In einer Grünanlage steht das Tanzende Paar von Ingeborg Hunzinger, einer Meisterschülerin von Fritz Cremer an der Kunsthochschule Weißensee. Sie war eine DDR-Künstlerin, die aber weder den Vaterländischen Verdienstorden noch den Nationalpreis der DDR annehmen wollte, weil sie das "ideologische Affentheater auf dem Gebiet der Kultur und die Bevormundung“ für unwürdig hielt. Mit dem Tanzpaar folgte sie dem Wunsch der DDR-Führung, verständliche Bilder von tanzenden und Sport treibenden Figuren zu schaffen. Ein weiteres Exemplar der Tanzenden steht in Potsdam.

Die Breite ihres Schaffens sieht man an zwei weiteren Skulpturen Hunzingers, die uns im Stadtbild begegnet sind. In der Rosenstraße erinnern Plastiken aus rotem Sandstein an die mutigen Frauen aus "Mischehen", die sich gegen die Nazis auflehnten, um ihre Partner vor der Deportation in Konzentrationslager zu schützen. Im Schlosspark Biesdorf sahen wir die Figur "Die Sinnende".

Stephan Horota
In der Galileistraße und Orionstraße war die Kunstmeile mit Suchen verbunden. Auf Anhieb standen wir vor den "Sieben Schwaben" von Stephan Horota, die ihre Hellebarde unübersehbar auf das Ärztehaus in der Galileistraße richten. Wir hatten die überlebensgroße Schwabengruppe am Fehrbelliner Platz vor Augen, die Hans-Georg Damm sieben Jahre später geschaffen hat und waren enttäuscht, das sie demgegenüber fast zwergenhaft erhöht auf einer Art Tischfläche marschierten.


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Im Prenzlauer Berg waren wir auf Horotas Skulptur "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" gestoßen und auf die "Spielenden Bären" am Helmholtzplatz.

Für zwei weitere Kunstwerke sind wir suchend umhergelaufen, haben Passanten befragt und schließlich Unterstützung gefunden bei einer Kindergärtnerin der Orion-Kita. Dort auf dem Spielplatz steht nämlich der "Elefant" von Eberhard Bachmann. Die Betreuerin hat sich für uns engagiert und umsichtig darauf geachtet, dass ihre Kinder nicht aufs Bild kommen. Zum Schluss hat sie uns auch noch den Weg zum "Bären" gewiesen, danke für so viel Zuspruch.

Eberhard Bachmann
Ganz am Bauzaun auf dem Kitaspielplatz versteckt sich der kleine "Elefant", seine Farbe ist ausgeblichen. Bachmann lehrte an der Kunsthochschule Weißensee Grundlagen des plastisch-räumlichen Gestaltens. Schweinepflegerin, Krankenschwester, Kindergärtnerin, Trümmerfrau waren Themen seiner Skulpturen aus der DDR-Anfangszeit. Im Park am Orankesee haben wir "Die Hockende" gesehen.

Gerhard Thieme
Der "Bär" von Gerhard Thieme versteckt sich ganz in der Nähe der Sieben Schwaben im Dickicht von Nadelbäumen. Auch er ist klein, eher ein Kuscheltier, vor dem im Zoo oder Tierpark die Besucher stehen bleiben und "Oh, wie süß" sagen würden. Das erlebt man ja gerade bei dem tapsigen jungen Eisbären.

Thieme war Meisterschüler bei Fritz Cremer an der Kunsthochschule Weißensee. Von Thieme stehen in Treptow seine Skulpturen Archimedes, Aufbauhelferin, Lesender Jüngling, Revolutionäre Kämpfer. Wir kennen aus Pankow seine Plastik "Kletternde Kinder" als "Tröpfelbrunnen".

Walter Lerche
Sollte man den Dammweg 1a nicht neben Hausnummer 1 finden? Das ist vielleicht eine gewisse Logik, aber nicht die Treptower Wirklichkeit. Überqueren Sie die Neue Krugallee, gehen 400 Meter in den Wald, dort finden Sie den Dammweg 1a mit der "Plansche im Plänterwald". Wieder ist es eine Anwohnerin, die uns weiterhelfen kann. So finden wir zum Sommerparadies für Kinder, einem der "101 großartigen Dinge, die Du in Berlin kostenlos erleben kannst". Der Zaun ist zu, Wasser wäre uns sowieso zu nass gewesen, aber wenigstens können wir den Brunnen mit den Seelöwen von Walter Lerche von Weitem in Aktion sehen.

Auf dem Weg zum Spielplatz Plansche kommen wir an einer Waldschule vorbei, die waldpädagogische Arbeit für kleine und große Berliner anbietet, um sie "mit dem Lebensraum Wald und seiner Bewirtschaftung vertraut zu machen." Insbesondere Kita-Gruppen und Schulklassen nutzen dieses Angebot.

Reinhold Felderhoff
Bei unserem letzten Besuch stand er noch da, der Fischerbrunnen neben dem Rathaus Treptow, heute finden wir dort nur eine Baustelle. Aber der Brunnen kommt wieder und die Grünanlage drumherum wird neu gestaltet. Mit Reinhold Felderhoff, der die Skulptur geschaffen hat, sind wir von den Künstlern der DDR-Zeit zur Berliner Bildhauerschule der Kaiserzeit zurückgegangen. Felderhoff war Meisterschüler von Reinhold Begas und Mitglied der Künstlergruppe Berliner Secession sowie Professor an der Preußischen Akademie der Künste.

Auf der Siegesallee hatte Felderhoff eine "Puppe" gestaltet, den Brandenburger Markgrafen Johann II. Am Eckhaus Markgrafenstraße/Mariendorfer Damm befindet sich ein Relief, das Felderhoffs Standbild wiedergibt, aber wohl nicht von ihm gestaltet wurde.

"Unpolitischer Heimatstil" von Arthur Wellmann
Ein 800 Meter langer Wohnkomplex an der Köpenicker Landstraße mit knapp 500 "Arbeiterwohnstätten" aus den 1930er Jahren ist von der Straße zurückgebaut. Hier sind wir beim Kunstschaffen der Nazizeit angekommen. In den Vorgärten stehen "unpolitische Plastiken im Heimatstil" von Arthur Wellmann, denen man ihre Entstehungszeit deutlich ansieht.

Vor dem Hauptportal sieht man - aufgeteilt auf zwei Figurengruppen - Wellmanns Vorstellung von der deutschen Familie. In der Gruppe "Mann mit Kindern“ sind der Vater, eine Ziege und drei Kinder dargestellt. Die "Frau mit Karren“ dreht sich halb zu ihren vier Kindern um, das kleinste zieht sie in einem mittelalterlich wirkenden Karren. Das "unpolitisch" wird wie eine schützende Hand über diese Plastiken gehalten, weil Wellmann als überzeugter Nationalsozialist außerdem das erste (und einzige) antisemitische Denkmal Deutschlands geschaffen hatte.


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Es war eine nackte Männergestalt, die “den nordischen Kämpfer darstellte, wie er den Streithammer auf den Schädel eines Drachens niedersausen lässt.” Dargestellt war ein Mann, der mit einem schweren Hammer ein echsenähnliches Fabelwesen tötet, mit dem "der Jude" gemeint war. Diese Skulptur wurde 1935 in Gegenwart von Propagandaminister Goebbels und der Fotografin Leni Riefenstahl an der Lindenthaler Allee am Flatowplatz eingeweiht.

Das völkische Denkmal ist natürlich nicht mehr vorhanden. Sollte es als kriegswichtiges Material noch von den Nazis eingeschmolzen worden sein, wie eine Quelle behauptet, wäre das so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. - Von Wellmann haben wir mehrere Plastiken in Neukölln in der Planetenstraße gesehen.

F wie Fichtesportplatz
In der Eichbuschallee erinnert eine Stele mit dem stilisierten Buchstaben "F" an den Arbeitersportverein "Fichte", dessen Sportplatz sich hier befand. Der Verein ist benannt nach dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte und hat eine Geschichte als "roter Sportverein". Als Arbeiter in der Kaiserzeit eigene Sportvereine gründeten, weil die bestehenden Organisationen ihnen zu nationalistisch waren, wurden sie als "sozialistische" Gruppierungen drangsaliert. Der Deutsche Ruderverband beispielsweise hat bis 1927 keine Mitglieder aufgenommen, "die als Arbeiter durch ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen". So blieb dieser Sport lange Zeit den höheren Schichten vorbehalten.

Andererseits hat der Arbeiter-Turn- und Sportbund selbst 1928 Anhänger der Kommunistischen Partei aus der Verbandsführung ausgeschlossen, so dass diese sich in einer "Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit" zusammenschlossen. Diesem "Rotsport" war der Verein "Fichte" angeschlossen, der größte Arbeiter-Turn- und Sportverein Deutschlands. Ernst Thälmann begrüßte 1930 in Erfurt eine Kundgebung der Arbeitersportler: "Unsere heutige rote Heerschau, unsere gewaltige Sportdemonstration, die der proletarischen Wehrhaftmachung dient, ist getragen vom Geiste des Sozialismus, getragen von der großen Idee, für die wir alle ringen und kämpfen".

Im Jahr ihrer Machtübernahme nutzen die Nazis den Reichstagsbrand, um "kommunistische staatsgefährdender Gewaltakte" abzuwehren. Sie lösten Verbände und Vereine der Arbeitersportbewegung auf. Der Fichte-Sportplatz wurde mit Wohnblöcken bebaut. Die DDR nutzte den Gedenkort, um "an revolutionäre Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung" zu erinnern. Auch ein Verein „zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde“, der die Diskriminierung von Ostdeutschen nach der Wende anprangert, legt an dem Sport-Denkmal Blumen oder Kränze nieder.

Die Karpfenjule und der Hauptmann von Köpenick
Es war eine Mesalliance: Der Hauptmann von Köpenick hat heiraten müssen, aber die Braut fühlt sich nicht wahrgenommen. Was war geschehen? 113 Jahre ist die Köpenickiade jetzt her, aber für die Touristen steht am Köpenicker Rathaus immer noch ein 70jähriger in der Uniform von damals bereit, um noch einmal die Stadtkasse zu beschlagnahmen. 1996 wurde der Hauptmann in Bronze gegossen und vor dem Rathaus aufgestellt.

Als abzusehen war, dass Treptow mit Köpenick zu einem Bezirk zusammengelegt wird, bekamen die Treptower Phantomschmerzen. Köpenick hatte den Hauptmann, und was hatten sie? Flugs erfanden sie die bessere Hälfte des Hauptmanns, die Karpfenjule und stellten sie als Skulptur vor das Rathaus Treptow. Hauptmann und Jule wurden verheiratet. Das war eine der blödsinnigsten Marketing-Ideen, die man sich vorstellen kann.


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Geschichte kann man nicht erfinden, auch im Fake-Zeitalter klappt nicht jede Täuschung. Die Karpfenjule soll eine Fischverkäuferin darstellen, "die für ihren Witz und ihre Lebensfreude bekannt war". Ein echtes Vorbild dafür gibt es nicht. Zudem ist "ihr" Karpfenteich im Treptower Park ein künstlich angelegtes Gewässer, die Karpfen wurden von umliegenden Gaststätten ausgesetzt. Kein Fischer hat hier je gefischt, keine Fischersfrau hier Karpfen verkauft. Und die sprachliche Nähe zur Harfenjule, die wirklich ein Berliner Original war, ist wohl auch kein Zufall.

Unser Rundgang geht zu Ende am Mauerdenkmal in der Kiefholzstraße, das an die in diesem Bereich von DDR-Grenzern getöteten Menschen erinnert, darunter zwei Kinder. Kleingartenanlagen flankieren die Straße, von Neukölln grüßt die "Weiße Siedlung" herüber. Auch die S-Bahn auf der Treptower Seite hat man direkt im Blick, aber die Kleingärten erlauben keinen Zugang zum Bahnhof, den man erst nach einem Umweg über den Dammweg erreicht.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Dorfanger ohne Dorf, Rathausstraße ohne Rathaus