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Einflugschneise


· Bezirk: Reinickendorf
Bereich: Reinickendorf-West
Stadtplanaufruf: Berlin, Kurt-Schumacher-Platz
Datum: 9. April 2018 (Update zu 26. Juni 2006)


Alle sprechen vom Flughafen Tegel, auch wir erheben das Wort aus der Sicht der Flaneure. Im Mai 2012 hatten wir uns aufgemacht, um vor der Schließung des Airports die letzten Landungen mit der Kamera einzufangen - dachten wir. Zwei Tage später war klar, dass es noch nichts wird mit Schönefeld. Und jetzt im April 2018 sind wir nochmal hier, um einen anderen Spaziergang von 2006 nördlich der Scharnweberstraße zu aktualisieren.

Die Flugzeuge, die den Kurt-Schumacher-Platz immer noch im Sinkflug ansteuern, sind nur wenige hundert Meter von der Landebahn des Flughafens entfernt. Der Lärm ist hörbar und körperlich spürbar. Auch wegen des Autoverkehrs lädt der Platz nicht zum verträumten Verweilen ein. Die großen Center wie bauhaus (ehedem Praktiker) passen gut zu diesem unbehausten Ort.

Wohnblöcke nördlich der Scharnweberstraße
Der Bereich Reinickendorf-West nördlich der Scharnweberstraße bis zur Auguste-Viktoria-Allee wurde um 1900 von verschiedenen Grundbesitzern erschlossen. Die meisten Straßen im Quartier sind nach ihnen benannt. Der Grundeigentümer Hechel, ein "Rentier", überließ der Segenskirche das Baugrundstück kostenlos, hier konnte 1892 mit Unterstützung des Evangelischen Kirchenbauvereins und der Kaiserin Auguste Victoria ("Kirchen-Juste") ein neugotisches Gotteshaus eingeweiht werden.

In den 1920er Jahren bebauten gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften die brachliegenden Flächen mit Wohnblöcken, wobei Platz blieb für Grünflächen und durchgrünte Innenhöfe. An einzelnen Wohnblocks sieht man dekorative Verspieltheit wie Klappläden, holzverkleidete Erker und Balkons mit Korbgittern. In der General-Woyna-Straße hat der Architekt Hans Kraffert aus der Fassade direkt unterhalb der Traufe flach hervorspringende Flächen mit Flieseneinsätzen geschaffen. Diese "Flacherker" haben nur schmückende Funktion, sie sind wie erhabene Umrandungen der von ihnen eingefassten Fenster.


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Hans Kraffert war Vorstandsmitglied der Berliner Baugenossenschaft, die diese Wohnanlage errichtet hat. Auch die Wohnanlage Ilsenhof in Neukölln hat Kraffert für die Baugenossenschaft entworfen. In der Graf-Haeseler-Straße hat der Architekt Franz Fedler - der bei anderen Bauten mit Kraffert zusammengearbeitet hat - mehrere Wohnhäuser mit streng vertikal gegliederten Fassaden gebaut. Dabei wirken die vertikalen Klinkerbänder durch gegeneinander versetzte Steinlagen wie ein expressionistisches Ornament.

Berenhorststraße
Anders als die Gutbesitzerstraßen bekam die Berenhorststraße ihren Namen erst 1937, als hier eine Einfamilienhaus-Siedlung geplant wurde. Berenhorst war ein unehelicher Sohn des "Alten Dessauers" (Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau), dessen segensreiche Erfindung des militärischen Gleichschritts ich schon mehrfach gewürdigt habe. Berenhorst war Adjutant Friedrichs des Großen, später in Dessau Finanzverwalter des fürstlichen Grundbesitzes und Prinzenerzieher. Zum Schluss wurde er zum Kritiker des preußischen Militärsystems und veröffentlichte anonym seine "Betrachtungen über die Kriegskunst".

Siedlung Gartenstadt Berenhorststraße
In der Berenhorststraße wurde 1937 eine Kleinhaussiedlung errichtet. Die freistehenden Einfamilienhäuser waren sehr gleichförmig - oder soll man sagen uniform: Satteldach, 3 schmale Fenster im Obergeschoss, 2 längliche Sehschlitze im Dachboden, Schornstein und Eingangstür jeweils an der gegenüberliegenden Hausseite, immer einmal links, einmal rechts angeordnet. Die Bauform mit Satteldach entsprach der von den Nazis geforderten "Deutschen Baugesinnung", mit der man "die völkische Eigenart" in der Architektur zeigte.


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Da offensichtlich keine Gestaltungssatzung greift, haben die Eigentümer im Laufe der Zeit die Zwischenräume zwischen den Häusern mit Garagen oder seitlichen Eingängen zugebaut, die Dächer mit unterschiedlichen, zum Teil glänzenden Ziegeln neu gedeckt, die schmalen Fenster zusammengelegt, die Sehschlitze zugemauert. Auch eine kunstbeflissene Bemalung von Garagentüren à la Miro finden wir.

Die Flugzeuge hängen über den Häusern, bevor sie zum Kurt-Schumacher-Platz wegtauchen. Wir kommen mit einer Anwohnerin ins Gespräch, die ihr ganzes Leben in dieser Siedlung verbracht hat. Sie berichtet über schwarze Schmiere auf den Gartenmöbeln, die sich ganz schwer entfernen lässt und über "Krebserkrankungen in jedem Haus". Aus veröffentlichten Berichten lässt sich das nicht nachvollziehen. Bekannt ist, dass durch die immer älter werdende Gesellschaft generell mehr Krebsdiagnosen als früher verzeichnet werden, weil davon hauptsächlich Menschen in höherem Lebensalter betroffen sind. Die Luftgüte wird vom Flughafen laufend gemessen. Dass beim "Betrieb eines Flughafens auch Schadstoffe freigesetzt" werden, wird nicht verschwiegen, die Messergebnisse sind im Internet nachlesbar.

Neubausiedlung Meller Bogen
In den 1970er Jahren hat die Charlottenburger Baugenossenschaft nördlich der Auguste-Viktoria-Allee eine Siedlung errichtet, die im Stadtgrundriss als unregelmäßige Figur mit mehreren abgewinkelten Armen sichtbar ist. Die Wohnungen wurden jetzt nach mehr als 40 Jahren durchgreifend modernisiert, die Wohnblocks gedämmt und mit Solaranlagen versehen. Ziel war auch ein "heiteres und modernes Aussehen". Für die gelungene Modernisierung hat die Genossenschaft mehrere Bauherrenpreise bekommen.

Friedhofscluster
Jenseits der Ollenhauerstraße liegt der Friedhof der Weddinger Dankesgemeinde. Er grenzt rückseitig an die Begräbnisstätten entlang der Humboldtstraße an. Mit deren Friedhöfen St. Sebastian, St. Hedwig III und dem städtische Friedhof Reinickendorf sowie dem Dorotheenstädtischen Friedhof III jenseits der Gotthardstraße findet sich hier ein Friedhofscluster vor der Grenze zu Wedding. Diese Konzentration ist ein Ergebnis der Randwanderung der Friedhöfe aus der Innenstadt heraus vor die Tore der Stadt.

Mark-Twain-Grundschule
Zum Schluss werfen wir noch einem Blick auf die Mark-Twain-Grundschule mit einem neugotischen Backsteinbau, der von der Auguste-Viktoria-Allee weit zurückgesetzt ist. Das erste Schulhaus von 1880 stand längs der Straße. 1906 wurde das heutige Schulgebäude als Erweiterungsbau im Innenhof erbaut. Bomben zerstörten den straßenseitigen Bau, so dass nur der Erweiterungsbau der Gemeindeschule von Reinickendorf-West als Unterrichtsgebäude verblieb.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein moderner Backsteinkubus, in den ein Bauteil mit Spitzbogenfenstern integriert ist, offensichtlich mit abweichender Stockwerksgliederung. Das Gebäude dient einer Kita der Segensgemeinde. Außerdem ist ein Theater- und Konzertsaal eingerichtet worden, finanziert durch eine private Stiftung. Der Saal befindet sich vermutlich hinter den Spitzbogenfenstern.


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Dieser Gebäudeteil mit den gotisch anmutenden Fenstern könnte ein Hinweis darauf sein, dass auf dieser Seite der Straße gegenüber der Schule ein weiterer neugotischer Bau stand, der entweder baulich einbezogen oder als Zitat nachempfunden wurde.

Setzen Sie den Spaziergang hier fort: Wind in der Stadtentwicklung

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Unsere Route:
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Berlins erstes Hochhaus
Russisch-orthodoxer Friedhof in Tegel bei Berlin