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Völkerwanderung in Neukölln


Stadtteil: Neukölln
Bereich: Körnerkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Jonasstraße
Datum: 15. November 2016
Bericht Nr: 569

Wenn man den alten Flughafen Tempelhof anflog, gab es einen makabren Running Gag: Die letzten Meter schwebte man über einem Friedhof ein, da hatte man es nicht weit zur Beerdigung, wenn das Flugzeug abstürzte. Gottlob sind hier im Linienverkehr keine Flugzeuge verunglückt. Den einzigen Unfall beim Anflug auf Tempelhof verursachte eine private Maschine, die es mit einem Motorschaden nur bis zur Neuköllner Karl-Marx-Straße schaffte und dort in einem Hinterhof zerschellte.

Friedhöfe an der Hermannstraße
Zwei Friedhöfe an der Hermannstraße, die direkt an den Flughafen Tempelhof angrenzen, waren mit "Runway Centre Line Lights" (Leuchtfeuern für die mittlere Landesbahn) ausgestattet. Die auf Masten angebrachte Befeuerung sollte die Piloten sicher zur Landebahn geleiten. Die Masten stehen heute noch, die Lichtsignale sind nicht mehr in Betrieb. Für deren Aufbau hatten 1948 Grabanlagen weichen müssen. Während der Berlin-Blockade standen auf diesen Friedhöfen Dutzende Berliner Kinder und warteten auf den Abwurf von Süßigkeiten aus den "Rosinenbombern".


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In der Hermannstraße nördlich der Ringbahn konzentrieren sich fünf Friedhöfe beidseits der Straße. Sie wurden um 1870 vor den Toren der Stadt angelegt, als in der wachsenden Luisenstadt und anderen Innenstadtquartieren die Begräbnisplätze knapp wurden. Davon sind nur noch die zwei Friedhöfe an der Ostseite der Hermannstraße in Betrieb. Wie kommt es zu diesem Friedhofssterben, die Bevölkerungszahl ist doch nicht rückläufig? Doch die Lebenserwartung ist gestiegen und die Bestattungsformen und -rituale haben sich extrem geändert. Es gibt Bestattungs-Discounter, es werden weniger Särge und mehr Urnen verbuddelt, für Bestattungen in Friedwäldern und für Seebestattungen braucht man keine Kirchhöfe. Kunstvolle Grabanlagen werden kaum noch hergestellt, billig importierte Grabsteine tun es auch.

Bei der Beerdigung in Gemeinschaftsgräbern braucht es weder Gedenkstein noch Bepflanzung oder Grabpflege, doch damit werden die Friedhöfe wenigstens zum Teil weiter genutzt. Auf den Friedhöfen entstehen durch diese Entwicklungen im Lauf der Zeit freie Flächen zwischen isolierten Grabsteinen, für die Pflege des ganzen Friedhofs fehlt das Geld. Das sind dann keine Orte der Besinnung mehr. Der Kirchhof der "Jerusalems- und Neuen Kirchen-Gemeinden", den wir kurz besucht haben, ist zu so einem Ort ohne Charakter geworden. Zwischen Hermannstraße und Flughafen liegen mit dem Jerusalem-Friedhof insgesamt drei Friedhöfe nebeneinander. Der Neue St.Thomas-Friedhof ist bereits aufgelassen und soll zum Park umgestaltet werden, zeitweise haben Anwohner ihn als Auslaufgebiet für ihre Hunde genutzt. Der Jerusalem-Friedhof und der Neue St. Jacobi-Friedhof stehen vor der Schließung, sie werden nur noch für Nachbeisetzungen verwendet.

Der Eingang zum Jerusalem-Friedhof zeigt, wie klamm die evangelische Kirche ist, dass sie jede nur mögliche Einnahmequelle nutzen muss. Der Zugang ist umrahmt mit Buden, die von "Trödel-Dödel" bis Asia-Imbiss reichen, das Eingangsportal verliert daneben seine erhabene Wirkung. Für die Friedhofskapelle auf dem Jerusalem-Friedhof hat die evangelische Kirche eine passende Nachnutzung gefunden. Für 30 Jahre ist das Gotteshaus an die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche verpachtet worden, die auch die Kosten für die bauliche Unterhaltung tragen muss. Das Gebäude ist jetzt "Kathedralkirche des Heiligen Zaren Boris des Täufers". Und noch eine orthodoxe Kirche hat Verbindung zu der Evangelischen: Gegenüber auf dem Neuen Luisenstädtischen Friedhof werden in einer Abteilung Bestattungen der syrisch-orthodoxen Gemeinde vorgenommen.

Kirchliches Zwangsarbeiterlager auf dem Friedhof
Auf ehemalige Zwangsarbeiterlager sind wir bei unseren Stadtrundgängen schon öfter gestoßen. Im Verlauf der Kriegsjahre mussten über eine halbe Million Menschen in Berlin zwangsweise arbeiten. Zuletzt bestanden in den Rüstungsbetrieben oft 80 bis 90 Prozent der Belegschaft aus zwangsarbeitenden Ausländern. Es waren Juden aus den Konzentrationslagern und Kriegsgefangene, die in der Stadt interniert wurden in wohl nahezu eintausend Lagern. Zuletzt bestanden in den Rüstungsbetrieben oft 80 bis 90 Prozent der Belegschaft aus zwangsarbeitenden Ausländern. Große Rüstungsbetriebe wie Rheinmetall Borsig in Tegel oder Knorr-Bremse in Marzahn hatten ihre eigenen Zwangsarbeiterlager.

Es fällt in der Nachkriegszeit erfahrungsgemäß schwer, sich dazu zu bekennen. So ist beispielsweise in Tegel ein "Historischer Ort" in einem ehemaligen Lager eingerichtet worden. Eine ausweichende Bezeichnung für den Gedenkplatz, der nicht spontan, sondern nur nach Anmeldung besucht werden kann. Anders verhielt sich die Evangelische Kirche, als sie sich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert sah. Sie hatte auf dem Jerusalem-Friedhof seit 1942 ein Barackenlager für 100 Zwangsarbeiter betrieben, die auf den Kirchhöfen von 42 beteiligten Gemeinden zur Grabpflege und zur Bestattung von Bombenopfern gezwungen wurden. Das Lager war als „kriegswichtig“ anerkannt, der Leiter war Angestellter des evangelischen Stadtsynodalverbandes. Wegen des angrenzenden Flugplatzes - einem Bombenziel - bestand Lebensgefahr, den Zwangsarbeitern war aber der Zugang zu Schutzräumen verwehrt.

Im Jahr 2000 bekannte sich der evangelische Landesbischof zu der unglaublichen Vergangenheit. Als unter ausgemusterten Grabsteinen und Abfallhaufen die baulichen Reste des Lagers sichtbar wurden, hat die Kirche eine Gedenkstätte geschaffen, die inzwischen auf den gegenüberliegenden St.Thomas-Friedhof versetzt wurde, weil er noch voll in Betrieb ist. Aus dem Blumenpavillon ist dort ein Informationspavillon geworden, ein Gedenkstein wurde an prominenter Stelle nahe dem Friedhofseingang aufgestellt. Aus der obersten Schicht des Steines hat der Bildhauer vorher 42 Einzelteile herausgearbeitet, beschriftet und an die betroffenen Gemeinden geschickt. Symbolisch war das ihr Teil der Schuld, die die gesamte Kirche sich aufgeladen hatte.

Flüchtlingsheim statt Zwangsarbeiterlager: Der hintere Teil des Jerusalem-Friedhofs mit Zugang von der Netzestraße soll aktuell mit zwei Wohnbauten für Flüchtlinge als Gemeinschaftsunterkünfte bebaut werden. Der Friedhof ist ja noch nicht aufgelassen, der hintere Teil ist aber frei von Gräbern, weil hier das Zwangsarbeiterlager stand und später ausgemusterte Grabsteine hier gelagert wurden. Man kann hoffen, dass der "Spiritus loci", der Ungeist des Ortes, sich nicht auf die neuen Bewohner überträgt. Makaber ist das schon, wenn ein Flüchtlingslager einem Zwangsarbeiterlager folgt.

Die Jonasstraße
Eigentlich hatte Gott den Propheten Jonas nach Ninive geschickt, um dessen Bewohnern das Strafgericht Gottes anzukündigen. Stattdessen machte Jonas sich mit dem Boot in entgegengesetzter Richtung aus dem Staube, wohl glaubend, damit dem Strafgericht und dem Zorn der Einwohner entgehen zu können. Aber ein gewaltiger Sturm brachte das Boot in Seenot. Die Seeleute ahnten, wem dieses Zeichen galt und warfen Jonas über Bord.

Der Prophet wurde von einem großen Fisch verschlungen, aber gottlob nach drei Tagen unversehrt wieder ausgespieen, so dass er geläutert seine Mission noch erfüllen konnte. Als wir heute in der Jonasstraße unterwegs sind, denken wir an diese Bibelepisode, doch "unser" Jonas auf dem Straßenschild hieß Ernst Wilhelm Karl Ehrenfried mit Vornamen und Jonas mit Nachnamen. Allerdings war er nicht ganz bibelfern, denn er arbeitete als Prediger an der Magdalenenkirche.


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In der Jonasstraße gibt es einen "Prachtsaal", der 1913 als Tanzsaal eröffnet wurde. Eine Tanzschule lässt sich im Hof dieses Hauses von zwei Bären bewachen. Jeder hält einen blauen Schild mit goldener diagonaler Wappenschärpe und einer seitlichen Einbuchtung für eine nicht vorhandene Lanze schützend vor sich, diese Berliner Wappentiere sind "Schildhalter“, die blaue Farbe verweist auf ihre Treue.

Auf dem Weg hierher kamen wir in der Emser Straße an der von Reinhold Kiehl gebauten Gemeindeschule entlang. Auch die Wohnanlage Ecke Kirchhofstraße wird ihm zugerechnet. Die Feuerwache um die Ecke in der Kirchhofstraße habe ich noch von einem früheren Spaziergang in Erinnerung: Wenn's bei der Feuerwehr brennt. Vor der Schule und der Feuerwehr hat die Künstlerin Christine Gersch Thron und Stuhl aufgestellt, übergroße Freiluftmöbel mit bunten Mosaiken. Ob die Feuerwehrmänner und Schüler in der Pause auf Thron und Stuhl Platz nehmen, wissen wir nicht.

Ilsenhof
Die Wohnanlage Ilsenhof war in den 1920er Jahren mit vier Innenhöfen an einer Privatstraße von der ältesten Berliner Wohnungsbaugenossenschaft - der bbg Berliner Baugenossenschaft - errichtet worden. Architekt war der Regierungsbaumeister Hans Kraffert, von dem unter anderem Bauten in der Künstlerkolonie am Südwestkorso und eine Wohnanlage in Reinickendorf stammen. Den Ilsenhof hatte er mit einer imposanten Sichtachse geplant: Über die Ilsestraße hinweg hatte man einen direkten Blick in den Körnerpark. Ein später in der Ilsestraße gebauter Wohnblock versperrt dieses Blickfeld. Auf einer Gedenktafel wird Krafferts Wohnanlage aus der Epoche des Reformwohnungsbaus als "bauliche und soziale Insel im Bezirk Neukölln" gewürdigt.

Körnerpark
Kies ist und war ein gefragter Baustoff, besonders in der Zeit der boomenden Bauwirtschaft während der Gründerzeit. Der Grundbesitzer Fritz Körner wusste, wo Kiesbänke unter seinem Gelände zu finden waren. An der Hannemannstraße in Britz und an der Jonasstraße in Neukölln betrieb er Kiesgruben, aus denen der grobkörnige Sand gefördert wurde. Doch was tun mit den ausgebeuteten Löchern? An der Hannemannstraße entstand 5 bis 7 Meter unterhalb des Straßenniveaus eine Kleingartenanlage.

An der Jonasstraße verwandelte Körner die ehemalige Kiesgrube in einen Garten und baute am Rand die Villa Clara als Sommersitz. Prähistorische Fundstücke aus der Kiesgrube sammelte er in seinem Privatmuseum oder gab sie an öffentliche Museen. Sein archäologisches Interesse war geweckt, er reiste nach Ägypten und veröffentlichte seinen Reisebericht im "Spreehund-Verlag". Als Gärtner züchtete Körner Äpfel, Tomaten und Riesen-Sonnenblumen. Mit seinem vorbildlichen sozialen Verhalten gegenüber Mitarbeitern und mit seiner Hilfe für Arme und Notleidende setzte er die Erfahrungen um, die er bei seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen mitbekommen hatte.

Seine größte Zuwendung ging an die Stadt Neukölln (damals noch Rixdorf): Er schenkte ihr 1910 kurz vor seinem Tod seinen Garten - die ehemalige Kiesgrube - mit dem Wunsch, dass sie dort einen Park für die Allgemeinheit anlegt. So entstand der Körnerpark mit Wasserspielen, einem Blumengarten und einer Orangerie. Bei unserem heutigen herbstlichen Besuch kommen die Wasserspiele vom Himmel, doch mit dem Herbstlaub wirkt der Park sehr stimmungsvoll, auch wenn an den Kaskaden die Krokodile mitsamt den auf ihnen reitenden Putten auf dem Trocknen sitzen.


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Der Neuköllner Reiter
Die Völkerwanderung verbinden wir - vereinfacht gesagt - mit den Goten, die vor den Hunnen nach Italien ausgewichen sind. Dabei sind natürlich viele Landstriche berührt worden. In Neukölln ist ein Aufsehen erregender Fund gemacht worden. Direkt neben der Kiesgrube wurde 1912 beim Straßenbau ein Reitergrab entdeckt. Dort war im 6.Jahrhundert in 2,50 Meter Tiefe ein Reiter mit seinem Pferd beerdigt worden. Der Tote, ein etwa 40 Jahre alter Mann, lag auf dem Rücken, er hielt ein Schwert quer über dem Körper, sein Ledergürtel war mit Eisenteilen beschlagen. Für die Reise ins Jenseits enthielt ein Tongefäß Eß- oder Trinkbares. Das Pferdeskelett war schon nicht mehr intakt, als es in der Gruft unten ankam.

In der Begeisterung für diese archäologische Sensation verlor ein zeitgenössischer Forscher ganz seine akademische Zurückhaltung, er schrieb: „Wer der Tote war, wir wissen's nicht. Kein Heldenbuch und kein Heldenlied verkünden seinen Ruhm. Selbst sein Name ist vergessen. Daß er kein gewöhnlicher Germane gewesen sein kann, erhellt aus der Tatsache, daß man einen solchen nicht mit einem damals in so hohem Preise gestandenen Rosse bestattet hätte. Gewiß ist er ein germanischer Heerführer gewesen, ein Held voll Mut und Tapferkeit. Ob er eines natürlichen Todes oder im Kampfe mit den barbarischen Slawen gefallen ist, konnte durch den Befund nicht festgestellt werden. Sicherlich haben ihn seine Getreuen mit seinem Leibroß tief in die Gruft auf dem bewaldeten Hügelgelände, dem später benannten Windmühlenhügel, unter Trauergesängen bestattet".

Nur 800 Meter ist die Jonasstraße lang, doch welche Zeugnisse alter und ganz alter Vergangenheit sind uns auf dieser Strecke begegnet! Wir beenden hier unsere Forschungen und wenden uns dem Flaniermahl zu. Im vertrauten Café Rix finden wir noch einen Tisch.

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Weitere Spaziergänge im Umkreis der Jonasstraße:
> Kiesgrube in Britz: Brüllender Löwe auf dem Dach
> Körnerpark im Schnee: Sein oder Haben-Wollen
> Feuerwehr und Ilsenhof: Wenn's bei der Feuerwehr brennt

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Der Maler und sein Modell