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Wind in der Stadtentwicklung


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Eichbornplan
Stadtplanaufruf: Berlin, General-Woyna-Straße
Datum: 26. August 2013
Bericht Nr: 432

Woher weht der Wind in der Berliner Stadtentwicklung? Diese Frage meine ich nicht politisch, sondern ganz gegenständlich: Wie hat die Windrichtung die Entwicklung der Stadt beeinflusst, ja sogar bestimmt? In Berlin weht der Wind hauptsächlich von West und Südwest. Als es noch keine Umweltschutzmaßnahmen gab und rauchende Schornsteine der Inbegriff des Fortschritts waren, wurden die Emissionen der Industrie Richtung Osten und Nordosten getragen. Gehobenes Wohnen fand im Westen und Südwesten Berlins statt, hier entwickelten sich die meisten Villenviertel und bürgerlichen Wohnquartiere. Komplementär dazu verlief die Randwanderung der Industrie nach Moabit, Wedding, Siemensstadt, Borsigwalde im Norden und Oberschöneweide im Südosten der Stadt. Die Wohnquartiere für die Arbeiter entstanden im Norden, Osten und Südosten, sie waren den Industrie-Emissionen ausgesetzt. Die aus dem aktuellen Mietspiegel abgeleitete Wohnlagenkarte zeigt deutlich die Konzentration der guten Wohnlagen Richtung Zehlendorf.

Nachhaltiges, ökologisches Bauen erfordert heute ein anderes Eingehen auf den Faktor Wind. Dabei geht es nicht nur um die Nutzung der Windenergie, sondern auch um die Städtebauphysik. Verschattung, Begrünung und Belüftung können Energie sparen helfen. Straßenfluchten, durch die der Wind jagt ("Düseneffekte"), verbrauchen unnötig Energie. Und zum Stadtklima gehört auch die Luftqualität. Die Wege des Windes, seine Lenkung und Strömung sind mit dafür verantwortlich, wie rein unsere Luft ist.

Vor allem muss sich die Stadtplanung mit den Klimaveränderungen durch die Erderwärmung auseinandersetzen. Berlin ist heute schon eine Wärmeinsel. Beton, Asphalt und Pflaster heizen sich tagsüber auf und geben die Energie nachts nur langsam ab; die Bebauung verhindert, dass der Wind frei zirkuliert. Der Temperaturunterschied zum grünen Umland kann bis zu mehreren Grad Celsius betragen. Mit einem "Stadtentwicklungsplan Klima" versucht Berlin, Ideen für ein Gegensteuern zu entwickeln.

Zurück zur historischen Stadtentwicklung mit der Konzentration guter Wohnlagen im Südwesten Berlins. Reinickendorf im Norden Berlins - wo wir heute unterwegs sind - war also eher ein Kandidat für Mietskasernen, tatsächlich sind hier aber auch anspruchsvolle Wohnblocks aus den Zeiten des Reformwohnungsbaus zu finden und sogar ein UNESCO-Kulturerbe wie die Weiße Stadt (1).

Spannend ist das Flanieren immer, aber heute sind wir regelrecht begeistert angesichts der Wohnbauten von Erwin Gutkind (2), die ein Karree an der Ollenhauerstraße umfassen. An der Front zur Ollenhauerstraße reichen zwei Gebäudeflügel bis an die Baufluchtlinie heran, der Mittelteil ist um 40 Meter zurückgesetzt. Dadurch entsteht eine Freifläche, die mehr ist als ein großzügiger Vorgarten. Vor den beiden Flügeln machen verglaste Wintergärten die Fassade transparent. Flächen in weiß, anthrazit und Ziegelmauerwerk und die Stahleinfassungen der Fenster bringen klare Struktur und zugleich Lebendigkeit ins Bild. Die weißen Fassadenflächen ziehen sich für die Wohnungen in den oberen Geschossen um den gesamten Block herum, durch waagerechte Gurtgesimse etagenweise getrennt. Das Dachgeschoss mit den kleinen Lichtöffnungen und das Erdgeschoss - beide als Ziegelmauerwerk sichtbar - umrahmen die weißen Wohnetagen. In den Seitenstraßen machen Vor- und Rücksprünge und Vorgärten die lange Fassade lebendig. Die konkav eingezogenen Häuserecken stellen die gestalterische Verbindung zu einem anderen Bauprojekt Gutkinds her, dem Sonnenhof in Lichtenberg (3), bei dem zusätzlich Balkons aus den eingezogenen Ecken hervorspringen.

Begonnen hatte unser Spaziergang am "Eichbornplan", einem Viertel um den Eichborndamm, das unter diesem Namen kaum bekannt ist, nur der Denkmalschutz verwendet die Bezeichnung. Louis Eichborn, Landbesitzer, Bankier und Ober-Lotterieeinnehmer hatte in den 1870er Jahren dort Land erworben und begann, es zu parzellieren. Ab 1881 erschloss die Pferdebahn das Gebiet. 1894 folgte ein Haltepunkt der Bahn an der Kreuzung des Eichborndamms mit der Kremmener Eisenbahn (heute S-Bahnhof Eichborndamm). Ohne diese Verkehrsmittel ließ sich das Baugelände kaum vermarkten (4). Vor allem ärmere Berliner Bevölkerungsschichten zogen zunächst hierher, die durch die Mietpreissteigerungen aus dem Zentrum verdrängt wurden - eine frühe Form der Gentrifizierung (5). Später folgte Kleingewerbe und dann der Bau mehrstöckiger Mietwohnhäuser mit neugotischem oder neuklassizistischem Fassadendekor. An der Scharnweberstraße zwischen Antonienstraße und Eichborndamm ist eine Häusergruppe von 1903-1905 erhalten geblieben, die mit Schmuckgiebeln, Balkons, Erkern und Pflanzenornamenten geschmückt ist. Weitere denkmalgeschützte Mietwohnhäuser folgen entlang des Eichborndamms.

Vor dem U-Bahnhof Scharnweberstraße ist ein Pavillon, der 1931 für den Sportplatz Reinickendorf errichtet wurde, haarscharf dem Abriss wegen des Baus der Stadtautobahn nach Tegel entgangen. Der Kiosk mit halbkreisförmigem Grundriss und vorkragendem Flachdach ist an ein eckiges Nebengebäude und einen quadratischen Schornstein angebaut.

Drei Wohnanlagen zwischen Auguste-Viktoria-Allee und Scharnweberstraße mit rund 800 Wohnungen sind in den 1920er Jahren als erste große Wohnprojekte Reinickendorfs von Baugenossenschaften errichtet worden. Ein kleiner öffentlicher Grünstreifen durchbricht die Bebauung, die eine erstaunliche Vielfalt von Fassadendetails je nach Bauteil aufweist. Giebel oder Traufe zur Straße, Klappläden, Erker mit Holzverkleidung, Balkons mit Korbgittern. Außergewöhnlich sind in der General-Woyna-Straße die Flacherker mit ihrem Dekor. Flacherker ist ein plastischer Begriff, den ich bisher nicht kannte. Er bezeichnet einen Fensterbereich, der reliefartig aus der Fassade hervortritt, ohne eine Wohnfunktion zu haben, also eine reine Gebäudedekoration. Ein mehrzeiliger Fries von Terrakotta-Elementen trennt die zwei oder drei Etagen gegeneinander ab, über die sich der Flacherker erstreckt (Architekt: Hans Kraffert).

Der Heilige Augustinus hatte ein ausschweifendes, sinnliches Leben geführt hat, bevor er gläubig wurde. Auf dem Weg zu Umkehr und Neubeginn betete er zu Gott. Daraufhin hörte er eine Kinderstimme, die ihm zurief: "Tolle lege - nimm und lies". Er nahm die Bibel, schlug eine zufällige Seite auf und las: "Ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste", das brachte ihn zum Glauben – so sagt es jedenfalls die Legende. Die von den Augustinern gegründete Kirche St. Rita in der General-Woyna-Straße weist mit dem Mosaik "Tolle lege Tolle lege" auf diese erfolgreiche Bekehrung hin. Das Kirchengebäude ist erst 1951 gebaut worden - es war der erste katholische Kirchenbau nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die evangelische Segenskirche an der Auguste-Viktoria-Allee ist gut 60 Jahre älter, sie wurde mit Unterstützung des evangelischen Kirchenbauvereins errichtet. Ursprünglich sollte die Kirche von Straßen umgeben auf einem Platz stehen, stattdessen ist eine bescheidene Grünfläche entstanden. Kaiserin Auguste-Viktoria hatte diesen Bau wie viele andere Kirchenbauten gefördert und war bei der Einweihung natürlich anwesend. Ihr zu Ehren wurde die Straße benannt. Das Wirken der "Kirchen-Juste", wie die Berliner sie liebevoll nannten, ist uns schon oft in Berlin begegnet (6).

Was macht ein Schlittenhunde-Fahrer, wenn kein Schnee liegt? Er steigt um auf ein Hundegespann mit Rädern. Früher war das ein Verkehrsmittel der Armen, die sich kein Ochsen- oder Pferdegespann leisten konnten. Heute werden Hundewagen unterschiedlicher Kategorien bei Wagenrennen und Geschicklichkeitsparcours eingesetzt. Das Hundegefährt, dem wir in der Auguste-Viktoria-Allee begegnet sind, wurde von einem Schäferhund gezogen, der in einen Zugbügel eingespannt war. Vielleicht sollte der an einer Leine mitgeführte zweite Hund als Reservehund dienen, wenn der erste müde war? Eine Box hinten auf dem Gefährt hätte jedenfalls dem erschöpftes Zugtier Platz geboten. Oder wurde der zweite Hund als Rückwärtsgang gebraucht? Ein ganz anderes Hundesgespann habe ich aus dem Central Park in New York in Erinnerung. Dort sah ich einen an der Hinterpfote verletzten Hund, der zur Entlastung die Hinterbeine in einem Gestell mit Rädern hinter sich her fuhr. Hundebuggys, die wie ein Kinderwagen von Herrchen oder Frauchen geschoben wurden, kenne ich ebenfalls aus dem Pet-vernarrten New York, man kann sie aber auch bei uns kaufen.

Nach diesen vielfältigen Einblicken in einen nördlichen Stadtteil gönnten wir uns am Kurt-Schumacher-Platz noch ein italienisches Essen, bevor wir in die südlicheren Gefilde zurück kehrten.

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(1) Die Weiße Stadt: Ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft
(2) Mehr über Erwin Gutkind: Gutkind, Erwin
(3) Der Sonnenhof Gutkinds in Lichtenberg: Die Stasi baut eine Kirche
(4) Bedeutung eines Bahnanschlusses für die Siedlungen: Terraingesellschaften
(5) Mehr über Verdrängung und Gentrifizierung: Gentrifizierung
(6) "Kirchen-Juste" uund ihr Wirken: Kirchenbauverein, "Kirchenjuste"


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Eis in Scheiben und in Blöcken
Horchposten ohne Fledermäuse