Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Die alte Mitte
Regierungsviertel, Hauptbahnhof und mehr
Tiergarten
Wedding
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Stettiner Bahn in Ost und West


Stadtteile: Wedding, Prenzlauer Berg
Bereich: Gesundbrunnen, Mauerpark
Stadtplanaufruf: Berlin, Gleimstraße
Datum: 8. August 2011

Eine Gartenstadt aus Mietwohnhäusern auf einem innerstädtischen Tortenstück-Karree im Wedding? Eine Gartenstadt soll doch nach den Vorstellungen ihres geistigen Vaters Ebenezer Howard eine Stadt im Grünen sein, die die Vorzüge des Landes mit denen der Stadt verbindet, zumindest im Außenbezirk liegen wie die Gartenstadt Staaken (--> 1). Bei der Gartenstadt Atlantic - die wir heute als erstes besuchen - liegen die Gärten im Innenbereich der Mietwohn-Häuserblocks, es ist Reformwohnungsbau der 1920er Jahre, aber keine Gartenstadt im ursprünglichen Sinne. Vorgärten, expressionistischer Schmuck an den Hauseingängen, Fassaden, die der Straßenkrümmung folgen, und ein kleiner Ehrenhof in der Heidebrinker Straße machen aus den 49 Häusern mit 38.000 qm Wohnfläche in 500 Wohnungen ein lebhaftes Ensemble. Die Lichtburg, ein Kino auf kreisrundem Grundriss, das sich nachts mit Scheinwerfern selbst inszenierte, wurde 1970 abgerissen. Die Eigentümer Wolffsohn, deren dritte Generation nach der Vertreibung durch die Nazis den Familienbesitz weiterführt, hält mit dem Lichtburgforum die Erinnerung an die Glanzzeiten der 1920er Jahre wach.

Dass Fernzüge ebenerdig durch die Straßen fahren, ist sicherlich eine ungewöhnliche Vorstellung. 1842 wurde die Stettiner Bahn durch die heutige Grüntaler Straße angelegt, die damals als "Communicationsweg an der Stettiner Bahn" noch unbebaut war, auch an der Badstraße standen noch keine Häuser. Man sicherte die Kreuzung Badstraße/Grüntaler Straße mit Schranken, trotzdem passierten Unfälle. Im weiteren Verlauf der Grüntaler Straße wurde die Eisenbahn auf einen erhöhten Damm geführt, dessen niedriger Durchgang an der Bellermannstraße "Eselsbrücke" genannt wurde, weil mancher unachtsame Passant dort mit seinem Kopf anschlug. Erst als der Lärm von 100 Zügen täglich für die Anwohner unzumutbar wurde, verlegte man 1897 die Bahnstrecke ab Bahnhof Gesundbrunnen zur Ringbahntrasse.

Die nun verlassene Bahntrasse blieb unbebaut, hier grenzen nur Brandmauern und Höfe der Häuser aus der Stettiner Straße an, aber keine Blockrandbebauung zur Grüntaler Straße. Auf dem Bahngelände wurde die "Grüntaler Promenade" als kleine Parkanlage angelegt. An einer Giebelwand fährt immer noch eine Lokomotive - auf einem Wandbild von Marlene Jachmann. Die Beschriftung verweist auf Graf Heinrich Friedrich August von Itzenplitz, er war in der Bismarck-Ära elf Jahre lang preußischer Handelsminister. Während sein Vorgänger August von der Heydt für Staatsbahnen eintrat, weil er die volkswirtschaftlichen Gefahren privatwirtschaftlich geführter Eisenbahnen voraussah, vergab Itzenplitz freigiebig Lizenzen zum Bahnbau an private Investoren und ermöglichte so den Aufstieg des "Eisenbahnkönigs" Bethel Henry Strousberg (--> 2). Andere machten durch den bloßen Erwerb und Verkauf der Lizenzen Spekulationsgewinne, ohne je einen Kilometer Eisenbahn zu planen.1873 musste Itzenplitz zurücktreten, nachdem ein Untersuchungsausschuss des Reichstags die Missstände untersucht hatte und die Verstaatlichung der Bahnen für zwingend geboten hielt, 1875 brach das Strousberg-Imperium zusammen. Die Verwaltung der Preußischen Staatseisenbahnen wurde mehreren Eisenbahndirektionen übertragen. Die Königliche Eisenbahndirektion Berlin zog 1895 in ein neues Dienstgebäude am Schöneberger Ufer, das dann zu DDR-Zeiten die Reichsbahn-Poliklinik beherbergte und heute Bombardier, den Hersteller von Schienenfahrzeugen.

Unser Weg führt uns weiter über die Millionenbrücke. So wurde die Swinemünder Brücke wegen ihrer Baukosten (in Goldmark) genannt. 228 Meter lang ist die genietete Stahlkonstruktion, sie wurde entworfen von dem Stadtbaurat Friedrich Krause und dem Architekten Bruno Möhring. Friedrich Krause, dessen Namen vor allem mit dem Bau des Westhafens verbunden ist (--> 3), hat 40 Berliner Brücken gebaut, unter anderem die parallel zur Swinemünder verlaufende Bösebrücke an der Bornholmer Straße (--> 4). Von Bruno Möhring stammt beispielsweise der U-Bahnhof Bülowstraße und der Rundbau am Platz der Luftbrücke (weitere Bauten--> 5). Wie die Berliner Zeitung 2006 berichtet, haben sich die Kosten der aktuellen Reparaturarbeiten an der Swinemünder Brücke unerwartet auf mehr als 1 Million Euro erhöht - wieder wird sie zur Millionenbrücke - Geschichte wiederholt sich.

Die Gleimstraße, über die wir weiter laufen, ist eine Straße, die in West-Berlin und Ost-Berlin verlief, auf der Grenze als Tunnel. Früher gab es hier oben die Eisenbahnverbindung zum Stettiner Güterbahnhof, jetzt sind die Hartung'schen Säulen nur noch eine historische Reminiszenz. Diese gusseisernen Stützen der Brücke ruhen auf zwei Kugelgelenken, die die Belastungen durch den Zugverkehr flexibel abfangen können, im Zusammenhang mit den Yorckbrücken hatte ich mich bereits mit diesen Säulen beschäftigt (--> 6).

Südlich des Gleimtunnels lag das Bahngelände auf West-Berliner Gebiet, die Mauer stand an der Ostseite der Böschung, die DDR-Grenzsicherung bewegte sich somit wie auf einer schiefen Ebene. Dass der West-Berliner Senat durch einen Gebietsaustausch 1988 fünfzig Meter des Bahngeländes an den Osten abgetreten und damit das Schussfeld für die Vopos geebnet hat, ist aus heutiger Sicht unverständlich. Nach der Wende wurde die sieben Hektar große Wiese (das sind soviel wie zehn Fußballfelder) zu einem Park erklärt. Heute ist das eine alternative Spielwiese (taz: "Das ist unser Park"). Karaoke, Boule, Freizeitkicken, Basketball, Jonglieren und Freizeitmusik sind angesagt, an arbeitsfreien Tagen ist der Platz "übernutzt". Ein unglücklicher Grundstücksdeal mit der Immobilientochter der Bahn sorgt für Streit, nicht nur die "Freunde des Mauerparks" wollen weitere Randbebauung verhindern.

So sind wir heute - der Mauerbau jährt sich in diesen Tagen zum 50.Mal - beim Flanieren von West nach Ost zwangsläufig wieder auf die Geschichte der Mauer gestoßen, auch wenn wir die Bornholmer Straße als ersten Punkt der Grenzöffnung 1989 umgangen haben. Über die Bernauer Straße können wir ungehindert die Oderberger Straße betreten, die Mauer hatte dieses Gebiet zur menschenleeren Sperrzone gemacht, die man von einer Aussichtplattform im Westen einsehen konnte. In der Oberberger ist Prenzelberg pur, hier können wir beim Thailänder draußen sitzen und uns stärken.
------------------------
(1) Gartenstadt Staaken. Granaten und Kleinstadtidyll
(2) Bethel Henry Strousberg: Glücksritter der Industrialisierung
(3) Friedrich Krause. Berlin am Wasser
(4) Bösebrücke und Bornholmer Straße: Gesund trotz vieler Apotheken
(5) Bruno Möhring. Personen, Stichwort Möhring, Bruno
(6) Hartung'sche Säulen: Hartungsche Säulen

--------------------------------------------------------------
Unsere Route
--------------------------------------------------------------

zum Vergrößern ANKLICKEN



Unverbaubarer Blick
Begeisterung für das Orientalische