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Politkrimi im Polizeipräsidium


Stadtteil: Mitte
Bereich: Alexanderplatz, Otto-Braun-Straße, Hackeschen Markt
Stadtplanaufruf: Berlin, Otto-Braun-Straße
Datum: 19.2.2008 (ergänzt am 15.3.2016)

Im Februar 2008 hatte ich geschrieben:
(die Ergänzung vom März 2016 finden Sie weiter unten)

Unser heutiger Rundgang vom Alexanderplatz zum Hackeschen Markt beginnt in der Otto-Braun-Straße. Vom Alexanderplatz bis zur nächsten Straßenkreuzung wird die Otto-Braun-Straße auf der linken Seite flankiert von einem Gebäude, das jetzt in ein Luxushotel umgebaut werden soll. Wenn man diese unwirtliche Straße weiter ansieht, die durch den "sozialistischen Stadtumbau" der DDR alle historischen Stadtdimensionen sprengend in ein unansehnliches Nachkriegsneubauviertel gelegt wurde, dann muss man sich allerdings fragen, wer das Übernachten hier als Luxus ansehen wird. [Anmerkung: Dass ich die Nachkriegsmoderne der DDR später differenzierter gesehen habe, können Sie hier nachlesen: Verfallsdatum für einen Platz].

Das zukünftige Hotel ist hier der letzte historische Bau, 1930 für Karstadt errichtet und nach dem Zweiten Weltkrieg zum Polizeipräsidium umgebaut. Und damit war es schon das zweite Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Das erste stand dort, wo jetzt das Alexa-Einkaufscenter eröffnet hat. Der ursprüngliche Bau wurde 1886 von Hermann Blankenstein errichtet, dem Stadtbaurat, dem wir auch die Berliner Markthallen verdanken. Es war damals neben dem Stadtschloss das größte Gebäude Berlins mit fast 200 Metern Länge und gewaltigen Ecktürmen. Es beherbergte nicht nur die lokale Polizei, sondern auch die preußische Zensurbehörde.

Zur Nazizeit übernahm die Gestapo den Bau, der wegen seiner Farbe auch "Rote Burg" genannt wurde. Eine Tatsache, die dem Alexa-Einkaufscenter sicherlich nicht bekannt war, sonst hätte man wohl eine andere Fassadenfarbe gewählt. Nach den Kriegszerstörungen zog die Polizei an den Norden des Platzes in das ehemalige Karstadt-Verwaltungsgebäude.

Und kurze Zeit später hatte Berlin dann zur gleichen Zeit zwei Polizeipräsidien, als die Auseinandersetzungen zwischen dem Ostsektor und den Westsektoren Berlins auf eine Spaltung der Institutionen hinausliefen und in der Friesenstraße in Kreuzberg für den Westteil ein neues Präsidium eingerichtet wurde.

Während der letzten Tage der Weimarer Republik spielte in dem alten Polizeipräsidium und an anderen Stellen Berlins ein Politkrimi, der heute weitgehend vergessen ist. Und dieser Krimi hat mit Otto Braun zu tun, nach dem die Straße vor dem neuen Präsidium am Alexanderplatz heute benannt ist. Er amtierte als Ministerpräsident im LAND Preußen (vergleichbar einem heutigen Bundesland), ihm fehlte aber die notwendige parlamentarische Mehrheit. Daraufhin setzte die REICHSregierung am 20.7.1932 per Notverordnung einen Reichskommissar anstelle der Landesregierung ein und besetzte mit der Reichswehr das Polizeipräsidium und das Innenministerium. Man stelle sich einmal vor, Frau Merkel ließe Minister Jungs Bundeswehr im Roten Rathaus aufmarschieren, um Wowereit abzusetzen.

Nur durch die besonnene Reaktion der Regierung Braun wurde ein Blutvergießen verhindert. Statt gewaltsamen Widerstand zu organisieren, erhob sie Klage vor dem Staatsgerichtshof. Dessen Urteil war klug, aber für die Praxis nicht zu gebrauchen, denn es bestätigte die Einsetzung des Reichskommissars UND die staatsrechtliche Stellung der Regierung gegenüber den Parlamenten und der Reichsregierung. In dem Verfahren gegen den Reichskommissar Bracht wurde die Landesregierung durch Ministerialdirektor Brecht vertreten. Die Berliner spotteten: "Brecht hat Recht, Bracht hat die Macht". Die Braun-Regierung traf sich weiter zu wöchentlichen Kabinettssitzungen, zu sagen hatte sie nichts mehr. Kein halbes Jahr später marschierten die Nazis mit Fackeln durchs Brandenburger Tor, da war es sowieso vorbei mit der Republik.

Zurück zur Otto-Braun-Straße. Das Gebiet nördlich des Alexanderplatzes hieß früher Königsstadt, nachdem der erste preußische König (damals noch König IN Preußen) nach seiner Krönung auf diesem Weg nach Berlin zurückgekommen war, die Otto-Braun-Straße hieß Neue Königstraße. Der "Platz am Königstor" am Ende der Straße heißt heute noch so, sieht aber genauso unwirtlich aus wie die ganze Straße und ist auch vor lauter Wohnsilos als Platz nicht mehr erkennbar. Wen wundert es, dass der Begriff "Königsstadt" heute nicht mehr verwendet wird.

Über die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die Mulackstraße und die Rosenthaler Straße erreichen wir den S-Bahn-Viadukt. Auf dem Weg durch die Dunkelheit erfreuen uns Galerien und Schaufenster. Bevor wir in die S-Bahn steigen, stärken wir uns mit der Tradition folgend in einem Restaurant.

Ergänzung im März 2016:

Den Spaziergang haben wir acht Jahre später bei Tageslicht wiederholt. Das ehemalige Polizeipräsidium wird heute als Dienstgebäude vom Berliner Wissenschaftssenat genutzt. Die Otto-Braun-Straße ist 2011 an diesem Teilstück in Bernhard-Weiß-Straße umbenannt worden. Damit ehrte man den jüdischen Vizepräsidenten der Berliner Polizei, der von den Nazis diffamiert und verfolgt wurde, bis er nach seiner Absetzung ins Exil nach London flüchten konnte. An der Rückseite des Gebäudes in der Keibelstraße bleibt das ehemalige Untersuchungsgefängnis der Volkspolizei als "Lernort" erhalten. Am Denkmaltag 2013 war die Innenbesichtigung möglich. Dagegen sind die DDR-Bauten auf der gegenüberliegenden Seite der Keibelstraße verschwunden, hier ist ein Neubauquartier mit Studentenapartments entstanden.

Wer nördlich des Alexanderplatzes im "Mocca-Eck" den Nuß-Marzipan-Rum-Kuchen „San Remo“ verspeisen will, kommt um Jahrzehnte zu spät. Zwar dampft an der Fassade des Hauses der Statistik immer noch eine Mocca-Tasse als Emblem vor sich hin, der Gebäudekomplex wird aber seit 2008 nicht mehr genutzt. In die oberen Etagen, wo die Stasi einen guten Überblick über den Alexanderplatz hatte, war danach noch die Stasi-Unterlagenbehörde eingezogen, das Statistische Bundesamt hatte die Räume der DDR-Statistik übernommen. Nach Auszug aller Nutzer schien ein Abriss nahe, doch jetzt hat man erkannt. dass das Haus keine Ruine ist, sondern ein Stahlskelett. Hier könnte man tausend Flüchtlinge unterbringen und eine Mischnutzung mit Künstlerateliers realisieren. Die Stadt Berlin will das Haus erwerben, denn noch gehört es dem Bund. Inzwischen hat Berlins Stadtentwicklungssentor überraschend eine neue Idee verkündet. Er will doch lieber eine Behörde einquartieren, weil das Haus für die Beherbergung von Flüchtlingen nicht geeignet sei. Die Politik steht unter Druck, da kommt das Nachdenken vor dem Reden manchmal zu kurz.

Zu internationalen Zielen frei reisen konnten die DDR-Bürger nicht. Das hinderte nicht daran, die Internationalität der DDR beim "Haus des Reisens" architektonisch zu beschwören. Der Stahlskelettbau hat eine Vorhangfassade aus Aluminium - kein alltäglicher Baustoff in der DDR. Die markanten plastischen Betonfertigteile, die den Sims des Sockelbaus bekrönen, werden als Bezug auf das "Hochhaus zur Palme" in Zürich gedeutet. Ein vom DDR-Künstler Walter Womacka geschaffenes Kupferrelief "Der Mensch überwindet Zeit und Raum" ist über dem Eingangsbereich angebracht.

Nördlich des Alexanderplatzes drehen sich die Kräne. Noch ist vieles in Bewegung, und zu viel ist schon im Zeitgeist der "Regalarchitektur" realisiert worden, Fassaden mit serieller Gleichförmigkeit. Der weitere Weg zum Hakeschen Markt führt durch das Scheunenviertel, dessen Spuren wir vor einem Jahr ausführlich nachgegangen sind. Die Volksbühne und das Filmtheater Babylon liegen an unserem Weg. Zwischen Weydinger Straße und Rosa-Luxemburg-Platz verstreut sind sechzig Zitate Rosa Luxemburgs in Gehwege und Fahrbahnen eingelegt. Der Berliner Erinnerungsorte für Karl-Liebknecht hatten wir uns bereits angenommen, für Rosa Luxemburg werden wir das demnächst nachholen. So endet auch der zweite Spaziergang nach acht Jahren mit Blick auf die Touristenattraktion Hackesche Höfe.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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Februar 2008

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... und hier sind weitere Bilder vom März 2016 ...
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März 2016

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Unsere Route
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