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Verfallsdatum für einen Platz


Stadtteil: Mitte
Bereich: Alexanderplatz
Stadtplanaufruf: Berlin, Alexanderplatz
Datum: 10. Dezember 2012

Im Rahmen seines königlichen Bauprogramms hatte Friedrich der Große am Alexanderplatz (damals noch Ochsenplatz genannt) ein Wohn- und Gewerbehaus errichtet und es einem Protegé überlassen. Doch dieser Mann quälte den König mit immer neuen Forderungen zu dem Bau, so wollte er schließlich die schmucklose Fassade verziert haben. Der König erfüllte ihm seinen Wunsch, indem er 99 Schafsköpfe am Haus anbringen ließ. Dem bestürzten Bittsteller beschied Friedrich, der könne sich ja selbst ins Fenster legen, dann wäre die 100 voll.

Das Haus wurde später zum "Gasthof zum Hirschen" mit einem Hirschrelief am Giebel. 1927 musste es den Umbauplänen des Berliner Stadtbaurats Martin Wagner weichen ( --> 1). Wagner wollte den Alexanderplatz zu einem Magneten machen, der die Abwanderung Richtung Westen aufhalten sollte. Die Stadt kaufte die Grundstücke am Alexanderplatz auf, damit hatte sie volle Gestaltungsfreiheit. Zusätzlich genehmigte sie sich Ausnahmen von der Bauordnung, so dass sie höher bauen konnte als andere. Wagner hatte die radikale Idee, die Lebensdauer der Bauwerke an die Phasen der Konsumwirtschaft anzupassen, den Weg des Investitionskapitals nahm er als Maßstab der Entwicklung. "Versteinerte Ewigkeitswerte können wir in unserem Zeitalter nicht mehr brauchen", die Gebäude müssten ein Verfallsdatum bekommen. Genau wie der Baubeginn müsste der Abbruch der Gebäude von vornherein geplant werden, dabei dachte er an die menschliche Generationsfolge von 25 Jahren (1a).

Die völlige Umgestaltung des Platzes begann. Neue U-Bahnlinien wurden gebaut und unterirdisch verknüpft, eine Verbindung zur S-Bahn hergestellt (--> 2). Auch oberirdisch wurde der Platz an den Verkehrsansprüchen ausgerichtet, in einen Kreisverkehr mündeten sechs Straßen, der Alex war 1936 Berlins verkehrsreichster Platz. Am Rand des Platzes standen noch das Kaufhaus Tietz, das Lehrervereinshaus, das Polizeipräsidium. Von den geplanten Neubauten konnten nur das Alexanderhaus und Berolinahaus von Peter Behrens realisiert werden, dann kam die Weltwirtschaftskrise. Als die DDR den Platz neu plante, standen nur noch die beiden Bauten von Peter Behrens, alles andere war durch Kriegseinwirkung und Abriss verschwunden.

Damit war Wagners Idee eines Verfallsdatums für die Architektur schnell Realität geworden, allerdings anders, als er sich das vorgestellt hatte. Und wieder erfolgte die völlige Umgestaltung des Platzes, in den 1960er Jahren unter dem Gebot der sozialistischen Stadtplanung. Diesmal orientierte man sich mit einer zentralen Achse - der Stalinallee - nach Osten, denn die Mitte der Stadt lag jetzt am Rande Ost-Berlins, der Westen war unerreichbar. Am Alex wurde der Straßenverkehr in Tangenten um den Platz herum geleitet und in einem Tunnel drunter durch, eine riesige Fußgängerzone entstand. Das Lehrerverbandshaus wurde als Haus des Lehrers mit angeschlossener Kongresshalle neu erbaut, genauso das Kaufhaus Tietz, jetzt als Centrum-Warenhaus, durch eine Passage verbunden mit einem 123 Meter hohen Hotelneubau. Genau wie bei der Neugestaltung in den 1920er Jahren verfügte der Staat frei über alle Grundstücke, diesmal allerdings nicht durch Zukäufe, sondern indem er sich über das Privateigentum hinwegsetzte.

Bei der Wende zeigte der Alex das Bild der DDR-Postmoderne, man könnte auch "Ostmoderne" sagen. Die Architektur der DDR hatte sich im Laufe der Zeit vom Einfluss Moskaus gelöst, sich an den Internationalen Stil angelehnt und den zentralen Stadtraum weiter ausgebaut. Das Café Moskau, das Kino International, der zweite Bauabschnitt der Stalinallee sind Beispiele dieser Neuausrichtung (--> 3). Eine Fassade aus seriellen Metallplatten wie am Centrum-Warenhaus konnte man zeitgleich so auch an westdeutschen Kaufhäusern finden. Die Rathaus-Passagen - die den Alex flankieren - nehmen die Fassadengliederung der beiden Bauten von Peter Behrens auf. Bis an den Platz heran sind hier und an der Stalinallee Wohnhochhäuser gebaut worden, die heute noch begehrt sind und keinen Leerstand aufweisen. Über den Rathaus-Passagen sind die Wohnungen von der Straße zum Innenhof "durchgesteckt", so dass der Nutzer den Grundriss individuell ausrichten kann.

Der Fernsehturm ist noch heute eine Ikone des Fortschritts. Anstelle eines ursprünglich als Stadtmittelpunkt favorisierten "Zentralen Hochhauses" wurde ein Bauwerk errichtet, das als „Turm der Signale“ technischen Fortschritt für die Bürger brachte und gleichzeitig eine städtebauliche Dominante in zukunftsweisendem Design darstellt. Die DDR verfügte nur über zwei störanfällige und schwache Fernsehfrequenzen, für die dringend ein leistungsfähiger Großsender gebaut werden musste. Mit der Kugel gut 200 Meter über dem Schaft war die Gefahr gebannt, der Turm könnte wie ein Schornstein aussehen. Sieben Geschosse hat die Kugel, davon sind zwei öffentlich zugänglich. Mit Antennenaufbau bringt es der Turm auf 368 Meter Höhe - ein Berliner Superlativ. Die Edelstahlplatten der Kugel-Verkleidung, die Flugwarnfeuer und Scheinwerfer kamen aus Westdeutschland, Belgien lieferte die Thermofenster, Skandinavien die Fahrstühle und Klimaanlagen, viele Devisen wurden für den Turmbau ausgegeben. Für Spott sorgte die Tatsache, dass die Sonne auf der metallischen Außenhaut der Turmkugel ein großes christliches Kreuz aufscheinen lässt. DDR-Regierungschefs Willi Stoph deutete das Kreuz als "Plus für den Sozialismus" um, damit konnte die Partei leben.

Bei der Weltzeituhr war der DDR der Spagat zwischen der zur Schau gestellten Internationalität und dem Einsperren ihrer Bewohner gründlich misslungen. Die meisten der hier verzeichneten Weltstädte waren für DDR-Bürger unerreichbar. Genau wie beim Westblick aus dem Fernsehturm konnten sie sehen, was sie nicht sehen durften. "Wenn Kommunisten träumen" heißt ein Bild, das der "Staatskünstler" Walter Womacka für den Palast der Republik gemalt hatte, aber natürlich träumten die Dargestellten nicht vom Westen. Der Palast steht nicht mehr, das Bild hängt nicht mehr, aber auf unserem heutigen Weg werden uns noch mehrere Womackas begegnen. Am Haus des Lehrers - einem modernen Stahlskelettbau mit Glas-Aluminium-Vorhangfassade (3a) - zeigt ein sieben Meter hoher Bildfries als Bauchbinde vor der dritten und vierten Etage Womackas Ansicht vom "Leben der Arbeiter und Bauern in der DDR". Auch die Weltzeituhr hat Womacka entworfen und den "Brunnen der Völkerfreundschaft" vor dem Kaufhaus.

Die DDR hat erschreckend langweilige, undifferenzierte Gebäudeensemble hervorgebracht, aber auch intelligente Lösungen mit ihrer industriellen Serienfertigung. "Abreißen ist auch keine Lösung" überschreibt "Die Welt" einen Artikel - richtig, aber stattdessen hat man nach der Wende oft die Lösung gewählt, die Bauten unsichtbar werden zu lassen, indem man die Sicht durch Neubauten verstellt. So ähnlich hatte es schon die DDR gemacht, als sie mit Hochhäusern an der Leipziger Straße den Blick auf die West-Nachrichten am Springer-Haus verdeckte (--> 4). Am Alexanderplatz sollte nach der Wende zunächst mit den DDR-Bauten Tabula rasa gemacht werden, dann wurde der Entwurf von Hans Kollhoff übernommen, "Sockelbauten" von 30 Metern und Hochhaustürme von bis zu 150 Metern auf dem Platz einzufügen. Das Haus des Lehrers und seine Kongresshalle sind jetzt schon hinter dem Saturn-Sockelbau verschwunden, auf die Hochhäuser warten wir noch. Das Centrum-Warenhaus verlor seine serielle Metallfassade, Kleihues sen. baute es zum Galeria-Kaufhaus um.

An der Karl-Liebknecht-Straße steht der Rathaus-Passage als Pendant ein Hochhausriegel gegenüber, der in den unteren Etagen Geschäfte und über einem offenen Zwischengeschoss mehrere Wohngeschosse enthält. Man erinnert sich sofort an das Bikini-Hochhaus, das in den 1950er Jahren in West-Berlin am Zoo errichtet wurde (--> 5). 1978 wurde es vom Bikini zum Einteiler, eine Kunsthalle füllte das Zwischengeschoss. Das Zwischengeschoss an der Karl-Liebknecht-Straße vergibt die Chance, zu einem Ort der Entspannung mit hervorragendem Blick herüber zum Platz zu werden. Statt eines Cafés findet man hier nur wellige Flächen vor, der Unterbau hat offensichtlich stark nachgegeben. Aber ohnehin ist der Zugang verschlossen, träumen muss man woanders.

Es gibt immer noch Ostpakete, Ostblock, Ostzeit - im "Berlin-Carré" wird von mehreren Läden Ostalgie bewahrt. Hier stand seit 1886 die Zentralmarkthalle mit Gleisanschluss zur Berliner Stadtbahn (--> 6). Mehr als 1.300 Händler boten ihre Waren an in der gusseisernen Fachwerkhalle, die Hermann Blankenstein entworfen hatte (--> 7). Nach Kriegszerstörung wurde in den Gebäuderiegel an der Karl-Liebknecht-Straße eine neue Markthalle integriert, die man nach der Wende zum Shopping-Center umgestaltet hat. Die kleine Markthalle, die übrig geblieben ist, soll umgebaut oder abgerissen werden, "Ostpakete" und die anderen Läden haben ihre Kündigung bekommen. Dazu gehört auch das Buchstabenmuseum, das gerade erst im letzten Jahr hier eingezogen ist. Die letzte Herberge für ausgemusterte typografischen Signale findet hoffentlich einen neuen Standort, eine so ungewöhnliche Idee wie das Sammeln und Bewahren alter Reklameschriften darf nicht untergehen.

Unser nächstes Ziel ist das Staatsratsgebäude am Schlossplatz, mit dem wir heute den Blick auf die Ostmoderne in der Berliner Mitte abschließen. Seitdem der Palast der Republik und das DDR-Außenministerium abgetragen sind, ist das Staatsratsgebäude von der Sichtbeziehung her an die Karl-Liebknecht-Straße herangerückt. Dabei soll es nicht bleiben, in nur 14 Meter Abstand soll davor nach Planung des frühere Senatsbaudirektors Hans Stimmann ein Neubau errichtet werden, der das DDR-Gebäude zur Karl-Liebknecht-Straße hin abdeckt. Wieder soll ein Ostmoderne-Bau unsichtbar gemacht werden. Auch die derzeitige Senatsbaudirektorin Lüscher will daran nichts ändern, obwohl Thyssen-Krupp als Investor abgesprungen ist. In einem Tagesspiegel-Interview hat sie mal geäußert, sie sei zufrieden, wenn ein Investor sich an Bauabstände und Geschossflächen hält, für gestalterische Auflagen sehe sie keine Handhabe.

Wer von einem Saal im Staatsratsgebäude auf den Schloßplatz herunterschaut, hat einen unglaublichen (Über-)Blick. Man sieht jede Maus, die sich dort bewegt, die hohen Glasfenster holen den Schloßplatz in den Raum hinein. Alle Räume sind unerwartet licht und hell, selbst Hammer und Zirkel im Ährenkranz in einem Sitzungssaal halten sich vornehm zurück. Honeckers Arbeitszimmer ist mit hellen Wandplatten aus Ziegenleder verkleidet, ein Geschenk des großen Bruders in Moskau. Die Fenstermosaike im Treppenhaus sind natürlich von Walter Womacka. Sie sind nicht in Blei gefasst, sondern aufgeklebt. Eine Plastik von Bernhard Heiliger - etwas schnöde an das Ende eines Gangs verbannt - erinnert an die Zeit, als Gerhard Schröder hier zwischengelagert war, bevor er in das Bundeskanzleramt einziehen konnte. Von außen beherrscht die vom Stadtschloss übernommene barocke Pforte den Bau, vor der Karl Liebknecht am 9. November 1918 eine freie sozialistische Republik ausgerufen haben soll. Der Neubau selbst aus Sandstein mit großen Fensterfronten hält sich sachlich zurück. Bemerkenswert sind die kleinen Fenster im Erdgeschoss, die den Staatsrat vor seinem Volk schützen sollten.

Dieses Gebäude hat keine Verfallszeit, nur die Zeit ihrer ursprünglichen Nutzer ist abgelaufen: statt der kommunistischen Staatsführung beherrscht jetzt eine kapitalistische Management-Akademie das Bauwerk, eine hintersinnige Abwandlung von Wagners Ausspruch, "versteinerte Ewigkeitswerte können wir in unserem Zeitalter nicht mehr brauchen".

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Alle Berichte zum Alexanderplatz: Alexanderplatz
(1) Mehr über Martin Wagner: Wagner, Martin
(1a) Später wurde auch in Ost-Berlin der Abriss von Gebäuden wegen "Überalterung" geplant: Altbauten mit kulturellem Wert
(2) U-Bahn und S-Bahn Alexanderplatz: Berolinas linke Wade
(3) Mehr zur Stalinallee: Stalinallee
(3a) Die Kongresshalle am Haus des Lehrers konnte am Denkmaltag 2013 besichtigt werden: Kongresshalle am Alexanderplatz
(4) Hochhäuser an der Leipziger verstellen den Blick aufs Springer-Haus: Eine Straße wird zerstückelt
(5) Bikini-Hochhaus am Zoo: Solange es diese Zoogegend noch gibt
(6) Mehr über die Markthalle "Berlin-Carré": Hier stinkt kein Fisch
Alle Berichte über Markthallen: Markthallen
(7) Mehr über Hermann Blankenstein: Blankenstein, Hermann Stadtbaurat


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... Es folgen zwei Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Berlins gefühlte Mitte
Nähe und Distanz in Majolika