Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Die alte Mitte
Regierungsviertel, Hauptbahnhof und mehr
Tiergarten
Wedding
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Der volle Ernst


Stadtteil: Mitte
Bereich: Alexanderplatz
Stadtplanaufruf: Berlin, Dircksenstraße
Datum: 17. August 2015
Bericht Nr: 518

Berlin-Krimis der 1920er und 1930er Jahre liegen im Trend, immer neue Bände und Serien werden im Buchhandel angeboten. Die Stadt und das Lebensgefühl jener Jahre möglichst authentisch als Hintergrund, darin eine fiktive Kriminalgeschichte, möglichst ein Mord. Dann darf Ernst Gennat nicht fehlen, der Leiter der Mordkommission. Den gab es wirklich, er war ein ungewöhnlich begabter Kriminalist, dessen Ideen bis heute nachwirken. Wer den Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gesehen hat, konnte Ernst Gennat über die Schulter schauen, denn Fritz Lang hat sich von ihm beraten lassen und Gennat dafür mit der Filmrolle des Kommissars ein Denkmal gesetzt. Der Film zeigt, wie genau dieser Kriminalist sich in die Psyche des Mörders einfühlen kann, und genau das war eine von Gennats Stärken.

Den Tatort aufräumen - Ordnung machen, bevor die Kriminalpolizei mit ihrer Arbeit beginnt - das musste Gennat den Streifenpolizisten erst einmal abgewöhnen. Um alle notwendigen Utensilien vor Ort immer zur Hand zu haben, richtete Gennat ein PS-starkes "Mordauto" ein. An Bord war alles für die Spurensicherung und Dokumentation: Spaten, Messgeräte, Lupe, Pinzetten, Pipetten, Gummihandschuhe, Fingerabdrucksets, Fotoapparat und ein Tisch mit einer Schreibmaschine samt Klappstuhl für die Sekretärin. Der Wagen hatte verstärkte Achsen, denn Gennat brachte 135 Kilo auf die Waage. Im Präsidium hatte er immer einen gefüllten Kuchenteller auf dem Tisch vor seinem Plüschsofa zu stehen und nötigte gern auch seinen Besuchern das süße Zeug auf, das seine Sekretärin immer auf Vorrat kaufte.

Auch seine "Kundschaft", die Mordverdächtigen, behandelte er als Gäste, tischte ihnen Kuchen und Kaffee auf und plauderte mit ihnen, schließlich waren Verbrecher auch nur Menschen. Unversehens war so ein Geständnis herausgerutscht, er erfuhr Sachen, die sie ihm eigentlich nicht erzählen wollten. Neben einem phänomenalen Gedächtnis für Einzelheiten auch lange zurückliegender Mordfälle hatte der Kommissar eine unbestechliche Spürnase, und er war ausdauernd. So kam die Mordkommission zu einer Aufklärungsquote von über neunzig Prozent.

Gennat entwickelte neuartige Methoden für die Mordermittlungen, die damals schlicht ungebräuchlich waren, heute aber nicht mehr wegzudenken sind. Die Auswertung von Vermisstenmeldungen und die Ergebnisse der Leichenschau gehörten für ihn selbstverständlich dazu. Und er baute eine Datenbank auf, die "Todesermittlungskartei", in der - natürlich auf Karteikarten und noch nicht digital - Todesfälle aus Berlin und Umgebung, aus ganz Deutschland und dem Ausland verzeichnet wurden. Gefüttert wurde die Kartei aus Gerichts- und Polizeiakten, Fahndungslisten, Zeitungen und Zeitschriften, amtlichen Veröffentlichungen und Plakaten.

Gennats Arbeit wurde so bekannt, dass aus der ganzen Welt Besucher kamen, um von ihm zu profitieren, darunter Charly Chaplin, Edgar Wallace und Experten von Scotland Yard. Das "Mordauto" fanden die Polizei von München, Paris und New York so überzeugend, dass sie es kopierten.

Seine Jugend hatte Ernst Gennat im Gefängnisumfeld verbracht. Sein Vater war Gefängnisaufseher in Plötzensee, die Familie hatte dort eine Dienstwohnung. Als Jugendlicher zog er mit der Familie in die Schloßstraße um, dort blieb er zeitlebens wohnen. Das Jurastudium an der Berliner Friedrich-Wilhelms- Universität brach Gennat nach acht Semestern ab, um zur Kriminalpolizei zu gehen. Er hatte noch im Kaiserreich bei der Kripo angefangen, 20 Jahre brauchte er, bis er die Mordkommission gründen konnte bzw. durfte. Im Dritten Reich blieb er unbehelligt, ermittelte aber nur noch vom Schreibtisch aus, weil ihm das Gehen wegen seines Körpergewichts von fast drei Zentnern schwer fiel. Seiner Körperfülle verdankt er die Spitznamen "Der volle Ernst" und "Buddha", die angesichts seines hohen Ansehens meist liebevoll gemeint waren.

Gennat war eingefleischter Junggeselle, "schlampig in der Kleidung, aber penibel in den Ermittlungen, beruhigend sanftmütig im Gespräch, aber erschreckend hartnäckig in der Sache". Im Wissen um seinen bevorstehenden Krebstod heiratete er zum Schluss eine Kollegin, man hat das als eine Hinterlist gedeutet, damit seine gute Pension als stellvertretender Kripochef nicht verloren geht. Zweitausend Menschen sollen an seiner Beerdigung in Stahnsdorf teilgenommen haben.

Die Kriminalpolizei saß damals in der "Roten Burg", dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Nach Kriegszerstörung steht dort heute wieder ein rotes Gebäude, das Shoppingcenter "Alexa", aber das ist eine andere Geschichte, die etwas später erzählt werden soll. Der Berliner Stadtbaurat Hermann Blankenstein hat 1886-1890 den fast 200 Meter langen Bau des Polizeipräsidiums zwischen Alexanderstraße und S-Bahn-Viadukt (Dircksenstraße) gestellt und ihm mit dem gewaltigem Eckturm zum Alexanderplatz architektonisches Gesicht und Gewicht verliehen, denn nach dem Stadtschloss war es der zweitgrößte Bau der Stadt. Wegen der roten Steinfassade erhielt es den Spitznamen "Rote Burg".



In der Kaiserzeit gebaut, hat das Polizeipräsidium verschiedene Epochen erlebt, bevor es im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört wurde. In der Weimarer Zeit wurde die Kriminalpolizei durch Ernst Gennat zum weltweiten Vorbild. Auch alle anderen kommunalen und Polizeiabteilungen des Reichs wie die Zensurbehörde saßen ebenfalls in diesem Haus. Gegen Ende der Weimarer Republik spielte sich hier ein Politkrimi ab, die preußische Landesregierung wurde mit Polizeigewalt abgesetzt und die Polizeiführung inhaftiert. In der Nazizeit wurde der Polizeivizepräsident Bernhard Weiß aus dem Amt gedrängt, auch die Gestapo nahm ihren Sitz im Polizeipräsidium.

Im Gedenken der DDR zählten fast ausschließlich kommunistische Widerstandskämpfer, andere Opfer der Nazidiktatur wurden schlicht übergangen. Deshalb war auch die Sicht auf die Geschichte des Polizeipräsidiums sehr einseitig, wie die Gedenktafel an der Grunerstraße zeigt:
"... das Polizeipräsidium, Ort der Unterdrückung und Verfolgung der revolutionären Arbeiterbewegung. In der Zeit des Faschismus wurden hier Tausende deutsche und ausländische Antifaschisten eingekerkert, mißhandelt und viele ermordet".

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Volkspolizei in das ehemalige Karstadt-Verwaltungsgebäude in der Otto-Braun-Straße. Auf dessen Rückseite in der Keibelstraße befand sich das Polizeigefängnis. Die West-Berliner Polizei richtete ihr Präsidium in einem Gebäudeflügel des Flughafens Tempelhof ein.

Am 11.September 2007 kam es zu Tumulten vor der "Roten Burg". Eine Menschenmenge drängte ins Gebäude, Menschen wurden verletzt, Scheiben zerstört. Dieser Ansturm war nicht politisch gesteuert, sondern kapitalistisch: Alle wollten die geilen Sonderangebote bei der Eröffnung des Alexa-Einkaufszentrums abgreifen. Was war geschehen, woher kam plötzlich eine neue "Rote Burg"? Auf dem Gelände des ehemaligen Polizeipräsidiums zwischen Alexanderstraße und Dircksenstraße war nach der Wende ein neuer Gebäudekomplex als Shoppingcenter mit weitgehend fensterloser Betonfassade in Rosa- und Rottönen entstanden.

Der rote Farbton war ein Fehlgriff, offensichtlich kannte niemand die Geschichte dieses Bauplatzes. Voller Häme schrieb "Die Welt" vom "Alptraum in Schweinchenrosa". Und auch die plumpen Art-deco-Bezüge des Gebäudes bringen keine Verbindung zur Stadt, diese Stilrichtung hatte in Berlin wenig Bedeutung. Die benachbarten Stadtbahnbögen werden durch die Betonfertigteile des Neubaus mit sich überschneidenden Rundbögen nicht zitiert, sondern karikiert, ein dekorierter "Hochbunker" des Konsums ist entstanden.



Hier muss ich noch einmal auf die Berlin-Krimis zurückkommen. In einem vom Verlag vorsichtshalber als "komisch" eingestuften Berlin-Roman wird das Alexa zur letzten Rettung, um einer Riesen-Rattenplage in der Stadt Herr zu werden. "Sagen Sie, sind Sie vollkommen verrückt geworden? Sie können doch nicht das Alexa mit Ratten fluten!" wehrt sich der Bürgermeister, doch der Schädlingsbekämpfer hält gegen: Das ganze Alexa "ist einziger Köder, ist gebaut für exakt diesen Zweck, als Überlaufbecken, falls die Situation mit den Ratten mal außer Kontrolle gerät". Die Funktion als Einkaufszentrum sei nur eine Tarnung: "Haben Sie sich nie gefragt, warum man ausgerechnet an derart prominenter, zentraler Stelle, direkt am Alexanderplatz, einen so absurd riesigen, enorm hässlichen Kaufhausklotz hinsetzt?".

Ein Glück, das ist nicht der volle Ernst, sondern nur eine Fiktion.

--------------------------------------------------------------
Unsere Route
--------------------------------------------------------------

zum Vergrößern ANKLICKEN



Die Magie der Nacht - die Stadt im Tiefschlaf
Flussgötter auf den Kolonnaden