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Eine Frau mit neun Kindern aus Terrakotta


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Rummelsburg, Weitlingkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Archibaldweg
Datum: 18. November 2019
Bericht Nr.: 677

Eine ruhige Wohngegend, außer der S-Bahn ist fast kein Laut zu hören. Vorbildlicher Reformwohnungsbau der 1920er Jahre über mehrere Straßenzüge und Straßenblocks hinweg. Und, sehr ungewöhnlich in Berlin: Die Hauswände ohne Graffiti. Dass wir hier im Weitlingkiez unterwegs sind, können wir kaum glauben.

Gleich nach der Maueröffnung war das hier die "Homezone" der Rechtsextremen, die Wohnungsverwaltung Lichtenberg hatte ihnen in den letzten DDR-Monaten vor der Wiedervereinigung eine Wohnung angeboten, um deren Hausbesetzungen zu beenden. Die richteten dort die Parteizentrale einer Neonazi-Organisation ein. Durch rassistisch und politisch motivierte Angriffe wurde der Kiez über Berlin hinaus bekannt, doch nach und nach hat sich das Blatt gewendet.

Politik und Zivilgesellschaft haben dafür gesorgt, dass den Neonazis nicht unwidersprochen der Raum überlassen bleibt, mit Hinschauen, mit sichtbarem Engagement, mit Bündnissen. Die Gentrifizierung hat ein Übriges getan, junge Familien kamen, die Neonazis wurden weitgehend verdrängt, aber auch Menschen mit kleinem Einkommen. Neubauten, auch von Baugruppen, ein starker Mietanstieg und die gute Verkehrsverbindung machten den Kiez zum Boombezirk, zum "Prenzlauer Berg" von Lichtenberg.

Wir beginnen unseren Stadtspaziergang dort, wo die Bahngleise sich in Schleifen winden, sich berühren und sogar einen Kiez vollständig umfassen, als sei ein Auge auf den Stadtplan gemalt worden.

Diese Victoriastadt - auch Kaskelkiez genannt - lassen wir nördlich liegen und werfen noch einen Blick auf den Schrotkugelturm, der aus einem Wohnhaus heraus 38 Meter in die Höhe wächst. Auf einer Plattform an der Turmspitze wurde Blei erhitzt, verflüssigt und in eine Fallröhre gegossen, in der sich beim Herunterfallen Bleitropfen zu Kugeln formten. Sein Wohnzimmer neben dem heißen fallenden Blei gehabt zu haben, wird nicht attraktiv gewesen sein. Noch zu DDR-Zeiten wurden hier Bleikugeln hergestellt.


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Erlöserkirche
Gegenüber in der Nöldnerstraße sind um 1900 eine Kirche, eine Schule und ein Krankenhaus - in dieser zeitlichen Reihenfolge - erbaut worden. Vor der Kirche erinnert ein Gedenkstein aus gelben Ziegeln für die "Helden der Sowjetunion" an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Später hat die Erlöserkirche - wie andere Kirchen in Ost-Berlin - der Friedensbewegung vor dem Fall der Mauer Raum und Schutz geboten. Mit immensem Aufwand hatte die Staatssicherheit die Veranstaltungen der Erlöserkirche beobachtet. Die Kirchenleitung und die Teilnehmer wurden bedrängt, ließen sich aber nicht einschüchtern. Der Schriftsteller Stefan Heym und der Pfarrer Rainer Eppelmann unterstützten die Friedensbewegung an der Erlöserkirche. Eppelmann war nach der Maueröffnung Abrüstungs- und Verteidigungsminister der DDR, er nahm die DDR aus dem Ostblockbündnis Warschauer Pakt heraus und löste die Nationale Volksarmee auf.

Krankenhaus, Arbeitsmedizin-Institut
Das Kaiserin-Auguste Viktoria-Krankenhaus in der Nöldnerstraße hat nichts mit dem namensgleichen Kinderkrankenhaus in Charlottenburg zu tun, auch wenn die Krankenhausgebäude nahezu zeitgleich um 1910 errichtet wurden. Im Lichtenberger Industriegebiet ging es vorwiegend um "Gewerbekrankheiten", hier wurde die Arbeitsmedizin zum Schwerpunkt. Das Industrieunternehmen Knorr-Bremse AG übernahm das Krankenhaus 1934 in eigene Regie zur Behandlung berufsbedingten Krankheiten. Die sowjetische Besatzungsmacht ordnete die Einrichtung eines Zentralinstituts für Gewerbehygiene an, das von der DDR weitergeführt wurde.

Das von der Straße zurückgesetzte Krankenhaus war hinter neuen Gebäuden am Blockrand verschwunden. Nach der Wende wurde das Institut Teil der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Aua, die Beamten haben eine sprechende Abkürzung für ihre Behörde gefunden - "BAuA", humorlos ist das jedenfalls nicht.


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Zentralschulhaus Rummelsburg
Wie die Kirche war auch das Zentralschulhaus Rummelsburg eine Stiftung der Kaiserin Auguste Viktoria, die von den Berlinern liebevoll "Kirchenjuste" genannt wurde. In beiden Weltkriegen wurde das Schulhaus für militärische Zwecke eingesetzt. Im Ersten Weltkrieg als Lazarett, im Zweiten Weltkrieg durch die Einrichtung von Luftschutzräumen im Keller. Heute ist die "Schule an der Victoriastadt" eine musikalische Grundschule mit Halbtagsbetrieb und wahlweise zusätzlicher Ganztags-Betreuung. Für die Darstellung ihres Schulkonzepts hat die Grundschule eine extra Unterseite in ihrem Internetauftritt eingerichtet, ruft man sie auf, ist diese Seite - leer. Trotzdem wird die Schule wohl ein musikpädagogisches Konzept haben?

Wohnhof Archibaldweg
Zu den Wohnanlagen der 1920er und 1930er Jahre im Weitlingkiez gehört der von Bruno Ahrends entworfene Wohnhof Archibaldweg, der quadratisch beginnt und entlang der diagonal verlaufenden Bahnstrecke auf einer abgeschrägten Seitenlinie endet. An der Giselastraße ergibt das glatte Gebäudefronten und rechtwinklige Eckgebäude, am Archibaldweg sind die einzelnen Gebäuderiegel gegeneinander versetzt, um die Schräge abzufangen. Der großzügig gestaltete Innenhof bleibt heute streng verschlossen, er steht nur den Bewohnern der Häuser zur Verfügung.

Max-Taut-Schule
Zweihundert Meter weiter baute Max Taut in den 1930er Jahren eine Schule, die zu ihrer Zeit Deutschlands größtes Schulgebäude war. Die Schlichtallee und die Fischerstraße treffen hier im spitzen Winkel aufeinander.

Aus der Vogelperspektive kann man am besten die Grundform einer Parabel erkennen, deren Achsen von Gebäuden gebildet werden. Und die Achsen werden durch Gebäudeflügel verbunden. Das Bauwerk ist auf jeder Seite 150 Meter lang, die Achsen öffnen sich am Ende mit 200 Metern. Eine Berufsschule, eine Volks- und Mittelschule und ein Lyzeum für Mädchen wurden in dem Schulkomplex eingerichtet mit Werkräumen und Fachklassen für Chemie, Physik, Zeichnen, Musik und Geografie, mit einer Bibliothek und einem Kinosaal.


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Die Fassaden der zwei- bis dreigeschossigen Gebäude sind aus gelben Klinkern. Nur an einer Seite ist als Terrakottaschmuck die Darstellung einer von neun Kindern umgebenen Frau angebracht. Im Scheitelpunkt der Parabel sind die Gebäude rot verklinkert. Dort befand sich die Aula für mehr als eintausend Personen, die Max Taut zugleich als kulturelles Zentrum zum Stadtviertel öffnen wollte. Ausgerechnet dieses Herzstück der Schule wurde ein Opfer der Bomben. Zu DDR-Zeiten als Ruine belassen, wurde sie nach der Wende vom Architekten Max Dudler in moderner Form neu interpretiert.

Im Blockpark gegenüber der Schule sind mehrere Schülergruppen gerade dabei, ihre Pause im Grünen zu genießen. Wächst Hasch in diesem Park oder sollte unsere Witterung auf eine andere Quelle deuten?

Die Wohnanlagen Sonnenhof, Erlenhof, Ulmenhof, Pappelhof hatten wir 2010 im Weitlingkiez besucht. Die Kolonistenhäuser in der Lückstraße waren damals vom Verfall bedroht, jetzt finden wir sie in restauriertem Zustand vor. Bei einem Rundgang nach Friedrichsfelde kamen wir 2013 an einem erwähnenswerten Wohnblock in der Lincolnstraße vorbei. Weitere Wohnquartiere auf dem Weg zum Bahnhof Lichtenberg sehen wir heute in der Irenenstraße, Metastraße und Wönnichstraße.

Die Umgebung des Bahnhofs Lichtenberg ist offensichtlich nicht auf das geruhsame Verweilen zweier Flaneure eingestellt, aber unten im Bahnhofssouterrain finden wir bei einem Filialisten eine Lokalität für einen Milchkaffee.

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Unsere Route:
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